Die Hand Gottes bereitet gemischte Gefühle …

Der schottische Autor Philip Kerr liefert einen soliden Krimi zur Überbrückung der fußballfreien Sommerpause ab. Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff.

8 Kommentare
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Bild: Florian Pittroff

Fußballfreie Zeit – außer Confed Cup eben, aber der ist für echte Fans nicht ganz so prickelnd – da hab ich mir mal wieder einen Fußballroman angelacht: „Die Hand Gottes“ von Philip Kerr. Eines vorweg: Wer einen rasanten Thriller erwartet mit Action und Dramatik, bei dem die Spannung über den ganzen Roman hochgehalten wird, der sollte besser zu einem anderen Buch greifen. Dieser Roman ist nun wirklich alles andere als ein Thriller, auch wenn das Buchcover es so anpreist. Den Geschehnissen fehlt die Dramatik, Spannung ist etwas anderes. Der Roman ähnelt eher einer zwar soliden, aber langweiligen WM-Vorrunde, in der sich alle abtasten – ein spannendes Spitzenspiel sieht anders aus.

Der Plot ist dennoch nicht schlecht, so dass man das Buch nach den fast 400 Seiten recht zufrieden weglegen kann: Griechenland im Hochsommer. Die Sonne brennt, auf den Rängen im Hexenkessel des Karaiskakis-Stadions toben die Fans. Scott Manson, Cheftrainer und Ermittler wider Willen und sein Team vom skandalträchtigen Erstligisten London City wollen nur das Champions League Spiel gewinnen und nichts wie zurück ins kühle England. Da bricht Scotts Topstürmer vor laufenden Kameras tot zusammen. Die griechische Polizei stellt die gesamte Mannschaft unter Verdacht, der ukrainische Clubchef und Ex-Mafiaboss Sokolnikow verlangt schnelle Aufklärung. Doch als wenig später ein totes Escortgirl aus dem Hafenbecken von Piräus gefischt wird, weiß Scott, dass der Schuldige nicht unter seinen Spielern, sondern in der Chefetage von London City zu finden ist. Ein Spiel gegen den Gegner aus den eigenen Reihen beginnt.

Soweit so gut.

Der Autor verfügt über gut recherchiertes Hintergrundwissen aus der englischen und internationalen Fußball-Szene. Es ist auch etwas echt Besonderes, in einer fiktiven Geschichte reale Fakten über den aktuellen Profifußball zu erfahren. Und Kerrs Liebe zu Hertha BSC in den Roman einzubauen, ist zudem ein toller Kniff. Im Verlauf der Geschichte gibt es dann sogar einiges über Griechenland in Erfahrung zu bringen, über die dortige Wirtschaft, die Spannungen in der Gesellschaft und die Schwierigkeiten der Bevölkerung.

Allerdings kommen viel zu viele Charaktere vor – sich die Rolle und Bedeutung jeder Figur zu merken, wird durch die Vielzahl der doch recht komplexen, aber dennoch ähnlichen Namen der griechischen Protagonisten nicht gerade erleichtert. Man muss schon „höchschte Konzentration“ bewahren, wie Bundestrainer Löw zu sagen pflegt, und ab und an zurückblättern, um sich nochmals zu vergegenwärtigen, wer nun eigentlich wer ist und was er bisher für eine Rolle gespielt hat. Das unterbricht den Lesefluss und lässt auch die wenigen spannenden Momente meist im vor- und zurückblättern verpuffen, insbesondere auf den ersten einhundert Seiten. Das Ende wirkt auf mich ein wenig zu sehr konstruiert.

Eher ein grundsolider Kriminalroman denn ein echter Thriller. Oder um es mit dem Augsburger Dichter Bert Brecht zu sagen, der mit Fußball nichts am Hut hatte: “Wir stehen selbst enttäuscht und sehr betroffen – den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.klett-cotta.de/buch/Literarischer_Krimi/Die_Hand_Gottes/79981

8 comments on “Die Hand Gottes bereitet gemischte Gefühle …”

  1. Vielen Dank für die schöne, augenzwinkernde Rezi (höschste 🙂 ). Mir hat der Vorgängerband eigentlich ganz gut gefallen („Der Wintertransfer“) – kennst Du den zufällig? Wenn ja, wie ist der 2. Scott-Manson-Band im Vergleich mit dem ersten?
    Liebe Grüße!

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      1. Danke, das wäre lieb! Kerr hat in den 90ern einige fantastische Bücher geschrieben (Krimi-Trilogie im Nazideutschland und „intelligente Science-Fiction“ (wie man das damals nannte: „Das Wittgenstein-Programm“ und „Game Over“) Die späteren Bücher waren immer, hm, okay, konnten mich aber nicht wirklich überzeugen.
        Liebe Grüße!

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  2. Auf Spiegel Online meinte der Rezensent zum 1.Band „Der Wintertransfer“ sinngemäß: „Es reichte nur zu einem knappen Arbeitssieg“. Genau so habe ich es auch empfunden, die Fußball-Insider-Anspielungen sind ganz gut, aber der Krimiplot eher bieder. Ich probiere es aber nochmal mit diesem Band.
    Philipp Kerr ist ansonsten ein sehr produktiver Autor. Empfehlen kann ich seine Bernie-Gunther-Reihe über einen Privatdetektiv während der NS-Zeit (die etwas düsterere und zynische Variante von Volker Kutschers Gereon Rath).

    Gefällt 1 Person

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