Was suchen wir hier? Gustav Regler in Mexiko

Ilya Ehrenburg, Ernest Hemingway und Gustav Regler im Spanischen Bürgerkrieg, ca. 1937. Photograph in the Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston. Quelle: wikimedia

Ein Gastbeitrag von Dr. Jürgen Neubauer

Als Gustav Regler und seine Frau Marieluise im Frühsommer 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Mexiko kamen, hatten sie nicht die geringste Vorstellung, was sie dort erwartete und was sie dort sollten. „Was suchten wir drüben? Was erwarteten wir?“, schrieb Regler später. Die beiden waren nie auf den Gedanken gekommen, nach Mexiko zu gehen und wussten nichts von dem Land. Doch da Regler Kommunist war und in Spanien gegen Franco gekämpft hatte, ließen die Amerikaner die Flüchtlinge nicht bleiben, und so mussten sie nach Mexiko weiterreisen. Hier wurden sie als Antifaschisten mit offenen Armen aufgenommen.

Als jemand, der in Mexiko lebt und über das Land schreibt, interessiere ich mich fast naturgemäß für andere deutschsprachige Autoren, die über das Land geschrieben haben: Harry Kessler, der rote Graf, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Yucatán reiste; der Archäologe Eduard Seler, der wenig später die Huasteca erkundete; die Abenteuerschriftsteller Friedrich Gerstäcker und B. Traven mit ihren abenteuerlichen Biografien; oder der rasende Reporter Egon Erwin Kisch, der ein Jahr nach den Reglers nach Mexiko kam und für die kommunistische Exilzeitung landauf landab reiste.

Gustav Regler, der am 25. Mai 1898 in Merzig im Saarland zur Welt gekommen war, hat für mich jedoch einen ganz besonderen Reiz, weil er wider Willen nach Mexiko kam, und weil er ein Suchender war, der sich das Leben und Schreiben nie leicht machte. Immer saß er zwischen allen Stühlen, überall eckte er an, mit allem lag er überkreuz. Als einstiger Katholik hatte er sich mit Glaubenseifer in den Kommunismus gestürzt, und nach dem Hitler-Stalin-Pakt hatte er sich genauso leidenschaftlich mit den Genossen überworfen. Als die Vereinigten Staaten dem vermeintlich fanatischen Kommunisten die Tür wiesen, war aus ihm längst ein fanatischer Antikommunist geworden. Und dass dieser so europäische und rationale, wenngleich impulsive, dialektische Materialist nun ausgerechnet nach Mexiko kam, in dieses exotische, irrationale und magische Land, war nur eine weitere von vielen Verkantungen in seiner Biografie.

Schon die Ankunft der Reglers in Mexiko stand unter keinem guten Stern. Das einzige, was sie sich von dem Land erhofften, war „Erholung von der Gefahr und unseren utopischen Verirrungen“. Doch Erholung war ihnen nicht vergönnt, und die Verirrungen holten sie schon ein, kaum dass sie einen Fuß ins Land gesetzt hatten. Als sie im Zug vom Hafen in die Hauptstadt eine Zeitschrift aufschlugen, grinste ihnen die Leiche Trotzkis entgegen, der wenige Wochen zuvor in Coyoacán von stalinistischen Häschern ermordet worden war. Marieluise warf die Zeitung aus dem Fenster, doch das Unheil nahm seinen Lauf.

In der Hauptstadt suchten die Reglers zunächst die Nähe der anderen deutschen Flüchtlinge, doch schon bald bewahrheiteten sich die Ängste, wie Gustav später in seiner Autobiografie Das Ohr des Malchus schilderte:

Das gelobte Land war da! Man verabschiedete nicht nur das Gestern, sondern auch das Heute; man konnte seine Erinnerungen abwerfen wie schmutzige Verbände. Wir lebten viele Monate in diesem Glück, aber dann brachten die Schiffe die früheren Freunde an die sicheren Ufer von Mexiko, und alles änderte sich. Die KP gab einen Geheimbefehl: „Regler ist nicht mehr mit uns, also ist er gegen uns.“ Bibelfeste Kommunisten! Sie hatten Erfolg. Am nächsten Tag war ich ein Himmler-Agent.

Marieluise drängte Gustav, die Stadt zu verlassen und in den Urwald zu ziehen. Stattdessen mieteten sie ein Gartenhäuschen zwischen San Ángel und Coyoacán im Süden der Hauptstadt, wo auch Frida Kahlo, Diego Rivera und viele andere Künstler lebten.

Hier war Marieluise – Mieke, wie sie genannt wurde – in ihrem Element. Als Tochter des Malers Heinrich Vogeler war sie in der Künstlerkolonie Worpswede aufgewachsen und selbst Malerin. Anders als Gustav ließ sie sich von Mexiko faszinieren, sog gierig alles Neue auf, flog an den Pazifik und stieg auf die Pyramiden von Teotihuacán. In Mexiko lernte sie Surrealisten wie Leonora Carrington, Remedios Varo, Alice Rohan, Wolfgang Paalen und Onslow Ford kennen und entdeckte eine neue Wirklichkeit für sich, die den armseligen Materialismus, dialektisch oder nicht, weit hinter sich ließ. Für sie und ihre neuen Freunde war Mexiko das surrealistische Land schlechthin, und ein weit aufgesperrtes Tor zum Unbewussten. Bei Wolfgang Paalen las sie den Satz „die Stufen der Pyramide, deren Gipfel über die Leere der Vernunft hinausragt“ und war begeistert.

Dorthin vermochte ihr der rationale Gustav nicht zu folgen. Auch von Coyoacán aus wetterte er gegen die einstigen Weggefährten und verstrickte sich in ideologische Handgemenge. Die Folgen ließen nicht auf sich warten. „Ein Pestkordon legte sich um unser Leben“, schrieb er später. Die Angst kam zurück, finstere Gestalten standen vor ihrer Tür. Während die Reglers unterwegs waren, räumten Einbrecher das Gartenhaus so gründlich aus, als seien sie mit einem Möbelwagen vorgefahren. Die Kommunisten agitierten weiter. Egon Erwin Kisch, zu Berliner Zeiten ein Freund von Mieke, warf Gustav in einem Zeitungsartikel vor, Kommunisten verraten zu haben, um in die Vereinigten Staaten ausreisen zu dürfen. Lüge oder nicht, diese Anschuldigung hatte lange Beine: Als Gustav wenig später ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten abholen wollte, zuckte der Konsul bedauernd die Schultern: abgelehnt. Am selben Abend eröffnete ihm Mieke, dass sie Brustkrebs hatte. Wie im Delirium dachten die beiden eine Nacht lang über Selbstmord nach, doch als am nächsten Morgen die Sonne aufging, entschieden sie für das Leben und für ihre neue Heimat Mexiko.

Jede Minute ist kostbar … Wenn wir es tun, ist alles für immer erloschen, Augen, Stimmen, die Farben – was ist der Sinn? … Warum sollten wir nach dem Norden ziehen? Hier ist unser Ägypten – Mexiko hat alles: unberührbare Berge, undurchdringliche Wälder, Felsen mit wehenden Wasserschleiern, Buchten, die nie ein Kriegsschiff verschmutzt hat, Indios, die Spielzeuge weben, Orchideen mit bienenkleinen Blüten, Dörfer, die noch im Anfang aller Zeiten liegen – warum weglaufen und nicht wissen, wohin man rennt?“

Wo sie nun schon einmal in diesem geheimnisvollen Land gestrandet waren, wollten sie es auch entdecken. Das sollte neuen Sinn stiften, wo es keinen mehr gab. Doch da Mieke bald zu schwach war, um selbst zu reisen, machte sie Gustav zu ihrem Auge und schickte ihn nach Papantla, Puebla, Oaxaca, und in immer neue Winkel. Während er unterwegs war, schrieb sie ihm Briefe, mit denen sie ihn wie an der Hand durch Mexiko führte.

So folgten mir Briefe auf meine Reisen, Ratschläge, die meine Abenteuer reicher gestalten sollten. Sie hatte sorgfältig den archäologischen Atlas des Landes studiert, ließ mich von unausgegrabenen Stätten wissen, lenkte mich von einer Gräberstadt zur anderen, verlangte Telegramme über Funde, die ich gemacht hatte, beschrieb mir die rätselhaften monticuli, denen ich am nächsten Tag begegnen würde, peitschte mich auf mit den Lockungen neuer Fata Morganas, ließ mich ihre Krankheit vergessen; die route imperial der wundersamen Entdeckungen schien kein Ende zu haben; immer tiefer führte sie mich ins Land hinein.

Wenn Gustav dann nach Hause kam, dann zeichnete und malte Mieke, was er ihr schilderte. Von ihrem kleinen Garten in Coyoacán aus spürte sie Mexiko und seine Magie inniger als er. Er wollte nicht mehr reisen, wollte nur bei ihr sein. Doch als im Februar 1943 in Michoacán ein neuer Vulkan aus dem Boden brach, drängte sie ihn, nach Uruapan zu fahren und ihr das Naturschauspiel zu beschreiben, und später schickte sie ihn nach Janitzio, um den Tag der Toten für sie zu sehen. So entdeckte schließlich auch Gustav Mexiko.

Aus dieser Zeit stammt eines der letzten gemeinsamen Fotos des Paars, das in ihrem Garten in Coyoacán aufgenommen wurde. Sie sitzt zerbrechlich auf einem Klappstuhl, einen Rebozo um die Schultern gelegt, während er neben ihr auf dem Boden kniet und liebevoll einen Arm um ihre Knie gelegt hat. Er scheint ihr etwas ins Ohr zu flüstern, sie lächelt verschämt und blickt zu Boden. Sie rang noch fast zwei Jahre lang mit dem Krebs, dann starb sie am 21. September 1945.

Nach ihrem Tod flüchtete sich Gustav in die Arbeit und folgte dem Weg, den ihm Mieke vorangegangen war. Jetzt kam er auf den Gedanken, über Mexiko zu schreiben. Zwei Jahre später war sein Reisebuch Vulkanisches Land fertig. Auch wenn er Mieke mit keinem Wort erwähnt, war das Buch sein Denkmal für sie, die ihn von ihrem Garten in Coyoacán ausgesandt hatte, um das Land für sie zu erkunden. Auf jeder Seite ist sie zu spüren, und auf jeder Seite fehlt sie.

Vulkanisches Land ist nicht einfach ein Reisebericht, sondern Reglers Ringen mit Mexiko und seinem eigenen Schicksal. Als Untertitel wählte er Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen, doch die Widersprüche sind vor allem seine eigenen – die eines in der Rationalität gefangenen Menschen in einem fremden Land, das ihm irrational erscheint. Kein Wunder, dass in seinem Buch recht wenig von der Sinnlichkeit und Sinnenfreude Mexikos zu spüren ist. Regler kennt kaum Geschmäcker und Gerüche, kaum Geräusche und Gefühle, kaum Formen und Farben. Er ordnet und ackert und grübelt und rechtet und windet und quält sich. In keinem Moment kommt er Mexiko so nahe, wie Mieke es war. Ihm geht ihre Seele ab. Und doch sieht er als Ungeborgener Dinge und spürt Abgründe, wie sie ein Kisch mit seinen ideologischen Gewissheiten nie gesehen hätte.

Das Buch war kein Erfolg, ebensowenig wie sein schmaler historischer Roman Amimitl, der ebenfalls 1947 bei einem kleinen Verlag im Saarland erschien. In Deutschland hatte man zu dieser Zeit andere Sorgen und interessierte sich nicht für ferne Länder. Für Gustav war es trotzdem eine Befreiung. Kaum war es erschienen, reiste er zum ersten Mal wieder nach Deutschland.

Bibliografie

Vulkanisches Land. Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen (1947). Göttingen: Steidl, 1987.

Amimitl oder Die Geburt eines Schrecklichen (1947). In: Werke, Band 7. Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 1995.

Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte (1958). In: Werke, Band 10, Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 2007.

Jürgen Neubauer

Der Autor dieses Gastbeitrages, Jürgen Neubauer lebt seit 2004 in Mexiko. 2017 veröffentlichte er seinen literarischen Reisebericht „In Mexiko“, mehr dazu gibt es auch auf seinem Blog zu lesen: „In Mexiko“https://inmexiko.wordpress.com/.
Da einer meiner Schwerpunkte als Leserin die Literatur der Weimarer Republik ist, war für mich Gustav Regler, über den Jürgen auch in seinem Buch schreibt, von besonderem Interesse. Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag zu Reglers 120. Geburtstag und bedanke mich nochmals herzlich bei Jürgen für diese Bereicherung meines Blogs. Auch bei ihm wird heute ein Beitrag über Regler und dessen Jahre in Mexiko erscheinen – ich wünsche uns viele interessierte Leser!

Zum Beitrag: „Exil in Mexiko“: https://inmexiko.wordpress.com/2018/05/24/die-reglers/

 

 

5 thoughts

  1. Sehr ausführlicher und interessanter Beitrag. Bisher habe ich mich hauptsächlich mit der Geschichte Mexikos beschäftigt und auch einiges literarisches, allerdings nur von Mexikanern gelesen. Der andere Blickwinkel macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

  2. Pingback: Exil – In Mexiko

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