Theresia Enzensberger: Blaupause (2017).

Ein Roman über die allmähliche Emanzipation einer jungen Studentin am Bauhaus. Ein sachlicher Bericht – passend zum Stil der Bauhaus-Architektur.

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Bauhaus
Der Gropius-Bau in Dessau. Bild: By Mewes in de-Wikipedia – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=165180

„Besonders interessiert sie sich für mein Siedlungsprojekt. Bereitwillig erkläre ich ihr, was ich vorhabe, verliere mich manchmal im Fachjargon und bemerke zum ersten Mal, wie viel ich im letzten Jahr gelernt habe und wie durchdacht mein Konzept mittlerweile ist. Als sie nach der potenziellen Verwirklichung meiner Pläne fragt, erzähle ich ihr von meiner kläglichen Präsentation, von meiner Unterhaltung mit Meyer und von meinen Selbstzweifeln. Es tut gut, dass da jemand ist, der mir zuhört und mich ernst nimmt.

„Davon solltest du dich nicht aus der Bahn werfen lassen“, sagte Helene. „Weißt du, die Männer haben es wirklich nicht gerne, wenn wir Frauen in ihren Gebieten wildern. Und die Architektur ist nun einmal ein Hoheitsgebiet, auf das die Männer besonders Anspruch erheben. Frauen, die Häuser bauen, das können die sich gar nicht vorstellen.“

Theresia Enzensberger, „Blaupause“, Carl Hanser Verlag, 2017.

Selten geht es mir mit Romanen so wie mit diesem: Ich hatte ihn schon abgebrochen, enttäuscht zur Seite gelegt. Ich sah mich in meinen Erwartungen getäuscht – einen, „den“ Roman über die Frauen am Weimarer Bauhaus wollte ich finden und stieß zunächst auf einen ein wenig biederen, fast schon naiv klingenden Sprachstil, auf eine Erzählung, die sich irgendwo zunächst zwischen Coming of Age- und Campusroman einpendelte. Junge, wohlbehütete Frau kommt an Hochschule, betrachtet mit großen, runden Augen den Trubel dort, verliebt sich, entliebt sich, blättert nach und nach Konventionen ab.

Wem es zunächst beim Lesen so ergehen wird wie mir, dem rate ich zur Geduld – das Buch entpuppt sich nach und nach, analog zur Entwicklung seiner Hauptfigur, denn doch noch zu einer guten, fesselnden Lektüre. Es ist beinahe, als sei das Buch auch qualitativ in die zwei Zeitabschnitte, die es umfasst – Weimar 1921 und Dessau 1926 – gesplittet.

Wie Luise sagt:

„Mein eigener Groschenroman wird immer abstruser, aber am Ende steht immer der glückliche Ausgang, der eines solchen Romans würdig ist.“

Luise, wohlbehütete Unternehmerstochter aus Berlin, setzt sich 1921 gegen ihre Eltern durch: Sie will partout Architektur studieren, am „Staatlichen Bauhaus in Weimar“ von Walter Gropius, dem Pionier der „neuen Sachlichkeit“ in der Architektur. Bald wird die junge Frau von der Bauhaus-und Universitäts-Realität eingeholt: Im Fachbereich Architektur sind die männlichen Studenten tonangebend, allgemein ist das Bauhaus – trotz seiner gesamtgesellschaftlichen künstlerischen und sozialen Ansätze – eine Welt der Männer.

„Wie die Kunsthistorikerin Anja Baumhoff im Detail dargelegt hat, reichten die Vorstellungen am Bauhaus von der Zuordnung von Dreieck, Rot und Geist zu Männlichkeit und Quadrat, Blau, Materie zu Weiblichkeit (Gropius) über die Behauptung, Frauen sei zweidimensionales Sehen angeboren, und sie sollten daher lieber in der Fläche arbeiten (Itten), bis hin zu der Überzeugung, dass Genie männlich sei (Klee) und Schöpfertum generell mit Männlichkeit identisch sei (Schlemmer, Kandinsky).“

Ulrike Müller führt dies in ihrem Buch „Bauhaus-Frauen“, 2009 im Elisabeth Sandmann Verlag, später als „insel taschenbuch“ erschienen, aus – eine Lektüre-Empfehlung für alle, die sich einen ersten Überblick über die großartigen Bauhaus-Künstlerinnen verschaffen wollen. Während man bis heute diese Bewegung mit den Namen Gropius, Klee, Schlemmer, van der Rohe verbindet, sind die Bauhaus-Künstlerinnen weniger bekannt, wenn nicht gar vergessen: Ein Schicksal, das auch Luise Schilling, von der Theresia Enzensberger erzählt, widerfuhr.

20171016_164336Wie Luise mehr und mehr die Mechanismen erkennt, die dazu beitragen, dass auch am Bauhaus (an dem von Gropius in dessen ersten Ansprache „absolute Gleichberechtigung“ proklamiert wurde) geschlechtsspezifische Hierarchien vorherrschen (Frauen teilt man gerne der Webklasse zu), das flicht Theresia Enzensberger ganz sachlich, ruhig, fast schon unterschwellig in diesen Entwicklungsroman ein. Es ist die Erzählung einer allmählichen Emanzipation und Desillusionierung zugleich: Luise erlebt einen Ausbruch körperlicher Gewalt ihres Freundes, sie erlebt wie Gropius, der sie in ihren Arbeiten an einer Wohnsiedlung unterstützt, ihre Ideen als seine vereinnahmt. Das Buch endet mit einer Frau, die um viele Träume weniger, aber um einige Erfahrungen reicher dem Bauhaus ihren Rücken zukehrt.

„Blaupause“ ist jedoch mehr als die Entwicklungsgeschichte einer einzelnen Frau – der Roman dient mit seinen Schilderungen der Utopien und Ideen, die am Bauhaus herrschten, sowie der gesellschaftlichen Umbrüche, die die Weimarer Republik prägten zugleich auch als Blaupause für heutige Zu- und Umstände.

Pointe der Geschichte: Dem Roman sind einige Dokumente angehängt. Luise Schilling, die in die USA ausgewandert war, arbeitete in der New Yorker Stadtplanung. Sie hatte unter anderem die Entwürfe für das Pan-Am-Gebäude zu prüfen. 1959 schreibt sie:

„Und so begegne ich also Gropius wieder. Oder, besser gesagt, seinen Ideen. Mein erster Impuls dabei: ein niedriger. Wenn ich schon die Gelegenheit habe, Gropius bei seinem ersten Projekt in New York einen Strich durch die Rechnung zu machen, warum sollte ich sie nicht ergreifen?“

Sie tut es nicht, bleibt gelassen und souverän, obwohl in ihren Augen das Gebäude das ist, „was den Leuten inzwischen als modern gilt: höher, größer, phallischer.“

„Blaupause“ ist ein Roman, der erst mit der Zeit ein gewisses Tempo entwickelt. Dann aber liest man sich auch mehr und mehr in diese konventionell anmutende Schreibweise von Theresia Enzensberger ein. In einigen Besprechungen wurde der Stil kritisiert – für mich wurde er nach und nach stimmiger. Ein sachlicher Bericht – ganz wie er zum Stil des Bauhauses passt.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/blaupause/978-3-446-25643-9/

 

15 comments on “Theresia Enzensberger: Blaupause (2017).”

    1. Das hängt mit zwei Faktoren zusammen, meine ich: Mit den Strukturen des Bauhauses selbst – und mit der Konzeption der Ausstellung, in der die Leistungen der Frauen am Bauhaus völlig unterrepräsentiert sind. Ich hoffe, am neuen Museum wird das besser.

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  1. Danke für die schöne Rezi – mir ging’s ganz ähnlich. Als Jugendbuch hätte mir „Blaupause“ gefallen, im Erwachsenensegment war die Story mir zu kitschvoll und vor allem zu vorhersehbar. Aber auch ich fand den Text ab „Dessau“ besser, obwohl: Vollständig überzeugen konnte er mich nicht. Neutrale Sprache hin oder her, etwas „literarischer“ hätte er für mich schon sein können. Und dass hier sowohl die typisch gutbürgerliche Hauptfigur wie die Liebes-Dreiecksgeschichte so ziemlich 1:1 von Andreas Hilgers Bauhausroman „Gläserne Zeit“ von 2013 übernommen wurde, hust, machte es mir nicht leichter. Was mich allerdings brennend interessierte und worüber ich keine Infos im Netz fand: Gibt es wirklich Hinweise darauf, das Gropius gern mal die Entwürfe seiner Studenten klaute? Falls dem nicht so wäre, scheint mir die Pointe gar fürchterlich … Weißt Du da zufällig näheres?
    Liebe Grüße!

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    1. Ich fand die Sprache streckenweise zu schlicht, aber als kitschig kann ich sie nicht bezeichnen. Ob das aus dem anderen Roman übernommen wurde, kann ich nicht beurteilen, das Buch ist mir entgangen. Werde ich mir mal besorgen. Ich habe den Roman unter dem Aspekt des Umgangs mit Frauen am Bauhaus gelesen und als Entwicklungsroman einer Frau – das fand ich dann doch recht stimmig. Zur „Pointe“ kann ich auch nicht mehr sagen.

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  2. Liebe Birgit, wieder einnmal ist es, als ob Du meine Gedanken lesen könntest und meinen eigenen Plänen voraus bist. Meine Schwiegereltern leben ja in einem kleinen Dorf, das mittlerweile von Dessau vereinnahmt wurde. Für nächstes Jahr habe ich mir vorgenommen, endlich mal ein paar Tage länger als nur für den üblichen Familienbesuch zu bleiben und die Stadt etwas näher zu erkunden, auch wenn das neue Bauhaus-Museum dann noch nicht eröffnet ist. Hier lieferst Du mir gleich die passende Lektüre 🙂 Herzliche Grüße, Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      Gedankenlesen kann ich wirklich nicht 🙂 Aber mit dem ganzen Bauhaus habe ich mich die letzten Jahre etwas intensiver beschäftigt, zumal ich beruflich gerade auch mit den Themen neuer sozialer Wohnformen (Integriertes Wohnen, sozialer Wohnungsbau, etc.) etwas öfter zu tun habe. Davor waren privat Besuche in den Bauhausmuseen Weimar und Berlin – da fiel mir schon auf, wie sehr fokussiert die Ausstellungen doch auf die Männerleistungen sind.
      Dessau habe ich bislang noch nicht besuchen können – vielleicht lese ich sogar vorher Deinen Bericht 🙂
      Herzlichst, Birgit

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  3. Das Buch scheint genau für mich gemacht zu sein. Thema sowieso, sachlicher Bericht, sehr gut. Und schlichter konventioneller Stil auch. Keine ellenlangen Sätze, keine Sprachgirlanden: manchmal braucht’s gerade das. 😉

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    1. Manchmal ist es einfach passend, so geradlinig und schlicht zu schreiben (ein wenig hat mich das auch an den Stil der Autorinnen der neuen Sachlichkeit erinnert, über den ja zunächst auch die Nase gerümpft wurde). Nach einigen Brocken kam mir das gerade zur rechten Zeit.

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