Lili Grün: Mädchenhimmel! (2014)

P1050752Geliebter Freund (Auszug)

Zum Schluß meinst du, ich soll dir Antwort schreiben,
Natürlich nur in dein Geschäft,
Denn deine junge Frau, sie könnte drunter leiden,
Und wenn sie meinen Brief erwischt,
Dann ging`s Dir schlecht.

Geliebter Freund, ich hab` dir nichts zu sagen;
Denn du bist fremd und fern und alles ist vorbei.
Ich hab` dich sehr geliebt…Es ist vorüber,
Ich sprech` nicht gern davon…Kurz:
Schwamm darüber!

Es ist so eine typische Stimme der 1920er und 30er Jahre, die aus diesen Gedichten zu uns spricht: Ein bisschen schnodderig, ein bisschen frech, ein wenig melancholisch, ein wenig bitter-süß. Man meint, den Sound der Weimarer Republik im Ohr zu haben, wenn man Lili Grün liest. Und nicht zu Unrecht wird sie als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit mit Irmgard Keun, Erich Kästner und Kurt Tucholsky verglichen.

Nur: Wo Keun, Kästner und der Teobald Tiger heute noch beziehungsweise wieder ein Begriff sind, geriet Lili Grün in Vergessenheit. Es ist die Geschichte einer mehrfachen Vernichtung: Ermordet von den Nazis, ihr Werk anschließend für sehr lange Zeit vergessen.

Die 1904 in Wien geborene Lili Grün wurde von den Nazis deportiert und am Tag ihrer Ankunft im weißrussischen Lager Maly Trostinec ermordet. Und: „Vermutlich wurde Lili Grüns letzte Habe jedoch spätestens mit ihrer Deportation aus Wien 1942 vernichtet“, bedauert Anke Heimberg, die jetzt die Werke von Lili Grün, soweit noch erhalten, wieder herausgibt. Ihr und dem AvivA Verlag ist es zu verdanken, dass die Schriftstellerin zumindest wieder über ihre Bücher in ihrer ganzen Lebenskraft erwacht. Es liegen inzwischen ihre Romane „Alles ist Jazz“, „Zum Theater!“ und seit 2016 auch „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ vor.

In dem bereits 2014 erschienen Band „Mädchenhimmel!“ veröffentlichte Anke Heimberg die Gedichte und Kurzgeschichten Lili Grüns, die in zeitgenössischen deutschsprachigen Zeitschriften und Zeitungen zu Lebzeiten der Autorin erschienen waren. Es entsteht ein Bild vor meinen Augen von einer jungen, temperamentvollen Frau, die die Fesseln überkommener alter Ver- und Gebote abstreifen will, die den „Notschrei einer allzu Braven“ ausstößt…

„Ach, ich geh` mir selber auf die Nerven,
Weil ich gar so artig bin,
Und voll untentwegter Pflichterfüllung
Steck` ich stets in meiner Arbeit drin.“

… und deshalb aufbricht zu neuen Ufern am „Mädchenhimmel!“ und danach ein freches Lied singen darf:

Elegie bei einer Tasse Mokka (Auszug)

“Mein letzter Freund war ein Jurist.
Ich bin seit dieser Zeit gegen Juristen.
Juristen sind alle falsch, herzlos und bös,
Ich kann dieses Wort gar nicht hören, es macht mich nervös.
Darum wünsch` ich mir zum nächsten Verehrer
Beispielsweise einen Volksschullehrer.“

All die blonden und zarten Stenotypistinnen, Verkäuferinnen und Bürofräuleins, die Lili Grün in ihren Gedichten verewigt und von deren Rendezvous` nach Ladenschluss erzählt, haben  eines gemeinsam: Sie schwanken zwischen Lebenslust und Liebesleid, träumen vom Geldbriefträger, der die Millionen bringt und feinen Kleidern mit Dekolleté, gehen flüchtige Affären ein und sind doch vor allem auf der Suche nach der großen Liebe – auch wenn sie  die „Uralte Liebesmelodie“ singen, wohl wissend, dass alles seine Zeit und sein Ende hat.

MŠdchenhimmel_Cover„Der Tonfall ihrer heiteren-melancholischen Gedichte verweist bisweilen auf berühmte neusachliche Zeitgenossen wie Erich Kästner und Kurt Tucholsky, und doch beschreibt Grün mit ihrer ganz eigenen Note etwa die Sehnsüchte junger, moderner, selbstbewusster „Neuer Frauen“ am Ende der Zwanziger Jahre – hin- und hergerissen zwischen Autonomie, Selbstbehauptung und der Suche nach dem Traummann“, skizziert Anke Heimberg im Nachwort zu „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ die Gedichte Lili Grüns.

„Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“, die Liebe, sie ist manchmal ein „Kurzer Zwischenfall“, das Leben auch einmal ein „Langweiliger Tag“. Schon die Gedichttitel bringen das Zeitgefühl der 1920er zum Ausdruck: Lebensgier und eine skeptische Sehnsucht, als ahnte man zugleich, dass die Zeiten nicht besser werden.

Lili, eigentlich Elisabeth, wurde 1904 als Jüngste der vier Kinder von Hermann und Regine Grün in Wien geboren. Ihr Mutter verlor sie früh, bereits 1915 – ein Verlust, der sie prägte, zumal wenige Jahre später, 1922, auch der Vater starb – er hatte sich an der Front ein chronisches Nierenleiden zugezogen. Das Theater wurde ihr Flucht- und Bezugspunkt, sie strebt eine Karriere als Schauspielerin an, es zieht sie – auch bedingt durch die Arbeitslosigkeit in Wien – nach Berlin. Anke Heimberg schreibt im Nachwort zu „Mädchenhimmel!“:

„Doch in der glitzernden Kulturmetropole Berlin wuchs mit der wirtschaftlichen Depression und den damit einhergehenden Spaßmaßnahmen beim Film und beim Theater die Zahl der ein Engagement suchenden KünstlerInnen ebenfalls kontinuierlich. (…). Wiederholt berichteten Berliner Zeitungen über die zunehmende Verelendung unter den SchauspielerInnen, deren Situation durch mangelhafte Ernährung, armselige Kleidung, äußerst bescheidene Wohnverhältnisse und chronische Erkrankungen, wie die weit verbreitete Armenkrankheit Tuberkulose, gekennzeichnet war.“

Dass in den goldenen Zwanzigern für die meisten wenig Gold auf der Straße lag, auch das blitzt bei aller Leichtigkeit in und zwischen den Zeilen immer wieder durch:

Einzelhaftpsychose (Auszug)

„Ich weiß nicht mehr, wie meine Stimme klingt,
Ich glaub`, ich habe seit Tagen nicht gesprochen.
Ob man sich etwas aus der Zeitung liest?
»In Neukölln hat einer seine Frau erstochen – – «
Ach nein, es ist schon besser, wenn man etwas singt.“

Statt großer Bühne findet Lili Grün jedoch Kontakt zum Kabarett, dort zum Brücke-Kollektiv um Julian Arendt, zu dem auch Erwin Straus, Margarethe Voß, Ernst Busch, Hanns Eisler und Erik Ode (Der Kommissar) gehörten. Lili Grün trägt eigene Gedichte vor – und findet Anklang bei den Presseleuten. Im Film-Kurier heißt es, »Lilly Grün trägt Erotik, sehr persönlich und sehr belustigend«, in der Vossischen Zeitung lobt man ihre  »witzig-sentimentalen Gedichte«. Lili Grün, die damit beginnen kann, ihre Gedichte und Geschichten in renommierten Zeitungen zu veröffentlichen, leidet jedoch an Tuberkulose. Ihrer Gesundheit wegen kehrt sie 1933 nach Wien zurück – sowohl für sie ein persönliches, als auch ein politisches Schicksalsjahr. Denn sie kann zwar ihren ersten Roman veröffentlichen, doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Berlin ist der Weg für die Autorin – Jüdin, linksorientiert, in Handeln und Denken so gar nicht dem Bild vom deutschen Mädel entsprechend – schon vorgezeichnet. Verarmt und chronisch lungenkrank gelingt es ihr nicht, aus Österreich zu fliehen. 1942 wird sie mit dem Transport Nr. 23 aus Wien deportiert.

Eine weitere Stimme zum Schweigen gebracht, ein Leben gekappt, Sehnsüchte, die unerfüllt zurückbleiben:

Ich möchte wieder achtzehn Jahre sein…(Auszug)

„Ich möchte wiederum ein Tagebuch,
In das ich täglich niederschreibe,
Was leider nicht geschehen ist,
Und das ich in der stillen Hoffnung führe,
Daß es vielleicht doch einmal einer liest.“

Ein Tagebuch oder andere biographische Zeugnisse konnte Lili Grün, wie ihre Herausgeberin schreibt, wohl nicht mehr hinterlassen, sind nicht mehr aufzufinden. Aber zumindest können ihre Bücher nun wieder gelesen werden. Und Anke Heimberg arbeitet, gestützt durch mühsam zu recherchierendem, verstreutes dokumentarisches Material an einer Biographie dieser wunderbaren Autorin.

Mehr zum Buch beim AvivA Verlag:
https://www.aviva-verlag.de/programm/mädchenhimmel/

Veröffentlicht von

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

12 thoughts on “Lili Grün: Mädchenhimmel! (2014)

  1. Liebe Birgit,
    danke für diesen Überblick über Lili Grüns Leben und den Hinweis auf das Buch Mädchenhimmel. Es war schön, nach deinem Beitrag im KunstSalon nochmals von Lili Grün zu lesen, ich habe auch gleich ein Link vom Salon-Bericht zu diesem Bericht gesetzt.
    Das Gedicht Einzelhaftpsychose rührt mich sehr, vielleicht auch, weil mir Neuköln natürlich als Berlinerin auch vertraut ist. Ich frage mich, ob wir im Moment wieder in einer ähnlich goldlosen Zeit leben? Komme aber zum Entschluss, dass wir nicht hungern müssen und mehr oder weniger die meisten auch eine Bleibe haben.
    Viele Grüße von Susanne

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    1. Liebe Susanne, danke für den Link … daran hätte ich bei mir eigentlich auch denken sollen… Die materiellen Verhältnisse von heute und die der Weimarer Republik kann man sicher nicht vergleichen: Auch wenn bei uns Armut wieder zunimmt und es in Berlin Viertel gibt, in denen Menschen leben, die von den gesellschaftlichen Verhältnissen abgedrängt bzw. ausgegrenzt sind – die schiere Not, der Hunger und die Armut der Weltwirtschaftskrise damals sind doch noch anders gewesen. Allerdings – das hast Du mir ja auch am Beispiel der Gentrifizierung im Wedding gezeigt – die Schere zwischen den „Klassen“ und den Lebensverhältnissen klafft immer weiter auseinander…

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      1. Allerdings, Birgit, was ich so erschreckend finde ist, dass es nicht mehr allen möglich ist, eine gute Bildung zu erhalten. Ich dachte immer, das wäre eine gleiche Grundvoraussetzung für alle. Heute jedoch müssen immer mehr Arbeitsmittel von den Eltern zur Verfügung gestellt werden, man denke allein an die Kosten für Laptop usw.

        Gefällt 2 Personen

  2. Eine tolle Entdeckung – danke dafür Birgit 🙂 Lily Grün klingt ganz nach meinem Geschmack. Wie schrecklich, dass sie nicht nur ermordet wurde, sondern auch noch so in Vergessenheit geraten ist. Frau Grün gerät sofort auf meinen Wunschzettel und ich muss doch gleich mal schauen, ob ich nicht auch noch ein Foto finde für den Awesome Binge Reader. Wünsche einen schönen Sonntag. Ciao Ciao, Sabine

    Gefällt 1 Person

      1. „Alles ist Jazz“ hat mir auch sehr gefallen. Sehr schöner Beitrag, liebe Birgit! Im Tone erinnern mich die von dir vorgestellten Schnipsel ein bisschen an Mascha, Irmgard etc. Das war wohl einfach der typische Sound der Zeit. Den mag ich sehr …

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      2. Danke Dir! Ja, sie trifft diesen Ton der neuen Sachlichkeit, das Bild der „Neuen Frau“, hat aber auch eine ganz eigene Note. Ich habe gestern den zuletzt veröffentlichten Roman von ihr gelesen, „Junge Bürokraft….“, der ist sehr wienerisch, auch in der Sprachmelodie…

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