Vorstadthöllen bei Cheever, Yates und Wilson

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Die Konformität amerikanischer Vorstädte. Bild: https://pixabay.com/de/users/PublicCo-5009832/

In der amerikanischen Literatur der 1950-er bis 1970-er Jahre finden sich einige großartige Romane über ein ganz spezielles Biotop: Über Die mittelständischen (und natürlich ausschließlich „weißen“) suburbs. Selten wurde die Vorhölle der Vorstadt und ihre spezielle Einwohnerschaft so klarsichtig, unnachgiebig und auch zynisch geschildert wie in einigen Romanen der großen amerikanischen Autoren dieser Zeit – Richard Yates vorneweg, aber auch John Cheever, John Updike und Sloan Wilson.

Das Suburbia-Leben scheint sich in diesen Büchern nur alkoholisiert ertragen zu lassen: Der Ehemann gehört zur Spezies Pendler, der mittags mit den Kollegen (oder der Geliebten in der Stadt, oft eine Sekretärin aus der Firma) gerne schon die ersten Drinks kippt. Derweil verabschiedet sich die Gattin, langsam resignierend, von eigenen Lebensentwürfen und ertränkt im Kreise ihrer Leidensgenossinnen die Langeweile in Cocktails. Auch die gemeinsamen Stunden am Abend sind nur promillegeschwängert zu ertragen. So sind die Vorstadtromane oftmals auch Psychogramme junger Ehepaare auf dem Weg hin zu einer eheimmanenten Altersgereiztheit – wenn der Tod sie nicht schon vorher scheidet. Liebe, die kurz und manchmal schmerzhaft erstickt wird von den Konventionen der Vorstadtgesellschaft.

Beispiel eins: Betsy und Tom Rath. Ihr Schöpfer: Sloan Wilson, „Der Mann im grauen Flanell“, 1955.

Wie seltsam sind doch Erinnerungen, dachte er. Die arme Betsy, sie hätte einen mit Geld heiraten können, einen, der sie heute jeden Winter nach Florida bringen könnte, einen ohne alle Sorgen, der lächeln würde und fröhlich wäre, während die Köchin das Abendessen machte und das Serviermädchen es auftrug und Betsy lächelnd dasaß.

Wie ist es heute gelaufen? fragte Betsy, als sie ihn am Abend vom Bahnhof abholte.
Gut, sagte Tom, wie er es immer sagte. Es hat keinen Zweck, den Ärger mit nach Hause zu nehmen, hat jemand mal gesagt. Man soll ihn im Büro lassen.

Zur Buchbesprechung: „Der Mann im grauen Flanell“

Tom und Betsy Rath kommen, so viel sei hier verraten, nochmals davon. Das junge Paar hat zwar ein nicht geringes Päckchen zu tragen – doch was hier letztlich den Kitt zusammenhält, ist gegenseitiges Verständnis und das Wissen, dass es Dinge gibt, die mehr zählen als Vorstadthaus, Vorstadtauto, Vorstadtaktivitäten. Ein Band zwischen den Beiden, das tragfähig ist – und das sie von dem nächsten Vorstadtpaar wesentlich unterscheidet.

Beispiel 2: Frank und April. Die tragischen Helden aus „Zeiten des Aufruhrs“ von Richard Yates, 1961.

Zwei Jahre zuvor hatten sie diese Strecke, als zustimmend nickende Beifahrer im Kombi von Mrs. Helen Givings, einer Immobilienmaklerin, zum ersten Mal zurückgelegt. Am Telefon war Mrs. Givings höflich, aber zurückhaltend gewesen – oft genug kamen Leute aus der Stadt hier heraus und verschwendeten die Zeit der Maklerin damit, dass sie unakzeptable Kaufbedingungen aushandeln wollten -, doch schon von dem Augenblick an, als die Wheelers aus dem Zug gestiegen waren, hatte Mrs. Givings, wie sie später ihrem Mann erzählte, in den beiden ein Paar erkannt, mit dem es, trotz der niedrigen Preiskategorie, nur wenig Probleme geben würde.

So kann man sich täuschen – denn das Haus in der Revolutionary Road (so der Originaltitel des Romans) bringt dem Paar kein Glück. Nur anfangs scheinen April und Frank voller Ambitionen und Hoffnungen, voller Liebe und Zuneigung. Doch die Vorstadt kriegt sie alle: Es gibt keine Revolution in der Straße der Revolution. Es ist der falsche Ort, es ist das  falsche Leben. Während Frank sich zunächst bei seinem Job langweilt, hofft April immer noch, dass die einstmaligen Träume von der Bühne wahr werden könnten. Doch das Leben läuft anders: Frank beginnt die übliche Karriere und April verblüht in der Vorstadt. Ein letztes Aufbäumen ist der Plan, nach Frankreich auszuwandern. Während April noch an Aus- und Aufbruch glaubt, entpuppt sich Frank als Blender. Seine hochfliegenden Träume von einer kreativen Karriere verpuffen, er gibt sich – weil er sich seine eigenen kleinen Freiheiten herausnehmen kann – gerne mit dem kleinen Leben in der kleinen Stadt zufrieden. April jedoch bezahlt dafür einen hohen Preis. Ein Roman, der sich flüssig liest, der seine vielen inhaltlichen Ebenen bei wiederholten Lektüren nach und nach offenbart. Eine ähnliche Ehebeschreibung und Analyse gescheiterter Träume schrieb Yates auch mit „Young hearts crying“.

Zur Buchbesprechung hier: Young hearts crying

Beispiel 3: Eliot und Paul. Die psychopathischen Herren in „Die Lichter von Bullet Park“, John Cheever, 1969

Wer meint, hinter- und untergründiger ließe sich Vorstadt-Tristesse nicht beschreiben, der täuscht. Das giftigste, böseste Buch zum Thema stammt in dieser Reihe von John Cheever: „Die Lichter von Bullet Park“, 1969 erschienen. Was in dieser fiktiven, aber wirklichkeitsnahen Vorhölle von denen, die sich hier ansiedeln wollen, erwartet wird, das wird schon beim Hausverkaufsgespräch ganz klar. Besuch Nummer drei:

Im Ort gibt es vier Kirchen. Vom Gorey Brook Country Club haben Sie wahrscheinlich schon gehört. Dort gibt es einen herrlichen, von Pete Ellison entworfenen Achtzehn-Loch-Golfplatz, vier regenfeste Tennisplätze und ein Schwimmbad. Hoffentlich sind Sie kein Jude. Da gelten hier nämlich strenge Prinzipien. Ich selbst habe keinen Pool und empfinde das, ehrlich gesagt, als Manko. Wenn sich die anderen über Chemikalien und so weiter unterhalten, ist man vom Gespräch ausgeschlossen.

Cheever, der auch mal gerne als „Tschechow Amerikas“ oder „Chechov of Suburbia“ bezeichnet wird, erzählt hier mit einem gnadenlosen Blick auf die Mittelschicht. Nichts ist und bleibt dabei so „herrlich, herrlich, herrlich, herrlich wie früher“, um den allerletzten, bösen Satz dieses Buches zu zitieren.

Im Roman wird der Blick auf zwei Familien geworfen: Zunächst steht der unauffällige Marketingangestellte Nailles im Fokus. Die blendende Fassade kann er jedoch nur noch mit Medikamenten aufrechterhalten. Eliot Nailles trifft auf seinen neuen Nachbarn Paul Hammer, dem der zweite Teil des Buches gewidmet ist. Ein Alkoholiker, der mit dem psychopathischen Plan, Nailles zu töten, nach Bullet Park gezogen ist. Die Verbindung der beiden Männer, die selber nur Opfer dieser Hölle der Vorgärten sind, erschließt sich erst im Laufe des Buchs. Doch eines wird schnell klar: In diesem Biotop bigotter, judenfeindlicher, schwulenhassender Vorstadtscheinheiliger braucht man so oder so alle Geisteskräfte, um nicht den Verstand zu verlieren.

Was geschieht, wenn man in älteren Jahren in die Kleinstadt seiner Jugend zurückkehrt, das beschrieb John Cheever in seinem letzten, wunderbar ironischen Roman: „Ach dieses Paradies“.
Zur Besprechung: Ach, dieses Paradies

14 thoughts

  1. Schöne Zusammenfassung! Cheever und Yates finde ich auch immer wieder großartig. Wilson muss ich mir nochmal genehmigen. Ich liebe diese amerikanischen Vorstadt-Tragödien.
    Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

    1. Danke Dir! Ja, in dem Bereich haben die Amerikaner literarisch einiges zu bieten – ich mag das auch! Südliche Grüße, Birgit

  2. Ich bin auch immer wieder fasziniert von den großen Amerikanern. Ich habe Cheever vor einigen Jahren mit den „Waphots“ kennengelernt, ich sollte mal wieder etwas von ihm lesen. Sloan Wilson kenne ich indes noch nicht. Deshalb Danke für diesen wunderbaren Beitrag. Viele Grüße

    1. Das ins Deutsche übersetzte Werk von Cheever ist ja überschaubar – empfehlen kann ich alles, gerade auch die Erzählungen. Ich lese momentan viel John Fante, das erinnert mich auch an Cheever (sind derselbe Jahrgang). Sloan Wilson (der Mann im grauen Flanell wurde übrigens bereits auch von Arno Schmidt übersetzt) erscheint mir etwas bräver – schade, dass es keine aktuellen Übersetzungen seiner anderen Romane gibt, da hätte ich gerne mehr gelesen. Fürs Original reicht das Englisch dann doch nicht immer…

  3. Liebe Birgit,
    seit die Mauer gefallen ist, gibt es auch um Berlin Vorstädte. Ich kenne viele Paare die „wegen der Kinder“ den Schritt in die Vorstadt gewagt haben. Manche kommen damit klar, manche auch nicht.
    Ich könnte mir nicht vorstellen, in den Speckgürtel Berlins zu ziehen. Es wird damit geworben, dass mit der S-Bahn oder der RB der Potsdamer Platz in 30 Minuten zu erreichen ist. Ja – das mag sein, aber die Bahn fährt bestenfalls alle 20 Minuten normalerweise jede Stunde. Und welche unserer Freunde wohnen schon am Potsdamer Platz?
    Jeglicher Kontakt zu Freunden in der Stadt wird schwierig, Spontanität fällt weg…..
    Vielleicht ist Juli Zeh als Autorin das passende zeitgenössische Pendant? Was meinst du?
    Liebe Grüße von Susanne

    1. Liebe Susanne,
      ich sehe das auch bei Freunden in der Augsburger Vorstadt – auch wenn die Dimensionen da andere sind wie in Berlin. Aber mal spontan ins Kino oder ins Freiluftcafe wie früher, das passiert kaum mehr. Alles muss geplant werden.
      Ich weiß nicht, ob man Juli Zeh da in die Reihe setzen kann – Unter Leuten passt da schon rein, ist aber irgendwie aber auch wieder eher von der deutschen Kultur geprägt … Bierkneipe statt Cocktailbar. Liebe Grüße Birgit

      1. Ja, Birgit, das hast du recht, aber vielleicht ist es vom Prinzip her ähnlich 🙂
        Meine Freundin wohnt in der Vorstadt (Schönfließ), sie überraschte mich neulich mit der Äußerung, dass sie, wenn die Kinder aus dem Haus sind, eben dasselbige Haus verkaufen wollen und wieder nach Berlin ziehen wollen. Und ich dachte, sie hätte sich so gut integriert mit Kirche, freiwillige Feuerwehr und Siedlungsfest!
        So kann man sich täuschen.
        Liebe Grüße von Susanne

  4. Da fällt mir dieser Song dazu – sehr passend zu deinem Beitragsbild – ein: Little boxes heißt er, ist von Malvina Reynolds und der Titelsong zu einer Serie, in der eine meiner absoluten Lieblingsschauspielerinen die Hauptrolle spielt. https://www.youtube.com/watch?v=6Lkx4hpDcKI
    alles ist in diesen Vorstädten genormt und ich denke, das ist das Problem. Ich lebe nun ja auch nicht mehr in der City of Berlin, aber das hat auch seine Gründe, wie Susanne Haun oben schon schreibt, auch das KInd. Aber wir leben nicht in einer Reihenhaussiedlung, sondern im Köpenicker Kiez – wenn ich aber auf die andere Seite über den Fluß nach Grünau blicke, dann ist dort alles schon eher Vorstandthölle, weil angepasst. Bei uns in der Nähe des Schlosses ist das Flair ein anderes. Verrückt, wie nah das doch anders sein kann. Eine zeitgemäßes amerikanisches Pendant bietet Celeste Ng mit ihrem Roman Kleine Feuer überall … LG, Bri

      1. in Shaker Heights, Cleveland. Es ist ein Ort, der 1911 als Planstadt von ein paar Brüdern erbaut wurde und wohl lange eine der reichsten Städte der USA war. Celeste Ng ist dort selbst aufgewachsen.

  5. Ein interesannter Artikel und Rückblick. Vielen Dank, dafür, auch für so manschen anderen Artikel. Tut gut so etwas gehaltvolles zu Lesen, sofort ist meine Leselust gewekt.
    Juli Zeh passt ganz gut, finde ich.
    Gibt es aktuelle US-Amerikaner, die so, oder ähnlich Schreiben?
    Hänge gerade bei Updike´s „LANDLEBEN“ als Hörbuch fest.
    Das passt auch hier rein, auch viel Sarkasmus und Ironie, dieses selbstgerechten „weißen“ Amerika.
    Tja, wie und wo lebt man am Besten? Schwierige Frage.
    Ich denke auf dem französischen Land, in der Nähe einer größeren Stadt, nicht zu weit zum Meer…
    Salute
    Cabral

    1. Danke für die netten Worte – das freut mich sehr! Aktuelle amerikanische Romane kenne ich da weniger, aber Updike – gerade „Landleben“ und die ganzen „Rabbitt“-Romane – passt da gut. Tja, wo man am besten lebt? Wirklich eine schwierige Frage – und nur individuell zu beantworten.

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