Feine Leute im eisernen Sommer

20180418_114448_resized_1Volker Kutscher tut es. Und andere tun es auch: Der deutschsprachige Krimi hat die deutsche Geschichte als Handlungsspielplatz (wieder-)entdeckt. Ob München im Vorfeld der Räterepublik, ob das schillernde Berlin zu Zeiten der Weimarer Republik oder auch als düstere Kulisse vor Hakenkreuzfahnen: Als Schauplätze für den einen oder anderen literarischen Serientäter eignen sich diese Orte gut, sind sie doch durch das historische Setting pittoresk und vertraut zu gleich und bieten den passenden Hintergrund für Stories aus der Halbwelt. Die realen politischen Unruhen des vergangenen Jahrhunderts liefern an sich schon genügend Stoff für fiktive düstere Machenschaften und mit etwas krimineller Phantasie die passenden Vorlagen für entsprechende Geschichten.

Aus der Fülle des Angebots habe ich zwei Autorinnen herausgefischt, die, so unterschiedlich sie auch schreiben, mir beide sehr zusagten.

Bereits 2014 ließ die Autorin und literarische Übersetzerin Angelika Felenda erstmals ihren „Kommissär Reitmeyer“ ermitteln. Als im Juni 1914 die Schüsse in Sarajevo fielen, folgt „Der eiserne Sommer“ – auch im weit entfernten München kommt Katastrophenstimmung auf, ahnt man bereits Kanonendonner und Kriegsgewitter zu spüren. In etlichen Ortsteilen der Stadt gehen Menschen gegen ihre unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen auf die Barrikaden, anderswo versammeln sich in Hinterzimmern deutschnational-tümmelnde Kräfte. In dieser unruhigen Gemengelage hat Reitmeyer einen zunächst scheinbar „nebensächlichen“ Unfall mit tödlichem Ausgang aufzuklären – und stößt hinein ins Herz der Finsternis, kommt Intrigen auf die Spur, in die das Militär, die Politik und die Hochwohlgeborenen Münchens verwickelt sind. Das Buch endet düster, der Erste Weltkrieg bricht aus.

Zwei Jahre später erschien „Wintergewitter“: Reitmeyer, dem Blitzgewitter des Krieges entronnen, aber von Traumata geplagt, findet sich 1920 in einem München wieder, das geprägt ist von großer Armut und Not, einem florierenden Schwarzmarkt und Schiebern, die auf dem Rücken anderer Gewinn machen. Die Jagd nach einem Frauenmörder führt den zurückhaltenden Kommissär direkt ins Milieu…

Beide Romane sind geprägt von einer gelungenen Mischung aus profunden Orts- und Zeitkenntnissen und der notwendigen Portion Spannung. Dass die Autorin nicht nur studierte Germanistin, sondern auch Historikerin ist, macht sich positiv bemerkbar: Man folgt nicht nur dem sympathischen, ruhigen Ermittler gerne auf dem Drahtesel durch das alte München, sondern lernt nebenbei noch einiges über die bayerischen Zustände vor 100 Jahren, über deutsche und europäische Politik und Geschichte. Bleibt Angelika Felenda in ihrem Rhythmus, so darf man vielleicht in diesem Jahr mit einem dritten Fall für Kommissär Reitmeyer rechnen – schön wäre es.

Verlagsinformation: http://www.suhrkamp.de/autoren/angelika_felenda_12797.html

Ihre Kommissare ähneln sich in ihrer ruhigen, beinahe bodenständigen Art, aber ihre Bücher sind grundverschieden: Überwiegt bei „Der eiserne Sommer“ und „Wintergewitter“ eine düstere, bedrohliche Grundstimmung und ein politischer Grundton, so sind „Feine Leute“ (2016) und „Noble Gesellschaft“ (2017) von Joan Weng dem Genre „Cosy-Crime“ zuzuordnen. Oder auch „Flutschbücher“, wie ich sie gerne nenne: Herrlich unterhaltsam, leicht zu lesen, genau das Richtige für einen verregneten Nachmittag oder anstelle des x-ten verquasten Tatortes. Auf jeden Fall die bessere Wahl. Joan Weng führt einen auf das Parkett der glamourösen Seite der Weimarer Republik – ihr Kommissar ist liiert mit einem Filmstar, dem attraktiven Carl von Bäumer, ihre Fälle spielen sich, wie die Titel schon sagen, im Umfeld der oberen Fünftausend Berlins ab. Im Grunde sind die Kriminalgeschichten bei diesen beiden Romanen zweitrangig – die Bücher leben vor allem von den gut recherchierten Milieuschilderungen, von den unterhaltsamen Beziehungsrangeleien der beiden Männer und vom Schwung, mit dem Joan Weng ihre Geschichten vorantreibt.

Übrigens auch wie Angelika Felenda studierte Joan Weng Geschichte und Germanistik: Das scheint für das Verfassen von Kriminalromanen in historischem Setting geradezu zu prädestinieren. Und Weng promovierte überdies über die Literatur der Weimarer Republik. Aufmerksame Leser werden dies genießen: Da betritt plötzlich ein Joseph Roth als Journalist, der Carl von Bäumer interviewt, die Bühne, da wird Else Lasker-Schüler zitiert, da gibt es etliche Referenzen an diese funkelnde Epoche der deutschen Literatur. Dies alles eingebettet in perfekt inszenierte Unterhaltungsromane, die, und das darf auch einmal gesagt sein, vor allem eines machen: Spaß beim Lesen.

Verlagsinformation: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/autoren/joan-weng-a01

9 thoughts

    1. Meine örtliche Buchhandlung hatte dazu einen Thementisch und ich war erstaunt über die Vielfalt – da kann man noch einigen Schmökerstoff entdecken, vermute ich, wenn man das Genre mag. Ich habe mir noch „Kolbe“ von Andreas Kollender (ullstein) mitgenommen, ein Spionagethriller aus der Nazizeit, der konnte mich jedoch nicht so überzeugen. Und in der Süddeutschen war neulich in einem Krimispezial eine Besprechung zu „Nachts am Arkanischen Platz“ von Susanne Goga – Berlin, Weimarer Republik – die Rezi las sich nicht schlecht, aber ich kenne das Buch selbst noch nicht. Mal gucken 🙂

  1. Bei Joan Weng kann ich dir leider nicht folgen. Das fand ich sowas von seicht und außerdem wird da aus meiner Sicht sehr stark in die Homo-Klischee-Kiste gegriffen.
    Wenn ich noch Tipps geben darf: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister – Deutsche Meisterschaft und Kerstin Ehmer – Der weiße Affe.

    LG, Gunnar

    1. Ich muss gestehen: In beruflichen und privaten Stresszeiten mag ich einfach gern locker unterhalten werden – und das bot mir Joan Weng. Mir war schon klar, dass das manchem zu seicht wäre – ich fand das aber für mich genau die richtige Portion leichtfüßige Unterhaltung. Keine Bücher für die Ewigkeit, aber für ein paar Stunden, in denen man einfach nur Schmökern will. Bei den Homo-Klischees gehen wir konform: Der ruhige, intelligente Kommissar und sein jüngerer, etwas dümmlicher Partner. Dieses ständige „Kleines“ hat mich gestört. Dafür hat die Autorin dies für mich wieder mit dem Einflechten von Autoren jener Zeit in die Stories wieder gepunktet.
      Danke für die Tipps, „Der weiße Affe“ wurde, glaube ich, von Dir schon mal besprochen? Es klingelt jedenfalls bei mir – ich dachte schon beim Lesen einer Rezi, dass mich das interessiert. LG Birgit

      1. Ja, „Der weiße Affe“ habe ich im Februar oder so rezensiert. Könnte mir gut vorstellen, dass das etwas für dich ist. Ich fand z.B. den Nebenstrang über das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld sehr interessant.

  2. Liebe Birgit, V. Kutscher habe ich sehr gern gelesen. Die gründliche Recherche des Autors ergibt ein ziemlich authentisches Bild der damaligen Zeit. Kein gewollt und nicht gekonnt klingt da durch. Deshalb nehme ich deine Vorschläge gern auf, besonders die ersteren. Wobei Flutschbücher auch ab und an gern genommen werden. 🙂

    Auf meiner Liste von (ungelesenen) Büchern dieser Art habe ich noch Haralds Gilbers Buch „Germania“ anzubieten, das einen jüdischen Kommissar als Protagonisten hat – einst erfolgreichster Ermittler der Kripo Berlin, der von der Gestapo reaktiviert wird.

    LG Marion

    1. Ja, bei Angelika Felenda findest Du ähnlich gut recherchiertes Hintergrundmaterial vor, das könnte Dir gefallen. Und vielen Dank für den Tipp – das liest sich spannend. Herzlichst, Birgit

  3. Schon etwas älter ist die Reihe um Inspektor Kajetan von Robert Hültner. Sie führt in das München der Weimarer Zeit. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich die Bücher gelesen habe, fand sie aber alle lesenswert.

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