Fröhliche Wissenschaft: Als die Giraffe noch Liebhaber hatte

„Als die Giraffe noch Liebhaber hatte“ ist ein feines und intellektuelles Lesevergnügen: Von Leidenschaften, Zufällen und Irrwegen in der Wissenschaft.

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Bild: Birgit Böllinger

„Aber sie gab nichts darauf. Maëlis war eine Geschichtenfinderin. Wenn ich heute die verheimlichten, unerzählten Geschichten des Dorfes in den Apothekerschränken sammle, dann stelle ich mir vor, Maëlis schaut mir dabei zu und nickt mit dem Kopf. Während ich meine Geschichten nur entgegennehme und neben Ölsardinendose und Zibartenglas ins Regal stelle, tauchte Maëlis ihre Geschichten in eine Art chemisches Bad. Sie reinigte sie darin bis zur Durchsichtigkeit, ließ die Details auskristallisieren. Durch eine komplizierte chemische Reaktion konnten die Geschichten Farben annehmen wie die Fenster von Sainte Madeleine, wenn die Sonne durchscheint.“

Michael Lichtwarck-Aschoff, „Als die Giraffe noch Liebhaber hatte. Vier Entdeckungen“, Klöpfer & Meyer, 2017.

Eines ist gewiss: Auch Michael Lichtwarck-Aschoff ist so ein Geschichtenerzähler, einer, der das Material in seinem Schreiblabor dreht, wendet, untersucht, pflegt und poliert, bis die Sätze Farbe annehmen, bis die Geschichten leuchten. Sie nehmen einen gefangen, diese vier Erzählungen um große Wissenschaftler, um ihre Entdeckungen, ihre Irrwege. Vier Erzählungen, vier Entdeckungen – auch in literarischer Hinsicht. Es sind die Sprache, eine Art poetischer Sachlichkeit, und die geschickten Konstruktionen, mit denen Michael Lichtwarck-Aschoff selbst eine Leserin wie mich, deren Hirn beim Stichwort „Naturwissenschaft“ unweigerlich etwas bockt, einnimmt.

Erzählt werden entscheidende Momente, Wende- und Endpunkte, die mit den Forschungen der gar nicht so fröhlichen Wissenschaftler Étienne Geoffroy Saint-Hilaire, Antoine de Lavoisier, Louis Pasteur und Claude Bernard zusammenhängen. Deutlich wird dabei: Der Dienst im Namen der Menschheit, der Forschungseifer, um tödliche Krankheiten zu bannen und das menschliche Dasein zu verbessern, er ist oft genug auf Zufall gebaut, auf persönlicher Besessenheit, Ehrsucht und Ehrgeiz. Forschungs- und Geltungsdrang gehen – wie bei Lavoisier – Hand in Hand, eine Entdeckung ist – wie bei Pasteur – manchmal auch einfach Glück in einem riskanten Spiel. Die Leidenschaft der Erkenntnis, gedämmt durch die Erfordernisse des Lebens.

„Vier Jahre würde ihm sein Augenlicht bleiben. Der junge Charcot wäre am Ende allerdings nicht mehr da, um ihn in den jardin und seiner Liebe Zarafa zuzuführen. Auf Charcot warteten schon die Hysterikerinnen von Paris.“

20170910_095024Ungewöhnlich sind die Erzählperspektiven, mit denen Einblick in die jeweiligen Laboratorien gewährt wird. Es ist der junge Charcot, der, lange bevor er als Neurologe Berühmtheit erlangt, den erblindenden Zoologen Saint-Hilaire täglich in den Jardin du Roi zu dessen großer Liebe, der Giraffe Zarafa, begleitet. Es ist ein Labordiener auf der Suche nach einem Fasan für Marie Lavoisier, der die Leser in die Regeln chemischer Versuche einführt. Es ist der Sohn einer Blinden, der mit Claude Bernards Theorie vom „inneren Milieu“ konfrontiert wird. Wissenschaft von unten, sozusagen – und Erzählkonstruktionen, die zudem unaufdringlich deutlich machen, wie sehr jede Forschung und deren Ergebnisse jeweils auch mit dem „äußeren Milieu“ zusammenhängt und verknüpft ist. Das Menschen- und Weltbild immer auch geprägt von den politischen Verhältnissen, Französischer Revolution, Julirevolution, Pariser Akademikerstreit, um nur einige Stichworte zu nennen.

„Ein großer Revolutionär ist man heute schnell. (…) Ich bin nur die Beiköchin, ich habe nicht  gewusst, dass man auch ein Revolutionär der Chemie sein kann. Und was man dafür mit der Chemie anstellen muss. Was der große Herr Lavoisier außer Revolutionmachen sonst so macht, das weiß ich allerdings sehr gut: Ein Steuereintreiber ist er und von allen der gnadenloseste. Von uns nimmt er und stellt der königlichen Brut draußen in Versailles ein Schloß hin. Euer Herr Lavoisier, dem vor lauter Revolution der Hals schwillt, hat Paris mit einer dicken Mauer eingeschlossen. Keiner von uns kann heraus oder herein, ohne für jeden Schritt zu zahlen. Eine Mauer, damit wir an unseren eigenen Ausdünstungen ersticken. Wenn er die Chemie so geläufig beherrscht wie das Steuereintreiben, dann muss die Chemie sich wirklich fürchten.“

Stoff- und Ortswechsel: „In diesem Jahr 1940, als der Sommer kein Ende nahm“ ist die längste Erzählung dieses Bandes und jene, die mich an meisten eingenommen hat. Aus mehrstimmiger Perspektive wird wie unter einem Brennglas gebündelt und verdeutlicht, was in jenem kleinen elsässischen Ort Steige im Sommer 1940 geschah – in jenem Ort, in dem Joseph Meister, der erste Mensch der von Pasteur vollständig gegen Tollwut geimpft worden war, geboren wurde. Meister ist für die Menschen dort ein Held der Wissenschaft – aber auch einer, der sich als Symbol eines aufgeklärten Menschenbildes, einer fortschrittlichen Medizin den Hass eines Nazianhängers zuzieht, der vom gesunden Volkskörper predigt, der keine Impfungen benötigt, weil so die Schwächsten von der Natur ausselektiert werden.

Wie sich die geistige Tollwut in das Örtchen einschleicht, wie sehr dieses Jahr die Menschen prägt, das erzählt der Autor feinsinnig, behutsam, in einer zurückhaltenden, ruhigen Sprache, dezent. Und lässt durch seine Erzählweise dem Leser auch eine eigene Deutungsweise offen.

Es sind keine fröhlichen Geschichten von freigeistigen Wissenschaftlern, vielmehr sind sie von feinsinniger Melancholie umhaucht. Und doch: So über die Fortschritte vor allem in der Medizin zu lesen, bereitete mir große Freude.

Michael Lichtwarck-Aschoff ist ein Autor, der in seiner eigenen Vita die beiden Disziplinen der Medizin und der Literatur vereinigt: Der 71jährige arbeitete Jahrzehnte als Intensivmediziner, war für Forschungstätigkeiten in München, Basel und Uppasala, zudem außerplanmäßiger Professor für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Sein Erzähldebüt „Hoffnung ist das Ding mit Federn“ erschien 2016 und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. „Als die Giraffe noch Liebhaber hatte“ ist sein zweites veröffentlichtes Buch, ein feines, intelligentes und intellektuelles Lesevergnügen.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.kloepfer-meyer.de/Autoren/182/Lichtwarck-Aschoff_Michael.html

10 comments on “Fröhliche Wissenschaft: Als die Giraffe noch Liebhaber hatte”

  1. Diesen Geschichtenband habe ich auch schon bereitliegen. Mir gefällt die Idee, dass es oft der Zufall ist, der zu großen Entdeckungen führte, die Umstände und Begegnungen mit anderen Menschen. Der Erzähler hat ja offenbar etwas ganz besonders daraus gemacht – Wissenschaft von unten! Jetzt bin ich erst recht gespannt, was ich darin über die vier Wissenschaftler erfahre!

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    1. Ich dachte mir schon, dass das Buch auch was für dich sein könnte (und bin jetzt sehr gespannt auf Deine evt. Besprechung, weil Du das als Fachfrau ja nochmals anders liest). Mir hat die raffinierte Konstruktion der Geschichten einfach sehr gut gefallen, die Art, wie er – fast beiläufig – wissenschaftliche Grundsatzfragen (z.B. der Pariser Akademiestreit, was ja dann weiter zu Darwin führt, oder auch die Kontroverse Schulmedizin (= Impfung) gegen Naturheilkunde) einbringt, Themen, die, wie man am Beispiel Impfung sieht, ja bis heute aktuell sind. Das alles auf sehr literarische Weise… Und ja, der Zufall spielt auch eine Rolle, wenn das in meinen Augen jedoch nicht das dominierende Thema der Erzählungen ist. Das Zitat vom Klappentext trifft es m. M. ganz gut – es geht auch um Motive der Forscher, Hintergründe, durch die Augen anderer gesehen – deshalb für die Mitleser hier: „Naturwissenschaften ist wie Sex. Natürlich kommt es gelegentlich auch einmal zu praktischen Resultaten. Aber das ist nicht der Grund, warum wir sie betreiben.“ Richard Feymann

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  2. Ich wusste es, Birgit, kaum fange ich an, auf Deinem Blog zu stöbern, wächst meine Wunschlist wieder. Diese Kombination aus Sachbuch und Literatur klingt für mich sehr verlockend. Schon der Titel macht neugierig. Was hat es denn mit der Giraffe auf sich? Oder wäre das ein Spoiler? Liebe Grüße Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      ich nehme das als Kompliment 🙂
      Also die Erzählungen sind schon rein belletristische Texte, auch wenn natürlich das Wissenschaftliche eingeflochten wird, auch erklärt wird, aber ich würde sie jetzt nicht als Sachbuch bezeichnen. Oh, und das mit der Giraffe wollte ich eigentlich im Text erklären, das ging aber wegen der anderen Aspekte unter: Die Giraffe ist sozusagen die große Liebe des Saint-Hilaire. Herzliche Grüße Birgit

      Gefällt 1 Person

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