Theodore Dreiser: Sister Carrie (1900).

Erst 1981 wurde der erste Roman von Theodore Dreiser in der vollständigen Fassung verlegt – und erst jetzt liegt diese in deutscher Übersetzung vor.

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Für die Männer ist sie vor allem ein Objekt (der Begierde), eine Projektionsfläche: Sister Carrie. Bild: Birgit Böllinger

„Welche menschlichen Tragödien ein derartiges Umfeld auslöst, wird oft übersehen. Die Schönen und Mächtigen schaffen eine Atmosphäre, die sich ungut auf die Kleinen und Unbedeutenden auswirkt, eine unmittelbar spürbare Atmosphäre. Schlendere an den prachtvollen Villen, den herrlichen Equipagen, den goldglitzernden Geschäften, den Restaurants und Nachtclubs vorbei, atme den Duft der Blumen, Seidenstoffe, Weine ein, trinke vom Lachen, das aus in Luxus gebetteter Kehle klingt, von Blicken, die wie kühne Speere funkeln, spüre das Lächeln, das wie ein glänzendes Schwert schneidet, und betrachte den von Macht und Einfluss beschwingten Gang und du begreifst, aus welchem Stoff die Welt der Reichen und Mächtigen gemacht ist. Der Einwand, dass das nicht das Reich der Verheißung ist, nutzt wenig, solange der Großteil der Menschen davon fasziniert ist und es für das einzig Erstrebenswerte hält.“

Theodore Dreiser, „Sister Carrie“, gekürzte Erstausgabe 1900, erste vollständige amerikanische Ausgabe 1981, 2017 in der Übersetzung von Susann Urban erschienen in „Die andere Bibliothek“.

Auch auf Carrie, die junge naive Schöne vom Land, übt diese Welt des Luxus ihre Faszination aus. Die junge Frau, die versucht, in Chicago Arbeit zu finden und Fuß zu fassen, erstickt förmlich in der ärmlichen Enge der Wohnung ihrer Schwester und des Schwagers, bei denen sie zunächst unterkommt. Sie ist ein Mädel vom Lande, weder berechnend noch raffiniert, aber mit der insgeheimen Sehnsucht nach einem „besseren Leben“. Fast schon etwas herablassend führt der amerikanische Romancier die Hauptfigur seines Debüts ein, an der sich in der Literatur und in damaligen Leserkreisen die Geister schieden – die Andeutung von Sexualität, eine Heldin, die ohne Trauschein mit Männer zusammenlebte, all dies erschreckte das prüde Amerika.

„Caroline oder Sister Carrie, wie die Familie sie beinahe zärtlich nannte, verfügte weder über große Beobachtungsgabe noch über analytischen Verstand. Ihre hervorstechende Eigenschaft war ein ausgeprägter, wenn auch nicht besonders aggressiver Egoismus. Voll jugendlicher Flausen, nichtssagend hübsch wie viele in diesem Alter, mit einer Figur, die durchaus Potential versprach, und einem Blick, der auf eine gewisse Intelligenz schließen ließ, war sie das Inbild der amerikanischen Mittelklasse in der dritten Einwanderergeneration. (…) Eine schlecht gerüstete Glücksritterin, die voll vager, wilder Eroberungsphantasien in die Begegnung mit der geheimnisvollen Stadt zog, um sich diese untertan zu machen, bis sie wie ein reuiger Sünder vor dem eleganten Damenschuh zu Kreuze kriechen würde.“

Einige hundert Seiten später ist es dann so weit: Carrie ist ein gefeierter Theaterstar, die Reichen, Neureichen und die „demi monde“ New Yorks liegen ihr tatsächlich zu Füßen. Und ihr Schöpfer, der Autor, geht etwas freundlicher mit ihr um, schildert, wie die im Grunde gutmütige und lebenskluge Frau trotz ihres „moralisch verwerflichen“ Lebensweges eine suchende Seele bleibt – eine, die sich nach anderen Werten sehnt, die sich auch, im Gegensatz zu den beiden Männern, mit denen sie zusammenlebte, geistig weiterentwickeln will.

Die Zitate geben schon einen dezenten Hinweis: Ein begnadeter Autor war Theodore Dreiser (1871 – 1945) nicht. Ilija Trojanow spart dies in seinem Nachwort zur ersten deutschen Übersetzung der vollständigen Carrie-Fassung nicht aus:

„Man könnte Theodore Dreiser unterschätzen, denn seine Schwächen sind evidenter als seine Stärken. Gelegentlich sind seine Plots konstruiert, seine Figuren einfach gestrickt. Er liebt die Wiederholung und es wäre unfair, jedes Wort – oder jeden Satz – auf die Goldwaage zu legen: Sein Stil ist stellenweise schwerfällig und weitschweifig.“

Und dennoch wurde und wird Theodore Dreiser, der als einer der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Naturalismus gilt, von Schriftstellern verehrt, werden einzelne seiner Bücher in den einschlägigen „Bestenlisten“ geführt („Sister Carrie“ beispielsweise hier in „The hundred best novels“ im „Guardian“). Warum also „Schwester Carrie“ lesen – am besten im Galopp, wie Saul Bellow riet?

Es ist weniger die Figur der Carrie, die mich an diesem Roman faszinierte, ja, im Grunde blieb sie mir fremd, ein wenig blass. Viel eindrücklicher, beinahe auch herzergreifend, beschreibt Dreiser den Fall ihres zweiten Liebhabers, eines einigermaßen gut situierten Geschäftsmanns aus Chicago. Er, der ein sinnentleertes Leben als Barmanager führt, in einer kalten Ehe lebt, für seine Kinder vor allem als Geldgeber fungiert und keine tiefergehenden menschlichen Beziehungen pflegt, meint, Carrie „besitzen“ zu müssen: Die junge Frau erscheint ihm wie die Verheißung auf ein besseres Leben, sie wird – wie später auch am Theater – zu einem „Objekt“, einem Objekt der Begierde.

Hurstwood begeht einen Diebstahl, entführt Carrie förmlich, versucht, in New York eine neue Existenz aufzubauen – und scheitert kläglich. Dieser langsame Niedergang eines Mannes, der am Ende in die Obdachlosigkeit und zum Suizid führt, die Schilderung seiner Verwahrlosung, der zunehmenden Depression, die mit dem Abstieg eintritt, all dies beschreibt Theodore Dreiser, der sich als Sozialist stets für die Anliegen der Unterprivilegierten einsetzte, mit direkter, ursprünglicher Kraft.

„Vielleicht“, so schreibt Trojanow, „liegt ja Dreisers Kraft gerade in dieser Empathie begründet. Weder seziert er Hurstwood bis aufs Skelett noch durchleuchtet er ihn mit dem Salonblick eines geübten Psychologen, Er fühlt mit und lässt uns mitfühlen, darin Victor Hugo ähnlich, oder hierzulande Heinrich Böll, zwei weitere höchst einflussreiche Autoren, die den hochgestochenen Anforderungen einer elitären Literaturkritik nicht zu genügen schienen. Empathie als literarische Qualität fällt oft unter den reich gedeckten Tisch des Ästhetischen.“

Wer also bereit ist, auch einige etwas zähe Stellen in Carrie zu überstehen, der wird belohnt – durch einen Roman, der schon sehr früh und spürbar kritisch den „amerikanischen Traum“ durchleuchtete.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Sister-Carrie::721.html

16 comments on “Theodore Dreiser: Sister Carrie (1900).”

  1. Ah, „Die andere Bibliothek“ – die versuche ich schon seit Jahren zu meiden, da ich befürchte eine weitere Literaturgrube auszuheben, in der ich mein Geld versenken kann. 😉 – Der Roman klingt natürlich (wie so meist bei Titeln auf Deinem Blog) hochinteressant. Und die Tatsache, dass Trojanow – von dem ich literarisch jetzt nicht allzu viel halte – ihn kritisiert, fördert dieses Interesse noch. Aber wie gesagt: Diese Büchse der Pandora werde ich mal (vorerst) nicht öffnen. 😉

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    1. Eigentlich kritisiert Trojanow den Roman nicht, sondern verteidigt ihn – also appelliert daran, die literarischen Schwächen zu übersehen. Da steht Trojanow ja im Grunde in der Tradition von Dreiser und z.B. Upton Sinclair: Die engagierte Literatur ist vielleicht nicht immer die beste Literatur, wenn man nur ästhetische Maßstäbe anlegt. Aber – jedenfalls für mich – ist sie wichtige Literatur, die die Augen öffnen kann, den Geist, das Kritikbewußtsein…

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      1. Mea Culpa. Dann habe ich das falsch herausgelesen. – Nein, die Ästhetik allein sollte nicht der Maßstab sein, da gebe ich Dir Recht. Wer in so limitierten Bahnen unterwegs ist, würde sich um sehr viele herausragende und wichtige Bücher bringen.

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  2. Und schon wieder eine Erinnerung an die frühe Jugend. 🙂 Der Dreiser stand bei meinen Eltern im spärlichen Bücherschrank – wahrscheinlich ein Buchclub-Buch. Ob ich es wohl noch habe? Damals mochte ich es nicht besonders, warum, weiß ich leider nicht mehr. Ich fürchte, ich muss schon wieder kramen. Und vielleicht gleich mal Staub wischen.

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  3. Liebe Birgit, auch Ästhetik ist ja zu einem gewissen Grad subjektiv. Mich haben die Zitate jedenfalls angesprochen. Aber nun bin ich ja auch keine Literaturkritikerin, sondern vor allem Leserin. Was mein Interesse ebenfalls weckt, ist, dass die Thematik ja immer noch aktuell ist. Liebe Grüße, Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      ja, und unabhängig von ästhetischen Kriterien ist mir das beim Lesen fast noch wichtiger – was hat ein Buch zu sagen, wie kann es mich bewegen, aufrütteln etc.? Und da gibt es bei Sister Carrie sehr viel zu entdecken – beispielsweise in politischer Hinsicht einen Streik, bei dem sich Arbeiter gegen „Arbeit auf Abruf“ wehren wollen. Etwas, was z.B. den Mindestlohn unterläuft und von Unternehmen heute wieder ausgeübt wird – beispielsweise von „H & M“, die so ihre Verkäuferinnen mit schlecht bezahlten Teilzeitjobs ausbeuten.

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      1. Diese Thematik zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Denk nur an Uber. Bei beiden Büchern, die Du gerade vorgestellt hast, finde ich es erschreckend, wie aktuell sie klingen. Eigentlich gibt es so viel Veränderungsbedarf, um die schönen neuen Möglichkeiten der modernen Arbeitswelt für alle vorteilhaft zu gestalten und nicht nur die Eigenkapitalrendite der Unternehmen zu erhöhen. Da kann ich beim Anblick der deutschen Politik ( und nicht nur der) nur den Kopf schütteln. Liebe Grüße, Peggy

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      2. Ja, manchmal hat man das Gefühl, alles macht eine Rolle rückwärts – Neoliberalismus. Politik und Wirtschaft agieren menschenfeindlich (siehe Siemens) und kurzsichtig: Wenn man keine Verantwortung übernimmt, wird man entsprechendes ernten, fürchte ich. Und dass Autoren darüber sich bereits die Finger wund schrieben, dass das alles schon einmal öffentlich diskutiert wurde, das könnte einen resignieren lassen.

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  4. Wieder was Unbekanntes für mich… Mir gefällt dieser USA-Schwerpunkt hier. Ich lese gelegentlich gern Zeitgenössisches aus Nordamerika, aber mir fehlt ein gewisser Untergrund aus früheren Epochen (Henry James kann man wohl kaum zählen, oder wie ist das?!). Das ist mal wieder eine spannende Empfehlung. Danke dafür!
    Bin immer wieder beeindruckt von der Vielfalt und Fülle Deiner Lektüre. Weiss nicht, wie und ob ich dazu kommen würde – aber dafür gibt es ja praktischerweise Dich! 😉

    (und noch am Rande: hab vorletztes Jahr bei einem der Gewinnspiele beim Münchner Literaturfest den damals neuen Trojanow gewonnen, voll schöne gebundene Ausgabe. Aber gar net meins… Wurde nach der Lektüre weiterverschenkt…)

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    1. Ich mag die nordamerikanische Literatur, weil sie Autor/innen hat, die einfach sehr kraftvoll erzählen können. Wieso meinst Du, Henry James gehört nicht dazu (zu den Grundlagen)? Weil er zu „verfeinert“ oder zu „europäisch“ war? Jedenfalls – er und Edith Wharton stehen vielleicht für ein besonderes Element der amerikanischen Literatur (so ein wenig sohphisticated, auch ein wenig highbrow), und man könnte z.B. in gewissen Aspekten Truman Capote als einen Nachfolger sehen… Henry James gehört jedenfalls auch zu den Blog-Grundlagen 🙂 https://saetzeundschaetze.com/2016/11/28/henry-james-die-gesandten/

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      1. Ja, zu „europäisch“ und irgendwie ja fast Engländer… Obwohl natürlich sein typischer Blick von aussen doch amerikanisch ist. Und mit Wharton geht es mir genaus so: grosser Genuss, aber vom Gefühl her so was von in den grauen Urzeiten dieses Kontients, dass ich kaum eine Verbindung zu späteren Generationen feststellen kann. Was aber sicher auch an den enormen gesellschaftlichen Umwälzungen nach 1900 liegt.
        Deinen James-Artikel guck ich mir sofort an, danke! Und ich freu mich auf alles, was noch so kommt, egal ob Amerika oder ganz wo anders.

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