Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

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„Die letzte Woche war die historisch wildeste gewesen, die er je erlebt hatte, 9/11 und die Steinzeit eingeschlossen. Sicher, in der Steinzeit war der Strom weggeblieben, und es hatte völlig willkürliche Zerstörungen und Plünderungen gegeben, denen auch Jaynes Chichi-Feinkostladen in der Smith Street zum Opfer gefallen war, wovon sie sich bis heute nicht erholt hatte. Ampelanlangen funktionierten nicht mehr, was zu schrecklichen Massenunfällen geführt hatte, und all die Flugzeugdesaster, Zugunglücke und ergreifenden menschlichen Geschichten über Herzpatienten, deren Schrittmacher plötzlich doppelt so schnell geschlagen hatten, als handelte es sich um einen belebenden Tempowechsel in einer Aufnahme von Miles Davis. In Teilen des Landes hatte es kein Wasser mehr gegeben, was eine gute Übung für die sich weiter zunehmenden Engpässe sein würde. Telekommunikations- und nationale Verteidigungssysteme waren ausgefallen, wobei nach Carters Dafürhalten Amerikas so hoch gepriesene „Verteidigung“ das Land schon lange größeren Gefahren aussetzte, als sie abwehrte. Für Florence, Avery und Jarred war 2024 eine absolut verheerende Katastrophe gewesen.“

Lionel Shriver, „Eine amerikanische Familie“, OA 2016, in deutscher Übersetzung durch Werner Löcher-Lawrence 2018, Piper Verlag.

Es wird noch schlimmer kommen: Für das ganze Land, für die Familie Mandible. Wenige Jahre nach der „Steinzeit“, einem vorübergehenden Ausfall des Internet und digitalen Netzes, werden die Mandibles ums nackte Überleben kämpfen, sich mit anderen um die wenigen verfügbaren Lebensmittel in den Supermärkten balgen, Regenwasser horten, Stofffetzen statt Klopapier benutzen, am Ende ihr Heim verlieren, das von anderen Obdachlosen mit Gewalt besetzt wird. Eine Horrorvision? Eine Dystopie? Nicht umsonst hat Lionel Shriver ihren Roman in eine nicht allzu ferne Zukunft platziert – man schaue nur gegenwärtig auf die Nachrichten aus Venezuela und sieht, wozu eine irrsinnige Inflation und der Kollaps der Landeswährung führen. Die Menschen dort hungern – und das in einem Land mit einem der reichsten Erdölvorkommen der Welt.

Was in der südamerikanischen Nation derzeit geschieht, das lässt Shriver also mit einigen Jahren Zeitverzögerung in ihrem eigenen Heimatland abspielen. Dritte-Welt-Zustände in den USA? So weit hergeholt ist der Gedanke nicht – in manch einem Ghetto einer amerikanischen Großstadt herrschen sie wohl ansatzweise jetzt schon. Und die Wirtschaftspolitik in der „Trump-Ära“ lässt für die Zukunft Übles befürchten, gab aber sicher auch Shriver genügend Impulse für ihr Buch. Denn auch in „Eine amerikanische Familie“ versucht die Politik in einem globalen Wirtschaftskrieg durch Abschottung und eine aggressive „America first!“-Haltung die Vormachtstellung der USA zu halten. Mit fatalen Folgen für die Bürger ihres Landes.

Wie hochaktuell und politisch dieser trotz seiner beklemmenden Vision durch die ironische Sprache von Shriver sehr unterhaltsam zu lesende Roman ist, das zeigt eine fiktive Rede des amerikanischen Präsidenten: So martialisch ist sie, in ihrer ganzen Mentalität meint man, Reagan, Nixon oder auch den Mann mit dem Toupet im Ohr zu haben:

„Seit letzter Woche wird unsere Nation erneut angegriffen. Diesmal stürzen nicht riesige Wolkenkratzer in sich zusammen, und sowohl die realen wie die digitalen System, von denen wir abhängen, funktionieren weiter. Und doch ist der Angriff, dem wir im Moment ausgesetzt sind, womöglich nicht weniger verheerend, als würden unsere Städte von Atomraketen angegriffen.
Unter Beschuss steht das zentrale Medium, mit dem wir mit anderen Nationen und untereinander Handel treiben, mit dem unsere Arbeit entlohnt und unsere Schulden bezahlt werden, mit dessen Hilfe wir unseren Tisch decken können und sicherstellen, dass unsere Kinder medizinisch versorgt werden.
In Gefahr ist nichts weniger als der allmächtige Dollar selbst.“

Auslöser der Krise ist, dass „Staatenlenker weltweit, die unserer großen Nation ihre Macht, ihr Ansehen und ihren Erfolg verübeln, den sogenannten Bancor zusammengeschustert haben, eine künstliche, vorgebliche Währung ohne jede Geschichte als gesetzliches Zahlungsmittel. Täuschen Sie sich nicht. Der Bancor soll keine harmlose Alternative sein. Er soll den Dollar ersetzen.“

Das erinnert an die amerikanischen Reaktionen rund um die Einführung des Euro im Jahr 2002, das verdeutlicht, wie hart umkämpft und doch wie stark vernetzt die globalen Finanzmärkte sind. Und wie fragil das ganze System dabei ist. Auf den Bancor reagieren die USA mit Isolation: Kein Bürger darf das Land mehr mit baren US-Dollar verlassen, Bancor darf nicht gehandelt werden und alle Goldreserven werden eingefroren. Man hofft, durch eine Blockade-Politik das Ausland in die Knie und den Bancor ins finanzpolitische Nirwana zu zwingen – eine Fehleinschätzung, wie Shriver in ihrer Dystopie nachvollzieht.

Am Beispiel der vier Generationen umspannenden Familie Mandible zeigt Shriver, wie der Weg vom Wohlstand bei den Urgroßeltern, die zur intellektuellen Elite New Yorks gehörten, und vom Mittelstand bis zur lockeren mittelschichtigen Bohème (im Mittelpunkt steht die kleine Kernfamilie der Sozialarbeiterin Florence, die bis zur Krise eher ein alternatives Leben à la Prenzlauer Berg führen) Schritt für Schritt in Abgrund und Armut führt. Am Ende überleben sie nur, weil sie auf der Farm eines Bruders von Florence unterkommen, der zuvor wegen seiner Lebensweise und Ideen als das schwarze Schaf der Familie verspottet wurde und sich nun als Visionär erweist – wenn die globalen System versagen, dann bleibt nur noch die Selbstversorgung übrig.

Und sich – auch gegen Moralkodex und gute Erziehung – an die Härten des Überlebenskampfes anzupassen, was am besten Willing, dem 13 Jahre alten Sohn von Florence mit der Zeit gelingt. Die düstere Vision, die Shriver zeichnet, sie wird hier aufgelockert durch den ironischen Ton, durch die schlagfertigen Dialoge und die Alltagskomik, die das Familienleben der Mandibles auch im Niedergang prägen:

Als Florence den Einkauf aufs Kassenband legte, kam auch eine Packung Haferflocken zum Vorschein. „Willing! Du hast den Mann fälschlicherweise beschuldigt, die Haferflocken sind noch da!“
„Doch, er hatte sie geklaut. Ich hab ihn mit seiner Frau vor dem Müsliregal gefunden, und als sie sich nach den letzten Cocoa-Puffs ausstreckten, habe ich sie mir zurückgeholt.“
Florence schüttelte den Kopf. „Schatz, du magst doch Haferflocken nicht mal. Du musst lernen, loszulassen.“
„Hmm“, sagte Willing, „und du musst lernen, Sachen nicht loszulassen.“
„Ich weigere mich, wegen der äußeren Umstände zu einer kleinlichen, gierigen, kopflosen Kreatur zu werden.“
„Kleinliche, gierige, kopflose Kreaturen“, sagte Willing, „haben was auf dem Frühstückstisch.“

Auch wenn Shrivers Roman für mein Empfinden auf das Abschlusskapitel hätte verzichten und sich damit pointierter auf den Abstiegskampf hätte konzentrieren können. Und auch, wenn mir manche Familiendebatte um Finanzstrukturen tatsächlich über den Verstand ging (tatsächlich war mir das an mancher Stelle zu abstrakt, zu fachlich und zu fachchinesisch, was aber vor allem an meiner Weigerung liegt, zu tief in volkswirtschaftliche Materien einzusteigen): Dieser Roman ist hochaktuell, brisant und dabei so gut lesbar, dass einem schon der eine oder andere Bissen vom Müsliriegel im Halse stecken bleibt – insbesondere wenn die Nachrichten melden, dass in den Deutschland 2017 die Inflationsrate gestiegen ist, wie lange nicht mehr…

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/eine-amerikanische-familie-isbn-978-3-492-05821-6

Weitere Blogbesprechungen bei:

Letteratura – https://letteraturablog.wordpress.com/2018/01/28/beklemmendes-szenario-lionel-shriver-eine-amerikanische-familie/

Zeichen&Zeiten – https://zeichenundzeiten.com/2018/01/23/abstieg-lionel-shriver-eine-amerikanische-familie/

14 thoughts

  1. Die Gespräche gingen mir teilweise auch „über den Verstand“ (schön ausgedrückt, wobei ich da auch leider schnell abschalte, wenn es zu wirtschaftstheoretisch wird… 🙂

    1. Da bin ich froh, dass ich da nicht alleine bin – schöne Koinzidenz übrigens, dass wir heute dasselbe Sonntagsbuch haben 🙂

      1. Das dachte ich auch 🙂 Ich habe Deine Rezi eben auch noch verlinkt, zusammen mit der auf Zeichen und Zeiten. Im Großen und Ganzen scheinen wir uns bei dem Roman recht einig zu sein.

      2. Witzig – in dem Moment war ich auch am Verlinken. Ja, wir beurteilen den Roman ziemlich ähnlich – das ist doch auch ein Qualitätsurteil 🙂

      3. Sieht so aus, wobei ich von Lionel Shriver glaube ich noch nichts Schlechtes gelesen habe. „Wir müssen über Kevin reden“ steht allerdings immer noch aus, das will ich schon seit Monaten endlich in Angriff nehmen.

      4. Das liegt auch noch hier – jetzt bin ich allerdings auch angefixt von ihrem Stil, mir gefällt die Ironie – und werde das bald lesen.

      5. Ich war sehr begeistert von „Dieses Leben, das wir haben“ (weniger vom deutschen Titel…), das war allerdings auch nicht direkt ein Wohlfühlbuch.

    2. Nun musst Du Dir noch ein ) denken, das ich nicht mehr hinzufügen kann… das widerspricht meinem ästhetischen Empfinden 😉

  2. Hallo Birgit,

    genau wegen den finanztechnisch angehauchten Gesprächen musste ich das Buch abbrechen. Die Entwicklungen waren erschreckend und eine gewisse Aktualität möchte ich dem Ganzen nicht absprechen Jedoch empfand ich Jürgen Bauers „Ein guter Mensch“ von der Thematik besser getroffen und sprachlich näher dran.

    Liebe Grüße
    Marc

    1. Ich meine, die beiden Bücher kann man nicht vergleichen – auch wenn es beides zukunftsnahe Dystopien sind, sind die Thematiken doch deutlich andere. Bei Jürgen ist im Grunde nicht erklärt, wie es zu der ökologischen Katastrophe kommt, aber der Umgang mit derselben ist die Grundlage. Wenn, dann würde ich jetzt eher Maja Lunds neuestes Buch hernehmen, um einen Vergleich zu ziehen. Der Roman von Lionel Shriver geht von einem wirtschaftspolitischen Experiment aus, Wasser- und Ressourcenknappheit ist nur eine der Folgen. Wenn ich an dem Roman was zu kritisieren habe, dann dieses, was auch Petra in ihrer tollen Rezension beschreibt: Man weiß nicht, ob es Ironie oder Ideologie ist, was den politischen Grundton bestimmt, manches scheint sehr nach an den politisch sehr Konservativen in den USA. https://literaturreich.wordpress.com/2018/02/14/lionel-shriver-eine-amerikanische-familie/

      1. Stimmt, ein Vergleich ist fast ausgeschlossen. Es war wohl eher meine eigene Erwartungshaltung, die mich bei Shrivers Buch scheitern ließ, da ich es ständig mit Bauers Geschichte in Kontrast gesetzt habe.
        Was mir im Nachhinei auffiel, nachdem ich deine, Petras und Constanzes Besprechungen gelesen habe, war der Punkt, dass es nach der im Buch beschriebenen Steini relativ gesehen normal weiterging, was mich enorm irritierte und ich mit diesem Ereignis nix anfangen konnte. Ich lass es mal eine Weile liegen und gebe ihm vielleicht nochmal eine Chance. Jetzt weiß ich ja, worauf ich mich zu konzentrieren habe 😉

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