Waguih Ghali: Snooker in Kairo

20180320_114918_resized„Ich war damals an der Universität. Wenigstens die Monotonie des Schulalltags war vorbei. Universität hieß: Streiks, Kampf gegen Polizisten, Slogans schreien, Schwefel und Nitrate aus dem Labor klauen; endlich leben. Und ganz nebenbei besuchte ich die Beste der Besten – die Medizinische Fakultät. Natürlich ungeachtet dessen, dass mein Arabisch erbärmlich war und ich laut einem gewissen Prüfungsausschuss von Oxford und Cambridge zwar gute Qualifikationen in Mathe und Literatur mitbrachte, nicht aber in Biologie. Ungeachtet dessen, dass Hunderte sehr viel besser qualifizierte Leute Schlange standen, um einen Platz an der Fakultät zu ergattern. Ich war einer der Privilegierten; ich konnte Beziehungen spielen lassen. Nicht dass ich sie spielen lassen hätte, das mussten meine Mutter oder eine meiner Tanten stattdessen getan haben, eine von ihnen hatte eine der sich in Reichweite befindlichen Strippen gezogen. Ich wurde zu „Il fait la médecine, ma chère“.

Waguih Ghali, „Snooker in Kairo“, OA 1964, 2018 in deutscher Übersetzung bei C. H. Beck.

Im Klappentext zu diesem ungewöhnlichen Roman, der nun, fast fünf Jahrzehnte nach seinem Erscheinen in England erstmals in deutscher Sprache erschien, wird Bezug auf den „Fänger im Roggen“ genommen. Und tatsächlich könnte Ram, der Ich-Erzähler dieser charmant-melancholischen Lektüre, die ägyptische Ausgabe Holden Caulfields sein in all seiner Unbeständigkeit, seiner Verlorenheit, seiner Orientierungslosigkeit.

Intelligent, gewitzt, gebildet: Aber dennoch macht Ram wenig aus seinen Talenten, lässt sich beschäftigungslos durch die Tage und die vornehmen Clubs in Kairo treiben. Billardspielend, trinkend, flirtend und immer ein wenig provozierend, das schwarze Schaf der weitverzweigten Oberschichts-Familie markierend. Ram, wenngleich auch seine verwitwete Mutter verarmt ist und am Geldtropf der reichen Schwestern hängt, stammt aus einer wohlhabenden, alteingesessenen Familie, gehört somit denn doch zu den oberen Zehntausend Ägyptens und der Jeunesse doré.

Doch obwohl der Clan ihn ständig in vielfacher Hinsicht „versorgen“ will, sei es beruflich, sei es mit einer standesgemäßen Partie, entzieht sich Ram diesem sozialen Druck. Die Freundschaft zum politisch reifer denkenden Font und die Liebe zu Edna, die aus einer reichen jüdischen ägyptischen Familie stammt, zeigen Ram, diesem charmanten Tagträumer, die Zwiespältigkeit seiner Situation auf: Trotz Abschaffung des Königtums und der Aristokratie in Folge der Revolution 1952 gibt es nach wie vor Standesunterschiede im Land der Pyramiden, spaltet sich die Gesellschaft in Geldadel und Fellachen. Zudem ist Ram, der mit Font und Edna lange in London lebte, Kopte und europäisiert – eine schwierige Kombination in einer aus einem Militärputsch hervorgegangenen „Republik“, die auf Nationalismus, Ablehnung der Kolonialmächte und Konfrontation mit Israel ruht und in der zugleich mit dem nationalistischen Denken auch der religiöse Extremismus aufblüht.

Während Ram in Kairo von seinem Status profitiert, den er letztlich der Anpassung seiner Familie an den britischen Lebensstil zu verdanken hat, erlebt er in London, wie es ist, auf Rassismus und Ausgrenzung zu treffen. „Snooker in Kairo“, das im Original mit „Beer in the Snooker Club“ betitelt ist, ist somit auch ein wunderbar gut und leicht zu lesendes Beispiel von kritischer post-kolonialer Literatur und Exilliteratur.

Waguih Gali zeichnet in diesem, seinen einzigen Roman, ein Bild der zerrissenen ägyptischen Gesellschaft in den ersten Jahren nach der Revolution 1952. Die großen Hoffnungen der Jugend auf mehr Freiheit, Bildung, Gleichberechtigung zerschlugen sich auch damals rasch, als das Regime unter Gamal Abdel Nasser Oppositionelle verfolgte und auf ein Ein-Parteien-System hinsteuerte. Insofern ist es sehr gut nachvollziehbar, dass „Snooker in Kairo“ laut Verlagsangaben nun auch im „Arabischen Frühling“ einen zweiten Frühling erlebte: In ihrem Hunger nach Leben und Freiheit unterscheidet sich die junge Generation wenig von den jungen Leuten vor 50 Jahren. Allerdings ist zu befürchten, dass auch dieser Befreiungsschlag erneut in eine Welle der Restauration und Repression mündet.

In seiner unmittelbaren, unprätentiösen Ausdrucksweise ist „Snooker in Kairo“ sicher kein literarischer Kunstgriff – aber mit seiner leisen Melancholie, mit seinem trockenen Humor und vor allem mit dieser traurig-schönen Liebesgeschichte schreibt sich das Buch ins Lesegedächtnis. Anhand der Lebensdaten von  Waguih Ghali, der in Alexandria, Kairo und Paris Medizin studierte und später in London lebte, kann man getrost davon ausgehen, dass Ram, der ägyptische Holden Caulfield, durchaus Züge seines Schöpfers trägt. Wenn sich Ram am Ende des Buches charmant einem Liebesschlamassel entzieht und in die nächste Bar schlendert, dann wünscht man insgeheim, dass alles am Ende doch ganz undramatisch kommt. Doch man weiß es besser: Waguih Ghali hielt dem Leben zwischen allen Stühlen und Welten wohl selbst nicht stand, er nahm sich, wenige Jahre nachdem sein einziges Buch erschienen war, 1969 das Leben.

Zurück bleibt sein Buch, das die Schriftstellerin Ahdaf Soueif als einen der besten Romane, die je über Ägypten geschrieben wurden, bezeichnete: „In the protagonist, Ram, a passionate nationalist who is nonetheless an anglophile, Waguih Ghali creates a hero who is tragic, funny and sympathetic. Through him we are presented with an authentic and acutely observed account of Egyptian society at a time of great upheaval.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.chbeck.de/ghali-snooker-kairo/product/22253309

 

12 Gedanken zu “Waguih Ghali: Snooker in Kairo

  1. Liebe Anna, ich freue mich über diese profunde und gut geschriebene Rezension des Buchs „Snooker in Kairo“ von Waguih Ghali. Du schreibst, dass das Buch fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, sagst aber nicht, in wessen Übersetzung. LiteraturübersetzerInnen sind Urheber ihrer deutschen Texte. Der Erfolg eines Buchs steht und fällt sehr oft mit der Qualität ihrer Arbeit, und es ist schade, dass sie viel zu oft nicht genannt werden. BloggerInnen und Journalisten haben die Möglichkeit, nicht nur Bücher und AutorInnen sichtbar zu machen, sondern eben auch deren deutsche Stimmen. Und eigentlich ist es wenig Aufwand die Namen hinzuzufügen, zumindest in den bibliographischen Angaben. Das als Anregung von mir – einer Literaturübersetzerin und der deutschen Stimme Waguih Ghalis. Herzlich, Maria Hummitzsch

      • Liebe Maria, mir ist Dein Anliegen als Übersetzerin sehr verständlich – die Übersetzung als eigene Kreativ- und Kunstleistung sollte natürlich genannt werden. Dort, wo ich es aus Kenntnis des Originals oder durch Vergleich mit anderen Übersetzungen ermessen kann, gebe ich im Text durchaus einen Hinweis bzw. auch ein Urteil ab. Ansonsten bin ich aber – da der Blog hier in der knapp bemessenen Freizeit erstellt wird – leider manchmal liederlich mit den bibliographischen Angaben, mache es mir leicht und setze am Ende des Textes einen Link zur Verlagsinformation, wo dann ja jeweils der/die Übersetzerin zu finden ist. Ich werde jedoch künftig noch sensibler mit dem Thema umgehen, danke für die Rückmeldung. Birgit

  2. Sehr spannendes Thema, liebe Birgit, zumal ich begonnen habe, mich etwas mehr mit der Geschichte dieser Region auseinanderzusetzen. Deshalb wieder einmal herzlichen Dank für die Bereicherung meiner Literaturliste. 😀

  3. Schön und mit Schwung beschrieben. Und The Catcher in the Rye ist ja das Buch meiner tragischen Jugend..Also warum nicht mal auf Ägyptisch.
    Aber, liebe Birgit, bevor ich zu deiner aktuellen Besprechung kam, hat mich deine neue Hompage total wuschig gemacht. Geht das mit den Teasern am laufenden Band nicht etwas langsamer? Ich meine, das sind doch Bücher aus den zwanziger Jahren, die sollten doch in ihrem Alter nicht merh so schnell laufen. 😉

    • Deutschland, einig Meckerland. Ehrlich – ich blogge eigentlich, um über Bücher zu diskutieren. Wenn mir woanders das Design eines Blogs nicht gefällt, käme ich nicht auf die Idee, das in einem noch so scheinbar lustig aufgemachten Kommentar anzumerken.

  4. Holla, auf welchem Fuß hab ich dich denn da erwischt? Wenn wir nicht mehr über die Form sondern nur noch über Inhalte diskutieren können tut’s mir leid.

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