John Fante: Voll im Leben

Mit dem ersten Kind steht er plötzlich „voll im Leben“: John Fante, endlich wiederentdeckt, mit einem tragisch-komischen Erzählstück seiner Biographie.

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Wilshire_Boulevard,_Los_Angeles,_California_(64206)
Bildquelle: By Tichnor Brothers, Publisher [Public domain], via Wikimedia Commons

„Hier ist es. Das, wovon ich geträumt habe.“
Er bückte sich und zog ein Büschel wilden Klatschmohn aus der Erde. Die Blumen kamen mit Wurzeln und allem heraus, die schwarze klebrige Erde umarmte die Wurzeln. Er zerdrückte die Wurzeln in der Faust, und die warme feuchte Erde nahm die Form seiner Hand an.
„Hier wächst alles. Pflanz einen Besenstiel und er wächst.“
Ich verstand den Sinn all dessen.
„Willst du es haben, Papa? Willst du das Land kaufen?“
„Nicht für mich“, grinste er und stampfte auf.
„Für das Baby. Hier wird er leben, der Junge. Genau hier.“ Er stampfte noch einmal auf. „Davon träume ich. Du und Miss Joyce und der Kleine. Ich und Mama unten an der Straße. Viel Platz. Vier Hektar. Für dich. Für deine Kinder.“   (…)
Was sollte ich diesem Mann sagen? Konnte ich ihm erzählen, dass ich in einer chaotischen Perversion namens Los Angeles ein Haus gekauft hatte, direkt am Wilshire Boulevard, ein Stück Land, hundertfünfzig auf vierhundertfünfzig, voller Termiten? Hätte ich ihm das erzählt, die Erde hätte mich verschluckt und der Himmel mich zerquetscht.

John Fante, „Voll im Leben“, in deutscher Übersetzung durch Doris Engelke, MaroVerlag 2018, OA 1952, „Full of life“.

Ist es verwunderlich, dass ich beim Lesen dieses Romans immer wieder das althergebrachte Sprichwort vom Mann, der ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen soll, damit sein Leben einen Sinn ergibt, im Kopf hatte? Irrtümlich wird das Zitat Martin Luther zugeschrieben. Der aber wollte doch nur ein Apfelbäumchen pflanzen. Ursprünglich, so ist es beim Blog für Falschzitate zu lesen, geht das Sprichwort wohl auf die Tora zurück: „Unsere Rabbanan lehrten: ‚Der gebaut hat, der gepflanzt hat, der verlobt hat.‘ Die Tora lehrt damit eine Lebensregel, daß der Mensch zuerst ein Haus baue, einen Weinberg pflanze und erst dann eine Frau nehme.“

Wie auch immer: John Fante dreht die Reihenfolge um, zeugt zuerst ein Kind mit seiner großen Liebe, kauft sich dann ein schiefes und schräges Haus und aus dem Weinberg wird es zum Kummer des Familienpatriarchen, den Fante so plastisch unter anderem auch in seinem Erzählband „Little Italy“ beschrieb, auch nichts. Der amerikanische Autor, der für Charles Bukowski das große Vorbild war, schildert in „Voll im Leben“ die vor allem für ihn nervenaufreibenden neun Monate während der ersten Schwangerschaft seiner Frau Joyce.

„Joyce schlief, als ich nach Hause kam. Es war gegen Mitternacht. Ich ging ins Bett und ließ das Licht brennen und fühlte mir regelmäßig den Puls. Es war eine schwere Nacht. Ich weiß noch, dass es hell wurde, und dann war ich eingeschlafen. Mittags wachte ich auf, und es ging mir gut.
Joyce saß in ihrem Zimmer und schrieb Briefe.
„Wie hast du geschlafen?“
„Schrecklich“, sagte sie. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.“

Sind es zu Beginn noch die üblichen paar Paarprobleme, wenn eine Beziehung sich verfestigt und Nachwuchs kommt („Das Kind kam zwischen uns wie ein Stein“) – er trauert dem wilden, freien Leben hinterher, sie sinnt über die Zukunft nach, ihn plagt das Verlangen, sie das Rückgrat – wird es mit einem Schlag bitter ernst: Im gutgläubig erworbenen Haus bricht Joyce eines morgens durch den von Termiten zerfressenen Küchenboden. Die Lösung scheint zunächst genial: Papa, der geniale Handwerker und Bauarbeiter, soll es richten. Doch der alte Mann, einst aus den Abruzzen in das Land der Verheißung eingewandert, der sich und seine Familie wie viele italienische Einwanderer mehr schlecht als recht durchbrachte, bringt eine ganz eigene Dynamik mit ins Spiel. Und fortan ist Fante nicht nur der hyperventilierende werdende Vater, sondern auch der Sohn, der eine einzige Enttäuschung ist ….

Die Szenen familiären Zusammenlebens zwischen Küchenboden, Kirche und Krankenhaus sind herzerwärmend erzählt. Das ist stilistisch von einer zurückgenommenen Finesse, einer zurückhaltenden Direktheit, das ist manches Mal schreiend komisch, immer zum Mitfühlen, das ist aber vor allem  eines: Voll das Leben.

Voll im Leben: Mit seinen ersten veröffentlichten Romanen über den Schriftsteller Arturo Bandini – ganz eindeutig sein Alter Ego – hatte John Fante Ende der 1930er Jahre erste Achtungserfolge erzielt und durch seinen klaren, natürlichen Stil unter anderem eben auch Bukowski als Verehrer gewonnen. Doch der ganz große Durchbruch blieb aus, ein Leben als freier Schriftsteller war, zumindest mit Familienanhang, nicht mehr denkbar. Wie so viele andere talentierte Autoren auch fand John Fante sein Auskommen mit dem Schreiben von Drehbüchern in der Traumfabrik. 1952 erschien noch „Voll im Leben“, für dessen Drehbuch Fante für den Oscar nominiert wurde – der Film mit Judy Holliday und Richard Conte kam 1956 in die Kinos. Dann wurde es literarisch jedoch still um Fante. Zwar schrieb er noch einige herausragende Drehbücher, aber die nächsten Romane erschienen erst wieder in den 1970er-Jahren. Mag sein, dass er dazwischen voll absorbiert war mit dem, was sich in „Full of life“ ankündigt:

„Es war ein großes Haus, weil wir Leute mit großen Plänen waren. Der erste Plan war schon Wirklichkeit, eine Rundung um ihre Mitte, ein Ding, das ständig in Bewegung war, sich krümmte und wand wie ein Schlangenknäuel. (…)
Mein Haus! Vier Schlafzimmer. Platz. Jetzt lebten wir zu zweit dort, und der dritte Bewohner war unterwegs. Irgendwann würden es sieben sein. Das war mein Traum.“

Im vollen Leben wurden es sechs: Fante und Joyce bekamen vier Kinder und waren fast 50 Jahre verheiratet. Seinen letzten Roman diktierte der Schriftsteller, der aufgrund seiner Zuckerkrankheit erblindet war, seiner Frau und besten Kritikerin:

„Wäre sie nicht gewesen, ich hätte mein Leben auch mit einem anderen Beruf zubringen können – als Reporter oder als Maurer, egal. Meine Prosa entstand durch sie. Das war eine Tatsache. Ich wollte ständig aufgeben; ich hasste das Schreiben, verzweifelte, zerknüllte Papier und warf es quer durch das Zimmer. Aber sie durchstöberte das weggeworfene Zeug und förderte Sätze zutage; ich wusste eigentlich nie, wann ich gut war.“

Wer lesen möchte, wie aus einem Talent ein Schriftsteller, aus einem Jungen ein Mann, aus einem Liebhaber ein Gatte und Vater und aus einem Kind ein mitfühlender Sohn wird, der lese „Voll im Leben“.

Verlagsinformationen zum Buch: „Voll im Leben“

5 comments on “John Fante: Voll im Leben”

  1. Bisher habe ich nur 1933 war ein schlimmes Jahr von ihm gelesen – das muss ich ändern. LG und danke für den wieder einmal sehr schönen Anstoss.

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