Alles neu macht der Mao. Oder auch: Literarische Flugfische springen aus der Donau

Schlange stehen für Lyrik, Lesungen im Münster, Literatur mit Musik, Tanz und Gesang: Die „Literaturwoche Donau 2017“ – ein Fest für Leser!

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20170506_163733„Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.“

Kurt Tucholsky

Was für ein passendes Zitat hatten sich die Organisatoren der „Literaturwoche Donau 2017“ für die letzten zwei Wochen in Ulm und um Ulm herum herausgesucht. „Mahlzeit!“ hieß es dort 14 Tage lang – und aufgetischt wurde von Florian L. Arnold und Rasmus Schoell vom „Literatursalon e.V.“ ein allerfeinstes literarisches Menü. Für die „Literaturwoche Donau 2017“ wurde Feines aus allen Sparten der Literatur, insbesondere aus der Szene der unabhängigen Verlage,  angerichtet.  Zu Lesungen waren unter anderem Mohamed Amjahid, Anna Kim, Mirko Bonné, Anna Weidenholzer und Thomas Meyer gekommen, mit der „Katzengrabenpresse“ stellte Verleger Christian Ewald seine bibliophilen Kostbarkeiten vor, einen japanischen Abend gab es mit dem Cass Verlag. Michael Lichtwarck-Aschoff hatte im Ulmer Münsterturm wohl eine der höchstgelegenen Lesungen dieses Jahres und für den Lyrikabend mit Heike Fröhlich, Sascha Kokot und Adrian Kasnitz standen die Besucher vor dem Ulmer „Café Jedermann“ sogar Schlange. Schlange stehen für Lyrik: Das ist Ulm. Und drum herum.

Zwei Wochen, vollgepackt mit Literatur, 14 Veranstaltungen an außergewöhnlichen Orten – und das Publikum hatte das Angebot gerne angenommen, jede Lesung war gut besucht, wenn nicht sogar  brechend voll gewesen. Grund genug, die inzwischen fünfte Literaturwoche an diesem Abschlusswochenende mit einem Fest der Literatur zu feiern – eigentlich mit einem Fest für alle Sinne, bei dem natürlich gelesen wurde, aber auch das Essen, Trinken, Lachen, Diskutieren, Schauen, Staunen und Tanzen nicht zu kurz kam.

Unter dem Motto „Es ist angerichtet!“ hatten die beiden Veranstalter und ihr wachsender Kreis an Mitstreitern aus der lebendigen Ulmer Literaturszene dazu eingeladen, „Autoren und Bücher zu entdecken, die nicht nur spannende Geschichten erzählen, sondern selbst spannend sind: Live wird Literatur zu einem Erlebnis, das weit über das Papier hinausgeht.“ Dass die Leute gerne an diesen Erlebnissen teilhaben, lässt sich laut Rasmus Schoell „vielleicht mit dem Hunger erklären, den die Leserinnen und Leser zwischen Stuttgart und München“ nach Literaturveranstaltungen hätten.

Nun, Appetit an sich kann mit einer „Mahlzeit“ befriedigt werden – zum Genuss wird diese aber nur, wenn sie mit viel Liebe und „Herzblut“ angerichtet wird: Und das ist die Prise, das Geheimrezept, mit dem Florian & Rasmus die Literaturwoche mehr und mehr als unverzichtbares kulturelles Angebot in der Doppelstadt an der Donau etablieren. Die Mischung macht es: Bekannte Autoren neben Debütanten, Literatur auf der ganzen Klaviatur vom Gedicht über die Erzählung bis hin zum Roman, aber vor allem ist es wohl die eigene Handschrift der beiden, die geprägt ist von ihrem Hang für Schönes und Schräges, für schön Schräges, für die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Heiterem. Eine Handschrift, die auch das Programm ihres Verlages „Topalian & Milani“ so besonders macht: http://www.topalian-milani.de/

Das Schöne und Schräge, das prägte auch das Abschlussfest der Literaturwoche Donau an diesem Wochenende: Sechs Stunden – die „Zappelei“, wie Moderatorin Wibke Richter auf ihre witzige Art das abschließende Konzert mit Tanz ankündigte, nicht mitgerechnet – die für mich wie im Flug vorübergingen. Schön war es einfach, unterhaltsam, abwechslungsreich, zum Lachen, Diskutieren, Schmunzeln, Zuhören, Staunen und Schauen und tatsächlich zum Trudeln à la Tucholsky durch die Welt der Literatur. Es war der Mix aus Lesungen, Musik und Performance in einem ungewöhnlichen Ambiente, den Räumen der Galerie im Venet-Haus, der diesen Tag zu so einer lockeren, stimmigen Veranstaltung machte.

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Zwei Wochen lang Ulmer Stadtschreiber: Der Lyriker Marco Kerler.

Den Reigen eröffnete Marco Kerler mit einem Literaturansatz, wie er lebendiger nicht sein kann: Er trug ein Stück „work in progress“ vor, Literatur, die aus und während der Literaturwoche entstand. Der Ulmer ist eigentlich in der Lyrik zuhause (manche kennen eines seiner Projekte auch aus einem Blogbeitrag hier: „Volkslyrik“), aber die letzten zwei Wochen war er sozusagen „prosaisch“ und als „Stadtschreiber“ aktiv – eine Einrichtung, die die Leute vom Literatursalon nebst einem stationären Literaturhaus als dauerhafte Einrichtungen für Ulm auf ihrer Wunschliste und Agenda haben. Marco Kerlers „TextFlechte“ ist eine skurrile Erzählung voll von trockenem Humor, kafkaesken Wendungen, starken Bildern gelungen. Jedoch trotz begeistertem Applaus: Als ich später mit Marco sprach, ging er selbstkritisch mit seinem Text, den „Topalian & Milani“ veröffentlichen wird, ins Gericht. Ihm sei bewusst geworden, welcher Unterschied zwischen dem Erstellen eines Gedichtes und eines Prosatextes – zudem in einem vorgegebenen zeitlichen Rahmen – liege. „Mir sind noch während des Lesens tausend Dinge eingefallen, die ich ändern könnte oder streichen müsste“, meinte Marco im Nachgang. Und dennoch: Auch wenn der Text noch „reifen muss wie ein guter Wein“ (Florian L. Arnold): Schon in der Rohfassung ist er ein starkes Stück.

Die ganze Bandbreite der Literatur aus und um Ulm herum wurde mit der nächsten Autorin deutlich: Silke Knäpper las aus ihrem Roman „Hofkind“, der im Herbst 2016 bei Klöpfer & Meyer erschienen ist. Das Portrait einer Familie, die nach außen lange versucht, eine glückliche Fassade aufrechtzuerhalten, deren innerer Kern jedoch von Fäulnis befallen ist – in einer ruhigen, fast schon spröden Sprache erzählt, zurückgenommen und leise. Damit kam ein weiterer, neuer Ton in dieses Literaturfest. Von der lesenden, ernsthaften Autorin zur frivol angehauchten Chanteuse – auch diesen Wandel konnte man miterleben, als Silke Knäpper wenige Zeit später mit der Formation „Flugfische“ (nach Hugo Balls Gedicht „Seepferdchen und Flugfische getauft) die Bühne übernahm – die Rezitatoren und Musiker boten eine prickelnde Performance aus ihrem aktuellen Programm „Dichte Dichter“.

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Philip Krömer, „die blaue Mauritius“ für Verleger Florian L. Arnold (links).

Und noch eine Weltpremiere: Philip Krömer, Autor und einer der vier Verleger beim jungen „homunculus verlag“, hatte ein neues Manuskript dabei – die Erzählung „Kumari“, die mit weiteren Erzählungen Krömers bald bei „Topalian & Milani“ erscheinen werden. Florian Arnold ließ bei der Anmoderation in das Seelenleben eines Verlegers blicken: Man sei wie ein Briefmarkensammler auf der Spur besonderer Manuskripte, wie jener eine besondere Marke suche, so suche man den besonderen Text. Und mit Philip Krömers Text habe man „die blaue Mauritius“ gefunden. Puh! Eine starke Ankündigung – aber dem folgte denn auch ein starker, mitreißender Text, der das abgegebene Versprechen hielt. Eine beinahe burleske Geschichte rund um die maoistische Revolution in Nepal und das mysteriöse Massaker am nepalesischen Königshaus 2001, erzählt aus den Perspektiven der Kindgöttin Kumari, eines ausländischen Fotografen und eines nepalesischen Prinzen. Bereits mit dem Roman „Ymir“ stellte der Open-Mike-Preisträger Philip Krömer unter Beweis, dass er mit Sprache zu jonglieren versteht und ein Faible für ungewöhnliche Plots und Orte hat. Diesmal also Nepal, „alles neu macht der Mao“ – ein originelles, starkes Stück Literatur. Doch jetzt heißt es erstmal: Mit der Gelassenheit eines Dalai Lama das Erscheinen des Erzählbandes abwarten.

Oder mit der Gelassenheit eines Ulrich Holbein. Philip Krömer hatte den Kultautor mitgebracht, dessen kosmisches Märchen „Knallmasse“ der homunculus Verlag 2017 wieder veröffentlichte. „Bis ich Philip Krömer kennenlernte, meinte ich, meine Leser seien alle Greise – ich hätte nicht gedacht, dass es junge Leute gibt, die mich freiwillig lesen.“

Wie von einem Autoren, dessen Motto unter anderem lautet „Weich ab, egal wovon“ und der bereits Bücher wie „Weltverschönerung“, ein Handbuch zur lustvollen Lebensgestaltung, verfasst hat, nicht anders zu erwarten, gab es keine Lesung im herkömmlichen Sinne: Ein „Lichtbildervortrag“ (wie schön, dass einer dieses altmodische Wort für eine Powerpoint-Präsentation gebraucht!), führte uns durch das Leben Holbeins vom Urknall über sein Dasein als „ZuSpätRomantiker“ bis hin zu Raus-Rein-Karnationen. „An den Ampelanlagen des Lebens wartete ich auf grün“: Der Trip durch die Gedankenwelt Holbeins – voll schrägem Humor, voll leiser Melancholie, voll sanftem Widerstand – das war ein rundum gelungener Abschluss eines stimmigen Literaturfestes, das Lust machte auf mehr: Mehr Lesen, mehr Lesungen, mehr Literatur an der Donau.

Und so warte ich nun voller Spannung an den Ampelanlagen zwischen Augsburg und Ulm auf die „Literaturwoche Donau 2018“.

Weitere Informationen:
Literatursalon Donau – http://literatursalon.net/
Autorenseite Marco Kerler – http://www.marcokerler.de/
Autorinnenseite Silke Knäpperhttp://www.silke-knaepper.de/
Autorenseite Philip Krömer – https://philipkroemer.wordpress.com/

Verlag Topalian & Milani – http://www.topalian-milani.de/
Verlag homunculushttps://homunculus-verlag.de/

Flugfische – http://www.flugfische.de/
Galerie im Venet-Haushttp://www.galerie-im-venet-haus.de/

 

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