LESEZEICHEN von: Henry David Thoreau

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Lest wild und frei und seid bloß keine Lesezwerge! Sonst donnert Mr. Thoreau. Bild: Birgit Böllinger

„In der Literatur fasziniert uns das Wilde; «zahm» ist gleichbedeutend mit «langweilig». Uns begeistern die freien, wilden, unzivilisierten Gedanken in «Hamlet» und in der «Ilias» und in der Heiligen Schrift und in den alten Mythen – jene Gedanken, die nicht in den Schulen gelehrt werden. Die wilde Ente ist flinker und anmutiger als die zahme, und das nämliche gilt für den wilden Gedanken, welcher der Stockente gleich im sinkenden Tau dahineilt übers Gemoor. Ein wirklich gutes Buch ist etwas so Natürliches, etwas so unerwartet und unerklärbar Schönes und Vollkommenes wie eine in der Prärie des Westens oder in den Dschungeln des Ostens entdeckte Wildblume. Genie ist ein Licht, das die Finsternis sichtbar macht, wie ein Blitz, der den Tempel des Wissens in Trümmer legen kann – und nicht wie ein Wachskerzchen, das auf dem Kaminsims der Menschheit brennt und vor dem Licht des Alltags verblasst.“

Henry David Thoreau: „Vom Wandern“, 1862.

Thoreau schrieb in diesem Essay über sich selbst, er könne seine körperliche und geistige Gesundheit nur bewahren, wenn er täglich mindestens vier Stunden durch die Wälder und Fluren streifen könne. Wahres Schlendern oder Wandern, wie es Thoreau verstand, das hat wenig mit den vollausgerüsteten Nordic Walking-Truppen zu tun, die die an den Wochenenden beispielsweise auch hier, im Augsburger Naherholungsgebiet, durch die Gegend bolzen. Was Thoreau meint, bedeutet vor allem: Auch geistig den Alltag abzustreifen, sich zu öffnen für das, was da ist, einfach auch unmittelbar zu sehen, zu hören, zu fühlen, in und bei der Natur zu sein.

Sein Aufsatz über das Wandern, den er mehrfach überarbeitete, ist gleichsam ein Aufsatz über die Verfertigung der Gedanken beim Wandern: Thoreau schreibt, wie man es von seinem Stil gewohnt ist, frei und sprunghaft, kommt von einem Thema auf das nächste, so wie man einen Bach von einem Stein zum anderen überqueren kann. Immer jedoch äußert er sich mit viel Verve und Feuer, auch zur Literatur, denn:
„Alles Gute ist wild und frei“.

„Vom Wandern“ ist in der Übersetzung von Ulrich Bossier in der Reclam Bibliothek zu haben: https://www.reclam.de/detail/978-3-15-019074-6/Thoreau__Henry_David/Vom_Wandern

13 Gedanken zu “LESEZEICHEN von: Henry David Thoreau

  1. Dafür ist der menschliche Körper eigentlich auch gemacht, für ausdauerndes Laufen/Gehen. Wenn Thoreau das durchgezogen hat, hat er wohl echte „Urerfahrungen“ gemacht. Auch mich entspannt nichts so sehr wie Wandern. Danke für den Tipp.

  2. Ein feines Lesezeichen, liebe Birgit. Eine frühere Übersetzung von Dirk van Gunsteren gab es 2001 im Diogenes Verlag unter dem Titel „Vom Spazieren“. Thoreau lässt unterwegs seine Gedanken schweifen, die Natur betrachtend, Kulturgeschichte und Mythologie.
    „Wo ist die Literatur, die der Natur Ausdruck verleiht? Das wäre ein Dichter, der die Winde und Flüsse in seine Dienste nehmen könnte, damit sie für ihn sprächen; der Worte an ihrem urtümlichen Sinn festnagelte wie ein Farmer, der einen Pfahl in eine eingefrorene Quelle treibt, um sie wieder sprudeln zu lassen; der die Worte ebenso oft ableitete, wie er sie benutzte, und sie mitsamt der an den Wurzeln haftenden Erde auf das Papier verpflanzte; dessen Worte so wahr und frisch und natürlich wären, daß sie sich öffneten wie Knospen beim Nahen des Frühlings, auch wenn sie halb erstickt zwischen den muffigen Seiten eines Buchs in einer Bibliothek lägen – ja, um zu blühen und Frucht zu tragen, ein jegliches nach seiner Art, Jahr für Jahr, für den treuen Leser und in Einklang mit der Natur ringsum.“ S. 73-74 [kurz nach dem obigen Zitat.]
    Viele Grüße, Bernd

  3. Stärker Kommentar, arnoldnuernberg.
    Mir fällt da, nicht ganz überraschend. der Schwede Thomas Transströmer ein. Auch ihn trifft vieles zu.
    Allein wie er das Aufbrechen des Eises unter der frühlingshaften Sonne beschreibt.
    Sätze und Schätze ist so wunderbar bereichernd.

  4. Danke für die netten Kommentare. Da revanchiere ich mich mit einem weiteren Zitat „Vom Wandern“ dafür:
    „So pilgern wir zum Heiligen Land, im Schlendergang, bis eines Tages die Sonne heller scheint als je zuvor, ja, vielleicht sogar in unsere Herzen hinein, und unser ganzes Leben taucht in ein großes, erweckendes Lich – warm und heiter und golden wie ein Bachufer im Herbst.“

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