Carry Brachvogel – alles andere als ein Alltagsmensch

Sie gehörte in den 1920er Jahren zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Bayerns. 1942 starb sie im KZ, danach wurde sie fast vergessen: Carry Brachvogel.

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Bild: Birgit Böllinger

„Und nun, da das Dirndlgewand Allgemeingut geworden scheint, nun steht auch ihm, wenn nicht alle Zeichen trügen, eine ähnliche, wenn auch anders geartete Dechaubierung bevor, wie sie einst das selige Tegernseer Chasseresse-Kleid erlebte. Nur sind es diesmal nicht die praktischen Provinzlerinnen, sondern die stillosen Mondänen, die ihre reichberingten Hände nach ihm ausstrecken, es nicht um der Anpassung oder der Bequemlichkeit willen wählen, sondern es aufputzen und aufplundern, daß es mehr an die Maskengarderobe, denn an ein heimisches Sommergewand erinnert. Nun ist schon der Rock so kurz, das Leibchen so tief ausgeschnitten worden, daß jedes bäuerliche Dirndl, dem man sie zumuten wollte, empört fragen würde:
„Ja moanst ebba, da tat` i mi net schama?!“

Carry Brachvogel, „Im Weiß-Blauen Land. Bayerische Bilder“, Allitera Verlag, 2013.

Schaut man auf die Maskengarderobe, in die sich B- und C-Sternchen in unserer Zeit alljährlich für das Oktoberfest zwängen, könnte man meinen, dieser Text sei brandneu. Doch die Betrachtungen zu Land und Leuten unter dem weißblauen Himmel zählen inzwischen fast ihre hundert Jahre. Sie sind immer noch frisch und aktuell – ihre Verfasserin jedoch ist beinahe vergessen.

„Der Schuhplattler beginnt. Norddeutsche Bundesbrüder, die ihr euch in „echt bayerischen“ Singspielhallen rotseidene Röcke, spinatgrüne Hosenträger, geschminktes Lächeln, widerliches Hopsen und komödiantisches Juhuen als „echten Schuhbladla“ aufreden laßt, kommt hierher und seht euch den Tanz an, wie er in Wirklichkeit ist!“

Da erzählt eine voller Liebe und Zuneigung von ihrer Heimat – so sehr, dass man sich mit diesem Buch gerne auf Ausflüge auf die Fraueninsel, in das Voralpenland oder auch nach München, wo Carry Brachvogel lebte, begibt. Doch die Liebe zur Heimat, sie wurde ihr schlecht gedankt: Die Schriftstellerin, zu ihrer Zeit weit über Bayern hinaus in ganz Deutschland als Feuilletonistin, Autorin und Frauenrechtlerin bekannt, starb 1942 in Theresienstadt.

„Neuauflagen der Werke Carry Brachvogels, die damals sehr verbreitet waren, sind nach dem Ende des nationalsozialistischen Terrors nicht bekannt. Sie wurde aus der kollektiven Erinnerung verdrängt – und zu Unrecht vergessen.“

Dies schreibt Ingvild Richardsen in einem Vorwort der 2013 wieder erschienenen bayerischen Bilder. Der Band „Im Weiß-Blauen Land“ bildete den Auftakt zu einer Neuauflage einiger ausgewählter Werke von Carry Brachvogel in der „edition monacensia“ im Allitera Verlag. Dort wurden auch ihr erster Roman „Alltagsmenschen“ der 1895 im S. Fischer Verlag erschien, die Posse „Der Kampf um den Mann“ (1910) und „Schwertzauber“ (1917), eine Auseinandersetzung mit den Leiden des Ersten Weltkrieges, wieder aufgelegt.

Das sind nur einige der über 40 Werke, die die Schriftstellerin zu Lebzeiten veröffentlicht hatte, darunter Romane, Frauenbiografien und Theaterstücke. Neben der schriftstellerischen Tätigkeit wurde sie vor allem durch ihren Einsatz für die Frauenrechte und durch ihren literarischen Salon berühmt.

Ingvild Richardsen:

„1913 gründete sie zudem den ersten Schriftstellerinnen-Verein Münchens. Bedeutende Persönlichkeiten traten ihm bei: Ricarda Huch, Annette Kolb, Helene Böhlau, Isolde Kurz und viele andere. Noch 1924, zu ihrem 60. Geburtstag wurde die erfolgreiche Schriftstellerin deutschlandweit gefeiert. Wenige Jahre später zählte nur noch, dass sie jüdischer Herkunft war.“

Im Alter von 78 Jahren wurde sie mit ihrem jüngeren Bruder nach Theresienstadt verschleppt, wo beide kurz danach verstarben. Danach schien es, als existierte ihr Name nicht mehr. Bis 2012 dauerte es, bis in München, „ihrer“ Stadt, eine Straße nach ihr benannt wurde. Verdienstvoll ist es daher, dass ihre Bücher in der Reihe der Münchner Staatsbibliothek wiederaufgelegt wurden. Auch aus literarischer Sicht: Spritzig, witzig, schlagfertig und durchaus unterhaltsam ist der Stil dieser Frau, die ihrer Zeit in vielem voraus war. Ingvild Richardsen bereichert den ersten Band der Brachvogel-Reihe mit einem umfangreichen Nachwort zur Biografie der Münchner Schriftstellerin:

„Mit ihrem Lebensstil, ihren Ideen und ihrem politischen Engagement erscheint Carry Brachvogel heute als eine ungewöhnlich moderne und emanzipierte Frau ihrer Zeit. Ihre damaligen Ansichten sind hochaktuell: Wichtigkeit der Arbeit und des Berufes, der Selbstverwirklichung und Selbstbestimmtheit. So wirkt sie für uns auch als eine Visionärin der modernen Frau. Schon damals hat sie so gelebt, wie es heutzutage viele Frauen tun: alleinerziehend und berufstätig.“

Und ob sie nun in ihren Romanen über das Frauenbild ihrer Zeit schrieb oder in ihren Essays über ihre Heimat – bei alledem wirkt Carry Brachvogel modern, heimatverbunden ohne „tümelnd“ zu sein, neugierig, aufgeschlossen, offen, den Menschen zugeneigt:

„Denn dies vor allem wollte ich: Menschen schaffen, nicht Tragantfiguren oder Kostümpuppen. Das Goethewort: „Der Mensch ist dem Mensch am interessantesten“ ist für mich immer ein Glaubensbekenntnis gewesen und geblieben.“

Verlagsinformationen zu den Büchern:
https://www.allitera.de/books.php?action=suche&schnellsuche=Carry Brachvogel

Die Biographie bei fembio:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/carry-brachvogel/

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