„Fünf.Zwei.Vier.Neun“ und die Stadt

IMG_2739Am 25. Januar 1928 war in der Berliner Volkszeitung zu lesen: Berlin ist „dem Gebietsumfange nach die größte Stadt der Welt.“ Nicht London, nicht Paris, schon gar nicht New York. Nun gut, ein wenig spricht das über das damalige Berliner Selbstbewußtsein Bände. Man wollte groß sein, wenigstens in qm gemessen, wenn es schon mit den EW nicht reichte. Denn in London und Neu York lebten zu dieser Zeit mehr als doppelt so viele Menschen – aber immerhin hatte man diesbezüglich auch Wien und Paris „eingeholt“, wichtig für das Berliner Selbstbewusstsein. Aber man war ja im Wachstum begriffen.

Kein Wunder also, dass Berlin-Boomtown auch Dreh- und Angelpunkt einer regen Kulturszene geworden war. Die wiederum die Stadt selbst zum Objekt ihrer Künste machte: Der Moloch, das moderne Babylon war beliebter Topoi der Expressionisten, Gegenstand des naturalistischen Romans, wurde auf Leinwand gebrannt und zum Star cineastischer Experimente.

Die Stadt, sie spielt auch die Hauptrolle in der ersten Ausgabe des neuen Literaturmagazins „Fünf.Zwei.Vier.Neun“, gemeint sind damit die 5249 Tage, die die Weimarer Republik prägten. Entstanden sind in jener Zeit nicht wenige Hauptstadt-Romane, allen voran natürlich „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin, zu dem das Heft zahlreiche Pressestimmen aus jener Epoche zitiert. Doch nicht nur Döblins Roman und dessen Aufnahme bei Kritik und Publikum ist Gegenstand des Heftes. Dem gegenüber gestellt sind unter anderem ausführliche Auseinandersetzungen mit „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos (auch in der Reihe #MeinKlassiker ausreichend von „Bri“ gewürdigt), der fast zeitgleich zu „Berlin Alexanderplatz“ erschien. Literaturaffine können aus den unterschiedlichen Rezensionen ihre eigenen Schlüsse ziehen.

Gedichte unter anderem von Christian Morgenstern, Glossen von Peter Panter (Kurt Tucholsky) und Reiseberichte – beispielsweise schreibt Harry Graf Keßler über das „Gesicht New Yorks“ – runden das Ganze ab. Verleger Jörg Mielczarek, der sich exzellent in der Literatur der Weimarer Republik auskennt, stellt den Texten unter anderem Reproduktionen von Zille-Zeichnungen, Werbeanzeigen, Handzetteln, historischen Fotos und sogar Notenblättern („Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft…“) bei.

Dass sich zwischen all den illustren Namen – Morgenstern, Döblin, Tucholsky, Zille – und namhaften Quellen (unter anderem „Die Weltbühne und „Vossische Zeitung“) mittendrin und unerwartet auch ein Zitat aus dem Blog „Sätze&Schätze“ findet – nämlich zu Franz Hessels Roman „Heimliches Berlin“ – versüßt das Bloggerleben ungemein.

Das 96 Seiten starke Heft bietet eine ausgewogene Mischung zwischen längeren Lesetexten und kurz wiedergegebenen Informationen und macht einfach Lust, sich noch weiter mit Autorinnen und Autoren aus der Weimarer Republik auseinanderzusetzen. Dass das Layout eventuell noch etwas verfeinert werden könnte, wäre mein Kritikpunkt – allerdings weiß ich auch einzuschätzen, wieviel zeitliches Engagement und Herzblut ein „Überzeugungstäter“ wie Jörg Mielczarek (Verlag Interna), der das Heft überwiegend allein „stemmt“, dafür aufbringen muss.

Und von B nach A: Der spätere Berliner Bertolt Brecht wurde ja im reizenden Augsburg geboren, wo man im zweijährigen Abstand einen Bertolt-Brecht-Preis verleiht. Erst in diesen Tagen bekam ihn Nino Haratischwilli überreicht, die mich mit ihrem temperamentvollen Bekenntnis zu einem Theater, das den Zuschauern auch Geschichten bietet, begeisterte.

Ihren Bilka-Roman habe ich noch nicht gelesen – daher verweise ich gerne auf den Beitrag des Ulmer Bloggers Jan Haag, der eigens zur Augsburger Verleihung gekommen war und viel profunder über Haratischwillis Texte berichten kann. Und dazu noch einen georgischen Abend bei der „Literaturwoche Donau“ erlebte – wie immer, haben die beiden Verleger von „Topalian & Milani“ ein wunderbares Programm organisiert, das mir Tränen in die Augen treibt, weil ich es zeitlich nicht nach Ulm schaffe …

Verlagsinformation zum Heft: http://www.verlag-interna.de/index.php/literatur/detail/22-5249-literatur/flypage/271-ausgabe-1-berlin-alexanderplatz?sef=hcfp

Zum Artikel über die Preisverleihung: https://litos.wordpress.com/2018/04/25/georgische-momente/

Zum Programm der Literaturwoche Donau:  http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

4 thoughts

    1. Liebe Susanne, viel Spaß – bei so Ausstellungen geht es ja manchmal sehr wild und lästerhaft zu 🙂 LG Birgit

      1. Es war so voll, Birgit, dass ich kaum in die kleine Galerie kam. 29 Künstler wurden gezeigt, und mir persönlich war das einfach zu viel.
        Liebe Grüße von Susanne

  1. Ich halte eben die 0 Nummer von »Fünf. Zwei. Vier. Neun. – Kleiner Mann, was nun?« in der Hand und habe von Horváths »Die Bergbahn« gelesen. Tolle Zeitschrift, in vielerlei Hinsicht sehr interessant, weist es uns Spuren aus einer Zeit, die uns doch heute sehr verloren und fremdbesetzt erscheint. Ausgabe 1 ist schon bestellt.

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