Statt einer Buchbesprechung: Ein Leserbrief an die Zeit. Aus Gründen.

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Sehr geehrte Frau Rückert,
sehr geehrter Herr Ulrich,

als langjährige Zeit-Leserin war ich, wie viele andere, entsetzt über die Art und Weise, wie in der jüngsten Ausgabe die Frage der privaten Seenotrettung thematisiert wurde. Dazu wurde über viele Medienkanäle schon hinlänglich alles gesagt, dennoch möchte ich nicht zu der schweigenden Menge gehören, die sich ohne eigenen Protest über diese Art Berichterstattung und die daraufhin folgende, sehr schwache „Entschuldigung“ kopfschüttelnd abwendet.

Es ist nicht nur die reißerische Aufmachung, die an die BILD erinnert, die mein Vertrauen in Ihre journalistische Integrität nachhaltig erschüttert hat. Es ist auch nicht nur die Fahrlässigkeit, mit der ein solches Thema wenig analysierend, sondern journalistisch unsauber aufbereitet und als reine „Meinung“ aufgegriffen wird. Die Frage, ob man Menschenleben retten soll – und letztlich geht es denn doch um diese Frage, wenn man den Contra-Beitrag von Mariam Lau genau liest – darf niemals  Gegenstand einer „Pro-und-Contra“-Debatte sein, wenn wir unsere europäische Zivilisiertheit nicht gleich mit über Bord werfen möchten.

Frau Lau bezeichnet die Seenotrettung als staatliche Aufgabe, das Problem, das Ursache dieser Aktivitäten ist, als ein Politisches. Also sollen die NGO`s doch bitte die Finger davon lassen. Was aber wenn der Staat diese Aufgabe nicht wahrnimmt? Lösungsvorschläge dafür hat sie in ihrem Beitrag nicht anzubieten. Also muss die Schlussfolgerung sein: Sollen die Menschen eben im Meer ertrinken, bis die Fluchtabschreckung funktioniert. Mich graut es vor solchen Gedankenspielen.

Frau Lau geht den bequemen Weg, den viele Populisten gehen: Statt den Ursachen auf den Grund zu gehen und diese zu benennen – nämlich ein jahrzehntelanges Politikversagen, was die Beseitigung von Fluchtursachen betrifft, die Unfähigkeit der europäischen Politik, eine gemeinsame Entwicklungshilfe- und Einwanderungsstrategie zu entwerfen, die europäische Uneinigkeit im Umgang mit Flüchtenden – erklärt sie kurzerhand die Seenotrettung zum Mitverantwortlichen für das politische Versagen und dem Zusammenbruch europäischer Demokratien.

Zitat:
„Stellen wir uns für zwei Minuten vor, wo Europa jetzt stünde, wenn man dem Drängen der Menschenrechtsorganisationen nach Legalisation aller Wanderungsbewegungen, ob Flucht oder Armutsmigration, nachgegeben hätte. Nach einem Europa ohne Grenzen. Eine Million, zwei Millionen, drei Millionen. Wie lange würde es wohl dauern, bis die letzte demokratische Regierung fällt?“

Ergänzend dazu erklärt Frau Lau auf Twitter sinngemäß die private Seenotrettung als ursächlich für den Rechtsruck in Italien. Ich darf in diesem Zusammenhang an eine Äußerung des damaligen deutschen Innenministers Hans-Peter Friedrich erinnern, der erklärte, die Ankunft von Schiffsflüchtigen in Italien sei das Problem des italienischen Staates, er möge dies nun auch selber lösen.

Diese Umkehrung der Verantwortlichkeiten für die Demokratiekrise ist pervers und populistisch.
Das „Bashing“ von „Gutmenschen“, die arrogante Überheblichkeit, in der Mariam Lau alle Seenotretter über einen Kamm schert als moralisch kompromisslose Naivlinge, die ständige Wiederholung der Aussage, man könne nicht alle Flüchtenden aufnehmen, die Hysterie, mit der die „Festung Europa“ beschworen wird – all dies kennt man auch aus dem Vokabular rechtspopulistischer Politiker. Ich empfinde es als befremdlich, dies so unreflektiert in einem angeblichen Flaggschiff des Journalismus wiederzufinden.

In Ihrer Erklärung postulieren Sie, dies sei eine für Deutschland und Europa relevante Streitfrage. Sind Sie sich sicher, dass Sie noch im Kontakt zu Ihren Lesern sind? Die „relevante“ Streitfrage wurde in den vergangenen Wochen durch die Seehofer-Debatte hochgeköchelt – im Alltag der Menschen, mit denen ich spreche, spielen andere Dinge eine relevante Rolle, hofft man darauf, dass sowohl Politik und Medien ihrer Rolle wieder gerecht werden und das thematisieren, was unseren Lebensalltag berührt – Pflegenotstand, Bildungschancen, geschlechtergerechte Bezahlung, Umgang mit Flächenverbrauch, usw.

Ich lebe in einer Stadt mit einem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund von über 40 Prozent. Natürlich gibt es Probleme, natürlich gibt es auch jene einheimischen Augsburger, denen die Entwicklung Angst macht – aber hier kann eine gute kommunale Integrationspolitik vieles bewirken. Sie werden hier selten jemand treffen, der durch die Straßen läuft und dazu auffordert, endlich über „die Flüchtlingskrise“ zu sprechen. Im Gegenteil: Aus vielen Gesprächen in den vergangenen Wochen weiß ich, vielen geht es wie mir – man möchte endlich die Themen auf der Agenda von Politik und Medien sehen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen betreffen.

Mit dem ständigen und wiederholten Anheizen der Asylthematik – zumal wenn es noch auf so abstoßende Weise geschieht wie in Ihrer jüngsten Ausgabe – sind auch Sie als Medium mitverantwortlich für den Verlust demokratischer Werte, weit mehr, als es Seenotretter jemals sein könnten.

Arno Widmann hat dies in seinem Debattenbeitrag am 13.7.2018 in der Berliner Zeitung auf den Punkt gebracht:

„Der Hass auf die „Ausländer“, auf die „Flüchtlinge“, die „Migranten“ hat mit der realen Lage wenig zu tun. Er ist eine Kopfgeburt. Man sieht die Bilder von vollbesetzten Booten und wittert einen Überfall auf die Tröge der westlichen Wohlstandsgesellschaften. Also attackiert man die, die weniger haben als man selbst. Wir sind Zeugen eines Aufstands der Niederträchtigen.“

Ich hoffe, die Zeit findet wieder zu journalistischer Ausgewogenheit zurück, vermeidet populistisches Anbiedern und Berichterstattung in Springer-Manier. Als Käuferin haben Sie mich jedoch auf wohl längere Zeit verloren.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Böllinger

Darum geht es: https://www.zeit.de/2018/29/seenotrettung-fluechtlinge-privat-mittelmeer-pro-contra

Und so würde ich mir Journalismus wünschen: https://uebermedien.de/29692/wir-journalisten-koennen-nicht-so-weitermachen-wie-bisher/

 

 

27 thoughts

  1. So ist es. Und diese Erklärung, die die Zeit nachschob… Schon die Vorstellung, „Debatte“ ginge nur nach dem Pro/Kontra-Muster ist eine barbarische Verstümmelung des Denkens.

    1. Das Pro/Kontra-Muster hat seine Schwächen, das einige Zeitschriften/Magazine pflegen – weil man dazu verdammt ist, eine absolute Position einzunehmen. Es läßt keine Zwischentöne zu. Das kann ich machen, wenn es darum geht, ob Nutella für Kinder gut ist oder nicht, auf dem Niveau. Aber nicht dann, wenn es um Fragen von Leben und Tod geht. Für die Frage der Seenotrettung ist das einfach als Format unterirdisch. Ein gut recherchierte Artikel, der alle Fragen um die Problematik beleuchtet – das hätte Zeit-Niveau (das Niveau der Zeit vergangener Jahre).
      In seiner Erklärung oder in einem Tweet meint Bernd Ulrich, auch Mariam Lau habe das Recht auf Ihre Meinung – sicherlich, wie jeder von uns. Aber wenn sich dies als Meinung, die von erschreckender Empathielosigkeit geprägt ist und deren Stil deutlich macht, dass Frau Lau Menschen kategorisiert, in der Zeit wiederfindet, dann sollte sich die Zeit-Redaktion fragen, ob Frau Lau noch zu diesem Blatt mit seiner langen liberalen Tradition passt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass man in ihren Berichten deutliche Ressentiments herauslesen kann.

  2. Diesen Beitrag kann man gar nicht oft genug unterschreiben. Wenn Frau Lau – deren Artikel ich, zugegeben, noch nicht gelesen habe, was ich aber nochholen werde, wenn ich mir sicher bin, mich deswegen nicht mehr übergeben zu müssen – meint, die Seenotrettung sei eine staatliche Aufgabe, dann könnte sie mit der selben Begründung auch die Tafeln verbieten, denn die Versorgung von Rentnerinnen und Rentern sowie Beziehern von ALG II mit Geldbeträgen, die zum Leben reichen, ist doch ebenfalls eigentlich eine staatliche Aufgabe.

    1. Das sagen auch auf Twitter einige und haben Recht damit – noch weiter gedacht: Dann haben sich schon die Menschen, die 2015 die Ankommenden an den Bahnhöfen begrüßten und versorgten, zum verlängerten Arm der „Asyl- und Schlepperindustrie“ gemacht. Das geht alles in die Richtung, wie es in Ungarn bereits praktiziert wird, wo auch die einfachste Hilfe für einen geflüchteten Menschen zur Straftat wird. Aber schlimmer noch: Frau Lau bereitet all den Ressentiments einen weiteren publizistischen Boden.
      Ich wünsche ihr nicht, dass sie eines Tages in einer Situation ist, in der ihr möglicher Lebensretter erst ausdiskutieren muss, ob eine Rettung nun politisch Folgeschäden verursacht oder aber die Rettung unterbleiben lässt, weil er sonst selbst in den Knast käme. Die Empathielosigkeit die aus diesem Artikel, der noch nicht einmal sauber argumentiert, spricht, ist erschreckend.

      1. Um so unverständlicher, als Mariam Lau die Tochter eines Iraners ist, der 1965 vor dem Regime des Schahs floh und1982 vor dem der Mullahs – nach Deutschland.

      2. Ja, darüber habe ich auch schon nachgegrübelt. Vielleicht hat ihre Biographie etwas mit ihrer Haltung zu tun – dann sollte sie aber selbstreflektierend sein können, als Journalistin und sich andere Themen suchen …aber das ist Spekulation.

  3. Dass man Menschen in Seenot nicht im Stich lässt, ihren Tod nicht in Kauf nimmt und nicht wegschaut, ist humanitäre Pflicht. Nicht humanitäre Pflicht ist, diesen Menschen hier ausnahmslos eine Bleibeperspektive zu eröffnen. Das wollen aber viele, was (in Verbindung mit der schwierigen Abschiebung von Menschen, denen hier kein Aufenthaltsrecht zukommt) dazu führt, dass die Aktivitäten der NGOs ins Zwielicht geraten. Wer sich nicht von der Phrasen „no nation, no border“ und „Kein Mensch ist illegal“ befreit, der leistet – ob er will oder nicht – seinen Beitrag dazu, dass die Diskreditierung der Seenotrettung salonfähig wird. Menschenleben retten ja, Bleiberecht für alle nein. Soviel Differenzierung muss sein und ich unterstelle, dass genau das Mehrheitsmeinung in Europa ist.

    1. Ich unterstelle, dass die Mehrheit der Menschen, die auf der Flucht sind, dieses nicht wollen – und dass die Risiken einer Flucht über das Meer auch dort hinlänglich bekannt sind. Also muss die Verzweiflung übergroß sein, dieses Risiko einzugehen. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass viele der vor Krieg geflüchteten den Wunsch haben, in ihre Heimat zurückzukehren – also sollte man ihnen einen sicheren Aufenthalt bieten können, bis diese Heimat wieder befriedet oder zumindest bewohnbar ist. Die mediale Hochschaukelung des Themas der privaten Seenotrettung lenkt in meinen Augen davon ab, dass die wesentlichen Fluchtursachen einfach nicht angegangen sind. Auch die Abschiebeaktion der vergangenen Woche ist Symbolpolitik. In dem ganzen Geschrei um Masterplan, Seenotrettung und Abschiebungen ging medial unter, dass zugleich der Etat für Entwicklungszusammenarbeit gekürzt werden soll – also dort, wo man etwas dafür tun könnte, dass Menschen nicht in diese Boote steigen. https://www.br.de/nachrichten/entwicklungsminister-mueller-kritisiert-etatkuerzung-100.html

      1. Das ist alles sehr richtig. Mit einer Einschränkung: Es gibt eben nicht nur die Kriegsflüchtlinge. Deutschland kommt bei der Abschiebung dieser nicht aufenthaltsberechtigten Menschen (u.a. aus dem Maghreb) nicht oder nur langsam voran. Der schwierige Umgang mit dieser Gruppe, die nicht vor Krieg und Verfolgung flieht und hier auch noch überproportional in der Kriminalitätsstatistik auftaucht, wirkt sich auf alle aus, die (nach unseren Maßstäben) legitime Fluchtgründe haben. D.h. nicht, dass man die Situation dieser Menschen nicht ernst nehmen muss, aber das muss und kann nicht zu einem Bleiberecht für alle führen.
        Dass man die Fluchtursachen nur unzureichend bekämpft, sondern u.a. auf die Seenotrettung fokussiert, hat ja einen ganz simplen Grund: Das verspricht schnelle Erfolge, während Entwicklungspolitik ggf. erst in Jahren oder Jahrzehnten wirkt. Das ist kein zeitlicher Horizont, mit dem sich gut Politik machen lässt.
        Zudem las ich kürzlich, dass Entwicklungshilfe sogar den Effekt haben kann, dass Migration verstärkt wird, weil es eben nicht die Bettelarmen sind, die sich auf den Weg machen, sondern die, die genug Geld für Schlepper usw. zusammensparen konnten.

      2. Eben: mit Entwicklungspolitik lässt sich kein schneller Erfolg verbuchen. Aber das Unterbinden von Seenotrettung oder das Postulieren von Obergrenzen sind vielleicht politische Maßnahmen, die kurzfristig bei einem größeren Prozentsatz der Bevölkerung positiv wahrgenommen werden – aber für keine langfristige Lösung sorgen. Mit der nächsten Krisensituation, die zu Flucht führt, holt uns das Thema wieder ein. Und was will man dann tun? Sich noch mehr abschotten? Das wird auf Dauer nicht funktionieren. Was es braucht, ist ein Einwanderungsgesetz, das auch die ökonomisch motivierte Einwanderung gut regelt, eine strategisch überlegte Entwicklungspolitik und ja, natürlich auch schnellere Verfahren für Menschen, bei denen klar ist, dass sie kein Bleiberecht haben können. Es ist weder der Gesellschaft noch den betroffenen Menschen zumutbar, dass die Verfahren darüber, ob sie bleiben können oder nicht, über Jahre hinweg währen. Zum letzten Punkt: Einwanderung hat es in der Nachkriegszeit nach Deutschland immer gegeben und wird es auch immer geben – und sie ist, allein auch aufgrund unserer demographischen Struktur auch notwendig. Aber gerade deswegen braucht es endlich ein ordentliches Einwanderungsgesetz, vor dem sich die Bundespolitik seit Jahren drückt. Zum letzten Punkt: Ob eine strategisch gelingende Entwicklungshilfe Migration so verstärken würde, dass es uns überfordert, wage ich zu bezweifeln – wer Perspektiven in seiner eigenen Heimat hat, der muss sich nicht auf den Weg ins Ungewisse machen. Migration ist ein weltweites Phänomen – und es ist ein Irrglaube, es ginge an Europa vorbei.
        Zwei Artikel, die ich in puncto Einwanderungsgesetz empfehlen kann: https://www.huffingtonpost.de/julius-zimmer/einwanderungsgesetz-migration-fluechtlinge_b_18255380.html und etwas länger: http://library.fes.de/pdf-files/wiso/11662.pdf

  4. auch von mir vielen Dank für diese sehr gute Reaktion und Formulierung. Ich habe vor ein paar Wochen nach der ‚Mord-Titelseite‘ mein Zeit-Abo gekündigt und ein paar Zeilen als Leserinnenbrief geschickt und hoffe, dass wir mit unseren Reaktionen etwas bewirken (können).

    1. Danke für Deine Rückmeldung! Die Hoffnung, dass zumindest ein Nach- oder Umdenken über den journalistischen Kurs stattfindet, wenn Leserinnen und Leser nicht nur stillschweigend kündigen, habe ich auch. Liebe Grüße, Birgit

  5. Liebe Birgit, es erschreckt mich, wie oberflächlich zivilisiert doch viele Menschen sind. Sobald die eigenen Privilegien bedroht werden, ist plötzlich die Grenze der Mitmenschlichkeit erreicht. Noch erschreckender finde ich, dass solche Ansichten scheinbar auch in liberalen Medien salonfähig werden. Ich finde die Pro und Contra Rubrik der Zeit für viele Themen eine gute Lösung, weil dieses Format hilft, komplexe Themen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Aber wenn es um Menschenleben geht, ist es geschmacklos und zeugt von mangelnder Empathie. Schlimmer, es zeigt, dass viele, selbst gebildete Menschen nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Ich bewundere Dein Engagement und Deine Fähigkeit, Deine Wut in eine konstruktive Kritik zu kanalisieren. Wenn ich wütend bin, bleiben mir die Argumente meist im Halse stecken. Liebe Grüße aus Brüssel, Peggy

  6. Absolut richtig. Ich habe die Zeit immer gerne gelesen, aber dieser Pro und Kontra Beitrag ist wirklich das allerletzte. Es macht mich traurig, dass fehlende Empathie mit Geflüchteten schon zum Zeitgeist (ha, no pun intended) dazu gehört – und gleichzeitig werden so Debatten verhindert, die die Menschen wirklich betreffen. Das hast du fantastisch auf den Punkt gebracht. Danke.

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