Ilana Shmueli – Neige dich zu deinen Toten

Ilana Shmueli konnte den Nationalsozialisten entkommen. Erst spät fängt sie wieder an zu schreiben, nach einer Begegnung mit ihrem Jugendfreund Paul Celan.

10 Kommentare

es zieht die Hand meiner Schwester die so früh wieder losließ

Ilana Shmueli (1924-2011)

Zwei Frauen, ein Ausgangspunkt: Wie Selma Meerbaum-Eisinger ist auch Ilana Shmueli in Czernowitz geboten, beide 1924. Wie Selma, die 18jährig in einem Arbeitslager starb, kommt Ilana aus einer jüdischen Familie, wächst in dieser rumänischen Stadt auf, denkt, spricht und wächst jedoch in einer deutsch-österreichischen Umfeld heran. Man kann davon ausgehen, dass die beiden sich kannten. Doch während die eine, Selma, früh dichtete und früh starb, kann sich Ilana Shmueli zwar retten, findet aber erst spät zu einer eigenen Sprache: Einer Lyrik, die von Verlusten geprägt ist – dem Verlust einer unbeschwerten Jugend, dem Verlust der Heimat, dem Verlust der Wurzeln, dem Verlust der Heimatsprache. „Ich bin in keiner Sprache wirklich ganz zu Hause“, äußert sie einmal. „Ich begann hebräische Gedichte zu schreiben. Später kam ich wieder aufs Deutsche zurück.“

“In spärlicher Wortlandschaft” – so beginnt ihr Gedicht, das auf Lyrikline nachgelesen und angehört werden kann – hat Ilana Shmueli lange gelebt. Dass die gebürtige Liane Schindler, aus der später Ilana Shmueli wird, doch noch zu dieser Sprache findet, das hat auch mit einer ganz bestimmten Begegnung zu tun: 1965 trifft sie in Paris Paul Celan wieder, inzwischen schon ein berühmter Dichter, für sie ein Jugendfreund, der wie sie in Czernowitz aufgewachsen ist. Die Querverbindungen sind vielfach – Paul Celan ist wiederum mit Selma Meerbaum-Eisinger verwandt. Und erwähnt werden muss auch Rose Ausländer, die ebenfalls aus der Bukowina kam.

Als die Deutschen 1941 Czernowitz besetzen, finden sich diese jungen Menschen im Ghetto zusammen – Gedichte und Musik bilden die Gegenwelt zur grausamen Realität. Sie erleben mit, wie andere deportiert und in die Zwangsarbeit verschleppt werden, sie erleiden täglich Demütigungen, Verfolgung und Brutalität. Sie richten sich gegenseitig auf durch die Kultur, die Literatur. Die Flucht vor der Realität gewähren Gedichte – diese Stimmung nimmt Ilana Shmueli in das Exil mit, bewahrt sie ein Leben lang auf, bis sie endlich wieder zu ihrer eigenen Sprache findet. Ihre Gedichte sind daher auch Ausdruck der Exilerfahrung, der Zerrissenheit zwischen zwei Welten, das Reflektieren auf eine unwiederbringliche Vergangenheit. Anrührend des Gedicht “Neige dich zu deinen Toten”, das auch die Schuldgefühle der Überlebenden, die Zweifel artikuliert:

Ich hab Leben gewählt/mit dem ganzen Ballast.

Ilana Shmueli gelingt mit ihren Eltern 1944 die Flucht nach Palästina. Hier baut sie sich ein neues Leben auf, studiert Musikerziehung und Sozialpädagogik, heiratet den Musikwissenschaftler Herzl Shmueli, arbeitet als Sozialpädagogin in Tel Aviv. Nach außen hin erscheint dies wie ein Leben, das nach einem Bruch seinen erneuten Lauf nimmt. Doch dann die Wiederbegegnung mit Paul Celan 1965 in Paris, 1969 besucht er sie in Israel, es ist seine einzige Reise dorthin. Auch für Celan wird dieser Besuch zu einer Art Heimat- und Sprachsuche, er erlebt, wie seine ureigene deutsche Dichtersprache ihn zum Außenseiter macht – während Ilana Shmueli dabei ist, ihre Muttersprache zu verlieren. Die Exilerfahrung an unterschiedlichen Orten und die gemeinsame Verortung in Czernowitz verbindet sie – Ilana Shmueli wird Paul Celans letzte große Liebesbeziehung.

Für sie führt diese Lebens- und Liebeserfahrung jedoch auch sprachlich wieder in die Heimat zurück: Sie übersetzt später Paul Celans Gedichte in das Hebräische und beginnt dadurch, selber zu schreiben. Fast schon wortkarg anmutende Gedichte, die um diese Themenlandschaften des Exils, des Verlustes, der Konfrontation mit dem Tod, des Entkommens, der Flucht, des Weiterlebens, das Glück und Bürde zugleich ist, kreisen.

Im Jahr 2000 erscheint ihr Buch über Paul Celan „Sag, dass Jerusalem ist“. Der bewegende Briefwechsel, der bis zum Freitod des Dichters 1970 andauert, wird 2004 beim Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Ilana Shmueli arbeitet daran als Herausgeberin mit. In der Zwischenzeit sind erste Gedichte von ihr erschienen,  weitere Veröffentlichungen folgen (Rimbaud Verlag).

2009 erhält Ilana Shmueli den Theodor-Kramer-Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil. In der Begründung heißt es:

“Spät und tief sind die Gedichte Ilana Shmuelis auf uns gekommen, wie aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum. Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, die Erfahrung, unbeheimatet und sprachlos zu sein, ist eine der Wurzeln, aus denen ihre Dichtung hervorwächst. Und dennoch verbinden sich ihre Verse in äußerster Verknappung des Ausdrucks mit einem reichen Strom von Vorstellungen. Es ist eine große Lebendigkeit, die hier von sich zeugt, die gegen Enge, Kälte, Vorurteil anrennt. Shmuelis Dichtung ist “Zwischenruf, Einspruch, Widerwort, Aufschrei” (Matthias Fallenstein). Sie bezieht sich vielfältig auf die Poesie des Freundes Paul Celan und widersetzt sich ihr zugleich. In ihren Erinnerungen an eine Jugend im Czernowitz der Zwischenkriegszeit und ihrem Briefwechsel mit Celan öffnet Shmueli zugleich den Blick auf den bedeutenden kulturellen Hintergrund ihres Schreibens im Exil.”

Sie stirbt am 11. November 2011 in Jerusalem.

Reden von Toten:/der Wortbruch am Unmitteilbaren/mit unkluger Zunge

10 comments on “Ilana Shmueli – Neige dich zu deinen Toten”

  1. Liebe Birgit,
    wieder eine interessante weibliche Persönlichkeit. Es wird Zeit, dass Frauen über diese Frauen berichten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Ich kann nicht abschätzen, wie bekannt, Ilana Shmueli ist. Da kenne ich mich zuwenig aus.
    Ich stelle es mir sehr schlimm vor, seine Muttersprache zu verlieren. Vielleicht ist es der Grund, warum viele Menschen auch im (Wahl)Exil an ihrer Sprache festhalten und Schwierigkeiten mit der neuen Sprache haben. Es ist das letzte Stück Heimat im Exilanten.
    Liebe Grüße von Susanne

    Gefällt 4 Personen

    1. Liebe Susanne,
      Sprache ist Heimat – das sagte ja beispielsweise auch Oskar Maria Graf im Exil: „Ich glaube immer, daß die wahre Heimat die Sprache ist.“
      https://saetzeundschaetze.com/2017/08/11/oskar-maria-graf-unruhe-um-einen-friedfertigen/

      Aber andererseits: Wenn Du als Schriftsteller in der Sprache beheimatet bist, wie schwierig dann auch das Exil für Dich sein kann, wenn plötzlich das wichtigste Mittel der Existenz dich an die alte Heimat bindet? Viele der Exilanten während dem Nationalsozialismus kamen damit ja auch nicht zurecht. Und wie es für die Menschen heute ist, die auf der Flucht sind…

      Gefällt 2 Personen

      1. Liebe Birgit,
        ich denke, im Exil muss man sich wahrscheinlich von seiner alten Heimat lösen, sonst wird man einfach jämmerlich eingehen. Die Sprache ist nicht nur für den Schriftsteller als Mittel der Existenz wichtig sondern auch für alle anderen Berufe in einem anderen“neuen“ Land. Als ich die jungen Menschen aus Syrien zum Malenim Atelier zu Besuch hatte, da konnte die junge Frau schon sehr gut Deutsch, während der junge Mann, obwohl er schon ein Jahr länger in Deutschland ist, fast gar kein Deutsch. Er brauchte die junge Frau zum Übersetzen. Es ist auch eine Frage des Wollens. Die junge Frau berichtete, dass sie Syrien sehr vermisst aber sich in Deutschland eine neue Heimat aufbauen möchte und das Deutschland auch sehr schön sei.
        Es ist sicher schwer, diese Einstellung als Flüchtling zu erhalten, gerade, wenn ich an die Flüchtlingsunterkünfte denke, die wirklich zum Tieil sehr grausig sind.

        Gefällt 1 Person

      2. Liebe Susanne, da hast Du schon recht – die Sprache ist für alle wichtig und eine Voraussetzung um in einem anderen, neuen Land beheimatet zu werden, Fuß zu fassen. Aber es ist doch ein Unterschied, wenn ich mit der Sprache arbeite – sei es als Journalist, als Schriftsteller, aber beispielsweise auch Therapeuten. Da ist einfach die Hürde nochmals höher. So oder so: Diese Beispiele zeigen ja einfach – so wie Du es mit deinen jungen Leuten aus Syrien erfahren hast – dass wir, die wir diese Erfahrung nie machen mussten, uns dafür einfach glücklich schätzen könnten.

        Gefällt 1 Person

  2. Eine wunderschöne Entdeckung! Lieben Dank dafür… Dieses hier mag ich besonders:

    Tollen im Neuschnee

    blendendes Weiß wie nie wieder
    und wie’s frostig im Kindermund schmilzt

    Flieder von damals
    und der Duft verborgener Veilchen

    Gras frisch gemäht
    glühende Sonne

    das Träumen im Nussbaum
    kleine grün-braune Finger auf rauher Rinde

    das alles – läßt sich’s noch schreiben?

    es zieht
    es zieht die gute Hand meiner Schwester
    die Hand
    die so früh wieder losließ.

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