Henry David Thoreau: Leben ohne Grundsätze (1863/2017).

So vieles scheint in unserer Welt gegenwärtig rückläufig zu sein. Höchste Zeit also, Henry David Thoreau und dieses widerständige Essay zu lesen.

15 Kommentare

20171115_145209_resized„Wenn ein Mensch die Hälfte eines jeden Tages damit zubringt, in den Wäldern spazierenzugehen, weil er sie liebt, läuft er Gefahr, als Faulenzer angesehen zu werden; aber wenn er seinen ganzen Tag als Spekulant vertut, der diese Wälder abhauen und die Erde vorzeitig kahl werden lässt, wird er hoch geachtet als fleißiger und unternehmender Bürger. Als ob die Stadt kein anderes Interesse an ihren Wäldern hätte, als sie abzuholzen!
Die meisten Menschen würden sich beleidigt fühlen, wenn man ihnen als Beschäftigung vorschlüge, Steine über eine Mauer zu werfen und sie dann wieder zurückzuwerfen, nur damit sie vielleicht ihren Lohn verdienten. Aber heute haben viele keine würdigere Beschäftigung.“

Henry David Thoreau, „Leben ohne Grundsätze“, EA 1863 (postum), in der Übersetzung von Peter Kleinhempel, Limbus Verlag Innsbruck, 2017.

Ich könnte noch unendlich viel mehr Zitate aus diesem Essay Thoreaus – oder auch dieser „Gardinenpredigt“, wie Herausgeber Frank Schäfer den Text in seinem Nachwort nennt – bringen, so sehr hat mich diese Schrift, die nun bald 150 Jahre auf dem Buckel hat, in ihrer Aktualität getroffen. Thoreau entwarf den Text als Vortrag kurz nach dem Erscheinen von „Walden“, er ist, so Frank Schäfer, sein „intellektuelles Grundsatzprogramm – gewissermaßen Walden in einer Nuss.“

Vehement prangert der Mann aus Concord – damals mit einer Anhäufung von Transzendentalisten das Epizentrum einer amerikanischen Gegenbewegung – das Primat des Ökonomischen, den Vorrang materieller und wirtschaftlicher Absicherung vor geistiger und seelischer Bildung an. Das tut er eloquent, wortgewaltig und bissig – so verwundert es nicht wenig, dass seine Zuhörer zum Teil wohl deutlich irritiert reagiert haben: Packt er doch gewissermaßen jeden, auch die heutigen Leser, am Schlaffitchen: Um die Welt zum Positiven zu verändern, muss jeder bei sich selbst beginnen.

„Die Wege, auf denen ihr zu Geld kommen könnt, führen fast ausnahmslos nach unten. Etwas getan zu haben, wodurch ihr nur Geld verdient habt, heißt wahrhaftig müßig gewesen zu sein – oder Schlimmeres. Wenn der Arbeiter nicht mehr bekommt als den Lohn, den ihm sein Arbeitgeber zahlt, wird er betrogen, betrügt er sich selbst. Wenn man als Schriftsteller oder Redner zu Geld kommen will, muss man populär sein, und das ist: senkrechter Abstieg.“

Einfacher leben – das lebte Thoreau in seinen zwei Jahren, zwei Monaten und zwei Tagen in „Walden“ vor und dies ist auch die Essenz seines Vortrags. Einfacher leben und vor allem, dem Leben einen Sinn außerhalb des Broterwerbs und, wo möglich, dem Broterwerb einen Sinn geben: Das ist, verkürzt gesagt, sein Appell. Mutet einfach und simpel an, aber man weiß – das ist es nicht. Es ist nun mal nicht jedem gegeben, kein „schlimmer Tölpel“ zu sein: Das sind in Augen Thoreaus jene, die den größeren Teil des Lebens damit vergeuden, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einen konkreten und kompletten Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaftsform bietet der Schriftsteller allerdings nicht, sein Rezept gründet eben auf Vereinfachung und Verweigerung. Sowie Kontemplation:

„Wir sollten unsere Köpfe behandeln wie unschuldige und begabte Kinder, deren Hüter wir sind, und wir sollten achtgeben, auf welche Gegenstände und welche Themen wir ihre Aufmerksamkeit stoßen. Lest nicht die Times. Lest die Ewigkeit.“

Man kann natürlich das Ganze mit einem Achselzucken als weltfremde Äußerungen eines Aussteigers abtun – wie soll das gelingen, aus der „Tretmühle“, wie Thoreau dies nennt, auszutreten? Oder aber man lässt sich von diesem Text herausfordern, anregen, anstecken und lässt sich auf die Frage ein: Wie leben? Was tun?

„Leben ohne Grundsätze“ rüttelt auf, wirft Fragen auf, packt einen an. Und ist zudem (leider) auch politisch noch hoch aktuell: Wenn Thoreau den Goldrausch in Kalifornien anprangert, dann fühlt man sich an die aktuelle digitale Goldgräbermentalität erinnert. Wenn er auf den Import von Waren in die USA, der Menschenleben kostet, eingeht, dann denkt man an manche Auswüchse der Globalisierung. Und im Trump-Zeitalter bekommt dieser Satz eine eigentümliche, bedrohliche Bedeutung:

„Selbst wenn wir zugeben, dass sich der Amerikaner von einem politischen Tyrannen befreit hat, ist er doch noch der Sklave eines ökonomischen und moralischen Tyrannen.“

So vieles scheint in unserer Welt gegenwärtig rückläufig zu sein, sich zum Schlimmeren zu wenden. Höchste Zeit also, Thoreau zu lesen.

„Leben ohne Grundsätze“ erschien in der Reihe „Limbus Preziosen“. Nomen est omen: Die Bände sind liebevoll gestaltet, hochwertig durch Hardcover und Lesebändchen und sorgfältig editiert, mit einem informativen Fußnoten-Apparat, biographischen Angaben und einem informativen Nachwort ausgestattet.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.limbusverlag.at/index.php/leben-ohne-grundsaetze

15 comments on “Henry David Thoreau: Leben ohne Grundsätze (1863/2017).”

  1. Ich muss peinlicherweise zugeben, dass ich „Walden“ bereits 2x begonnen habe und nie durchgekommen bin. Keine Ahnung, freue mich jedes Mal drauf und dann haut es mich doch wieder raus. Hmmmm. Dritter Versuch irgendwann?
    Liebe Grüße 🙂

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    1. Versuchs mal mit dem Essay – ich ringe mit Thoreau auch immer, seinen Stil finde ich schon sehr sprunghaft. „Leben ohne Grundsätze“ bringt vieles auf den Punkt, was auch in Walden steckt – und das bei 50 Seiten. Auch wenn ich die Begeisterung für ihn als Literaten nicht so teilen kann (wie z.B. der Herausgeber dieses Buches) – seine Gedankengänge sind anregend und gerade heute sehr wichtig. Ich denke sowieso angesichts des derzeitigen Weinachtskonsumrausches vermehrt über Askese nach 🙂

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  2. ein sehr passender Beitrag zur Weihnachtszeit; wo es darauf ankommt, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Auch wenn ich mir Bücher mit „Botschaft“ generell eher weniger zu Gemüte führe, so lockt mich dieser Artikel sehr, dennoch einmal Thoreau’s „Leben ohne Grundätze“ zu lesen.

    Gefällt 3 Personen

  3. Liebe Birgit,
    danke für diese Buchvorstellung mit Deinen Betrachtungen zur Zeit.
    Thoreaus „Walden“ mag hierzulande in den 1970er Jahren ein Modell für alternative Lebensentwürfe und -formen geworden sein, wie in den 1980er Jahren sein Essay zu Ungehorsam und Widerstand ein Leitbild für Teile der Friedensbewegung.
    So finde ich es erfreulich, dass Frank Schäfer den Essay „Leben ohne Grundsätze“ herausgibt. Möge es die heutigen „Minimalisten“ inspirieren.
    Zum diesjährigen 200. Geburtstag von Thoreau hatte Frank Schäfer auch eine neue Biografie vorgestellt:
    Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell. Suhrkamp Taschenbuch 2017,
    und bei Matthes & Seitz gibt es die ersten Bände der umfangreichen Tagebücher.
    Gute Adventszeit und viele Grüße, Bernd

    Gefällt 1 Person

  4. Liebe Birgit,
    mir gefällt besonders dieses Zitat:
    „Wir sollten unsere Köpfe behandeln wie unschuldige und begabte Kinder, deren Hüter wir sind, und wir sollten achtgeben, auf welche Gegenstände und welche Themen wir ihre Aufmerksamkeit stoßen. Lest nicht die Times. Lest die Ewigkeit.“
    Mein Ex-Schwager hat es mal so ausgedrück: Man kann auch im Gedankenmüll um sich selber kreisen.
    Ich habe es immer als guten Rat angenommen, mir zu überlegen, mit was ich meinen Kopf vollstopfe. Im Moment sind es die Portraits auf aller Linie – Kunstgeschichte und Zeichnung.
    Danke für den Buchhinweis!
    In unserer Bibliothek gibt es unter anderem auch eine Graphicnovell von Henry Thoreau. Ich werde bei meinem nächsten Bibliothekgang darauf achten.
    Liebe Grüße und eine schöne Vorweihnachtszeit von Susanne

    Gefällt 2 Personen

  5. Den Essay kannte ich nicht, danke für die Vorstellung. Und noch in so einer schönen Ausgabe! Nachdem ich Walden sehr gern gelesen habe, muss ich mir diese kondensierte Fassung mal anschauen.
    Und wie schon andere bemerkt haben: die Aktualität ist immer wieder erschreckend. Die Menschheit scheint nicht klüger zu werden.

    Gefällt 1 Person

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