Aka Morchiladze: Reise nach Karabach

2016_Diverse (69)„Sein oder Nichtsein? Natürlich Sein!
Keine Ahnung, ob ich im Traum Hamlet getroffen hatte. Ich konnte mich an den Traum nicht erinnern. Als ob der Schlaf nur eine Sekunde gedauert hätte. Zack-zack, und ich wachte wieder auf. Das war nichts Merkwürdiges, wenn man bedenkt, wieviel ich vor dem Schlafengehen geredet und mich angestrengt hatte. Ich hatte geschuftet. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben geschuftet. Dann schlief ich nach der langen Arbeit ein. Es war die erste Angelegenheit, die ich wirklich ernstgenommen und gemeistert hatte. Dazu noch eine so wichtige Angelegenheit. Wahrscheinlich, weil sie mich betraf. Es ging um mein Leben und meinen Tod.“

Aka Morchiladze, „Reise nach Karabach“, 1992, in der Übersetzung von Iunona Guruli 2018 im Weidle Verlag erschienen.

Im Laufe seiner abenteuerlichen Reise wird Gio, der „Held“ dieses Romans von einer Journalistin gefragt, ob er denn Don Quijote sei. Eine Rolle, die dem jungen Georgier durchaus auf den Leib geschnitten ist. So chaotisch die Lage in seinem Heimatland, so abgefuckt und aussichtlos das Leben seiner Freunde, so ungewiss jede Zukunftsperspektive. Da gleicht es durchaus einer Don Quijoterie, sich in ein Mädchen zu verlieben, von Familie, trautem Heim und Harmonie zu träumen. Der Wunsch nach Normalität, das gleicht hier, in dieser explosiven Region, dem vergeblichen Kampf gegen Windmühlen. Doch Gio hat auch einen guten Teil Hamlet in sich: Immer ein wenig unentschlossen, hin und her schwankend, denkend und grübelnd, erst in der äußersten Bedrängnis ein Mann der Tat.

Gios Sancho Panza ist der etwas dumpfe Kumpel Gogliko, seine Rosinante ein Lada – und weil er motorisiert ist und zugleich dem trüben Einerlei, das ihn in Tiflis im Griff hat, entkommen will, lässt sich Gio von seinem Sancho zu einem scheinbar einfachen Trip überreden: Einmal kurz nach Aserbaidschan und zurück, um Drogen zu besorgen. Doch die beiden Kumpel landen mitten im Herz der Finsternis. Im wortwörtlichen Sinne: Sie verlieren bei ihrer Fahrt nachts vollkommen die Orientierung und geraten in der Region Bergkarabach, die bis heute von Armenien und Aserbeidschan für sich beansprucht wird, zwischen die Fronten. Aus dem etwas surrealen Roadmovie wird unvermittelt eine Erzählung vom Krieg und aus dem Tagträumer Gio der Held für einen Tag, als er sich, Gogliko und den Lada aus misslicher Lage befreit. Hin- und hergereicht zwischen den Kriegsparteien werden die Georgier zum Pfand, Geiseln mit ungewisser Lebensdauer, wie Gio bald ahnt:

„Im Krieg mußt du töten, nicht wahr? Du überfällst, entführst und verlangst dann Lösegeld. Entweder für einen lebendigen oder für einen toten Gefangenen. Ist das Krieg? Das ist kein Krieg, sondern eine Genossenschaft. Die armenisch-tatarische kaukasische Genossenschaft. Erst zerstören wir die Häuser der anderen, töten ihre Frauen, entführen ihre Kinder, und dann erpressen wir ihr Geld. Mit dem Geld kaufen wir Gewehre und Handgranaten und beschießen damit gegenseitig unsere Häuser.“

Mit einer waghalsigen Aktion befreut Gio sich aus dieser Lage. Zurück in Tiflis fällt der gefeierte Held jedoch in eine tiefe Depression, wird von Professoren „hin und her gewendet wie ein Damenschuh und von allen Seiten betrachtet“. Doch ist es mehr als eine posttraumatische Belastungsstörung, die den Ich-Erzähler plagt. Vielmehr ist es sein bisheriges Leben in Georgien, das ihn verstört: Seine Unterordnung unter den dominanten Vater, den revolutionären Oberputschisten, der bei Berufswahl und Liebesleben des Sohnes das letzte Wort hat, sein Sich-Treiben-Lassen und seine Passivität.

„Ich wäre so gerne wie dort, in Karabach, irgendwie normal.“

Das Ende bleibt offen, der Leser im Ungewissen darüber, wohin Gios Weg geht. Doch ein Fünkchen Hoffnung lässt der Ritter mit der rostigen Rüstung und dem gebrochenen Herzen zurück:

„Man sagt, ich sei krank, meine Reise nach Karabach habe mich verändert. Ich liege wortlos herum und spüre die Wärme der Lampe auf meinem Gesicht. Ich halte den Atem an. Draußen ist es dunkel, und komische Figuren tanzen auf der Wand.“

Dieses schnörkellos und geradlinig erzählte Buch von Aka Morchiladze erschien bereits 1992 – da lag der Zusammenbruch der Sowjetunion erst kurz zurück, die ganze Region glich einem Pulverfaß (und tut dies in Teilen heute noch). Dass der Roman, laut Verlagsangaben einer der meistgelesenen Werke der vergangenen knapp drei Jahrzehnte in Georgien, nun passend zu dessen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse erscheint, ist logisch – zumal nicht nur das Buch ein Bestseller ist, sondern dessen Autor (der übrigens zur Buchmesse kommt) einer, wenn nicht der bekannteste, zeitgenössische Schriftsteller in Georgien ist. Dennoch ist der Roman im Grunde kein georgisches Buch – zwar steht die junge Generation der Republik, die eingebettet ist zwischen Russland, Armenien, der Türkei und Aserbeidschan, im Mittelpunkt. Doch spielt die Handlung in weiten Teilen in eben jenem zerrissenen Bergkarabach, einem Landstrich, in dem beispielhaft all die ethnischen, kulturellen und politischen Konflikte, die die Region erschüttern, deutlich werden. Ob Georgier aus Tiflis, ob Tartare aus Aserbeidschan oder ein armenischer Dörfler, sie alle eint ein tiefes Misstrauen gegen „die Russen“ sowie die Erfahrung von Instabilität, Chaos und Korruption.

Morchiladze erzählt – ironisch, packend, spannend – von einem jungen Menschen, der sich, gefangen zwischen Familientradition und politischem Chaos, selber finden muss: Kein Hamlet, kein Don Quijote, sondern ein Gio.

Verlagsinformationen zum Buch: Reise nach Karabach

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