Felix Austria: Die Leichtigkeit des Schreibens mit Menasse, Haas und Seethaler

mountains-1606412_1280
Anschreiben gegen die ewige Postkartenidylle: Zeitgenössische Autoren in Österreich

„Österreichische Identität – dieser Begriff hat etwas von einem dunklen und muffigen Zimmer, in dem man, wenn man aus irgendeinem Grund eintritt, sofort die Vorhänge beiseite schieben und das Fenster öffnen möchte, um etwas Luft und Licht hereinzulassen. Doch wenn das Fenster keine Aussicht hat und sich der Raum daher nur wenig erhellen will?“

Robert Menasse, „Das Land ohne Eigenschaften“, Essay zur österreichischen Identität, 1992.

Lange Zeit war für mich die zeitgenössische österreichische Literatur hauptsächlich mit Namen wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek verknüpft. Mit welcher Wut, welcher Wucht, welcher Sprachgewalt die gegen alpine und andere Republiken anschrieben. Wörter gegen steinerne Gebirgsmassive und steinerne Herzen, verknöcherte Hirne schleuderten. Wie sie wüteten – und sich dabei auch zerrieben – gegen die Verhältnisse. Keinen Stein auf dem anderen lassen wollten, sei es auf dem Großglockner oder am Heldenplatz.

Doch – die Wut hat ihre Zeit, ihren Platz. Aber auch die Leichtigkeit braucht ihren Raum. Und die ist für mich mit drei Autoren wieder eingezogen in die österreichische Literatur. Zeit zum Aufatmen, zum Durchatmen. Und das Schöne daran: Bei allem „Schmäh“ in der Sprache, dieses Herrentrio produziert durchaus keine pappsüßen Salzburger Nockerln, viel Schaum um Nichts, sondern vereint Humor, Lakonie, Ironie mit Anspruch, Tiefgang, Niveau. Und schreibt dabei so locker, so elegant, dass man am liebsten im ¾-Takt Bücher von ihnen lesen möchte. Beste Unterhaltung – für den Kopf, für das Herz und wenn man Literatur tanzen könnte, dann auch für die Beine.

Politisch und hintersinnig: Robert Menasse

Robert Menasse, ist der älteste des von mir geschätzten Männertrios. In letzter Zeit ist er vor allem wieder mit Essays und politischen Schriften, so „Der Europäische Landbote“, in Erscheinung getreten. In „Das war Österreich“ und „Erklär mir Österreich“ arbeitet er sich an seiner Heimat ab. Bewusst wird bei der Lektüre einmal mehr, wie nah und doch so fern uns unsere Nachbarn über den Bergen sind. Und dennoch: Spott ist nicht angebracht, wenn man selbst im „wilden Süden“ lebt, in dem die Wankelmütigkeit eines Stimmenkönig Horst und die größeren und kleineren Skandale vom Wählervolk mit den Worten goutiert werden: „Hund sands schoa“. Ob diese Nachsicht Ausfluss eines immer noch barocken Katholizismus ist, der verspricht, dass man, solange wenigstens stets brav seine Sünden beichtet, wie Alois in den Himmi kimmt? Mag sein.

Menasse steht für mich am Übergang zwischen der Erdschwere der oben Genannten und der neueren österreichischen Leichtigkeit – ein kritischer Essayist, ein wunderbarer Romancier. Von der „Trilogie der Entgeisterung“ bis zum 2007 erschienenen Roman „Don Juan de la Mancha. Oder die Erziehung der Lust“ spreche ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus: Klug, elegant, sinnlich.

Im Don Juan mit Don Quijoten-Charaktereigenschaften sucht ein alternder, abgestumpfter Journalist das Glück in der Liebe. Und reflektiert dabei vor seiner Therapeutin die vergangenen Lieben, seine Liebesunfähig- und Lustlosigkeiten, gescheiterte Beziehungen, geschiedene Ehen, gestörte Vater-Sohn-Verhältnisse. Die unterhaltsame Psychografie eines Mannes, der letztendlich nur eines will: Ankommen, bevor der große Vorhang fällt.

Psychografie = Seelenbild. Beispielsweise, wenn der Jungmann in der Disko einen Korb erhält:
„Seither weiß ich, dass die Seele keinen Sitz hat. Sie ist eine Flipperkugel. Sie schlägt an im Knie, klickt gegen die Hoden, stößt ans Zwerchfell, trifft das Herz, schlingert durch den Hals, prallt an das Hirn, fällt in ein Loch.“

Herrlich lakonisch der Rückblick auf eine Spät-68er-Studenten-Jugend in Österreich:
„Dort hatte Ferry Radax den Film `Sonne halt!´ gedreht, der damals bereits als Klassiker der Österreichischen Avantgarde galt. Ich hatte ihn erst wenige Wochen zuvor bei einer Radax-Retrospektive im Filmmuseum gesehen. Retrospektiven für Jung-Filmer – das gab es nur in Österreich. Andererseits: Radax war der älteste Jungfilmer der Welt. Der Film zeigte nichts anderes als den österreichischen Dichter Konrad Bayer, wie er in Monterosso auf einer Terrasse vor dem Meer Banjo spielt und singt: „Schlaf, Kindlein schlaf, bist gar ein böses Kind, machst alle Puppen kapuuutt, und wenn sie dann gestorben sind, machst du sie nicht wieder guuut.“ Immer wieder und immer wieder. Da droht die Sonne unterzugehen. Konrad Bayer legt das Banjo weg, nimmt ein Gewehr, sagt „Sonne halt!“, schießt – und der Film friert ein im Standbild der durch die Kugel an den Himmel angenagelten Sonne. Ich hatte damals zu solcher Avantgardekunst ein Verhältnis, wie es Jugendliche heute zu Robbie Williams oder Madonna haben. Vielleicht bin ich deshalb auch nie glücklich geworden.“

Bissig und bitterböse: Wolf Haas

Mit seinen sieben Kriminalromanen um den dickschädeligen, leicht verhatschten, chaotischen Privatdetektiv löste der 1960 geborene Wolfgang Haas einen richtiggehenden Brennerkult, eine Brennermanie aus. Nicht von ungefähr – den der Haas schreibt eine Sprache, das glaubst du nicht:

„Der Tod ist vielleicht groß. Aber Wien ist auch groß. Wenn du mit der Fünfer vom Westbahnhof zum Nordbahnhof fährst, bist du fast eine Stunde unterwegs. Und da bist du noch lange nicht draußen in der Bronx. Noch lange nicht in der Großfeld- oder in der Trabrennsiedlung oder am Schöpfwerk draußen, wo sie immer die Vergewaltiger haben und die Jugendbanden und die Zeitungsleute.

Und da liest man dann in der Zeitung, wie gefährlich es am Schöpfwerk ist, weil das Crack, oder wie der Dreck heißt, die Leute so aggressiv macht, dass sie dir den Kopf abschneiden. Aber niemand schreibt über die tiefere Ursache. Niemand schreibt über die Burenwurst. Weil die Burenwurst macht so aggressiv, das glaubst du nicht. Käsekrainer, Zigeuner, Cabanossi machen auch aggressiv, aber im Grunde genommen macht nichts so aggressiv wie die heiße Burenwurst, außer natürlich der heiße Leberkäse.“

Da schau her. Von wegen Palatschinken, Kaiserschmarrn und anderes Süßzeug. Auch beim Haas herrscht Düsternis im Herzen Österreichs, wenn auch auf andere Art, mehr krimimäßig, du glaubst es nicht… Für seine Kriminalromane hat Wolf Haas einen ganz eigenen Sprachduktus entwickelt, dem man sich, einmal im Geschehen, kaum entziehen kann. Doch nicht nur die lakonische Erzählweise mit dem gewissen österreichischen Sound zeichnet diese Kriminalliteratur aus – ungewöhnliche, leicht exzentrische Figuren, wie man sie sich jedoch lebhaft vergegenwärtigen kann. Haas lässt mit seinen Büchern auch etwas in die Volksseele gucken, hält den Lesern einen Spiegel vor. Klug, komisch, und manchmal bitterböse schreibt der Haas. Und er will:
“dem Leser quasi mit dem Oasch ins G’sicht fahr’n, ganz ohne Umschweife“.

Leicht und doch so ernst: Robert Seethaler

Solche Sachen macht der 1960 geborene Robert Seethaler nun wiederum nicht. Er schlägt etwas dezentere Töne an, schreibt bei aller Leichtigkeit jedoch ebenso fulminant – beziehungsweise wird bislang von Buch zu Buch noch leichter und doch tiefer und besser und hat, wie Menasse und Haas, einen ganz eigenen Sound:

„Die Mutter Gottes hat sicher auch schon einiges gesehen. Wer schon einmal einen Sohn so ganz ohne Mann empfangen hat, den haut wahrscheinlich gar nichts mehr so schnell um. Und darum schaut die Mutter Gottes jetzt eher abgeklärt und ein bisschen gelangweilt in das Zimmer von der Frau Kämmerle hinein.“

Seethaler „debütierte“ auf dem Literaturparkett 2006 mit dem geschriebenen Roadmovie „Die Biene und der Kurt“. Ein ungleiches Paar, die 16jährige Biene, aus einem katholischen Mädchenheim entfleucht, und der abgewrackte Sänger Kurt, der sich mit Konzerten in Altersheimen und Dorfscheunen über Wasser hält, findet zusammen. Eine wilde Tour durch die Provinz endet tragisch-komisch – für Biene jedoch der Eintritt ins Erwachsenenleben. „Die Biene und der Kurt“ ist eigentlich ein Flutschbuch: gute Unterhaltung, vergnüglich zu lesen, wenn auch ohne tieferen Nachgang.

Doch schon mit dem zweiten Roman, 2010 erschienen, wird es ernst(er): Auch „Jetzt wirds ernst“ ist ein Entwicklungsroman – wie ebenfalls „Der Trafikant“ – handelt von der Enge der Provinz, von einem jungen Mann und großen Träumen:

„Also gut“, sagte Freud. „Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal die Begrifflichkeiten klären. Ich vermute, wenn wir von deiner Liebe sprechen, meinen wir in Wahrheit deine Libido.“
„Meine was?“
„Deine Libido. Das ist die Kraft, die Menschen ab einem gewissen Alter antreibt. Sie schafft ebenso viel Freude wie Leid und hat, etwas vereinfacht gesprochen, bei Männern ihren Sitz in der Hose.“
„Auch bei Ihnen?“
„Meine Libido ist längst überwunden“, seufzte der Professor.

Beides – „Biene und der Kurt“ und „Jetzt wird’s ernst“ waren Vorübungen für ein kleines Wunder. „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ sind Bücher, die im Gedächtnis bleiben.

Bella gerant alii, tu felix Austria nube.
Nam quae Mars aliis, dat tibi diva Venus.

Glückliches Österreich, deine Schriftsteller – auch dort, wo sie die Finger auf die Wunden legen, tun sie es mit viel Leichtigkeit und Lebensart. Am Ende steht da dann einfach lesbare, unterhaltende, gute Literatur.

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

9 thoughts on “Felix Austria: Die Leichtigkeit des Schreibens mit Menasse, Haas und Seethaler

  1. Die Sprache – besonders wirkungsvoll die direkte Ansprache der Leserschaft bzw. imaginärer Zuhörer („ob du’s glaubst oder nicht“) – ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig , dann aber sind die Krimis von Wolf Haas eine herrliche und auch spannende Lektüre. Besonders gut gefallen hat mir „Komm, süßer Tod“, ein Krimi rund um den mörderischen Zweikampf von Rettungsdiensten.

    Gefällt 1 Person

    1. Oh ja! Wenn man den speziellen Haas-Sound mag, dann sind die Bücher wirklich erstklassig – eben auch spannende Krimis, unterhaltsam und mit einem guten Blick auf die gesellschaftlichen Zustände. „Komm, süßer Tod“ – auch genial verfilmt. Hader + Haas: Top-Mischung!

      Gefällt 1 Person

  2. „Die Seele ist eine Flipperkugel“ – eine interessante und amüsante Sichtweise!
    Vielleicht werde ich mal etwas von Menasse lesen.
    Mir gefällt die Sprache im Trafikanten von Seethaler gut, ich empfinde sie als behutsam- dieses Buch von ihm hat mir noch besser gefallen als Ein ganzes Leben. Ich gebe dir absolut Recht- die beiden Bücher sind auch mir im Gedächtnis geblieben.

    Gefällt mir

  3. Liebe Birgit, der eine Robert – Seethaler – gehört zu meinen allerliebsten Autoren. Besonders toll finde ich, dass er in seinen Romanen immer wieder eine neue zu den jeweils handelnden Personen passende Sprache findet. Den anderen Robert – Menasse – setze ich nach deinen lockenden Worten jetzt mal ganz oben auf die Leseliste. Schöne Ostertage!

    Gefällt mir

    1. Liebe Maren, auch Dir ein schönes Osterfest – und ja, leg Dir unbedingt einen Menasse zu. Er ist von den drei Vorgestellten sicher der, der am „intellektuellsten“ schreibt, aber auch sehr sinnlich. Einer meiner Lieblingsautoren. Liebe Grüße, Birgit

      Gefällt mir

  4. Danke für die neuen Österreicher. Der Seethaler hat mir’s auch angetan. Zum Lachen ist er und bitter auch. „Die weiteren Aussichten“ war mir bisher das liebste. Aber nach drei Büchern Hauptsatz-Prosa musst ich dann doch mal was anderes lesen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s