Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (1851).

Das „Haus mit den sieben Giebeln“ ist bis heute in Salem (USA) zu bewundern. Hawthorne machte es mit seiner Schauer- und Kriminalgeschichte berühmt.

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Das Haus mit den sieben Giebeln steht heute noch in Salem. Bildquelle: http://www.pixabay.com

„Das ehrwürdige Gebäude ist mir seit je wie ein Gesicht erschienen, das nicht nur von Wind und Wetter draußen gezeichnet ist, sondern von langen Erdenleben drinnen und dessen Wechselfällen redet.“

„Das alte Haus unserer Geschichte dagegen, mit seinen Balken aus Weißeiche, seinen Brettern, Schindeln, dem bröckelnden Putz und selbst den mächtigen, mehrzügigen Schornstein in der Mitte, schien nur den geringsten, unbedeutendsten Teil seiner Wirklichkeit preiszugeben. So viel an menschenmöglicher Erfahrung hatte sich dort zugetragen – so viel war gelitten und etliches auch genossen worden – dass es überall aus dem Gebälk troff wie aus einem Herzen. Das Haus war selbst wie ein großes Menschenherz, voller Eigenleben und reich an denkwürdigen und düsteren Erinnerungen.“

Nathaniel Hawthorne, „Das Haus mit den sieben Giebeln“

Dass Nathaniel Hawthorne am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, zur Welt kam, hat durchaus Symbolkraft: Der 1804 in Salem, die durch ihre Hexenprozesse berühmt-berüchtigt gewordene Stadt, geborene Hawthorne steht wie einige andere dieser frühen Schriftstellergeneration zwar noch gedanklich und mit einem Bein auf dem Boden der Alten Welt. Doch zugleich ist er auch Begründer einer eigenen, amerikanischen Literatur mit ihren ganz eigenen, amerikanischen Mythen. Hawthornes Bücher sind eine Losschreibung – eine Auseinandersetzung mit der engen puritanischen Welt, die seine Vorväter in Neuengland begründeten, eine Auseinandersetzung mit den rigiden Moralvorstellungen und den engen gedanklichen Zirkeln, in denen sich die Vorväter der Neuen Welt bewegten. Hawthorne, dies wird in seinen Büchern deutlich, litt an diesem Erbe, insbesondere auch, weil einer seiner eigenen Ahnen, die knapp zwei Jahrhunderte zuvor in die USA gekommen waren, aktiv an den Salemer Hexenverfolgungen beteiligt war. Warum, so drängt sich bei der Lektüre seiner Bücher immer wieder auf, begründeten diese Menschen eine Welt, die düsterer war, als die, aus der sie flohen, warum zerstörten sie ein unberührtes Paradies, um dann ins schwärzeste Mittelalter zurückzufallen?

Hawthorne, der für Henry James und Herman Melville als einer der größten, gar als Begründer der amerikanischen Romanliteratur galt (wobei dieses Privileg eigentlich auch James Fenimore Cooper zugeschrieben werden kann), zog anderthalb Jahrhunderte später seine eigenen Konsequenzen: Er flüchtete sich in das Paradies der kleinen Dinge und in die Literatur. Schreibend betrieb er Vergangenheitsbewältigung für eine ganze Nation. Zertrümmerte das Alte, im Leben wie in der Literatur:

„Wie sehr Sie alles Alte hassen!“, entsetzte sich Phoebe. „Es macht mich schwindlig, an eine so unstete Welt zu denken!“
„Ich liebe jedenfalls keinen Moder“, antwortete Holgrave. „Nehmen wir dieses alte Haus der Pyncheons! Lebt es sich gesund darin, mit seinen schwarzen Schindeln und dem grünen Moos, das zeigt, wie verrottet sie sind? Und in den dunklen Räumen mit den tiefen Balken, dem Ruß und Schmutz, der sich an den Wänden niederschlug vom Seufzen und Atmen in Missmut und Angst? Mit Feuer sollte dieses Haus geläutert werden – geläutert, bis davon nur noch Asche bleibt!“

In dem Roman, mit dem Hawthorne berühmt wurde, steht ein Buchstabe als Symbol für diesen Umbruch. In dem Roman, mit dem er schließlich reich und persönlich unabhängig wurde, ist es ein Haus. Das „Haus mit den sieben Giebeln“, das bis heute in Salem zu bewundern ist. Der nun beim Manesse Verlag wieder aufgelegte Roman lässt sich lesen wie eine Mischung aus Schauer- und Kriminalgeschichte, gewürzt mit einer zarten Romanze – ein amerikanisches „Wuthering Heights“, jedoch mit eindeutigen Sympathieträgern und einem Happy End für dieselben: Die junge Generation (das neue Amerika) überwindet die Sünden der Vorväter.

Ein Lesevergnügen, hervorragende Unterhaltung bietet diese Heim- und Hausgeschichte allemal. Bei der Einweihung des giebeligen Prachtbaus streckt den Obersten Pyncheon ein Blutsturz nieder. Kein Wunder: Hat der puritanische Scheinheilige doch den proletarischen Matthew Maule der Hexerei beschuldigt, um an dessen Grundstück zu kommen. Seither liegt auf dem Gelände ein Fluch. Rund anderthalb Jahrhunderte später – also in der Gegenwart, in der Hawthorne schrieb – belastet die Ursünde der Vorväter die letzten Nachkommen weiterhin. Die alte Jungfer Hepzibah Pyncheon muss aus materieller Not heraus einen Laden eröffnen – höchst amüsant die Passagen, in der die „leutscheue“ Alte vor Angst bibbernd einem gefräßigen Dorfjungen Naschereien verkauft -, ihr Bruder Clifford, unschuldig als Mörder verurteilt, kehrt geistig verwirrt und gebrochen in sein Elternhaus zurück. Dem Geschwisterpaar setzt deren Vetter Jaffrey zu, ein Nachfahr dieser doppelmoralischen Puritaner, wie er im Buche steht: Ehrgeizig, machtlüstern, intrigant. Jaffrey ist besessen von einer Besitzurkunde über Ländereien, die er im Haus mit den sieben Giebeln vermutet – und zu jeder Untat fähig, um an das Haus und die Urkunde zu kommen. Den drei Vertretern der alten Generation steht jedoch die junge Garde gegenüber: Die frische, unverdorbene Phoebe und Holgrave – ein Symbol für das „Neue“ ist auch dessen Beruf, er ist Daguerroetypist -, die letztendlich nicht nur Clifford von der falschen Anklage entlasten, sondern natürlich auch ein Herz und eine Seele werden – wer in Holgrave und Phoebe ein Selbstportrait der innigen Ehegemeinschaft von Nathaniel und seiner Sophia liest, liegt dabei sicher nicht daneben.

So liest sich diese Schauergeschichte bei aller Düsternis also schmissig und leicht, birgt Spannungs- und Herzensmomente. „Das Haus mit den sieben Giebeln“, eine der ersten „gothic novels“, ist mehr noch als der ein Jahr zuvor erschienene Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ eine „radikale Generalabrechnung mit den Schatten der Vergangenheit“.
So Klaus Modick im Deutschlandfunk – dessen umfassende Besprechung und Einführung in Hawthornes Werk gibt es hier:
http://www.deutschlandfunk.de/von-wuerde-und-ehebruch.700.de.html?dram:article_id=81883
Weiteres zum Buch inklusive Leseprobe gibt es auf der Seite des Verlags:
http://www.randomhouse.de/Buch/Das-Haus-mit-den-sieben-Giebeln-Roman/Nathaniel-Hawthorne/e449395.rhd?mid=4

21 comments on “Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (1851).”

  1. Es ist jetzt ein gutes Vierteljahr her, dass ich das Buch gelesen und rezensiert habe, und wenn ich jetzt deine Besprechung lese, wird mir wieder bewusst, wie verdammt gut dieses Buch ist und wie hartnäckig sich die Emotionen des Romans in meiner Erinnerung halten. Das ist für mich ein Signal großer Literatur. Danke für’s Erinnern.

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    1. Liebe Jutta,
      ich wünsche Dir viel Freude an der Lektüre – ich mag diese Art Literatur wahnsinnig gerne, Wuthering Heights, Middlemarch, Scharlachrote Buchstaben – alles drin, was echte Schmöker brauchen 🙂
      Viele Grüße an die Weser…

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  2. Seit langem auf meinem Wunschzettel und dank deiner Rezension wird es nun doch bald gekauft. Das klingt nach einer intensiven und düsteren Erzählung – perfekt für die ersten nebeligen Herbsttage.
    Viele Grüße
    Mareike

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    1. Liebe Mareike,
      irgendwo las ich zwar, es sei eines seiner „helleren“ Bücher…aber sicher ist es deswegen eher kein „Frühlingsbuch“. Es im Herbst zu lesen beim Nebelwandern, das passt sicher gut. Viel Freude bei der Lektüre wünscht Birgit

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  3. Den Roman möchte ich unbedingt endlich mal lesen. Setz ich doch gleich mal auf meine Wunschlsite das Buch. Insbesondere seit ich vor ein paar Tagen diesen Film gesehen habe, der dich ggf interessieren könnte, falls du das Puritanische Hexen-Geschauere noch ein wenig verlängern möchtest:

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  4. Kann mich ganz unoriginell nur all meinen VorrednerInnen anschließen. Das Buch möchte ich mit in die Ferien nehmen. Danke für deine ansprechende Vorstellung. Bin bei den „Klassikern“ anscheinend doch nur sporadisch nach Amerika gekommen. Ja, und so freue ich mich, wenigstens dieser Leselücke bald Abhilfe zu schaffen. LG, Anna

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  5. Naja, Hawthorne ist ja ein Klassiker, den es sich noch heute zu lesen lohnt, wie du in deiner Rezension auch fein darstellst. Wir lasen alle seine Romane, wobei wir einige langatmig fanden, aber diesen nicht. Wir lieben auch seine Sprache, wenn sie auch bisweilen uns heutigen Lesern umständlich erscheint – allerdings sind wir englisch- und nicht amerikanischsprachig.
    Danke für deine Rezension.
    Mit herzlichen Grüßen von der sonnigen Küste Nord Norfolks
    The Fab Four of Cley

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