Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms (2012).

3cirale2015 086

„André wird bald nach Algerien abreisen, und Marcel  neidete seinem Schwager dessen abenteuerliches Leben, das so schmerzhaft im Gegensatz stand zu der Leere seines eigenen, er sah das Kolonialreich nicht zusammenbrechen, er hörte nicht einmal das dumpfe Knirschen seiner angeschlagenen Fundamente, denn er war vollständig auf das Zusammenbrechen seines eigenen Körpers konzentriert, den Afrika mit seiner lebendigen Fäulnis langsam verseuchte, er betrachtete das Grab seiner Frau, auf dem Pflanzen wucherten, die er mit wütenden Machetenhieben niederschlug, und er wusste, dass er ihr bald schon folgen würde, denn der Dämon seines Geschwürs, von tropischer Feuchte genährt, quälte ihn mit unbekannter Stärke, als würde ihm seine dämonische Vorahnung erlauben zu fühlen, dass draußen, in der Schwüle verdorbener Luft, zahllose Verbündete darauf lauerten, ihm bei der Vollendung seines Unterfangens einer langsam vonstattengehenden Zertrümmerung zu helfen, und Marcel hielt die Augen weit aufgerissen in die Nacht, er hörte die Schreie der Beute, er hörte die Leichen der verwirrten Schlafkranken über den Sand schleifen, während die Krokodile sie langsam in Richtung ihres wässrigen Massengrabes zogen, erhörte das raue Schnappen von Kiefern, das Garben aus Schlamm und Blut aufwarf, und in seinem eigenen aufgewühlten Körper spürte er die Organe sich behäbig in Bewegung setzen und sich aneinander reiben, um eine langsame Rotation im Orbit des Dämons in Gang zu setzen, der in der Tiefe seines Bauchs die Hand aufrichtete, starr wie eine schwarze Sonne, Blumen trieben die Spitze ihrer Knospen in die Alveolen seiner Bronchien, ihre Faserwurzeln liefen durch seine Adern bis in die äußersten Enden seiner Fingerspitzen, furchtbare Kriege wurden sich geliefert in dem barbarischen Königreich, zu dem sein Körper geworden war, mit ihrem wilden Siegesgeheul, ihren massakrierten Besiegten, ein ganzes Volk von Mördern, und Marcel nahm sein Erbrochenes unter die Lupe, seinen Urin, seinen Stuhlgang, stets in panischer Angst, darin Gewimmel an honigfarbenen Larven zu entdecken, Spinnen, Krebsen oder Nattern, und er wartete darauf, allein zu sterben, in Fäulnis verwandelt noch vor seinem Tode.“

Jérôme Ferrari, „Predigt auf den Untergang Roms“.

Es hat mich einfach in den Fingern gejuckt, dieses Zitat zu bringen. Ein Satz, locker verteilt über zwei Buchseiten. Der Leser muss wissen, was auf ihn zukommt: Sprache, die einen einsaugt, mitreißt, packt und nicht mehr loslässt. Wer Ferrari liest, begibt sich auf einen literarischen Kurs in die Gefahrenzone.

Nomen est omen. Viel Zeit zum Atemholen lässt einem dieser Ferrari nicht. Der einen hineinzieht mit diesen Suada-Schleifen-Sätzen und die Schlaufe nicht lockerlässt, bis man zerschlagen&zertrümmert den Buchdeckel zusammenklappt. „Die Predigt auf den Untergang Roms“ (2012 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet), ist Schluss- und Meisterstück der Korsika-Trilogie dieses französischen Philosophielehrers und Schriftstellers: „Balco Atlantico“ (2008), „Und meine Seele ließ ich zurück“ (2010) und die Predigt – drei furiose Gewaltstreiche, nichts für zarte Gemüter, überwältigend auch in ihrer sprachlichen Wucht, selbst in der Übersetzung (erschienen beim Secession Verlag für Literatur, Zürich).

„Die Predigt auf den Untergang Roms“ – diese Predigt des Augustinus gibt den Rahmen, bildet das eigentliche Fundament dieser archaischen Geschichte von Werden und Vergehen, Aufbau und Zerstörung.

„Hat Gott jemals versprochen, dass die Welt ewig sei? Die Mauern Karthagos sind gefallen, Baals Feuer ist erloschen und die Krieger Massinissas, die die Festungsmauern Cirtas niederschlugen, sind ihrerseits verschwunden, wie Sand, der verrinnt. Das wusstest Du bereits, aber Du meintest, Rom würde nicht fallen? Wurde Rom nicht aufgebaut von Menschen wie Dir? Seit wann denkst Du, dass Menschen die Macht besitzen, ewige Dinge zu erreichten? Der Mensch hat auf Sand gebaut.“

Der Mensch hat nicht nur auf Sand gebaut, er ist auch ein schlechter Schöpfer, in seinen Schöpfungen ist bereits der Verfall begriffen und der einzige Trost, der darin liegt, ist: Dass sich die Welt trotzdem und dennoch in ihrer Unvollkommenheit immer weiter dreht.

Das ist aber auch das Einzige, aus dem die Figuren in Ferraris Korsika-Trilogie für sich Hoffnung schöpfen können: Ihre Welt ist geprägt von Gewalt, Grausamkeit, Erniedrigung, Inzest, Perversion, Lieblosigkeit, Krankheiten, Nymphomanie, Debilität.

Vor allem fokussiert auf die Welt der Männer, die Eber kastrieren, und wenn das Maß dessen, was an Erniedrigung ertragbar ist, erreicht ist, auch bereit sind, den zweibeinigen Gegner zu entmannen. Die, weil sie über keinen Kanal der Mitteilung verfügen, Gefühle und das Gedächtnis verlieren, sich in ihrer eigenen Einsamkeit vergraben, entweder in der Psychiatrie stranden, oder ihre Erinnerungen an das andere, bessere Leben, das sie vielleicht hätten haben können (und doch nie erreicht hätten) im Alkohol ertränken oder aber zur Tat, zur Waffe greifen.

Ferrari1Die Gewalt ist in dieser Trilogie kein Selbstzweck. Die drei Romane sind weit mehr als  – vielleicht, vielleicht auch nicht – die Geschichte einiger gescheiterter Menschen. Mehr als das leicht überzeichnete Portrait eines Provinznestes auf Korsika, wo man eng aufeinander hockt, abends in der Kneipe bis zum Abwinken säuft und dann das Vergessen auf einem Frauenleib sucht. Solche Dorf-Enge-Geschichten kennt man zur Genüge. Jérôme Ferrari dagegen packt in die Kleinräumigkeit der Kneipe, in der sich das Leben hauptsächlich abspielt, einen ganzen Kosmos, 2000 Jahre Geschichte, einen Streifzug von Augustinus über die Weltkriege, den Kolonialismus bis hin zur korsischen Unabhängigkeitsbewegung. Grundwissen in französischer Geschichte ist hilfreich bei der Lektüre, werden doch auch einige nationale Traumata gestreift – der Untergang Roms sinnbildlich für den Zerfall der französischen Kolonialmacht, vom in Algerien folternden Vorfahren führt die Blutlinie zum Enkel, dem jedes Mittel im Kampf der korsischen Untergrundbewegung recht ist.

Zum Scheitern sind sie letztendlich alle verurteilt, die sprachlosen, in Gewalt verstrickten Protagonisten – selbst der Leibniz-Student, der in seinem Dasein als Kneipenwirt versucht, eine Utopie zu verwirklichen, seine beste der möglichen Welten zu bauen, endet gestrandet in der Bürgerlichkeit. Doch das Individuum zählt wenig, seine Handlungsmöglichkeiten sind beschränkt – das individuelle Schicksal ist Teil einer von Blut&Gewalt geprägten Geschichte, die von der Erstarrung der Rückkehrer aus dem 1. Weltkrieg über Auschwitz als Kulminationspunkt der Gewalt bis zu den Folterungen in Algerien und dem Terror nationalistischer Kurden führt.

Solche Untergangsprosa, die auf die Determiniertheit des Einzelnen abzielt, passt nicht in das moderne (postmoderne?) Konzept individueller Freiheit. Auch der hohe Ton, die an eine Predigt erinnernde Melodie der Sprache, die Ferrari ausreizt, mutet beinahe altmodisch an. In diesem sprachgewaltigen, großen Wurf, der einen zuweilen abschreckt, manchmal abstößt, liegt eine Herausforderung an den Leser. Nachzudenken. Beispielsweise über: Wie sehr sind wir lediglich nur Erben unserer Geschichte? Wieviel und was können wir tun? Und wo beginnt der Selbstbetrug? In der Annahme, wir hätten die „Gnade der späten Geburt?“ Wir hätten individuelle Gestaltungsfreiheit?

Mit großer Geste setzt Ferrari dem Postulat absoluter Selbstbestimmung seine Predigt entgegen: Alles, was ist, ist auf Sand gebaut.

Zum Verlag mit weiteren Angaben zum Autoren und den Büchern der Korsika-Trilogie geht es hier:
http://www.secession-verlag.com/content/j%C3%A9r%C3%B4me-ferrari

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

12 thoughts on “Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms (2012).

  1. Ich dusche ja lieber warm, ausgiebig und heiß – die beiden Bücher reizen mich aber dennoch. Irgendwie habe ich ja eine Schwäche für französische Autoren. Jetzt muss ich nur noch klären, wann ich diese ganzen großartigen Bücher denn nur lesen soll … 🙂

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    1. Keine Sorge. Lesen beim Duschen ist eh nicht gut, fürs Buch zumindest. Aber – ein kleines aber muss doch noch kommen – die Trilogie umfasst drei Bücher – noch mehr Material also für den SUB 🙂 Das dritte befindet sich nicht auf dem Foto (das war wieder eine Täuschung, ich weiß), da in anderen Händen. Gelesen haben sollte man sie, wenn man damit anfängt, jedoch alle drei – großartig!

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  2. Hallo Birgit,

    das passt ja wie die Faust aufs Auge, dass du diesen Beitrag nochmal hoch geholt hast, da ich diese Woche ebenfalls ein Buch von Ferrari besprochen habe. Tobias Lindemann hat mich ja quasi schon auf die Trilogie aufmerksam gemacht, mit dieser Besprechung bin ich fast gezwungen, es bald zu lesen.

    Liebe Grüße
    Marc

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    1. Lieber Marc,
      ja die Trilogie ist wirklich stark, hat mich richtig umgehauen. Daher mal auch ein guter Anlass, sie aus den Tiefen des Blogs, wo sie vor sich hindämmerte, hervorzuholen – Ferrari ist einfach klasse. Vor „Das Prinzip“ schrecke ich noch etwas zurück, ich hab ein echtes blindes Auge und eine große Begriffsstutzigkeit bei allem, was nur im Entferntesten nach Physik aussieht …(leider).
      Liebe Grüße, Birgit

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