Tom Malmquist: In jedem Augenblick unseres Lebens

Ein autobiographischer Roman, der einen emotional mit voller Wucht trifft. Und vor Fragen stellt: Wie Literatur bewerten, wenn die Betroffenheit zu groß wird?

14 Kommentare
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Bild: Birgit Böllinger

„Ich habe gelernt, den Weg durch die Verbindungsgänge allein zu finden: Da ist das Schild, das mit einem schwarzen Müllsack verhängt ist, dann der ausgebrannte Verteilerkasten, der ölverschmierte Socken, der sich seit Jahren auf einem Notausgangshinweis zu befinden zu scheint, die Spannplatte in der T-Kreuzung, die hastig hingekritzelten Zahlen auf der Schutzplanke, die dicke schwarze Bremsspur der Elektrokarren, die Kabelleiter, bei der sich eine Halterung gelöst hat.“

Tom Malmquist, „In jedem Augenblick unseres Lebens“, Schweden, 2015, in deutscher Übersetzung 2017 erschienen bei Klett-Cotta.

Täglich mehrmals hetzt Tom Malmquist durch diesen unterirdischen Krankenhausgang zwischen der Neugeborenenabteilung und der Intensivstation. Seine Freundin Karin, im achten Monat schwanger, erkrankte an akuter myeloischer Leukämie. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide, so sehr, dass die Ärzte entscheiden, das Kind sofort zu holen. Karin jedoch kann selbst durch den Einsatz aller medizinischen und technischen Mittel nicht gerettet werden: Sie stirbt nach wenigen Wochen im Krankenhaus.

Der schwedische Musiker, Lyriker und Schriftsteller Tom Malmquist verarbeitet in seinem ersten Roman ein Jahr seines Lebens, das man nur tragisch nennen kann: Er verliert seine Lebensgefährtin, wenig später stirbt sein Vater. Zugleich muss er sich der Aufgabe stellen, für seine Tochter Livia selbst zum Vater zu werden und trotz aller Trauer, die ihn überrollt, für das kleine Mädchen da zu sein, für es zu sorgen.

Nun ist das Verwerten eigener – meist traumatischer und lebensgefährdender – Erfahrungen von Schriftstellern in der Literatur nichts Neues. Doch erlebt dieser literarische Grenzgang zwischen Fiktion und Autobiographie derzeit wohl eine Art besonderer Blüte. Beflügelt sicher von Karl Ove Knausgårds weltweiten Erfolg. Der Norweger wird gefeiert wie ein Popstar, er ist der Coverboy dieser Disziplin. Sein Freund Tomas Espedal agiert ebenfalls an der Schnittstelle zwischen Roman und Autobiographie. David Wagner errang mit „Leben“ den Preis der Leipziger Buchmesse, an Thomas Melle ging der Deutsche Buchpreis für „Die Welt im Rücken“ leider vorüber.

Es ließe sich lange und trefflich darüber streiten (und manche tun dies auch mit Genuss), in welche literarischen Schubladen solche Werke zu stecken sind, ja, wo denn überhaupt noch die Trennlinie zwischen „therapeutischem Schreiben“ und „literarischem Anspruch“ erkennbar ist. Vermutlich wird sich auch Tom Malmquist in Interviews und dergleichen dieser Frage häufig stellen müssen.

Aber ist diese Einordnung überhaupt relevant? Letzten Endes, so meine ich, hängt es vor allem davon ab, wie man solch ein Buch als Leser selbst rezipiert, inwieweit es einem gelingt (und inwieweit man das auch überhaupt von sich erwartet), Werk und Autor beim Lesen zu trennen.

Das ist mir, ich gestehe es frei, bei „In jedem Augenblick unseres Lebens“ nicht durchgängig gelungen – zu nah ging mir die Geschichte, zu sehr berührt hat mich das Geschehen. Ich stellte mir bei der Lektüre öfter als einmal die Frage, wie wohl ich mit solchen Lebensereignissen umgehen würde und könnte, wäre ich an der Stelle Malmquists. Vor allem aber beschäftigt mich jedoch nach wie vor der Gedanke, wie es der Tochter – die heute fünf Jahre alt ist – ergehen mag, wenn sie später einmal so detailliert über das Leben und Sterben ihrer Mutter sowie ihre ersten Lebenswochen lesen wird.

„Die Krankenschwester befeuchtet Karins Lippen mit einem Schaumstofftupfer. Sie mustert Karins Gesicht. So, Karin, jetzt werde ich Sie nicht länger behelligen, sagt sie, entdeckt mich und ruft: Hallo, kommen Sie rein, ich muss Ihnen gleich sagen, dass Karin aus dem Unterleib blutet, vom Kaiserschnitt, jemand von der Gyn ist hier gewesen und hat sich das angesehen, nur damit Sie es wissen.“

Bei allen positiven Aspekten, die ich zu dieser „Romanbiographie“ noch anmerken könnte – ich wurde den Eindruck nicht los, dass ich die mitlesende, wohlmeinend-betroffene Voyeuristin in mir während der Lektüre kaum abschütteln konnte.

Unstrittig jedoch ist, dass Tom Malmquist über ein gutes Gefühl für Sprache und großes Talent verfügt: Der Roman steigt mitten in das dramatische Geschehen im Krankenhaus ein, beginnt mit diesem ersten Satz: „Der Oberarzt tritt den Kipphebel an Karins Patientenbett fest.“ Klug komponiert Malmquist das gegenwärtige Geschehen mit Rückblenden, die einen Blick auf die lange Beziehung der beiden, ihre Anfangsschwierigkeiten, aber auch auf das Umfeld, das Geflecht aus Freundschaften, Familienbande, Lebensträume und Enttäuschungen erlauben. Ohne alles auserzählen zu müssen, kann Malmquist dennoch verdeutlichen, was er und Karin sich bedeutet haben – und was es bedeutet hätte, ein Kind gemeinsam großzuziehen, eine eigene Familie zu gründen.

„Auf dem Küchentisch lagen die Sachen. Karin hatte sie so angeordnet, dass sie der perfekten Silhouette eines Säuglings entsprachen. Sie beobachtete mich, als ich die Stücke in die Hände nahm, und erzählte, sie hätte sie kürzlich mit ihrer Mutter gekauft. Gefallen Sie dir?, wollte sie wissen. Was hatte denn ich damals gemacht? Was hatte ich gemacht, als Karin die Kleidung für unser Kind aussuchte?“

Gerade der zwar detailreiche, sich aber auf Fakten konzentrierende Erzählstil, der beinahe nüchtern und emotionslos erscheint, schafft die nötige Distanz, um das Gelesene verarbeiten zu können – wenn Malmquist beispielsweise die körperlichen Veränderungen seiner Lebensgefährtin beschreibt, den Leib, der plötzlich aufgedunsen ist, die Flecken auf der Haut, die sich mit den Pflastern ablöst und ähnliches, was unspektakulär eingeflochten, aber dennoch kaum aushaltbar ist, dann braucht man diese Distanz.

Aber braucht man als Leser(in) das Erzählte? Selten hat mich in den vergangenen Monaten ein gelesenes Buch dermaßen beschäftigt, auch aufgewühlt und betroffen gemacht. Und doch bleibt immer die Frage: Wäre das auch so, hätte ich reine Fiktion gelesen?

Ein sehr interessantes Interview mit dem Schriftsteller findet sich hier:
https://fastforward-magazine.de/tom-malmquist-im-interview/

Ausführlich wurde der Roman auch bei Petra von LiteraturReich besprochen:
https://literaturreich.wordpress.com/2017/06/08/tom-malmquist-in-jedem-augenblick-unseres-lebens/

Und hier die Informationen des Verlages zum Buch:
https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/In_jedem_Augenblick_unseres_Lebens/80002

14 comments on “Tom Malmquist: In jedem Augenblick unseres Lebens”

  1. Liebe Birgit, natürlich hast du recht, bei solcherart Literatur läuft immer der Gedanke mit, dass da Realität erzählt wird, immer das leicht unangenehme Gefühl eines gewissen Voyeurismus. Bei Malmquist war dieses Gefühl bei mir aber nur ganz verhalten. Vielleicht liegt es daran, dass ich ihn kurz vor der Lektüre bei einem Gespräch erleben durfte. Darin erzählte er sehr offen über sein Schreiben. Zwischen den schrecklichen Ereignissen und der Niederschrift liegen immerhin gut vier Jahre, Jahre, die er mit der Erziehung seiner Tochter verbracht hat. Für diese, und weniger als Therapie, hat er dieses Buch geschrieben. Das mag vielleicht verwundern, da die Tochter noch klein ist. Für mich sehr eindrücklich hat er aber beschrieben, wie offen sie mit dem Tod von Karin umgehen. Eine Episode hat er geschildert, als er die kleine Livia dabei überraschte, wie sie durch die Wohnung tänzelte und laut sang „Die Karin ist tot, die Karin ist tot!“. Was zunächst ziemlich befremdlich ist, hat er aufgenommen und schließlich zusammen mit ihr ausgelassen getanzt. Ich habe ihm das zumindest abgenommen, dass er hier ein Erinnerungsbuch für Livia schreiben wollte, dass das ihr Umgang mit dem Verlust ist. Und ganz bewusst hat er sich ein kleines fiktionales Törchen gelassen und das Buch „Roman“ genannt. Für mich ist schließlich auch nur von Belang, ob ein Buch mich mitnimmt, sei es literarisch, inhaltlich oder atmosphärisch. Und das war hier der Fall. Danke für die schöne Rezension und die treffenden Textstellen. Liebe Grüße, Petra

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    1. Liebe Petra, danke für Deinen ergänzenden Kommentar, der noch ein weiteres erhellendes Licht auf den Herstellungsprozess des Buches wirft. Ich hatte nach Veröffentlichung der Rezension jetzt auch ein wenig das Gefühl, dass ich – wegen all meiner Unschlüssigkeit – nicht deutlich genug gemacht habe, dass das Buch auch sehr, sehr mitreißend (irgendwie nicht ganz das passende Wort) ist. Mich beschäftigt es immer noch sehr. Eine große Qualität liegt für mich darin, dass es eben nicht in Rührseligkeit abdriftet, in Verklärungsarbeit – dazu trägt seine distanziertes Schreiben bei, das manche auch als zu „cool“ empfinden, wie ich in einigen Rezensionen las. Vielleicht hat er aber auch die Distanz einiger Jahre gebraucht, umso ehrlich schreiben zu können. Und wie er mit seiner Tochter umgeht, finde ich nicht sehr befremdlich – Kinder haben meist einen viel ehrlicheren Umgang mit dem Tod. Dennoch: Die Stellen, an denen er Karins todkranken Körper beschreibt, als sei dieser ein Gegenstand, nur noch Hülle – die habe ich kaum lesen können. Vielleicht brauchte es das für ihn – aber ich frage mich halt auch, wie das auf die Mitbetroffenen wirkt. Es ist allemal ein Buch, das einen vor große Fragen stellt – wie man selbst mit solchen Verlusten umgehen kann, wie man damit fertig wird, überhaupt der Umgang mit dem Tod, der in unserer Gesellschaft ja auch schwierig ist. Und insofern ist es wirklich egal, in welche Schublade man dieses Buch steckt (oder andere) – wichtig ist, was es mit einem als Leser „macht“. Einen schönen Abend wünsche ich noch! Birgit

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  2. Liebe Birgit,
    vielen Dank für Deine interessanten und klugen Gedanken zu Toms Buch. Und danke, dass Du mein Interview hier verlinkt hast! Es ist ein Gespräch, das mir sehr am Herzen liegt und ich freue mich sehr, wenn es Verbreitung findet. Herzliche Grüße, Gabi

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    1. Oh, das freut mich, dass Du Dich hier meldest, liebe Gabi. Ich hab vor dem Schreiben etwas recherchiert und Dein Interview „sprang“ mich an, weil es mir noch einen anderen Blick auf Autor und Buch ermöglichte. Du hast das sehr sensibel und zugleich direkt moderiert, das gefiel mir. Und so bin ich auf Euer Magazin gestoßen – klasse. Herzlichst, Birgit

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  3. Hallo Birgit,

    mit Arno Franks „So, und jetzt kommst du“ habe ich einen ähnlich therapeutischen Schreibansatz gelesen/gehört. Ich finde, dass man vieler dieser Werke auch frei von autobiographischem lesen kann. Frank hat es in dem Interview mit mir auch gesagt (wird noch veröffentlicht), dass für ihn ein Buch als erstes als Geschichte funktionieren muss und erst danach die Hintergrundinfos einfließen sollten.
    Dieses Buch kommt auf die Merkliste und egal ob das fiktiv oder echt ist, so eine Geschichte geht immer nah.

    Liebe Grüße
    Marc

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    1. Lieber Marc,
      da hat er recht – es muss als Geschichte funktionieren. Ich habe es aber mehr aus Sicht der Leserin betrachtet – das ging mir bei Thomas Melle so, ebenso aber bei „Schluckspecht“ von Peter Wawerzinek: Den „Wahrheitsgehalt“ habe ich halt im Kopf und er begleitet mich, wenn ich das nächste Buch des betreffenden Autoren lese – was aber nichts aussagt über die Qualität des Textes, sondern eher mein Unvermögen ist, dann nur noch rein literaturwissenschaftlich die reine Form betrachten zu können. War das ein langer Satz. LG Birgit

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  4. Du machst mich neugierig auf das Buch. Ich habe – unter anderem auch bei Knausgard oder Espedal – nie das Gefühl, eine Voyeurin zu sein. Vielmehr mache ich mir Gedanken darüber, welche Folgen es hat, wenn die künstliche Instanz des Erzählers, egal aus welcher Perspektive er berichtet, wegbricht. Viele Grüße

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    1. Für mich persönlich ist dieses „voyeuristische Gefühl“ eben eine Folge dessen, dass die Instanz des Erzählers zugleich die desjenigen ist, der die Geschichte erlebte. So wie ich Melle wohl nie mehr ganz ohne das Wissen um seine Erkrankung lesen werden kann oder beispielsweise auch Wawerzinek. Bei diesem Buch ging es mir v.a. mit den in den Kommentaren bereits genannten Schwiegereltern so – man macht sich, insbesondere von der Frau, ein konkretes Bild und davon, wie sie wohl auf manche Passagen reagiert. Ob da seitens Malmquist auch die Überlegung da war, was das Buch mit ihr macht. Wie man danach miteinander umgehen kann. Das weckt, ich gebe es offen zu, auch ein wenig den „Voyeurismus“ in mir.

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