Kurz & knapp & bibliodivers – was für Augen, Ohr & Hirn

Bibliodivers: Essays, Lyrik, Prosaminiatur und eine Hörspielbilanz aus unabhängigen Verlagen. Kurz und knapp besprochen.

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Bild: Birgit Böllinger

„Bibliodiversität basiert auf Respekt vor anderen, auf einem dynamischen Gleichgewicht der Gesellschaft und auf der Ablehnung von Monokulturen. Pornografie, Rassismus, Sexismus, Homophobie sowie auch die Diskriminierung aufgrund von Religion, Ethnie, (Nicht-)Behinderung, Alter, Kaste, Klasse und Sexualität entstehen durch fehlenden Respekt vor und – im schlimmsten Falle – Hass auf andere.“

Susan Hawthorne, „Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren“, Verbrecher Verlag, Berlin, 2017.

Schon dies kurze Zitat verdeutlicht, dass der Text der australischen Autorin und Publizistin Susan Hawthorne weit mehr ist als ein wohlmeinendes Plädoyer für unabhängige Verlage. In ihrem Manifest, das nun seit kurzem beim Verbrecher Verlag in deutscher Übersetzung vorliegt, zeigt sie die engen Zusammenhänge zwischen ökonomischen Entwicklungen auf dem Buchmarkt und gesellschaftlichen Strömungen auf. Kurz gefasst: Eine freie, vielfältige Gesellschaft braucht eine vielfältige Buchkultur – und umgekehrt.

„Bibliodiversität ist ein komplexes sich selbst unterstützendes System von Storytelling, Schreiben, Veröffentlichen und anderen Arten der Produktion von Oratur und Literatur. Die AutorInnen und ProduzentInnen sind mit den BewohnerInnen eines Ökosystems vergleichbar. Bibliodiversität trägt zu einem lebendigen kulturellen Leben und zu einem gesunden öko-sozialem System bei.“

In dieser ökologischen Kette spielt ein Lebewesen, das Susan Hawthorne hier nicht nennt, ebenfalls eine entscheidende Rolle: Wir, die Leser, für die das Buch geistige Nahrung sein kann, die zugleich aber auch durch ihr Lese- und Kaufverhalten den unabhängigen kleinen und Kleinst-Verlagen deren ökonomischen Nährboden liefern. Susan Hawthorne schreibt:

„Bei den unabhängigen Verlagen handelt es sich keineswegs um Hybride, sondern um den Ursprung der kulturellen Vielfalt. Mit ihrer Bibliodiversität treten sie den gewaltigen Konzernverlagen und dem Großbuchhandel entgegen. Dieses Manifest ist eine Gratwanderung zwischen langfristigem Optimismus und kurzfristigem Pessimismus.“

Es liegt auch an uns, Vielfalt statt Einfalt zu fördern. Nährstoff dafür liefern uns die unabhängigen Verlage genug – experimentelle Romane, poetische Sprachspielereien, lyrische Schätze, Kunst zum Hören, Malereien mit Worten und vor allem auch handwerklich schöne, liebevoll gemachte Bücher.

Verlagsinformation:
http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/891

Und hier nun eine kleine bibliodiverse Auswahl:

Fotos: Andreas Scheriau/Luftschacht Verlag

gipfel der frechheit

es ist zum verzweifeln
da erfinden sie
mondraketen
und weltraumschiffe

aber wenn man einmal
eine telefonnummer
im oberammergau
wissen will

scheint das 20. jahrhundert
plötzlich aufzuhören

Aus: Nicolas Mahler, „in der isolierzelle“, Gedichte, 2017, Luftschacht Verlag Wien

Nicolas Mahler, der unter anderem für die Titanic und „Die Zeit“ zeichnet, lässt in diesem herrlich witzigen Buch seinem Spieltrieb freien Lauf. Die Gedichte sind Montagen aus Texten, die Mahler einigen Hobby- und Technikmagazinen entnahm – vor allem aus „Die Koralle – Magazin für alle Freunde von Natur und Technik“ (1929) und der „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens“ (1993/34). Klingen schon die Magazintitel skurril, so sind es die kleinen, kurzen Gedichte Mahlers nicht weniger: Pointiert, hintersinnig, oft mit einer unvermuteten Volte nimmt er die Sorgen und Nöte von Space Cowboys und Bodenpersonal aufs Korn. So tummeln sich im Weltall und der Vorstellungswelt Mahlers Weltraummenschen und dressierte Schweinsfische, urweltliche Schuppentiere und experimentierfreudige Professoren und eine Menge dusseliger Menschen:

„eben habe ich auch schon wieder
dieses roger gehört

aber ich weiß nicht

Bilder: Bild: Nicolas Mahler – mit freundlicher Genehmigung durch den luftschacht verlag

Roger! So ein gewisses augenzwinkerndes, kopfschüttelndes Staunen über die Faszination, die das Unternehmen Raumfahrt auf die Menschen ausübt, meint man öfter zwischen den Zeilen zu lesen. Ebenso weißt der poetische Maler aber auch humorvoll auf Grenzen und Gefahren dieser Technikaffinität hin. Einstein – der natürlich zitiert wird – hätte dieses Buch Spaß gemacht! Ein Hingucker ist zudem die schöne Buchgestaltung inklusive der minimalistischen Zeichnungen Mahlers: www.mahlermuseum.at

Ein Tipp für Leserinnen und Leser mit Sinn für Skurriles.

Verlagsinformation:
https://www.luftschacht.com/neu-nicolas-mahler-isolierzelle/

Bild: Birgit Böllinger

Unser Haus
In unserem Haus muss man klingeln, wenn man hinauswill. Hinein kommt man immer, doch ob man hinausdarf, hängt von der Stimmung des Hauses ab. Manchmal hält es einen drinnen fest, da hilft auch kein Schreien.

Aus: Marie T. Martin, „Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen?“, Kleine Prosa, 2015, poetenladen Leipzig

Marie T. Martin erzählt in ihren Prosaminiaturen vom Zugfahren, vom Einkaufen, vom „Cousin des Freundes meiner Schwester“, vom Friseurbesuch, von ihrem Haus, von kurzen Begegnungen und tragisch-komischen Ereignissen. Kleine Alltagsgeschichten, möchte man zunächst beim Einstieg in diesen verzauberten Kosmos meinen, poetische Bummeleien mit einer Frau, die einen Blick für das Absurde im Alltäglichen hat.

Bild: Poetenladen Leipzig

Kleine Prosa, die man wie Gedichte nicht am Stück liest, sondern häppchenweise genießt. Und kleine Prosa, die Miniatur für Miniatur ganz große Bilder hervorruft. Die Sprache changiert dabei von pointierter Knappheit bis hin zu fast naivem Märchenerzählton.

Es
Ein Mädchen stieg in den falschen Zug und fuhr in die falsche Stadt. Eigentlich wollte es nur ein berühmtes Kaufhaus besuchen und landete stattdessen in einer armen Grenzstadt. Die Häuser waren grau, die Straßen auch, selbst die Baumstämme und Blätter waren grau. Aber das Mädchen hatte eine Handtasche voller Farben und einen großen Pinsel dabei, und so strich es alles an, was es sah. Sogar die Wolken malte es blau an. Am Schluss malte es sich die Wangen rot. Wirklich? Ja, wirklich. Schau mal, selbst das Tischtuch hier ist aufgemalt.

Sehr poetisch, sehr lyrisch ist insbesondere das Kapitel „Lichtnelke. Notizen aus den Wäldern“:

Dort heißt es, „jeder Tag ist Sonntag, weil jeder Tag still ist“, warten Bachstelzen auf dem Geländer, deren roter Lack abplatzt, will der Mooskönig eine Geschichte hören. Hier treffen die Lyrikerin und die Erzählerin aufeinander, evozieren Bilder voll zarter Poesie. Dass Marie T. Martin aber auch ganz anders und handfest kann – davon überzeuge man sich am besten selbst mit ihr bei einem Gang zum Metzger. Aber keine Schenkel bestellen!

Zu einer Augenweide wird dieses Buch durch die Illustrationen von Ulrike Steinke: www.ulrike-steinke.de

Ein Tipp für Leserinnen und Leser mit Sinn für das Schöne im Kleinen.

Verlagsinformation:
http://www.poetenladen-der-verlag.de/woher-nehmen-sie-die-frechheit.htm

Bild: Birgit Böllinger

Wochenlang habe ich nun Stimmen gehört. Und werde wieder welche hören – mit großem Vergnügen sogar. Nein, ich leide nicht an akustischen Halluzinationen, sondern an akuter Hörspielsucht. Manche meiner Leser werden jetzt verwundert stutzen – habe ich doch schon hier und da mal fallen lassen, dass ich mir mit Hörbüchern schwer tue. Mit HÖRBÜCHERN wohlgemerkt – seien sie auch noch so gut inszeniert, ich ziehe ihnen meist das geschriebene Original vor.

Eine Verführung zum genauen Hinhören – auf Zwischentöne, Ungesagtes zwischen den Zeilen, bedeutungsvolles Schweigen und das Spielen mit Sprache – war für mich jedoch nun die CD-Box „Bilanz“; die mich dieser Alternative zum Lesen wieder etwas näher gebracht hat. Denn „Bilanz“ ist eine Bilanz des klassischen HÖRSPIELS (ein feiner Unterschied zum reinen Hörbuch), wie es in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und in diesem Falle insbesondere beim WDR gepflegt wird und wurde. Das Hörspiel entwickelte sich als eigene Kunstform, zahlreiche Autorinnen und Autoren schrieben und schreiben bis heute eigene Werke für diese Darstellungsart. Insbesondere beim WDR wurde dies kultiviert – selbst ein Heinrich Böll verfasste Werke für den Sender.

Unter tausenden Produktionen eine Anzahl von 13 Werken herauszusuchen – für die  Herausgeber Wolfgang Schiffer, jahrelang selbst Leiter der Hörspielabteilung beim WDR und Michael Serrer, Leiter des Literaturbüros NRW, bedeutete dies sicher die Qual der Wahl. Da die „Bilanz“ zum 70jährigen Bestehen Nordrhein-Westfalens erschien, war zumindest klar, dass man sich auf Werke von Autoren des Bundeslandes konzentrieren könnte. Und was da für Namen dabei sind: Heinrich Böll, Nicolas Born, Jürgen Becker, Dieter Forte, um nur einige zu nennen. Die Auswahl gibt auch einen Überblick über die Entwicklung des Hörspiels im Laufe der Jahrzehnte und dessen formale Wandlungen – vom Kammerspiel à la Böll bis hin zu Experimenten mit Ausdrucksformen und Akustik. Bei dieser Bandbreite gibt es für jeden, der hören will, etwas zu entdecken. Mein Favorit: „Wintermärchen“ von Gerd Rühm (1976), ein Hörspiel, das auf einem echten Kriminalfall beruht. Ein junger Mann wird überfallen, sein Auto geraubt, er selbst in einer Winternacht nackt bis auf die Unterhose in einem Waldstück abgesetzt. Doch obwohl er sich noch an eine Autobahn retten kann – am nächsten Tag wird er erfroren aufgefunden, weil kein Autofahrer ihn mitnahm. Wie dieses Radiomelodram umgesetzt wurde in einer Collage aus Stimmen, Musik (Gerhard Rühm saß selbst am Klavier), Autogeräuschen, wie die nüchterne Berichterstattung bricht und sich mehr und mehr Beklemmung breitmacht – allein schon dieses starke Stück Hörspielkultur ist ein Glanzstück unter vielen in dieser Box.


Ergänzt wird die CD-Box durch ein 66 Seiten starkes, informatives Booklet. Leider nicht in Serie, sondern ein einmaliges Erlebnis: Die gelungene Showeinlage von Wolfgang Schiffer bei der Präsentation während der Leipziger Buchmesse. Er trat den Beweis an, dass man auch mit sehr gut konzipierten CD-Foldern finnisches Origami basteln kann.

Ein Tipp für Leserinnen und Leser, die mal wieder hören wollen.

Verlagsinformation:
http://www.lilienfeld-verlag.de/index.php?option=com_content&view=article&id=198&Itemid=95

18 comments on “Kurz & knapp & bibliodivers – was für Augen, Ohr & Hirn”

    1. Liebe Ingrid, das Buch ist mir zunächst auch wegen des Covers ins Auge gestochen – schöne Arbeiten sind das! Beim Verlag Poetenladen hat man offenbar ein sehr gutes Gespür für Illustration und Buchgestaltung. Schönes Wochenende wünscht Dir Birgit

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  1. Ach Birgit, was würde ich nur ohne Deine wunderbaren Horizont erweiternden Beiträge machen. Meine ich ernst! Sie sind immer mal wieder der richtige Schubs zur rechten Zeit nach allen Seiten zu gucken. Das Manifest ist notiert und ich werde gleich heute in meiner Mittagspause in die jetzt dem neuen Büro nahe gelegene Buchhandlung Franz Mehring gehen und es bestellen, wenn es nicht da ist!! Vielen Dank für diesen wunderbaren Post LG, Bri

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  2. „Es liegt auch an uns, Vielfalt statt Einfalt zu fördern.“ Den Satz schreibe ich mir mal wieder hinter die eigenen Ohren. Danke fürs Erinnern und für die tollen Anregungen! Für mich machen heute die Miniaturen von Marie Martin das Rennen um die Plätze auf der Leseliste. Dir weiterhin viel Entdeckerfreude!

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  3. Liebe Birgit,

    Du sprichst mir mit dem Thema BIBLIODIVERSITÄT aus der Buchhändlerinnenseele!

    Die großen Buchhandelsketten und gewisse Online-Konzernkraken haben leider WESENTLICH dazu beigetragen, daß die Bibliodiversität nachgelassen hat. Bei Verlagen wird die Konzernkonzentration auch immer größer, allein der Verlag Random House beherbergt mehr als vierzig Verlage unter einem Dach.

    Doch auch die ökonomische Bewußtlosigkeit und Bequemlichkeit der Kunden wirkt eifrig dabei mit, die Großen zu füttern und die Kleinen auszuhungern.

    Mir gefällt diese BESTSELLERMONOKULTUR ganz und gar nicht! Ich habe noch in einer Buchhandlung gelernt, in der – unter achtsamer Berücksichtigung der Kundennachfrage – nach vielseitiger, individueller Lektürebegeisterung eingekauft und verkauft wurde. Ich habe auf meinem Buchbesprechungsblog einmal einen nostalgischen Rückblick dazu geschrieben:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/bemerkungen-zum-buchhandel/

    Buchhandlungen machen Bücher sinnlich-sichtbar und greifbar, und gute Buchhändler bringen Büchervielfalt einfühlsam ins Gespräch. Im besten Falle ist eine Buchhandlung auch gelebte Kleinkunst, gepflegte Sprachkultur sowie Improvisationstheater, das spontan-wortspielerisch aus manchen Verkaufsdialogen entsteht. Doch solche zwischenmenschlichen Kulturbuchhandlungen haben inzwischen Seltenheitswert.

    Bibliophile Grüße 🙂
    Ulrike von Leselebenszeichen

    PS:
    Deine zusätzlichen Hinweise auf exquisite Lese- und Hörperlen sind auch – wie immer – interressant und werden im Hinterstübchen notiert.

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    1. Liebe Ulrike,
      ich hätte Deinen Kommentar ausdrucken sollen und am Samstag mitnehmen – da war ich Teil einer Podiumsdiskussion in Zwickau, in der es just auch um die Bedeutung der unabhängigen Buchhandlungen in diesem Kreislauf ging. Bericht folgt. Ich stimme mit Dir überein: Der Buchhändler ist einer der wichtigsten Aktivposten, der auf besondere Bücher aufmerksam machen kann.

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      1. Danke, liebe Birgit,
        für Deine zustimmende Ehrung meines Kommentars!
        Du kannst ihn Dir ja auf Vorrat ausdrucken, vielleicht ergibt sich noch eine weitere Gelegenheit, den lokalen Buchhandel schlagfertig zu verteidigen. 🙂
        Ich bin schon gespannt auf Deinen Bericht zur Podiumsdiskussion.

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  4. Herzlichen Dank für diesen Beitrag, liebe Birgit, und das wahrlich nicht, weil ich darin sogar im Bild zu sehen bin. Für mich schließt sich hier auch wunderschön einer der Kreise, die das Leben manchmal für einen bereit hält: Marie T. Martin war vor vielen Jahren einmal Hospitantin in meiner Redaktion – und über das Schreiben sind wir heute noch in Kontakt!

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  5. Liebe Frau Böllinger
    Wolfgang Schiffer hat mir freundlicherweise den Link zu Ihrem Blog geschickt, und Ihren Bericht über die Bibliodiversität habe ich mit grossem Vergnügen gelesen und auf Facebook geteilt habe. Jedenfall war es genug Veranlassung, mehr über diesen Blog zu erfahren. Es würde mich natürlich freuen, wenn ich Sie doch noch davon überzeugen kann, dass das Hören von Büchern zuweilen eine bessere Rezeption des Textes ermöglicht wie das Lesen. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls lasse ich mich gern von Ihnen über Neues informieren.

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieber Herr Koch,
      herzlichen Dank für Ihren freundlichen Kommentar.
      Manchmal ist die Entscheidung, zu welcher Art der Textvermittlung man greift, einfach abhängig von der knappen Lesezeit, die einem zur Verfügung steht (resp. Hörzeit). Aber ich sichere Ihnen zu, dass ich mich nun zumindest wieder mehr dem Hören zuwenden werde…
      Herzliche Grüße, Birgit Böllinger

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