Margaret Mitchell – Vom Winde verweht: Romantik aus, Rassismus an

„Vom Winde verweht“ (1936) ist bis heute ein Bestseller. Die Romanze um Scarlett und Rhett ist jedoch auch ein vom Rassismus durchtränktes Machwerk.

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Bild: http://www.pixabay.com

“My dear, I don`t give a damn.”

Man müsste schon vollkommen ignorant sein, um keinen „damn“ darauf zu geben, dass „Vom Winde verweht“ nicht nur eine der weltweit bekanntesten Liebesgeschichten, sondern im Grunde ein zutiefst rassistisches Machwerk ist. Mir ging es wohl so wie vielen anderen: Ich kannte zunächst den Film, der zwar auch von Stereotypen und Klischees geprägt ist, aber denn doch die übelsten Passagen der Romanvorlage ausklammert. Die weißbemäntelten Typen vom Ku-Klux-Klan: Sie hätten sich neben Vivian Leigh und Clark Gable wohl auch allzu lächerlich im Breitwandformat ausgenommen. So bereitete mir die spätere Lektüre der 1936 erschienenen Romanvorlage doch eine heftige Überraschung: Romantik aus, Rassismus an.

Die Rezeption des Films – der Klassiker aller Schmachtfetzen – verstellt bis heute den Blick auf das Buch: Doch wer den Roman von Margaret Mitchell mit hellwachem Sinn liest, müsste eigentlich Scarlett, Rhett und die ganze Südstaaten-Sippschaft mit Verve in den Wind schießen. Eins vorneweg: Stilistisch brachte mir das Südstaatenepos, das viel Lokalkolorit, Bürgerkriegsszenen und jede Menge Schmalz bietet, keinen frischen Wind, geschweige denn eine kleine Prise. Völlige Flaute, mehr als 1000 Seiten eher Lesequal. Starr gezeichnete Charaktere bis hin zur Karikatur, holperige Dialoge, langatmige Frequenzen – sprachlich liegt der “Schinken” nicht gerade leicht im Magen. Man darf sich an Szenen wie diesen ergötzen:

„Seine schwarzen Augen suchten in ihrem Gesicht und wanderten hinunter zu den Lippen. Scarlett schlug die Augen nieder und wurde aufgeregt. Nun würde er sich die Freiheiten herausnehmen, die Ellen vorausgesagt hatte.“

Die Welt der „alten“ Südstaaten war schon längst untergegangen, als Margaret Mitchell ihr literarisches One-Hit-Wonder schrieb. Sie selbst, geboren 1900, hatte dies nie erlebt, aber in ihrer wohlhabenden Familie in Atlanta die Legende von der “guten, alten Zeit” gehört. Und so ist ihr 1936 erschienenes Südstaatenepos vor allem nach dem Muster gestrickt: Früher war alles besser und die Welt in Ordnung. Damals, als die weißen Plantagenbesitzer noch edle Herren waren, die Damen mit dem Fächer wedelnd auf schattigen Veranden Schutz vor der Sonne suchten, derweil der schwarze, etwas unbeholfene Butler kühle Limonade brachte und auf den treudoofen Baumwollpflücker auf dem Feld herabschaute. Bis die bösen Yankees kamen und die Schwarzen partout befreien wollten.

Mitchell beließ es jedoch nicht bei einem sentimentalen Rückblick und Südstaatenromantik. Sondern packt in ihren Wälzer einseitige Klischees über „die Schwarzen“ und merkwürdige Ansichten über den Ku-Klux-Klan. Im Roman heißt es, der Klan sei von „tragischer Notwendigkeit“ – ein Instrument der Notwehr, da der Norden versuche, dem Süden „die Herrschaft der Neger aufzuzwingen, von denen viele vor kaum einem Menschenalter noch in den Urwäldern Afrikas gelebt hatten.“ (Das Zitat wurde aus diesem Artikel entlehnt: „Vom Winde verweht 3 – jetzt mit Rassismus„)

Wem dabei – auch in der Parallele zu manchen üblen Äußerungen, wie sie heute rechtspopulistische Politiker über Migranten fallen lassen – nicht die Haare zu Berge stehen, dem sollte eine Aussage der Autorin zu denken geben:

„Margaret Mitchell schrieb um 1929 Sätze wie diese: „Die große Anzahl der Sittlichkeitsverbrechen an Frauen brachte die Männer des Südens in kalte, bebende Wut und rief über Nacht den Ku-Klux-Klan ins Leben.“ (Zitat aus: s.o.)

So ist das Buch, wie Elke Schmitter in dem Mitchell-Portrait „Der Trotz als Herzschrittmacher“ (enthalten in: „Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur, btb Verlag, 2013) schreibt,
“trotz Genauigkeit im Detail hemmungslos parteilich. Der Ku-Klux-Klan wird als Selbsthilfegruppe gedemütigter, eigentlich wohlerzogener Bürger vorgestellt, das Bürgerrecht für Schwarze als eine weltfremde Idee – nicht, weil es diesen an Menschlichkeit fehlte, doch sind sie, wie nicht nur Scarlett versichert, im Grunde wie Kinder, die man hüten muss…”

Der Schlussfolgerung von Elke Schmitter – „Gerecht ist die Erinnerung nie. Überwältigend darf sie sein.“ – kann ich nicht folgen. Zumal mich Stil, Sprache, Erzählweise dieses Romans auch in keiner Weise überwältigen konnte.

Zehn Jahre schrieb Mitchell an ihrem einzigen Roman – das zähe Ringen merkt man dem Buch  beim Lesen durchaus an. Als es dann endlich erschien, beurteilte das „Time“ Magazin es als „unverzeihlich rassistisch“. Dennoch wurde der Roman mit Preisen überschüttet, so mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award, und aus dem Stand zu einem Verkaufsschlager. Die Verfilmung durch Victor Fleming, die 1939 in die Kinos kam, räumte zehn Oscars ab und wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Streifen der Filmgeschichte.

Vor drei Jahren schrieb Marc Pitzke anlässlich des 75. Jahrestages der Filmpremiere:

„Gone with the Wind“ ist eines der rassistischsten Machwerke Hollywoods: Es romantisiert das wohl düsterste Kapitel der US-Geschichte – was jetzt (…) relevanter ist denn je.
Die Parallelen sind beklemmend. Vielen Weißen fehlt das Bewusstsein, das die USA überhaupt ein Problem haben: Damals akzeptierten sie den Rassismus nonchalant als Lebensart – heute leugnen sie, dass es ihn überhaupt gibt.“ 

Quelle:
http://www.spiegel.de/einestages/vom-winde-verweht-rassismus-im-hollywood-film-klassiker-a-1007841.html

Man bedenke: Dieser Artikel stammt noch aus der Ära Obama.

19 comments on “Margaret Mitchell – Vom Winde verweht: Romantik aus, Rassismus an”

  1. Danke, Birgit, eine gelungene Richtigstellung!
    Ich mag schon den Film nicht, als ich ihn das erste mal sah, hielt ich ihn nicht nur für rassistisch sondern auch für frauenfeindlich. So habe ich das Buch nie gelesen.
    Nach der Farbe Lila habe ich mich den Romanen Tony Morrisions zugewandt und so habe ich gestern auch gleich Gott hilf dem Kind auf meine Leseliste ganz nach oben gesetzt. Sobald ich mein Referat Donnerstag gehalten habe, werde ich das Buch wohl beginnen.
    Die Farbe Lila hat mich auch als Frau geprägt. Der Satz, das sie sich beim Sex wie eine Toilette fühlt, das habe ich nie vergessen. Was für eine furchtbare Vorstellung! Ich war noch so jung und unerfahren als ich das Buch las.
    Liebe Grüße sendet dir aus dem sonnendurchfluteten Arbeitszimmer Susanne

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    1. Da hast Du recht, Susanne, das Buch und der Film zementieren auch gewisse Frauenbilder. Wobei Rassismus und Sexismus ja auch immer Hand in Hand gehen – das wird bei Toni Morrison auch ziemlich deutlich. „Die Farbe Lila“ von Alice Walker möchte/muss ich mal wieder lesen – das würde ja zu meiner derzeitigen Lektüre sehr gut passen. Ich fand auch den Film großartig mit der Musik von Quincy Jones, insbesondere den Song „Miss Celie`s Blues“: https://www.youtube.com/watch?v=Hry4TTkqpqE
      Wie Celie dank Shug ihr Leben ändert – ein Beispiel für weibliche Solidarität. Der Spielberg-Verfilmung, die ansonsten gelobt wurde, wurde übrigens jedoch vorgeworfen, dass die männlichen Personen zu klischeehaft dargestellt worden seien…ich muss also nochmal das Buch lesen, um zu sehen, wie es dort war. Herzliche Grüße von Birgit

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      1. Stimmt, Birgit, es ist von Alice Walker. Es ist so lange her, dass ich es Tony Morrison zugeordnet habe.
        Ich denke, auch ich muss beides nocheinmal lesen/schauen.
        Ich denke auch, dass ich über Alice Walker zu Tony Morrison gekommen bin 🙂 auf welchen wegen auch immer.
        Wird der Spielberg-Verfilmung platt gesagt eine Männerfeindlichkeit vorgeworfen?

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      2. Nach Lektüre der Filmkritik will ich mir den Film auf jeden Fall nochmal anschauen, vielleicht lese ich auch das Buch nochmal.
        Die Art der Kritik war mir nicht bekannt.
        Liebe Grüße und einen schönen Morgen von Susanne

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      3. Nein, sicher nicht, liebe Birgit, nach der Buchlektüre kann man auch den Film nicht romantisch sehen. 🙂
        Wobei der Film tatsächlich längst nicht so hart ist, wie das Buch.
        Freue mich – in sechs Wochen sehen wir uns, liebe Grüße von Susanne

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      4. Gerne, da freue ich mich, das hört sich gut an!
        Wir werden nun doch schon den verabredeten Samstag so gegen 8 Uhr losfahren – unsere andere Verabredung hat abgesagt, so dass wir uns auch schon so gegen 15 Uhr herum treffen könnten, wenn es dir passt.

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  2. Hallo Birgit,
    ‚Vom Winde verweht‘ steht auch schon seit Jahren auf der Liste der Bücher, die ich noch mal als Erwachsene lesen wollte. Aber ich hatte schon vermutet, dass das unerquicklich werden könnte… Kann man sich vielleicht ganz sparen. LG Anna

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  3. Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich den Film als Teenager toll fand, vor allem die schönen Kleider. Ich habe mir danach auch das Buch gekauft und mich furchtbar gelangweilt. Das hat sich gezogen wie Kaugummi, ohne dass sich ein Spannungsbogen aufbaute. Ich glaube, ich habe es auch nicht zu Ende gelesen. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern, was ja wahrscheinlich auch recht vielsagend ist. Schön, dass Du das Buch mal in den historischen und aktuellen Kontext gesetzt hast. Da erkennt man auch die Gefahr, die von Büchern und Filmen ausgehen kann. Lieben Gruß aus dem verregneten Greenwich, Peggy

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    1. Liebe Peggy, ja, es ist absolut öde zu lesen. Ich hab auch ziemlich viel überblättert…
      Zur Gefahr: Ich hab bei einer wohl jüngeren Bloggerin gelesen, dass ihr sich nun die Ku-Klux-Klan-Geschichte anders darstelle (im Sinne von Verständnis). Das ist die Gefahr: Dass manche Menschen diese Art der Geschichtsschreibung dann übernehmen.
      Man müsste im Grunde die Verlage auffordern, bei solchen Werken ein Vor- oder Nachwort beizusteuern, das das Buch und seine Entstehungsgeschichte in einen Kontext stellt.
      In den USA ist es offenbar ein gesellschaftspolitischer Sport, immer wieder zu fordern, bestimmte Bücher zu „bannen“ oder auf einen Index zu stellen (z.B. für den Schul – oder Universitätsgebrauch). Zum Teil aus „moralischen“ Gründen (die seltsame amerikanische Prüderie), aber auch aus politischen. So kommen immer wieder Politiker (meist aus den Südstaaten), die Toni Morrisons Bücher bannen wollen. Dass aber „Vom Winde verweht“ da schon in einer entsprechenden Diskussion war, wüsste ich nicht. Ich finde es schon auch entlarvend für den Zustand einer Nation, welche Bücher dort Longseller und so was wie literarische Säulen sind…
      Nicht dass ich falsch verstanden werde: ich bin absolut nicht für Zensur. Aber für eine „pädagogische“ Einbettung mancher Werke…LG Birgit

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  4. Hallo
    Als ich den Film zum ersten mal gesehen habe,dachte ich mir so,das Buch brauchst du nicht zu lesen.Über viele Umwege fand es aber eines Tages zu mir.Ich habe dann elf Seiten gelesen.Zur Zwölften kam ich nicht mehr.Ich bin wohl eingeschlafen.Dazu aufraffen es weiter zu lesen konnte ich mich nie mehr.Das dieses Buch ein Erfolg wurde, zeigt doch deutlich, wie tief verwurzelt manche Dinge im Leben vieler Amerikaner sind.Und ist das Buch erst ein Erfolg,so wird der Film auf Händen getragen.

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  5. Liebe Birgit,
    „Vom Winde verweht“ ist eine dieser verschämten Lektüren aus der frühen Jugendzeit, als solche Schmonzetten noch irgendwie toll, Handlung und Sprache aber eher egal waren. Und ich kann mir gut vorstellen, dass nun, einige Lese- und Lebensjahrzehnte später, bei einer Re-Lektüre nichts mehr übrig bleibt vom romantischen Feeling der Scarlett. Tendenziell merjwürdig fand ich die beiden Männertypen Rhett vs. Ashley auch damals schon. Aber merkwürdig: an die Darstellung der Sklaven kann ich mich gar nicht erinnern, auch an den Ku-Klux-Klan nicht. Da muss mein romantisches Lesen wohl ganze Arbeit geleistet haben. Und vielleicht ging es den vielen Leserinnen auch so – obwohl das ja kein aussgesprochener Genre-Roman ist und es die Kategorie Young Adult damals sicherlich auch noch nicht gab.
    Viele in Erinnerung schwelgende Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, ja, offenbar hast Du als Teenie das Windchen vollständig mit rosaroter Brille gelesen…:-) Und es ist natürlich eine fiese Sache, solche Bücher Jahrzehnte später genau anzuschauen und zu entzaubern. Was käme beispielsweise in Sachen Frauenbild oder auch Islamophobie beim Wiederlesen von Angelique raus (ich erinnere mich dunkel an die Haremsszenen, die ich als Teenie so schön „verwerflich“ fand)? Usw …. Ich glaube übrigens, der „Südstaatenroman“ gilt so als Subgenre – aber viel mehr will ich davon gar nicht lesen, ich befürchte Schlimmstes. So – und jetzt lass ich dich weiter schwelgen 🙂 Herzliche Grüße, Birgit

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