Christof Weigold: Der Mann, der nicht mitspielte

Ein neuer Ermittler in der Stadt der gefallenen Engel: Mit Hardy Engel führt der Autor Christof Weigold einen Detektiv aus Hollywoods Anfangsjahren ein.

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Musste untergehen, damit Hollywood überlebt: Fatty Arbuckle. Bild: By Orange County Archives from Orange County, California, United States of America [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0) or CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

„Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen.
Aber sie saß da wirklich, auf der Treppe vor meinem Zimmer im ersten Stock im Halbdunkel, und rauchte eine Zigarette. Nachdem ich das Gaslicht im Flur aufgedreht hatte – obwohl das laut meiner Vermieterin Mrs. Balzheimer tagsüber strikt verboten war – vergaß ich zunächst sogar, mich zu entschuldigen und meinen Hut zu lüften.
Sie war Anfang Zwanzig, und über ihren Körper war ein knappes Kleid gespannt, so eng wie eine zweite, nachtblaue Haut.“

Christof Weigold, „Der Mann, der nicht mitspielte“, Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln, 2018.

Das eigentlich Schlimme am Skandal um Harvey Weinstein fand ich: Es war ja nichts Neues. Da die Filmindustrie ein System ist, in dem es um sehr viel Geld, Karrieren und Schönheit geht, konnte man sich an allen Fingern ausrechnen, dass dort systematisch das geschieht, was geschieht, wenn korrumpierte Männer Macht ausüben. Das eigentlich Schlimme an diesem Skandal ist es, dass es mehr als ein Jahrhundert dauerte, dass mit #MeToo eine Protestbewegung begann, die es vielleicht erreicht, die Strukturen von „Hollywood Babylon“ wirklich zu ändern.

1965 brachte der avantgardistische Filmregisseur Kenneth Anger unter dem Titel „Hollywood Babylon“ einen voluminösen Schinken heraus, der all die Skandale der Traumfabrik seit ihrem Start in den sonnigen Hügeln Kaliforniens auflistete. Das Buch: Eine knallige und dramatische Abfolge von Drogenexzessen, Sexorgien, Suiziden und Mordfällen. Ein Schmökerstoff auch für Voyeure, ist das Buch zwar auf Krawall angelegt und nicht unbedingt sorgfältig recherchiert, aber es zeigt eines – in Hollywood ging es hinter den Kulissen immer schon weitaus heftiger zu als auf der Leinwand. Das Buch wurde selbst zum Skandal, war jahrelang verboten und durfte erst 1975 wieder veröffentlicht werden. Wenn es darum geht, den schönen Schein zu wahren, ist den Mächtigen von Hollywood jedes Mittel recht.

So auch im Fall des Stummfilm-Komikers Fatty Arbuckle, dem Anger ebenfalls ein großes Kapitel widmete: War es doch das erste Mal, dass einer der Schauspiel-Götter vor Gericht landete. 1921 wird der Filmstar wegen der Vergewaltigung mit tödlicher Folge an einer jungen Schauspielerin, Virginia Rappe, angeklagt.

Die Suche nach den wirklichen Hintergründen – Fatty Arbuckle wurde übrigens freigesprochen, aber seine Karriere war zerstört –  dies ist der erste Fall von Hardy Engel, einem Deutschen, der der durch den Weltkrieg zerstörten Heimat gen Hollywood entfloh, hoffte, dort als Schauspieler Fuß zu fassen und sich schließlich als Privatdetektiv durchschlägt. Ein Kriminalroman, der in der Stadt der gefallenen Engel spielt, das hat Potential – leider kann es „Der Mann, der nicht mitspielt“ nicht ganz erfüllen.

Der Kriminalroman ist der Auftakt zu einer neuen Reihe bei Kiepenheuer & Witsch und der erste Roman des Theater- und Drehbuchautors Christof Weigold. Die Filmerfahrung des Autoren macht sich bei diesem Roman, der immerhin rund 630 Seiten braucht, um sich zu entfalten, durchaus positiv bemerkbar: Verfolgungsjagden in finsteren Vierteln, Recherchen in Opiumhöllen, erotische Zwischenspiele mit seiner schönen Auftraggeberin Pepper – der Krimi bietet eine Menge an filmreifer Szenen. Durchaus originell und intelligent ist zudem die Lösung des Falls: Virginia Rappe starb tatsächlich an einer Bauchfellentzündung, Weigold konstruiert daraus ein finsteres Geflecht aus Promiskuität, Schwangerschaftsabbrüchen und Vergewaltigung. 2017_Stuttgart (19)Und zeigt die Filmmogule – im Mittelpunkt dabei der in meiner Heimatstadt geborene Carl Laemmle – als zynische Geldmacher, die sich eine Moralinstanz kaufen, um Hollywoods Glanz wieder aufzupolieren. Tatsächlich wurde nach Virginia Rappes Tod 1922 die „Motion Picture Association of America“ gegründet, die das Image der Filmindustrie aufpolieren und eine Art freiwilliger Selbstzensur einführen sollte. Schöner Schein.

Dass Weigold sich ganz offensichtlich in die Geschichte der Filmindustrie reingekniet hat und eine ganze Menge dieses Wissens in seinen Roman packt, das ist zugleich auch dessen Manko: Der Arbuckle-Fall wäre die perfekte Vorlage für einen hard-boiled-Thriller im Stile James Ellroys, er könnte ähnlich konstruiert sein wie „Die schwarze Dahlie“ oder „Stadt der Teufel“. Dazu aber ist das Buch stellenweise zu langatmig, die Geschichte zu konstruiert, zu vollgepackt mit Playern und Namedropping – fast ein Lexikon der Stummfilmzeit.

„Der Mann, der nicht mitspielte“ ist solide Unterhaltung, glänzt durch gute Recherche und durch einige hollywoodreife Szenen. Im zweiten Teil der Krimireihe will sich Weigold einem Fall widmen, der bis heute ungeklärt ist: Dem Mord an Regisseur William Desmond Taylor. Stoff für den Privatermittler Hardy Engel bietet „Hollywood Babylon“ zur Genüge – und wenn sich die Erzählweise im Laufe der Krimireihe noch mehr dem „film noir“ annähert, härter und knapper wird, dann könnte das zu einer echten Empfehlung werden.

3 comments on “Christof Weigold: Der Mann, der nicht mitspielte”

  1. Liebe Birgit, tolle Besprechung, mal wieder. Und auch die Gedanken, die Du Dir zu Länge und Ausgefeiltheit des Krimis machst, decken sich mit meinen. Etwas weniger wäre wohl etwas mehr gewesen. Aber vielleicht wird es ja beim zweiten Fall anders. Erinnert hat mich die ganze Geschichte um die Vertuschungen auch an den wunderbaren Film Hail, Caesar https://www.youtube.com/watch?v=yoMjvIVCHtU Herzliche Grüße, Bri

    1. Liebe Bri, danke! Ja, und der Coen-Film ist genial, mochte ich auch sehr. Was ich an Kritik am Buch noch hatte, ist nicht in der Rezension – ich fand einige Charaktere ganz gut dargestellt, andere etwas klischeehaft. Mich hat als Schwäbin natürlich auch das Schwäbisch vom Carl Laemmle gestört 🙂 Interessant fand ich die Beschreibung von Thalberg, dessen Wahrnehmung ist bei mir einfach durch unseren Fitzgerald geprägt: https://saetzeundschaetze.com/2015/06/30/f-scott-fitzgerald-die-liebe-des-letzten-tycoon/ Schönen Sonntag!

      1. Ja Dialekt ist schwierig. Ich muss ja gestehen, dass ich noch nicht durch bin … aber so ganz hundertprozentig überzeugt bin ich auch (noch) nicht. Aber das ist halt auch ein wenig Jammern auf hohem Niveau. Lesenswert ist der Krimi auf jeden Fall und macht Lust daraus, sich mit diesem Bereich mal mehr auseinanderzusetzen. LG und Dir auch noch einen schönen Sonntag!!

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