IM OZEAN DER SPRACHE – Eine Notiz zum Tod des amerikanischen Weltpoeten John Ashbery

John Ashbery, Weltpoet, lyrischer Solitär, Vorbild für zahllose nachfolgende Lyriker, verstarb nun, 90jährig. Ein Nachruf von Literaturkritiker Michael Braun.

4 Kommentare
Beere3
Bild: Rose Böttcher

Ein Gastbeitrag von Michael Braun

Eine der schönsten Legenden, die diesen Giganten der Weltpoesie umwehen, erzählt davon, dass selbst die Falschschreibung seines Namens Poesie erzeugt hat. „Ash-berry“ – die Asche und die Beere. Die „Beere aus Asche“ verweist auf das beunruhigend Flimmernde seiner Gedichte, das Opake als eine Brücke zum Wunderbaren. John Ashbery, dieser lyrische Solitär und Vorbild für eine unüberschaubare Zahl von poetischen Bewunderern, unternahm über sechzig Jahre lang die „Anstrengung, sich hinzusetzen, und, der Kopf eine tabula rasa, mit dem Schreiben zu beginnen“.
Die Fama besagt, dass der 1927 in Rochester geborene John Ashbery zu den jungen wildern Dichtern der New York School gehörte. 1950 lernte er seine aufrührerischen Kollegen Frank O´ Hara und Kenneth Koch kennen und mischte mit provozierenden „kubistischen“ Gedichten die Feten der avantgardistischen Maler und Bohemiens auf. „Der Wüstling“, so schreibt sein großer Freund und wichtigster Übersetzer ins Deutsche, Joachim Sartorius, „steckt in der frühen Lyrik.“ In seinen frühen Bänden „The Tennis Court Oath“ (1962) und „Rivers and Mountains“ 1966) inszenierte er den Zusammenprall von Alltagsslang und erhabener Metaphorik und collagierte die Sprache des Melodrams mit Fundstücken aus der Medienwirklichkeit. Seine späteren epischen Gedichte, die sich in viele Richtungen verzweigen, die epochalen Bände „Self-Portrait in a  Convex Mirror“ („Selbstporträt im konvexen Spiegel“) von 1975 und „Flow Chart“ (1990)  setzen einen Prozess der Selbsterforschung in Gang, der an kein Ziel führt, sondern nur in der Bewegung des Fragens selbst, im rastlosen Grübeln und Vor-Tasten in eine fremde Welt existiert. Der endlose Dialog, den er in diesen Gedichten mit seinem Bewusstsein führt, so schreibt Joachim Sartorius sehr treffend, „mag noch so trivial, noch so sehr small talk, noch so idiosynkratisch sein, er berührt immer das Universelle.“ Im langen Gedicht „A Wave“ („Die Welle“) ist diese Form von Bewusstseinsstrom prägnant zusammengefasst: „Durch so viele Systeme wie die,/in die wir verstrickt sind, durch ebensoviele/ wurden wir freigesetzt auf einen Ozean der Sprache, der zu einem Teil/von uns wird, als ob wir je davonkämen.“ Es scheint, als teilte sich das lyrische Subjekt immer wieder in mehrere Stimmen – „a kind of crowd of voices“ – , die sich zwischen den Zeiten bewegen.

John Ashbery unterrichtete viele Jahre am Brooklyn College, später am Bard College, als freier Autor vagabundierte er dann viele Jahre zwischen seiner Stadtwohnung in New York, seinem Haus in Hudson und ausgedehnten Reisen nach Europa hin und her, zehn Jahre lang lebte er von 1955 bis 1965 in Paris. Nach zahlreichen Publikationen im Hanser Verlag und im Residenz Verlag war es in den vergangenen Jahren der Luxbooks Verlag, der in Deutschland die Erinnerung an diesen Riesen der amerikanischen Poesie wach hielt. Zuletzt haben Matthias Göritz und Uda Strätling das komplizierte Langgedicht „Flow Chart“ in eine kühne deutsche Fassung („Flussbild“, 2013) gebracht. „Einer von uns bleibt zurück“, heißt es im Gedicht „Hotel Lautréamont“, „Einer von uns geht auf der Brücke weiter / wie auf einem Teppich. Leben – es ist herrlich – folgt und fällt zurück.“ Im Juli hatte er noch seinen 90. Geburtstag gefeiert, am 3. September 2107  ist das herrliche Leben des Weltpoeten und Pulitzer-Preisträgers John Ashbery in seinem Haus in Hudson zu Ende gegangen.

Michael Braun
Michael Braun, geboren 1958, lebt als Literaturkritiker in Heidelberg. Er veröffentlicht Essays zu Fragen einer zeitgenössischen Poetik. Von 2007 bis 2011 gab er Deutschlandfunk-Lyrikkalender heraus, seit 2012 den Lyrik-Taschenkalender (Wunderhorn Verlag). Weitere aktuellere Veröffentlichungen unter anderem: „Jean Krier: Eingriff, sternklar. Gedichte aus dem Nachlass“ (Hrsg., Poetenladen, Leipzig 2014) und „Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte, kommentiert“ (Hrsg. zusammen mit Michael Buselmeier. Poetenladen, Leipzig 2016).
Weitere Informationen zum Autoren: http://poetenladen.de/michael-braun.htm

4 comments on “IM OZEAN DER SPRACHE – Eine Notiz zum Tod des amerikanischen Weltpoeten John Ashbery”

  1. Danke Michael Braun für den Nachruf. John Ashberry und seine Lyrik sind ein großer Gewinn. Als Ergänzung und vielleicht als Quereinstieg in sein reiches Werk möchte ich seinen Gedichtband „Ein weltgewandtes Land/ A Wordly Country“ empfehlen, was er mit 80 Jahren herausgegeben hatte. Es erschien bei luxbooks.americana. Was macht dieses Buch so lesenswert? Es ist zweisprachig, Original und Deutsche Übersetzung. Auf die Herausforderung des Lyrikübersetzens wird ebenso im Buch eingegangen. Und es sind besonders Ashberry´s feine Beobachtungen im Alltag. Da finden sich kleinste Details in alltäglichen Szenen die mit seinen Worten zu einem wortmächtigen Gemälde werden. Man kann in diesem Lyrikband so wunderbar blättern und die Gedichte auf sich wirken lassen. Der NewYorker schrieb richtig, dass er die amerikanische Lyrik stark geprägt hatte und einer seiner wichtigsten Vertreter war. Gerade im Kontext zu „Fake News“ lesen sich Ashberry´s Gedichte wie eine weise Antwort, lange bevor dieses Wort überhaupt bekannt wurde. John Ashberry war und bleibt ein großer Meister der Lyrik.
    Liebe Grüße,
    Stefan

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  2. Lieber Stefan, danke für Deinen ausführlichen Kommentar und den Hinweis auf „Ein weltgewandtes Land“, das Buch werde ich mir besorgen. Ja, „weise Antwort(en)“ trifft es sehr gut, feine Alltagsbeobachtungen, aus denen man auch den Zustand einer Gesellschaft herauslesen kann.
    Für Mitleser, die noch nichts von ihm kennen, hier der Hinweis zu einem geeigneten Einstieg über die Frankfurter Anthologie: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/frankfurter-anthologie-john-ashbery-spaetes-echo-13427155.html

    Gefällt 1 Person

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