Reso Tscheischwili: Die Himmelblauen Berge

„Die himmelblauen Berge“ ist in Georgien ein moderner Klassiker: Ein feines Stück absurder Literatur über den absurden Umgang mit Literatur.

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Beeindruckender Blick auf die himmelblauen Berge im Georgiens. Quelle: https://pixabay.com/de/users/JLB1988-3569930/

„…Ich muss gestehen“, beginnt Irodion, „dass mir Gamreklidses Gutachten sehr gefallen hat, welches ich im Unterschied zu euch schon längst gelesen habe, das nur zur Information. Was die „Himmelblauen Berge“ betrifft, so verweisen die Berge, wie der verehrte Gamreklidse bemerkt und wie auch aus meiner Stellungnahme hervorgeht (dies wird weiter unten ersichtlich werden), auf die Berg- und Himmelblaulosigkeit der menschlichen Leidenschaften und Triebe. Das Himmelblau selbst definiert, wie auch der verehrte Gamreklidse wiederholt, weder die Komponenten des Titels noch die Form der Handlung, aber ich wiederhole, das Himmelblau entspricht sowohl dem positiven Hintergrund der vorliegenden Projektion als auch seiner grundlegenden Definition.“

Reso Tscheischwili, „Die Himmelblauen Berge“, 1980, aus dem Georgischen übersetzt von Julia Dengg und Ekaterine Teti, Edition Monhardt, Berlin, 2017.

Die Worthülsen, die jener Irodion von sich gibt, die erinnern durchaus an den einen oder anderen Feuilletonbeitrag, bei dem einen das Gefühl nicht verlässt, der Autor drückt sich möglichst gewählt aus, um zu verschleiern, dass er eigentlich nichts zu sagen hat. Und es beschleicht einen zudem das Gefühl: Das da besprochene Buch wurde, wenn überhaupt, allenfalls angelesen…

Ein Schicksal, das in jedem Falle das Werk des jungen Schriftstellers Sosso ereilt hat: Verzweifelt irrt der junge Mann durch die labyrinthischen Gänge eines Verlagsgebäudes, von einem Amtsvertreter zum nächsten, darum bettelnd, dass diese sein Manuskript „Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan“ nach der dritten Überarbeitung endlich vollständig lesen und zum Druck freigeben. Mit großer Lust an der Satire lässt der georgische Autor Reso Tscheischwili in diesem schmalen Roman, der in seiner Heimat längst ein moderner Klassiker ist, einen Typen nach dem anderen auftreten: Amtsschimmel, Klugschwätzer, Erbsenzähler, Karrieristen, Drückeberger – die ganze behördliche Menagerie in einem System, das sich längst schon selbst überlebt hat. Sosso, noch jung und Idealist, erlebt mit seinen „Himmelblauen Bergen“ ein blaues Wunder: Das Manuskript wird buchstäblich auseinandergerissen, zerlegt, zerfetzt – gelesen hat es am Ende keiner und doch übersteht es zumindest den amtlichen Papierkrieg, bekommt das Placet zur Veröffentlichung. Da aber ist der Schriftsteller längst schon von der Bildfläche verschwunden und sucht sein Heil in einem anderen Beruf.

Die Absurditäten mancher behördlicher Vorgänge reizen natürlich zur ironischen Überspitzung – zumal sie in eng geführten politischen, zentralistischen Systemen wie dem real existierenden Sozialismus besondere Blüten hervorgebracht haben. Und wo könnte die Kluft zwischen Bürokratismus und Kreativität wohl noch offensichtlicher werden als in einem staatlich gelenkten Kulturbetrieb? Reso Tscheischwili (1933 – 2015) wird diese Erfahrung selbst gemacht haben: Der Schriftsteller, Dramaturg und Drehbuchautor war unter anderem Mitglied des Drehbuchkollegiums im Filmstudio „Georgischer Film“, Chefredakteur einer Zeitschrift, künstlerischer Leiter und Direktor eines Akademietheaters und nicht zuletzt auch von 1992 bis 1995 Abgeordneter des georgischen Parlaments (alle biographischen Angaben aus dem Nachwort von Ilia Gasviani aus der mir vorliegenden Ausgabe). Einer der also kreative Tätigkeit, Bürokratie und Politik aus eigenem Erleben kannte – und vielleicht selbst, wie der junge Sosso, mit einer Idee oder einem Manuskript in die langsam mahlenden Mühlen geriet.

Der Roman, der auch an Ionesco und dessen absurde Zustandsbeschreibungen erinnert, wirkt in seiner Sprache beinahe trocken und spröde. Bilder, Szenen, Abläufe wiederholen sich, verdeutlichen die Eintönigkeit des Behördenalltags, der dann jedoch wiederum durch geradezu tumulthafte Szenen unterbrochen wird: Als müssten sich die menschlichen Leidenschaften, die im Grau des Gebäudes unterdrückt werden, doch irgendwie Luft verschaffen. Karl Valentin hätte an diesem Buch, das beinahe wie ein Kammerspiel aufgebaut ist, seine Freude gehabt. Die Handlung spielt fast ausschließlich in einem nicht näher verorteten „pseudoklassischen“ Gebäude, nur ab und an geht der Blick hinaus auf ein Feld, auf dem „Motoball“ gespielt wird. Im Innern des Hauses herrscht ein Treiben zwischen Bürokratiehierarchie und Fabrikalltag, eine Mischung aus „Modern Times“ und „Büro, Büro“. Menschen durchwandern hektisch und sinnlos die Flure, der kaum zu greifende Direktor bellt in mehrere Telefone, ein zermürbter Angestellter beginnt einen aussichtslosen Papierkrieg, um das Bild „Grönländische Landschaft“ über seinem Schreibtisch loszuwerden.

Man liest: Amüsiert und erstaunt. Denn immerhin erschien diese Satire bereits 1980 und wurde, auch beflügelt durch eine Verfilmung 1983, zu einem großen Erfolg. Man wundert sich jedoch, dass dieses Manuskript, lange vor Glasnost und Perestroika, in der Sowjetunion herauskommen konnte. Denn es ist nicht die satirische Überspitzung bürokratischen Handelns allein, die dem Text eine gesellschaftskritische Note geben. Vielmehr lässt sich das langsame Zusammenfallen des „pseudoklassischen Gebäudes“, in dem der Putz den Mitarbeitern buchstäblich auf die Schultern bröckelt und das umstrittene Gemälde „Grönländische Landschaft“ von der Wand knallt, auch als Metapher für den Untergang des real existierenden Systems der UdSSR deuten. Nur die Kreativität, die „himmelblauen“ Berge, sie stehen noch für Hoffnung, für andere Werte, bringen Farbe in den Büroalltag – die jedoch von den Bürograuen längst nicht mehr gesehen werden kann.

Das Buch jedoch allein als „sozialistische“ Posse zu lesen, als Zeugnis einer vergangenen Epoche, das würde dem schmalen Buch nicht gerecht. Systeme kommen und gehen, die Bürokratie, sie bleibt – wenn sich auch die Vorzeichen wandeln. Für Reso Tscheischwili wäre dies vielleicht auch ein geeigneter Stoff gewesen: Ein Blick auf einen Verlag, der einzig auf Rendite und hohe Verkaufszahlen ausgerichtet ist – mit einem Autoren, der zwischen Marketingabteilung, Finanzwesen, Agentur und Lektorat hin- und hergereicht wird.

Dem noch recht jungen Berliner Verlag „Edition Monhardt“ ist jedenfalls sehr zu danken, dass er dieses feine Stück absurder Literatur den deutschen Lesern – passend zur Frankfurter Buchmesse 2018, deren Gastland Georgien ist – in einer zudem sehr schön gestalteten Ausgabe zugänglich macht.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://monhardt.de/produkt/reso-tscheischwili-die-himmelblauen-berge/

Eine weitere Besprechung findet sich bei:
Wissenstagebuch – https://wissenstagebuch.com/2018/02/07/reso-tscheischwili-die-himmelblauen-berge-1980-2017/

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