Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben (2016).

Wie Hemingway kühl und auf Kosten anderer seinen Erfolg als Schriftsteller plante: The Sun Also Rises war ein Skandal mit Ansage.

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Bild: Birgit Böllinger

„Hemingway war von [uns] beiden geformt worden“, erinnerte sich Stein später in ihrer Autobiography of Alice B. Toklas, und sie seien „beide ein bisschen stolz auf und beschämt über [unser] Geisteskind gewesen.“ Hemingway, zu dem Ergebnis kamen sie, habe etwas von einem Feigling und einem Schwindler. Sie nahmen ihm sein übertrieben männliches Image einfach nicht ab.
„Was für ein Buch, stimmten [wir] beide überein, wäre die wahre Geschichte von Hemingway“, schrieb Stein. „Nicht die, die er schreibt, sondern die Bekenntnisse des wahren Ernest Hemingway.“
Und schließlich glaubten sie ohnehin nicht, dass er verstanden habe, worauf es ihnen in stilistischer Hinsicht ankam. Er gebe sich große Mühe, modern zu wirken, aber für Stein „roch er nach Museen.“

Lesley M. M. Blume, „Und alle benehmen sich daneben“, OA 2016, in deutscher Übersetzung durch Jochen Stremmel 2017 bei dtv erschienen.

Ich möchte es einfach sagen dürfen: Was für ein unsympathisches Großmaul! Man mag zu seinen Werken stehen, wie man will – vieles davon, so seine Erzählungen, die Novelle „Der alte Mann und das Meer“ sind großartig, anderes für mich dagegen schlichtweg unlesbar – aber der Mensch hinter dem Werk war mir noch nie sympathisch. Alles too much: Zu viel verbale Aufschneiderei, zu viele Selbstinszenierungen beim Jagen, Fischen und Trinken, zu viel Machotum. Das Wissen, dass dahinter wohl ein sehr verletzbares, unsicheres Wesen steckte, auch das Wissen um seinen Suizid trug nicht wesentlich dazu bei, dass mir der Autor näher kam – er blieb in meinen Augen ein „Schwindler“.

Wie sehr er schwindelte, wie wenig ihm so simple Werte wie Loyalität gegenüber Freunden und Förderern, selbst gegen Ehefrauen, Rücksichtnahme und Verschwiegenheit etwas galten, wenn es um die eigene literarische Karriere ging, das alles zeigt die amerikanische Journalistin Lesley M. M. Blume in ihrer Biographie „Everybody behaves badley: the true story behind Hemingway`s masterpiece The Sun also rises.“ Die umfangreichen Quellennachweise zeigen: Die Frau hat ihren Job gründlich erledigt, intensiv recherchiert. Es würde dem Buch also nicht gerecht, bezeichnete man es als Tratsch- und Klatschkompendium mit literarischem Anspruch (wobei so kurz gefasst es auch nicht ist, es birgt schon manche Redundanz und kleinere Längen). Und doch ist es vor allem das Plaudern über die Zickenkriege zwischen männlichen Literaten, die dieses Buch so höchst unterhaltsam machen. Der Tratsch über wer-mit-wem und warum-und-wieso, der offenbar auch das Leben dieser amerikanischen Bohème in New York und Paris prägte. Und die größte Tratschtante von allen (im Bayerischen gibt es dafür den schönen Ausdruck „Ratschkattl“) war nun mal Mr. Hemingway.

Lesley M. M. Blume fokussiert sich auf die Anfangsjahre dieses von hemmungslosem Ehrgeiz und großer Geltungssucht getriebenen Menschen. Sie beschreibt die ersten Jahre bis zum Durchbruch, der mit dem 1926 erschienenen Debütroman „The Sun Also Rises (Fiesta)“ begann. Als Hemingway 1921 nach Paris kam, hatte er außer einigen Erzählungen noch wenig vorzuweisen – aber Paris, das war der Ort, an dem er glaubte, all die Erfahrungen, das Erleben und Leben aufsaugen zu können, die er zum Schreiben brauchte. Zudem war Paris das Zentrum der literarischen Welt: James Joyce, die Fitzgeralds, Gertrude Stein, Ezra Pound, Anderson Sherwood, all jene, von denen er glaubte, lernen (und profitieren) zu können, lebten dort. Wie sehr er seine Rolle als bescheidener Anfänger stilisierte, das ist im erst später erschienenen „Paris, ein Fest fürs Leben“ nachzulesen – seine Zeitgenossen hatten andere Erinnerungen an ihn, erkannten, wie sehr er sie benutzte:

„Er machte ungeniert Anleihen bei ihr [Gertrude Stein], begann aber, ihre Ideen zu hemingwayifizieren, indem er sie alle subtiler, attraktiver, zugänglicher machte.“

Stein und Sherwood Anderson nutzt er, um sein Schreiben zu perfektionieren. Andere nutzt er, um überhaupt etwas zum Schreiben zu haben: Der eigentliche Skandal an „Fiesta“ war die Erkennbarkeit der nur leicht fiktionalisierten Figuren. Nicht von ungefähr zerbrachen nach der Fiesta zahlreiche Freundschaften und seine Ehe mit Hadley, der Frau, die ihm den Rücken für sein Dasein als Schriftsteller freigehalten hatte. Für Hemingway wird das Buch ein überwältigender Erfolg, wie Lesley M. M. Blume ausführt, für die Menschen, die als Vorlagen für den Roman benutzt wurden, wurde er zum Teil zum Disaster. Den Schriftsteller Harold Loeb – im Roman als Robert Cohn dargestellt – traf „The Sun Also Rises“ laut Blume „wie ein Schock“:

„Das Buch traf mich wie ein Kinnhaken“, erinnerte er sich später. Er durchforstete das Buch nach Passagen über Robert Cohn. Die „unnötige Gehässigkeit“ schockierte ihn genauso wie die weitgehende Übernahme seiner persönlichen Vorgeschichte. Seiner Ansicht nach wäre es für Hemingway genauso leicht gewesen, die Biografien aller Figuren so zu verändern, dass er und die anderen nicht auf Anhieb zu erkennen gewesen wären.“

Die Figuren, das sind vor allem die Freundeskreise, mit denen Hemingway in Paris verkehrte und mit denen er einen Ausflug in die Stierkampfstadt Pamplona unternahm. All das, was dort geschah – das Buhlen um eine Frau, die Verführung eines jungen Torero, die Besäufnisse und Prügeleien – all das verdichtete Hemingway in diesem zugestandenermaßen bis heute faszinierendem Roman. Auf persönliche Beziehungen nahm er dabei keine Rücksicht.

Lesley M. M. Blume gelingt jedoch der Spagat, das rüde Vorgehen Hemingways zu schildern ohne jedoch die innovative Kraft, die der Roman seinerzeit hatte, zu schmälern. Sie verfällt angesichts der Makel und Unzulänglichkeiten des Charakters Hemingway, diesem vom Ehrgeiz zerfressenen Schriftsteller, nicht in unreflektierte Schwärmerei, zeigt auf jeden dunklen Flecken auf seiner Weste – unter anderem auch seinen latenten Antisemitismus – hin. Aber dennoch ist spürbar, wie sehr sie den Roman an sich und seine unmittelbare Kraft schätzt:

„Was hier nun folgt, ist die Geschichte, wie Hemingway überhaupt erst zu Hemingway wurde – und die des Buches, das alles in Gang setzte. Die Vorgeschichte des Romans The Sun Also Rises und die des Aufstiegs seines Autors sind identisch. Literaturkritiker stellen seit langem Hemingways zweiten Roman A Farewell to Arms (In einem anderen Land) als den Roman hin, der ihn zu einem Giganten im literarischen Pantheon machte, aber in mancher Hinsicht ist die Bedeutung von The Sun Also Rises viel größer. In Sachen Literatur führte dieses Buch die breite Leserschaft ins 20. Jahrhundert.“

Und nicht zuletzt machte der Roman Hemingway zur Stimme der „Lost Generation“ – wenn er auch diesen Ausdruck, wie so vieles andere, von Gertrude Stein abgekupfert hatte.

„Und alle benehmen sich daneben“: Ein unterhaltsames und informatives Buch nicht nur (oder vielleicht auch gar nicht) für Hemingway-Leser, aber auch für alle, die an dieser Blütezeit der amerikanischen Literatur interessiert sind.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.dtv.de/buch/lesley-m-m-blume-und-alle-benehmen-sich-daneben-28109/

9 comments on “Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben (2016).”

  1. Obwohl Hemingway bei Sylvia Beach sehr gut wegkommt, habe ich von ihm auch schon Bücher weggelegt, weil ich sie aufgrund des Machogehabes unlesbar fand. „The Sun always rises“ steht aus diesem Grund noch ungelesen im Regal (immerhin nicht in einer Kiste im Keller). Das Buch, das Du hier vorstellst, ist ja eine ideale Begleitlektüre. Bei Gertrude Stein bin ich mir allerdings auch nicht sicher, inwieweit ihre Äußerungen auf Verbitterung (sicherlich teils zu Recht) und einen daraus erwachsenen Neid zurückzuführen sind. Liebe Grüße, Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      mit Deiner Vermutung, dass auch Gertrude Stein verbittert und neidisch war, hast Du sicher nicht Unrecht – das war mein erster Eindruck, als ich seinerzeit erstmals die Autobiographie las, und das ist durch dieses Buch hier und durch andere Lektüren durchaus auch bestätigt. Offenbar war das doch ein gnadenloser Konkurrenzkampf um Anerkennung in dieser Clique. The Sun Also Rises wollte ich eigentlich jetzt parallel dazu lesen, aber ich habs wieder abgebrochen – ich glaube, das ist jetzt nicht die richtige Zeit dafür bei mir.

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  2. Guten Morgen, Birgit, das hört sich sehr interessant und unterhaltsam an. Ich glaube nicht, dass sich die Szenen in Literatur und auch Kunst und Film groß geändert haben. Auf den oberen Stufen der Pyramide ist nur für wenige Leute Platz und entsprechend rau sind die Sitten, um dorthin zu gelangen.
    Aber gibt es heute in der Literatur noch so schillernde Figuren? Oder werden sie erst in 100 Jahren als schillernd empfunden werden?
    Liebe Grüße aus dem heute sonnigen Berlin von Susanne

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    1. Liebe Susanne, nun Knausgard ist vielleicht so ein „Popstar“, aber literarisch kommt er in meinen Augen an Hemingway nicht ran. Und dann kommen ja immer wieder so „junge Wilde“, die alles aufmischen wollen – man wird sehen (wir vielleicht nicht mehr), ob ihr Werk Bestand behält. Liebe Grüße Birgit

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      1. Liebe Birgit,
        das ist auch in der Kunst die Frage: welches Werk hat Bestand. Gerne würde ich in eine Zeitmaschine steigen 😉 und vor und zurück reisen, um meine Neugier zu befriedigen.
        Von Knausgard habe ich ein Buch im Regal und eines in meiner Hörbuchbibliothek zu stehen, habe beide auch mal angefangen aber kann mich noch nicht wirklich dafür erwärmen. Manchmal braucht es mehr Anläufe für ein Buch.
        Liebe Grüße von Susanne

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