Bayerischer Buchpreis: Gedanken zum Countdown

In wenigen Tagen entscheidet eine Jury über die diesjährigen Bayerischen Buchpreise. Die Buchpreisblogger haben bereits jetzt ihre Favoriten gefunden.

9 Kommentare
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Wer bekommt den Löwen? Bildquelle: https://pixabay.com/de/users/stux-12364/

In wenigen Tagen, am kommenden Dienstag, fällt die Entscheidung – welcher Roman, welches Sachbuch erhält heuer den Bayerischen Buchpreis? Wie bereits schon erwähnt, fällt die Jury ihr  Urteil nicht hinter verschlossenen Türen, sondern diskutiert dies alles live und vor Publikum.

Für uns drei Buchblogger – Katharina Herrmann von 54books, Marius Müller von Buch-Haltung und ich – wird das wohl besonders spannend: Immerhin haben wir uns in den vergangenen Wochen ebenfalls intensiv mit den sechs Büchern auseinandergesetzt. Erstmals wird der Bayerische Buchpreis von Literaturblogs – wie es beim Deutschen Buchpreis seit einigen Jahren schon guter Usus ist – begleitet: Wir haben die Bücher gelesen, über sie berichtet und uns natürlich ein Urteil gebildet.

Alle Rezensionen im Überblick findet ihr hier:
https://saetzeundschaetze.com/2017/10/18/baybuch-shortlist/

Wie sehr wir mit den Begründungen der Jury übereinstimmen, mit welchen Argumenten die einzelnen Jurymitglieder „ihre“ Bücher vertreten und wer dann am Ende tatsächlich den „Löwen“ mit nach Hause nimmt – das wird prickelnd. Wer übrigens Lust hat, mit dabei zu sein, der kann dies per Livestream: Der Bayerische Rundfunk als Medienpartner des Buchpreises überträgt die Verleihung ab 19.30 auf der Facebook-Seite des Kulturmagazins „Capriccio“. Und wir beteiligten Blogger werden wohl auch das eine oder andere live von der Veranstaltung unter dem Hashtag #baybuch twittern.

Zudem läuft auf der Internetseite des BR bereits eine Publikumsabstimmung zu den Titeln:
http://www.br.de/themen/kultur/bayerischer-buchpreis-136.html

Für uns Blogger bereits die erste Überraschung! Momentan führt dort das Ranking „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz an, ausgerechnet das Buch, das für mich die größte Herausforderung darstellte. Wieso? Das hängt wohl auch damit zusammen, welche Erwartungen man an das „beste Buch“ des Jahres stellt.

Egal, für welches Buch sich eine Jury (egal bei welchem Preis) auch immer entscheidet, die Kritik daran folgt wie das Amen in der Kirche: Den einen ist der Titel zu populär und zu platt, die Entscheidung der Jury zu wenig mutig, den anderen ist das Buch zu unverkäuflich, zu weit weg von den Lesern, zu abgehoben, usw. Als Bloggerin hat mir die Begleitung des Bayerischen Buchpreises einmal mehr bewusst gemacht, wie schwierig, ja beinahe unmöglich es ist, das „beste Buch“ des Jahres zu benennen.

Im Bereich der Belletristik gibt es zumindest Vergleichsmaßstäbe, die, lässt man die reine Genreliteratur außen vor, Orientierung bieten können: Sprache, Stil, Inhalt, Struktur, auch die Lust des Autors an Experimenten und neuen Formaten können in Betracht gezogen werden. Klar ist dabei auch für mich: Ob sich ein Buch gut verkaufen lässt – eine Forderung, die immer wieder an den Deutschen Buchpreis formuliert wird – sollte kein Maßstab sein für eine Jury, die tatsächlich das beste (und nicht das meistverkaufte) Buch sucht. Dennoch ist kein Jurymitglied ein Neutrum – bei jedem spielen wohl persönliche Konstitution, individueller Geschmack, Vorlieben und Erfahrungen zumindest unbewusst eine Rolle.

So ringen mit Blick auf die drei belletristischen Titel zwei Seelen in meiner Brust: Ginge es nur um Sprachgewalt und Stil, so wäre ich mit dabei auf dem „Floß der Medusa“. Es ist, keine Frage, ein herausragendes Buch, das auch die BR-Publikumswertung mit weitem Abstand anführt. Jedoch: Als Leserin hat mich „Justizpalast“ weitaus mehr angesprochen. Stilistisch sind beide Bücher kaum vergleichbar – dass Petra Morsbach mich mit ihrer trockenen, ironischen Sprache überzeugte, das liegt, ich gestehe es ganz offen, an meiner persönlichen Vorliebe für diesen Duktus. Und: Diese Buch „holte“ mich mit seiner Thematik weit mehr in meiner Gegenwart ab denn die Schiffskatastrophe vor der westafrikanischen Küste.

Bayerischer Buchpreis Logo 2017_cmykZurück zu den blau-roten Singularitäten: Wie aber beurteilt man das beste Sachbuch eines Jahres? Was macht das beste Sachbuch aus – vor allem wenn ein eher geistes- bzw. kulturwissenschaftliches Essay, eine historische Langzeituntersuchung und ein sehr akademisches soziologisches Werk auf der Shortlist stehen? Also drei Inhalte, die kaum vergleichbar sind? Vor allem, wenn die drei zur Diskussion stehenden Werke so unterschiedlich bereits in ihrer Themenstellung sind? Ein kulturphilosophisches Essay, eine historische Abhandlung, eine soziologische Untersuchung? Was ist entscheidend – der wissenschaftliche Mehrwert, die Aktualität, die Gründlichkeit der Recherche, das Publizieren neuer Thesen und Erkenntnisse? Ich muss gestehen, dass mir dazu sowohl Hintergrundwissen als auch das Handwerkszeug fehlen, um sowohl „Rot“ von Gerd Koenen als auch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ wirklich in ihrem jeweiligen Kontext beurteilen zu können.

Was also für mich bleibt, ist als Vergleichsmaßstab Sprache, Verständlichkeit und Stil anzulegen. Die Forderung nach einem eingängigen Stil auch bei Sachbüchern hat für mich nichts mit platter Popularität oder „Verkäuflichkeit“ zu tun. Als Journalistin bin ich es gewohnt, auch komplizierte Sachverhalte so zu vermitteln, dass sie einigermaßen allgemeinverständlich sind – und das erhoffe ich mir als Leserin von einem Sachbuch: Anspruchsvoll im Inhalt, auf der Höhe der Zeit, aber in einer Sprache, die sich jedem interessierten Leser öffnen kann. Reckwitz ist in meinen Augen davon weit entfernt. Jürgen Goldstein dagegen bezauberte mich mit der Eleganz seines Stils – und mit einem Buch das im positiven Sinne populär ist.

Das Publikum votet beim BR derzeit also überwiegend für die Singularitäten, unter uns Buchpreisbloggern führt dagegen „Blau“ – mal sehen, welche Entscheidung am Dienstag die Jury fällt. Spannend wird das allemal.

Und bitte, vergesst nicht, diesen Beitrag zu liken, denn wie Andreas Reckwitz schreibt:

„Die Profile institutionalisieren eine affektive Positivkultur des digitalen Subjekts, weil die Affizierungen, die hier verhandelt werden, nahezu durchgängig von positiver Valenz sind.“

9 comments on “Bayerischer Buchpreis: Gedanken zum Countdown”

  1. Ich like nicht nur, damit Reckwitz Recht behält mit der institutionalisierten, affektiven Posiitivkultur des digitalen Subjekts, sondern steigere das, indem ich auch noch kommentiere.
    „Die Gesellschaft der Singularitäten“ führt das Netz-Klick-Rating vermutlich weniger ob des Inhalts als Dank des griffigen Titels an. Das klingt halt zeitgemäß und aktuell. Gelesen haben und lesen werden das wohl die wenigsten.
    Mein belletristisches Herz schlägt für Franzobel, weil es schon beim Deutschen Buchpreis etwas lauter als für Menasse für ihn schlug. (Gestehe aber gleichzeitig, Morsbach noch nicht gelesen zu haben… So ist das halt mit den persönlichen Vorlieben.)
    lg_jochen

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    1. Lieber Jochen, so ist das mit den Affekten in der digitalen Welt 🙂 Deine Vermutung zum Reckwitz-Buch teile ich – ging mir im ersten Affekt auch so, als ich nur die Titel der drei Shortlist-Sachbücher hörte. Das fand ich aufgrund des Themas sofort spannend – aber wie Katharina in ihrer Besprechung schreibt (sie war die Tapferste und hat bis zur letzten Seite durchgehalten): Es ist ein typisches Suhrkamp-Soziologie-Buch, also wirklich nur bei allerbestem Willen und einem sehr lebhaften Interesse wirklich interessant. Ja, der Franzobel – er sollte eigentlich lauter Sonderpreise gewinnen, das wäre die Lösung. Die Hauptstadt lese ich gerade – finde ich auch sehr, sehr gut. Aber da geht es mir jetzt ähnlich wie mit „Justizpalast“: Beide Bücher sind klasse, auch thematisch einfach auf der Höhe der Zeit und sprechen mich sehr unmittelbar an. Vielleicht sollte man für solche Romane wie „Das Floß der Medusa“ eigene Kategorien schaffen – der Sonderpreis für einen zukünftigen Klassiker. LG Birgit

      Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Birgit,
    ichentscheide mich völlig einseitig und subjektiv und von allem Vergleichsballast befreit für den „Justizpalast“, weil ich aus dem Bereich der Romane nur den gelesen habe. Und mir richtig gut gefallen hat, wie vielschichtig Morsbach das Thema der „Gerechtigkeit“ verhandelt, in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen, in denen die Protagonistin durch den Justizpalast wandert, mit Auswirkungen in ihr Privatleben und das anderer Kollegen, mit Blick auf die „kleinen“ Fälle ihres Mannes aus der Nachbarschaft usw. In einer Sprache, die einmal sehr schön ironisch ist, zum anderen aber immer wieder die besonders trockene und logisch strukturierte Art der Subsumtion – so weit es denn in einem erzählenden Text gerade noch geht – durchscheinen lässt.
    Die „Singularitäten“ interessieren mich auch sehr, aber ich habe erst die Einleitung gelesen und kann insofern noch nicht so ganz viel dazu sagen. Ich finde den Gedanken der Individualisierung und Personifizierung (als Synonyme für die Singularisierung) aber äußerst interessant, denn in der Welt der Waren haben wir diese Entwicklung ja schon lange und die Digitalisierung leistet dem extremen Vorschub. In der Schule, um nur einmal ein weiteres Beispiel zu nennen, haben wir BIldungspläne, in denen es – der Entwicklung zu Parallel- und Einheitsprüfungen zum Trotz – immer mehr darum geht, Schulen mit ganz eigenem Profil auszustatten und vor allem auch jeden Schüler in seiner Individualität wahrzunehmen und ganz individuell zu fördern – durch eigene Lernkonzepte, unterschiedliche Arbeitsblätter in einer Unterrichtsstunde usw.. Für mich ist das die Quadratur des Kreises (vor allem bei 25 bis 30 Schülern in einer Klasse) – aber nun weiß ich wenigstens, woher dieser Gedanke kommt. Und wir finden dies ja noch in vielen anderen Bereichen, nicht zuletzt bei den Beiträgen der Schönheits-, Fitness und Ernährungsblogger und -vlogger (sowie anderen hemmungslosen Influencern ;)), deren merkwürdige Veröffentlichungen durch viele Klicks Kultstatus bekommen. – Ja, Rechwitz drückt sich manchmal ein bisschen arg professoral aus, es sei ihm gestattet. – Aber – wie gesagt – ich habe es erst mit der Einleitung versucht.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Claudia, über Petra Morsbach haben wir uns ja bereits ausgetauscht – da sind wir uns einig. Und wenn Franzobel – auch zu Recht – den Buchpreis bekommt, dann erhält sie von uns Bloggerinnen den Preis der Herzen, so richtig influencemäßig 🙂 Bei Reckwitz kann ich einfach nicht wirklich fundiert mitsprechen – natürlich ist das Thema brennend (wobei er sich ja nicht nur auf die digitalisierte Welt bezieht), aber inwiefern er der Soziologie damit wirklich neue Ansätze beschert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Ganz neu sind ja die Begriffe der Individualisierung und Singularität nicht. Inwiefern er hier wirklich ein bahnbrechendes Sachbuch geschrieben hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich bin mal gespannt, ob Du es besprichst – das wäre sicher auch aufschlussreich! Das „arg professoral“ finde ich sehr nett ausgedrückt: Also, durch die Art seiner Sprache erfüllt er jedenfalls voll das Kennzeichen der „Besonderung“ 🙂 Liebe Grüße, Birgit

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Birgit, wie schön, dass du deine Kriterien für ein preiswürdiges Sachbuch so deutlich formulierst: „Anspruchsvoll im Inhalt, auf der Höhe der Zeit, aber in einer Sprache, die sich jedem interessierten Leser öffnen kann“. Genau darauf lege ich auch Wert. Und so drücke ich Jürgen Goldsteins „Blau“ die Daumen.

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