Jack London – Südseegeschichten und ein Ausflug in die Welt der Agenten

Sie kostete ihn zwar sein Vermögen und die Gesundheit – aber die Reise in die Südsee erschloss Jack London auch eine neue literarische Welt.

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2017-05-25 16.26.54„Der Mann, der das andere Kind festhielt, berührte Raouls Schulter und zeigte auf etwas. Da sah er, wie hundert Fuß entfernt die Mormonenkirche taumelnd davonglitt. Sie war aus ihren Fundamenten gerissen, und Sturm und Wellen hoben und schoben sie Richtung Lagune. Eine erschreckende Wasserwand brach über sie herein, kippte sie um und schleuderte sie gegen ein Dutzend Kokospalmen. Die Trauben von Menschen fielen wie reife Kokosnüsse. Als die Welle abfloss, wurden sie am Boden sichtbar; einige lagen regungslos, andere wanden und krümmten sich. Sie erinnerten ihn seltsam an Ameisen. Er war nicht schockiert. Er war bereits jenseits des Grauens.“

Aus „Das Haus von Mapuhi“, Jack London, C. H. Beck textura, 2016.

Mit seinen Romanen und Erzählungen über die raue Welt Alaskas war Jack London (1876 – 1916) wohlhabend geworden. Doch der Kalifornier war nicht der Typ, der sich mit einem dicken Bankkonto zur Ruhe setzen würde. London, der immer zu großen Ideen neigte, wollte sich mit dem erschriebenen Geld einen Traum erfüllen – in sieben Jahren die sieben Weltmeere durchqueren. Weit kam er nicht: Der Bau seiner Yacht Snark Plänen trieb ihn bereits vor dem Ablegen tief in die Schulden. Und als 1907 endlich die Segel Richtung Honolulu gehisst werden konnten, wurde schnell deutlich, dass die Snark alles andere als besonders seetauglich war. Es grenzte an ein Wunder, dass die Reisenden mit dem leckenden Boot Honolulu erreichten und die Reise sogar über Hawaii, Tahiti, die Fidschi-Inseln bis zu den Neuen Hebriden und die Salomon-Inseln weiterging. Im Südpazifik war dann jedoch, nach erst zwei Jahren, Schluss: Jack London, gesundheitlich sowieso angegriffen, musste wegen schwerer Malaria-Anfälle zur Behandlung nach Sydney.

Doch trotz der von Pech und Pannen geprägten Ozeanumsegelung erschloss sich der Schriftsteller eine neue Welt – auch in literarischer Hinsicht. Wie Andreas Nohl, der Schriftsteller und renommierte Übersetzer englischsprachiger Klassiker betont, schrieb London

„… auch während der Reise täglich sein Pensum. So schuf er (…) zahlreiche Südseegeschichten, die er eilends an große Zeitschriften verkaufte, um sich und seine Crew finanziell über Wasser zu halten (und seine Gläubiger ruhigzustellen.“

Fünf der besten „Südseegeschichten“ Jack Londons sind in dem Band „Das Haus von Mapuhi“ enthalten. Das Buch erschien 2016 zum 100. Todestag des Schriftstellers in der Reihe „textura“, übersetzt von Andreas Nohl. Nohl, der auch der „Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson eine frische Prise eingehaucht hat, findet für London ebenfalls den passenden Ton: Er vermag es, die Modernität dieses kraftvollen Schriftstellers zu transportieren.

Die Erzählungen zeigen alles andere als ein unberührtes Südseeparadies: Die Einwohner der Inseln sind zum einen den Gewalten der Natur ausgeliefert, wie die titelgebende Geschichte „Das Haus des Mapuhi“ eindrucksvoll aufzeigt. Ebenso schwelen aber auch die Konflikte zwischen Ureinwohnern und den Europäern, die in „Koolau, der Aussätzige“ zu einem Aufstand Leprakranker führen oder in „Familienstolz“ zur Verleugnung des Halbbruders, der von einer indigenen Mutter stammt.

Ob Jack London von Männerfreundschaften, von Freiheitskämpfern oder Überlebenden eines Hurrikans  erzählt: Neben der Natur spielt das Streben nach Glück der Menschen eine Hauptrolle. Erstaunlich ist dabei die Bandbreite: Mitreißende Abenteuergeschichten, aber auch so ein anrührendes Erzählstück wie „Ah Kims Tränen“. Der chinesische Junggeselle hat in Honolulu sein finanzielles Glück gemacht – doch die Frau seiner Träume darf er nicht heiraten, weil sie sich nicht an die strengen Sitten der chinesischen Kolonie hält. Erst der Tod der Mutter erlöst ihn von seinem Bann.

Es zeigt sich, wie genau London bei seinen Reisen die Menschen verschiedener Klassen und Rassen kennenlernte und beobachtete. Zugleich aber ist der lebenslang aktive Sozialist auch ein Sozialdarwinist, einer, der dem Credo des „Survival of he fittest“ anhängt. Es überleben die Stärkeren – und das ist in seinen Augen auf menschlicher Ebene „der weiße Mann“. Obwohl London die Folgen der Kolonialisierung wahrnahm und in seinen „Südseegeschichten“ thematisierte – die Ausbeutung der Arbeiter, die Sklaverei, das Einschleppen von Krankheitserregern, die Verarmung der Einheimischen –, steckte in ihm auch ein Rassist.

Klaus Daniel vom Blog BücherKaterTee zeigte dies unlängst bei einer Besprechung von Jack Londons „Jerry, der Insulaner auf“. Der Schriftsteller Georg Klein schrieb im August 2000 für die Frankfurter Rundschau über dieses Buch:

„Wer Londons Tiergeschichten liest, ahnt, wie närrisch es ist, rassistisches Gedankengut ausrotten zu wollen. Überall, wo die komplexen Verhältnisse zwingen, kompliziert zu denken, wächst die Sehnsucht nach einfach strukturierten Erklärungsmodellen.“

Quelle: Georg Klein, „Schund & Segen. Siebenundsiebzig abverlangte Texte“, Rowohlt Verlag, 2013.

2017-05-25 16.26.22Das Konzept der Überlegenheit einer bestimmten Klasse liegt auch einer Besonderheit im Werk Jack Londons (der in seinen wenigen Lebensjahren 27 Romane, zudem etliche autobiographische Werke, zahllose politische Essays, Reportagen, Essaysammlungen und fast 200 Kurzgeschichten schrieb) zugrunde: Der Agententhriller „Mord auf Bestellung“, ein Genre, das sonst nicht mit dem Namen London verbunden wird.

Handlung: Der diabolische Ivan Dragomiloff ist Kopf einer Attentatsagentur – die Killer ermorden rund um die Welt gegen Honorar Menschen, sofern diese nach Ansicht der Agentur gegen die Gesetze der Gesellschaft verstoßen. Dieses Gesetz der Agentur ist ehern – und tritt daher auch in Kraft, als ein Kopfgeld gegen Dragomiloff selbst ausgesetzt wird (ausgerechnet von Winter Hall, einem jungen Mann, der die Nichte des Russen ehelichen will). Neben einer Verfolgungsjagd durch die Vereinigten Staaten, zahllosen Toten und einer Liebesgeschichte mit Hindernissen ist der Roman vor allem geprägt von Diskussionen über Recht und Moral, Schuld und Sühne zwischen Dragomiloff und Winter Hall.

Das Buch erschien im Jubiläumsjahr 2016 im Manesse Verlag. Doch auch Eike Schönfeld – neben Andreas Nohl gegenwärtig einer der besten Übersetzer englischer und amerikanischer Literatur – kann diesen seltsamen Hybrid aus Abenteuergeschichte, Thriller und Philosophiediskurs nicht wirklich retten. Jack London war 1909 nach seinem Südseeabenteuer abgebrannt – sowohl an Geld als auch an Einfällen. Die Idee zu „The Assassination Bureau Ltd.“ kaufte er seinem jüngeren Schriftstellerkollegen Sinclair Lewis ab. Doch London brach die Arbeit am Manuskript 1910 ab, kam offenbar nicht weiter.

1963 wird das Manuskript, wie Freddy Langer im Nachwort der deutschen Übersetzung ausführt, dem Krimiautor Robert L. Fish aus dem Nachlass Jack Londons zugespielt. Fish greift den Faden auf und spinnt das Werk fort. Im Grunde also ein Roman, geschrieben von zwei Autoren – dies hätte meiner Meinung nach deutlich vom Verlag schon auf dem Cover hervorgehoben werden müssen.

Man merkt dem Buch diesen Bruch durchaus an: Ist Jack Londons Anteil eher „philosophisch“ aufgeladen, so treibt Fish den zweiten Teil in stringenter Thrillermanier voran. Überzeugen kann das Endprodukt nicht: Das ganze logische Gerüst erscheint wenig schlüssig, der kriminalistische Teil war nicht Londons Stärke, die moralphilosophischen Dialoge sind zwar intelligent angelegt, aber driften zu sehr von der Rahmenhandlung ab. Nicht von ungefähr ließ London das Manuskript in der Schublade verschwinden: Dass es nun als „Meisterwerk“ vermarktet wird, sehe ich sehr kritisch.

Interessant ist das Buch eher für London-Leser, die sich eingehender mit der Persönlichkeit des Schriftstellers beschäftigen wollen: Denn mit Dragomiloff zeichnet er einen jener kraftvollen „Übermenschen“, die er in seinem Werk (siehe den „Seewolf“) des Öfteren auftreten lässt. Jene Übermenschen, die darüber entscheiden, wer leben darf und wer nicht, jene Übermenschen, für die auch Rassismus ein denkbares Erklärungsmuster ist.

Andreas Nohl schreibt über ihn:

„In gewisser Weise hatte er den Nietzscheanischen Vulgärmythos vom Übermenschen (Overman oder Superman) zur eigenen Lebensmaxime erhoben. All dem haftete etwas ebenso Zwanghaftes wie Überlebensgroßes an, eine übersteigerte Version des amerikanischen Optimismus.“

Und dennoch, trotz all dieser Makel, war Jack London in seiner besseren Texten ein mitreißender Schriftsteller – einer, der immer wieder dazu verführt, dem Ruf der Wildnis zu folgen.

Verlagsangaben zu den genannten Büchern:

Das Haus von Mapuhi:
http://www.chbeck.de/London-Haus-Mapuhi/productview.aspx?product=16572659
Mord auf Bestellung:
https://www.randomhouse.de/Buch/Mord-auf-Bestellung/Jack-London/Manesse/e467041.rhd

6 comments on “Jack London – Südseegeschichten und ein Ausflug in die Welt der Agenten”

  1. Danke Birgit, ich habe London als Jugendliche sehr gerne gelesen. Nach Wolfsblut kam Martin Eden, der mir jedoch als ca. 12 – 14 jährige einfach zu anspruchsvoll war. Ich las ihn dann später. Vielleicht sollte ich ihn mir nochmal vornehmen, ich habe wenig Erinnerungen daran.
    Viele Grüße aus den sonnigen Berlin ( nach einem langen IGA Tag, Susanne

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