In Zwickau erlebten unabhängige Verlage ihren dritten Frühling

Vom 1000-Seiter bis zur Prosaminiatur, von eigenwilliger Lyrik bis zum Hörbuch: Die Vielfalt unabhängiger Verlage beim Zwickauer Literaturfrühling.

18 Kommentare

2017_Zwickau (93)„Manchmal eine Stunde, da bist du“: Als Arno Dahmer aus seinem Erzählband mit diesem Titel las, war das die Stunde, als ich in Zwickau da war. Im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte mehr Zeit mitbringen können für diese feine Veranstaltungsreihe mit ihrem wunderbar abwechslungsreichen Programm, das mit einem Paukenschlag (den ich leider nicht „live“ hören konnte) begann: Guntram Vesper las aus seinem gewaltigen Meisterwerk „Frohburg“, für das er 2016 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. In diesem Buch, das über 1000 Seiten umfasst, umschreibt Vesper die Welt im Kleinen und im Großen – Frohburg, sein Geburtsort, wird zum Ausgangsort für einen Gang durch die Biographie des Autors, durch die Literatur, die Politik, die wechselhafte deutsche Geschichte, ein Gang über Zeiten und Grenzen hinweg. Ein sagenhaft gutes Buch, für das es jedoch auch einen wagemutigen Verlag brauchte. Und den Vesper mit dem Schöffling Verlag hatte.

2017_Zwickau (14)Vom 1000-Seiter bis zur Prosaminiatur, von eigenwilliger Lyrik bis hin zum anspruchsvollen Hörbuch: Der dritte Zwickauer Literaturfrühling verdeutlichte mit seiner Messe und dem fünftägigen Programm eindrücklich, welche Bandbreite die unabhängigen Verlage abdecken. Mehr zum gesamten Programm findet man hier: http://www.zwickauer-literaturfruehling.de/

Veranstalter sind der Mirabilis Verlag sowie der Kunstverein Freunde Aktueller Kunst e.V.: http://www.freunde-aktueller-kunst.de/ Barbara Miklaw, mit ihrem Mirabilis Verlag in Miltitz bei Meißen zuhause, hatte mich eingeladen, an einer Gesprächsrunde zum Thema  „Unabhängige Verlage – Licht- und Schattenseiten“ teilzunehmen. Im Grunde könnte Barbara dazu selbst viel erzählen, wie im Interview bei SteglitzMind nachzulesen ist.

2017_Zwickau (16)Als Bloggerin sollte ich etwas berichten, als Fachleute waren Stefan Weidle vom Weidle Verlag und der Chemnitzer Buchhändler Klaus Kowalke mit auf dem Podium. Die freie Lektorin Petra Seitzmayer, die die Runde moderierte, veranstaltet heuer im September übrigens gemeinsam mit Stefan Weidle in Mainz erstmals eine Messe der unabhängigen Verlage, die „WORTKUNST“: http://mainzer-buchmesse.de/

Solche Veranstaltungen – neben Zwickau und Mainz beispielsweise die Indie-Buchmesse in Lübeck – seien für die unabhängigen Verlage eine wichtige Plattform, betonte Stefan Weidle: Hier wie über die unabhängigen, inhabergeführten Buchhändler besteht die Chance, Leser und Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen.

Obwohl immer wieder eine Krise des Mediums Buch und des Lesens durch die Gazetten geistert: Jährlich erscheinen rund 90.000 neue Bücher. Zugleich aber findet unter den großen, oftmals globalen Verlagen eine Konzentration statt, werden oftmals traditionsreiche Verlagshäuser von Großkonzernen vereinnahmt. Und auf der Seite des Buchhandels stehen unabhängige Buchhandlungen in Konkurrenz zu den Ketten und den Internetversandhäusern.

Wie sich hier durchsetzen? Wie auf sein oftmals handverlesenes, mit viel Aufwand gestaltetes Produkt Buch aufmerksam machen? Bei den bekannten Buchhandelsketten käme man als unabhängiger Verlag gar nicht beziehungsweise kaum unter, betonte Stefan Weidle. Umso mehr Bedeutung haben daher für die Unabhängigen die unabhängigen Buchhändler. Klaus Kowalke von „Lessing und Kompanie“ in Chemnitz sieht in der Breite eines Sortiments, das sich nicht nur auf Bestseller und bekannte Autorinnen und Autoren stützt, sondern auch den unabhängigen Verlagen einen Raum gibt, eine Chance für den unabhängigen Buchhandel: „Wir bieten dadurch Qualität und Tiefe“, so Kowalke.

Freilich: Idealismus alleine hilft weder unabhängigen Verlagen noch Buchhandlungen weiter. Sowohl Weidle als auch Kowalke gaben Einblick in die unternehmerischen Risiken, gingen auf Vertriebswege, Lagerkosten, Buchpreisbindung etc. ein. Und auf Vermarktungswege: Sind beispielsweise Blogs für die Unabhängigen eine wichtige Plattform? Auf jeden Fall sind Social Media, Literaturblogs und andere digitale Möglichkeiten eine zusätzliche Chance, Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und unter den Literaturblogs gibt es einige – die beispielsweise bei „we read indie“ gebündelt sind – die Literatur aus unabhängigen Verlagen fachkundig und intensiv besprechen, weit umfangreicher, als es im klassischen Feuilleton geschieht.

Literaturblogs sind für die unabhängigen Verlage wichtige Multiplikatoren, das ist gewiss. Ob sich dies allerdings auf Verkaufszahlen dramatisch auswirkt, darüber äußerte ich bei der Diskussion meine Skepsis. Jedoch kann ich hier nur auf Basis meiner Aufrufzahlen und Erfahrungen sprechen – zu vielgestaltig und unterschiedlich ist die Szene mittlerweile, so unterschiedlich sind auch sicher deren Fangemeinden und wiederum deren Leseinteressen. Gleichwohl werden „die Blogs“ von den Verlagen zunehmend als wichtige „Marketinginstrumente“ entdeckt. Über die damit einher gehenden Entwicklungen – beispielsweise die Forderung nach Professionalisierung, das Kenntlichmachen von der Zusammenarbeit mit Verlagen auf finanzieller Basis, die in Frage gestellte Unabhängigkeit, usw. – wird in der Blogosphäre immer wieder erhitzt diskutiert.

Man wird sehen, wohin die Reise geht: Im Grunde ist immer die individuelle Motivation des jeweiligen Bloggers das entscheidende Moment – sowohl bei der jeweiligen Buchauswahl bis hin zur „Professionalisierung“ oder Nicht-Professionalisierung des Blogs.

Als Leserin habe ich jedoch durch das Bloggen eindeutig profitiert: Ohne die Tipps anderer Blogger und die gegenseitigen Anregungen hätte ich einige der Bücher, die ich aus dem Bereich der Unabhängigen vorgestellt habe, nicht kennengelernt, wäre selbst der Flut an Neuerscheinungen mehr oder weniger hilf- und wahllos gegenüber gestanden. Vor allem für Leserinnen und Leser, die keine gut sortierte Buchhandlung in der Nähe haben, können Literaturblogs eine Alternative sein und Tipps bei der Buchauswahl bieten.

Die Halbwertzeiten von Büchern, die sich immer schneller zu drehen scheint, auch dies war Thema der spannenden Diskussion, die vom engagiert fragenden Publikum bereichert wurde. Und trotz der vielen „Schatten“ dominierte am Ende das Licht: Die Gesprächsrunde schloss mit einem optimistischen Fazit. Die Szene der unabhängigen Verlage wächst und gewinnt – nicht zuletzt dank der Aktivitäten der Kurt Wolff Stiftung oder des Indiebookdays – an Aufmerksamkeit und der unabhängige Buchhandel kann durch Qualität, Kompetenz und Leser- und Kundennähe punkten. Und wir Leser? Wir profitieren von einer vielgestaltigen, freien Verlagsszene, die uns so wunderbares Futter für das Hirn liefert. Am Ende hängt es auch von uns Leserinnen und Lesern ab, wie sehr wir diese Bücher nachfragen und im Handel nach ihnen verlangen.

Dank weiterer spannender Vorträge – so war es für mich sehr interessant zu hören, mit welchem Konzept die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen Literatur fördert, beeindruckt war ich von Axel Grube (onomato Verlag), der überaus feinsinnig und klug über die Philosophie Franz Kafkas sprach – war für mich der Tag beim Zwickauer Literaturfrühling eine sehr stimmige, bereichernde Veranstaltung. Und ein wunderbarer Anlass, auch Zwickau ein wenig zu erleben: Unter anderem Geburtsstadt von Robert Schumann, Max Pechstein und Gerd Fröbe, meinem Lieblingsfilmbösewicht. In der historischen Altstadt trifft man beinahe an jeder Ecke auf Erinnerungen an die Reformation, war doch Thomas Müntzer kurze Zeit Stadtprediger, Luther kam natürlich auch vorbei. Für mich war der Bummel durch den historischen Stadtkern eine echte Überraschung, habe ich doch offen gestanden vorher fast nichts über Zwickau gewusst. Vor allem das breite Kulturangebot – mehrere Museen, ein Theater mit mehreren Sparten, die älteste öffentliche sächsische Bibliothek – sind überzeugende Gründe, die Zwickauer nicht nur im Frühling im Auge zu behalten.
Wer mehr über Zwickau erfahren will: https://www.zwickau.de/

18 comments on “In Zwickau erlebten unabhängige Verlage ihren dritten Frühling”

  1. Ich will unbedingt mehr „indie“ lesen, da gibt es noch jede Menge ungehobener Schätze zu entdecken für mich. Sehr schöner Beitrag, den ich richtig gerne gelesen habe, war fast ein bisschen dabei in Zwickau. Bis bald 🙂

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  2. Dazu fällt mir wieder ein, wie toll ich die Fläche auf der Leipziger Buchmesse fand, die den Unabhängigen Verlagen zur Verfügung stand. Vor allem die schöne, von Daniela Seel von kookbooks geführte Tour zu ausgewählten kleineren Verlagen hat mich sehr inspiriert. Aufgefallen ist mir, dass ich ganz viele sorgfältig und liebevoll gestaltete Bücher zum „Habenwollen“ gefunden habe. Als „Lesefutter“ für meine öffentliche Bibliothek waren die Titel nur selten geeignet, da ihnen eine vierwöchige Ausleihe nicht gerecht würde.

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      1. Na, die meisten​ sind so schön eingebunden, das geht unter dem Büchereieinband oft verloren. Außerdem habe ich viele Titel gesehen, z.b. bei Mattes & Seitz die Naturkunden, für die braucht man Zeit. Also die will man doch lieber selbst besitzen. 😀
        Ich habe auf der Messe auch viele Bücher gesehen, die Gedichte enthalten oder Fotosammlung​en. Die „gehen“ in meiner Bücherei nur schlecht.

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  3. Ich denke, das Sichtbarmachen der einzelnen Publikationen fällt einem Indieverlag vielleicht sogar etwas leichter, wenn er eben sein Profil scharf hält. Die schiere Masse der Novitäten jedes Jahrs ist unglaublich. Und dabei geht vieles unter, was auch aus großen Verlage kommt. Ein großer Verlag ist kein Garant für Absatzzahlen. Am besten ist es immer wenn ein Verlag ein geschärftes Profil hat. Man kann halt nicht überall mit spielen – nur verstehen das manche nicht. Ich finde die unabhängigen kleinen Verlage super und sehr mutig. Da sind Menschen mit Sendungsbewußtsein am Werk und das soll sich auch auszahlen. Danke für Deinen Bericht. LG, Bri

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  4. Mit deinen schönen Fotos machst du nicht nur Lust auf Bücher aus unabhängigen Verlagen, sondern vor allem auch auf Zwickau, wo ich noch niemals war. Sollte man vielleicht mal ändern. Liebe Grüße!

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  5. Guten Morgen, Birgit,
    auf jeden Fall kaufe ich doch öfter ein Buch, was du empfiehlst. Wenn nur 10% deiner Leserinnen und Leser öfter mal ein Buch kaufen, dann steigerst du auf jeden Fall die Verkaufszahlen.
    Zwickau erscheint mir auf deinen Fotos sehr schön, ich behalte es im Hinterkopf für einen Besuch.
    Im Moment beschäftige ich mich sehr mit der Flora und der Literatur um sie. Speziell betrachte ich dabei Poussins Reich der Flora. Das macht mir Spaß und ich habe einige Fachbücher erstanden – allerdings auf dem Gebrauchtbuchmarkt. Die Kataloge und Fachbücher sind so teuer, dass ich selten neu kaufe.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag, Susanne

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    1. Liebe Susanne, natürlich freue ich mich, wenn ab und an jemand einen Buchtipp aufgreift – und der Blog soll ja auch nicht eine verlängerte Verkaufsplattform sein. Ich denke mir manchmal nur, ob die Literaturblogs sich nicht auch in einer Art Filterblase befinden – dass man sich quasi gegenseitig die Bücher empfiehlt, den „Leser da draußen“ aber nicht erreicht. Das meinte ich mit meiner Skepsis … aber ich kann da keine validen Aussagen treffen.
      Ihr seid ja am 1. Mai schon ganz in der Nähe gewesen von Zwickau – ich hatte mir noch überlegt, ob ich nach Dresden fahre, das war mir aber dann Zuviel. Auf jeden Fall lohnt sich ein Ausflug! Liebe Grüße Birgit

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      1. Liebe Birgit, das stimmt, das war nicht weit weg. Wir waren nicht wirklich lange in Dresden. Ich wollte ja „bloß“ die Flora in der Gemäldegalerie alter Meister sehen.
        Heute sind wir in Schöneberg herumgestromert und haben uns den relativ neuen Grünstreifen an den S-Bahngleisen angeschaut. In Berlin waren 20 Grad und alles war in Frühlingsstimmung, die Kaffees waren voll!
        Ich hoffe, du hattest auch ein schönes Wochenende, liebe Grüße von Susanne und Micha

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  6. Bei allem Für und Wider ist es doch spannend, die Entwicklung und den Einfluss von Literaturblogs zu beobachten. Ich kann natürlich auch nur von mir ausgehen, aber fast meine gesamten deutschsprachigen Neuzugänge bei Büchern speisen sich aus den Buchvorstellungen auf Blogs und einige englische ebenfalls, weil ich gegebenenfalls lieber das Original lese. Und auf die meisten Bücher wäre ich wohl ohne Blogs nicht aufmerksam geworden. Wenn ich mal dazu komme, das Feuilleton einer deutschen Zeitung zu lesen, bin ich oft enttäuscht, weil sich die Auswahl nur selten mit meinem Lesegeschmack deckt.
    Danke auch für den Rundgang durch Zwickau. Mir war gar nicht bewusst, wie sehenswert die Stadt ist.
    Liebe Grüße
    Peggy

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    1. Liebe Peggy, gerade im Feuilleton werden halt oft die Bücher besprochen, die eh schon alle besprechen. Da gebe ich Dir schon recht – gerade was den Bereich der unabhängigen und kleinen Verlage anbelangt, waren und sind für mich eher die Blogs bereichernd. Wie ich unten bei Susanne kommentierte, halte ich aber den Einfluss schon eher für eingeschränkt – ich habe beispielsweise keine Ahnung, wie viele meiner Follower von außerhalb der Bloggerszene kommen. Was dann eben auch die Frage aufwirft: Wie und zu welchen Lesern kommen die Blogs?
      Herzliche Grüße Birgit

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