Trude Krakauer: Kein Weg zurück aus dem Exil in das Niewiederland

Trude Krakauer floh aus dem besetzten Österreich in das Exil nach Kolumbien. Sie teilt das Schicksal vieler Exilanten: Vertrieben, verloren, vergessen.

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2017_Oberammergau (51)
Bild: Birgit Böllinger

Lichten Traum

Hofft, ihr werdet in der Heimat nisten,
Tröstlich winkt sie nach den Trennungsjahren.
Elend, wißt ihr, werdet ihr dort finden (…)

Trude Krakauer sah die „alte Heimat“, das „Niewiederland“, nur einmal wieder, 1981 bei einer Reise nach Österreich. Vom „Rückwärts gehen“ erwartete sie nicht viel, wie auch ihr beinahe trotzig klingendes Gedicht, datiert auf den 5. Februar 1948, vom „Lichten Traum“ erkennen lässt. Jedoch: Auch das Exil, Kolumbien, war nicht zur Heimat geworden, es gelang ihr in ihrem langen Leben nicht, hier vollständig Wurzeln zu fassen, nur Luftwurzeln blieben ihr, Wurzeln, die keine Erde fanden. Zum Ausdruck kommt dies in einem ihrer späteren Gedichte, „Luftwurzeln“ (Auszug):

Ich hab meinen Halt in der Erde verloren.
Luftwurzeln treib ich, blasse Gedichte,
Die zittern und schwanken und tasten ins Leere.

„Ich habe gerne hier gelebt, aber nie habe ich dieses Land als meine „zweite“ Heimat betrachtet. Man hat nur eine Heimat, so wie man nur eine Mutter hat“, schreibt sie 1993. Dabei verbrachte Trude Krakauer (nicht zu verwechseln mit Trude Dothan, geborene Krakauer) mehr Lebensjahre im kolumbianischen Exil als in der österreichischen Heimat. Am 30. Mai 1902 in Wien geboren, flieht sie nach dem „Anschluss“ Ende 1938 nach Lateinamerika. Hochbetagt, im Alter von 93 Jahren, stirbt sie am 25. Dezember 1995 in Bogotá. Die Heimat hat sie nie vergessen – aber im Gegenzug vergaß die Heimat beinahe sie. Es ist der österreichischen Exilforscherin und Lyrikerin Siglinde Bolbecher (1952-2012) zu verdanken, dass Trude Krakauer nicht vollständig aus dem Bewusstsein geriet – und dass ihre Gedichte erhalten blieben und überhaupt veröffentlicht wurden.

Ballade vom Niewiederland

Wer seinen Weg im Niewiederland sucht,
der kommt nirgends an und kehrt nimmermehr heim;
er geht nur und geht, um zu gehen.
Er geht durch die Straßen der Nimmermehrstadt (…)

Trude Krakauer teilt – nicht nur in der Zerrissenheit zwischen zwei Welten – das Schicksal vieler Exilanten: Vertrieben, verloren, vergessen. Ihr Name erscheint heute nur marginal in der Literatur, meist in Fachbüchern über die Literatur im Exil. Zu Lebzeiten wurden die Gedichte Trude Krakauers, die bis zu ihrem Lebensende in ihrer Muttersprache schrieb, nur dreimal in österreichischen Publikationen veröffentlicht. Dabei hätte ihr schmales, dafür aber umso intensiveres Werk mehr Aufmerksamkeit verdient. Sicher liegt ihr geringer Bekanntheitsgrad aber auch an der Zurückhaltung und Bescheidenheit, die Trude Krakauer prägten. Siglinde Bolbecher, die 1993 die verbliebene österreichische Exilgemeinde in Kolumbien aufsuchte, lernte die Dichterin dort persönlich kennen. In ihrem Nachwort zur einzigen bislang veröffentlichten Sammlung ausschließlich mit Gedichten von Krakauer, „Niewiederland“, erschienen 2013 in der Reihe „Nadelstiche“ der Theodor Kramer Gesellschaft, zeichnet Bolbecher ein feines Portrait der Dame, die sie in Bogotá kennenlernte:

„Es mangle ihrer Biographie an Leistungen – meint Trude Krakauer mit feiner Ironie -, an denen sich der Lebensfaden festknoten läßt und zugleich ist „Leben“ immer viel mehr als wir erzählen können. „Meine Biographie ist eigentlich in meinen Gedichten enthalten.“ In ihnen nimmt sie die schwierige Kommunikation mit Herkunft, der beglückenden, aber auch tödlichen Mühle der Kindheit und Jugend auf.“.

So zurückhaltend wie sie als Person durch diese wenigen Zeilen anmutet, so präzis- unprätentiös ist die Sprache ihrer Lyrik. Oftmals mit einer Spur von Bitterkeit angereichert. „Die Zeit heilt alles“ – so der Titel eines Gedichtes – nur die „pochend-wunden Herzen“ nicht. Ein Auszug:

Die Zeit heilt alles. Über Massengräber
Weht grünes Gras. Wir halten sie für gütig,
Wenn ihren Schleier unfühlbar und fühllos
Sie über Tote zieht, die uns noch leben,
Und über unsre schmerzhaft wachen Augen
Und unsre wehen, pochend-wunden Herzen.
(…)
Der Tod heilt alles, doch solang ich lebe
Will ich unheilbar sein.

Woher kam die Frau, die später einige der wichtigsten spanischsprachigen Literaten übersetzte (unter anderem Jorge Guillén, Rubén Darío, Blas de Otero) und doch nie viel Aufhebens um sich machte? Die mit anderen Dichtern im Exil befreundet war, aber kaum über ihre eigene Dichtung sprach?

Aufgewachsen war sie in einem liberalen Elternhaus: Ihr Vater, Dr. Heinrich Keller, war nicht nur ein bekannter Kinderarzt, sondern hatte auch mehrere sozialkritische Romane und ein Buch über Pädagogik geschrieben. „Er war sozialdemokratischer Bezirksrat und verstand sich als „Revolutionär“: Freigeist, antiklerikal, dem Fortschritt und dem Humanismus verbunden“, so Siglinde Bolbecher. Eine Haltung, die die Tochter übernahm – doch nicht nur dieses sollte für sie später, im Nationalsozialismus, zur Gefährdung werden. Keller war zwar konvertierter Protestant – dies schützte ihn jedoch vor dem Rassenwahn der Nazis nicht. Der Kinderarzt erzog seine Kinder religionslos. Später, 1938, löst sich Trude Krakauer von ihrem Taufbekenntnis, vollzieht die Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft – als Bekenntnis und Zeichen der Zugehörigkeit zu ihrem verfolgten Volk. Man sieht an ihrer Biographie – da hat eine bereits in jungen Jahren ihren eigenen Kopf, sucht ihren Weg, will etwas bewegen. Einfach macht sie es ihrer Mutter Nelly, die in ihrer Jugend selbst Gedichte schrieb, nicht. Ein ganz anrührend zartes Gedicht ist dazu zwischen den zuweilen nüchtern bis trotzigen Tönen in ihrer Lyrik zu finden:

Meiner Mutter

Und oft, wenn ich`s zu arg getrieben,
Mein ich, mir sei kein Weg geblieben,
Und alles sei zu Ende.
Und dann kommst du und sprichst ein gutes Wort,
Wie du`s nur kannst und deine lieben Hände
Sie streicheln jedes Leid mir fort.

Vielleicht klingt in diesem undatierten Gedicht auch die Sehnsucht nach dem „Mutterland“, der „Muttersprache“, nach der vergangenen, einigermaßen in Takt gewesen Welt zurück. Doch Trude Krakauer weiß: Es gibt keine Umkehr.

Auch nicht in dieses Wien, in dem sie als junge Frau sich in der sozialistischen Jugendbewegung engagierte, an der Universität ausprobierte – zunächst auf Wunsch der Eltern im Studium der Medizin, dem folgten Staatswissenschaften, zugleich hörte sie Vorlesungen für Karl Kraus, für dessen Sprache sie sich begeisterte und dem ebenfalls Gedichte gewidmet sind. Bereits neben dem Studium arbeitet sie als Englischkorrespondentin für sozialdemokratische Stellen, ist von 1934 an aber für die Kommunisten illegal politisch tätig – ihr Verbleib in Österreich wird lebensgefährlich, bis sie durch ihre Jugendfreundin Thea Weiss ein kolumbianisches Arbeitsvisum erhält.

Dort dann der Aufbau einer neuen Existenz: Sie heiratet den mährischen Chemiker Dr. Emil Krakauer, arbeitet als Übersetzerin und Sekretärin in Bogotá, ist aktiv im “Comité de los Austríacos Libres”, für das sie zusammen mit der deutschen Schriftstellerin Margot Neumann-Hermer Literaturlesungen und andere Vorträge vorbereitet. Ab 1952 bis 1977 ist sie dann in der deutschen Handelsvertretung beschäftigt. Das ist der nüchterne Rahmen eines Lebens in der „neuen“, der anderen Welt. Die Bezüge zur Heimat werden immer weniger. Und klarsichtig erkennt sie wohl: Das ist Vergangenheit, sie warnt vor „Sehnsuchts-Vergoldungen der alten Heimat“ heißt es in dem Exilliteratur-Buch „Ferne Heimat, nahe Fremde“, herausgegeben von Eduard Beutner:

“Bei der im kolumbianischen Exil gelandeten Lyrikerin Trude Krakauer ist ebenfalls das Realitätsprinzip am Werk: „Erwürge endlich/das Kind in dir,/das spielen will. (…)/Lern`s mit verwandelten Zeichen zu rechnen:/plus ist gleich minus,/ Freude ist Schmerz.(…)/Lerne, dass Schönheit brennendes Leid ist,/lerne die Sprache, die nicht verbindet/lern`s mit verwandelten Zeichen zu rechnen“, heißt es, vergleichbar mit Jean Amérys bedrängenden Reflexionen über das schwierige Entziffern von Zeichen in der Fremde, bei Krakauer freilich aber zwecks lebensbewältigender Perspektive.”

Lebensbewältigung, nicht zurückschauen, nicht werden zu „Loths Weib“, wie eines ihrer Gedichte heißt. Es gelingt ihr einigermaßen. Und so trägt ihr vermutlich letztes Gedicht vom 12. Jänner 1987 den Titel „Zuletzt“ (Auszug):

Ich gehe mit mir jetzt sehr nachsichtig um,
Eine uralte Frau muß man schonen,
(…)
Der Weg war so kurz – oder war er so weit? –
Ich ging durch so viele Geschichten.

Angaben zum Buch:

Trude Krakauer · Theodor Kramer Gesellschaft (Hg.)
Niewiederland
Mit einem Nachwort von Siglinde Bolbecher
Theodor – Kramer – Gesellschaft, Wien
2013 · 96 Seiten · 12,00 Euro
ISBN: 978-3-901602-49-8

Erschienen ist der Gedichtband „Niewiederland“ bei der Theodor Kramer Gesellschaft: http://theodorkramer.at/

 

14 comments on “Trude Krakauer: Kein Weg zurück aus dem Exil in das Niewiederland”

  1. Bei Dir finde ich immer so viele Schätze und lerne vor allem so viel Neues. Trude Krakauers Gedichte und auch ihre Lebensgeschichte sprechen mich in zweierlei Hinsicht an. Zum einen wurde meine Oma als junge Frau aus ihrer schlesischen Heimat vertrieben und trauert ihr bis heute nach – was ich bis vor Kurzem nicht nachvollziehen konnte, weil ich mich selbst nicht als sehr verwurzelt empfinde. Aber seit der Brexit unseren Lebensplanungen einen Strich durch die Rechnung gemacht hat und wir uns gezwungen sahen, neue Wege einzuschlagen (leider kann man ja nicht von der Liebe zu einem Land leben), beginne ich, besser zu verstehen, wie traumatisch diese Erfahrung für viele Exilanten damals gewesen sein muss. Liebe Grüße, Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      danke Dir, auch für Deinen persönlichen Anmerkungen. In meiner Familie sind wir bislang noch von dieser Erfahrung weitestgehend verschont geblieben – gut, meine Großmutter musste schon als sehr junges Mädchen in die Fremde, aus wirtschaftlichen Gründen. Das hat sich ihr schon auch eingeprägt, dieses Aufwachsen in Armut und die frühe Trennung von der Familie. Erst viel später wurde mir klar, dass manche ihrer Eigenheiten, die wir als Enkel eher belächelt haben, vielleicht damit zusammenhängen. Auf jeden Fall ist es eine traumatische Erfahrung. Und ich wundere mich: Bei vielen Familien müsste das noch im Bewußtsein sein, wie das ist, vor dem Krieg flüchten zu müssen, alles zu verlieren, in einem anderen Kulturkreis von vorne beginnen zu müssen – und wie wenig Empathie wir dann für jene übrig haben, die dieses Schicksal gegenwärtig ereilt. Wenn ich über diese vertriebenen Schriftstellerinnen schreibe, kommt mir das manchmal auch so sinnlos vor – weil bei uns plötzlich diese Rechtsextremen so laut werden, die scheinbar nichts, aber auch nichts aus unserer Geschichte gelernt haben. Aber solche Kommentare wie deiner motivieren dann doch, immer wieder an die vergessenen Lyrikerinnen zu erinnern. Liebe Grüße Birgit – und für euch hoffe ich, dass ihr bald neue Wurzeln entwickeln könnt.

      Gefällt 3 Personen

      1. Nein, tue ich nicht. Aber das ganze Wutbürgertum schockiert und frustiert mich doch sehr. Wir hatten hier neulich auch so 40 Pegida-D… in Augsburg. Die waren nicht mal das Problem. Sondern die am Straßenrand, zu feige, um offen mitzulaufen, aber fies genug, um böse rumzuzischeln.

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      2. Ja, dieses feige Zischelnde und urplötzlich Brüllende, wenn die Masse nur groß genug ist, widert mich auch besonders an. Und es macht mir Angst, weil es per definitionem kaum erreichbar ist für und von anderen Realitäten.

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      3. Literatur hat sicherlich immer eine stärkere Wirkung, wenn das Thema auch die persönliche Ebene anspricht. Ich würde mir wünschen, dass solche Gedichte in der Schule behandelt würden, und zwar in direktem Zusammenhang mit dem Geschichtsunterricht. Ob das helfen würde, den jungen Menschen die Tragweite mancher Geschehnisse näher zu bringen weiß ich nicht, aber einen Versuch wäre es wert. Aber da wir ja das Schulprogramm nicht vorschreiben können, mach unbedingt weiter. Internetrecherche wird eine zunehmende Rolle in der Schule spielen und Blogs haben sich mittlerweile als Wissens- und Inspirationsquellen etabliert. Außerdem bin ich bestimmt nicht die einzige Leserin, die Deinen Blog mit hohem Gewinn liest. Und mit ein bisschen Glück sickert ja auch was aus unserer Blase in andere. Ganz liebe Grüße, Peggy

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  2. Vielen Dank für diese Besprechung bzw. Vorstellung! Wo ist denn dieses absolut tolle Photo entstanden? 🙂

    Das Bild der „Luftwurzeln“ wird mich jetzt für den Rest des Tages verfolgen, das ist schon sehr berührend.

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