Hans Fallada/Hans-Jürgen Gaudeck: Ich weiß ein Haus am Wasser (2017)

20170316_144028_resized (1)„Ich war mit dem damals wohl knapp Vierjährigen über den kleinen in den großen Mahlendorfer See gerudert, und dort hatten wir auf einer jener kleinen, buschigen Inseln angelegt, die das ganze Jahr hindurch fast nie eines Menschen Fuß betritt. Ich liebe solche Inseln, sie erinnern mich immer an die Robinson-Träume meiner Knabenjahre. Wurde damals eine Lebenskonstellation gar zu schwierig, so flüchtete ich als Robinson auf eine Insel und wünschte mir nicht einmal einen Freitag!“

Hans Fallada in „Heute bei uns zu Haus“ – Carwitz und der Carwitzer See wurden darin in Mahlendorf umgewandelt.

Auch als erwachsener Mann beging Fallada immer wieder Landflucht, fand in der Ruhe des mecklenburgischen Landes Zuflucht, Heimat und Ruhe. Als gescheiterter Gymnasiast, nach dem dramatischen Suizid-Duell mit einem Freund, das nur er überlebte und nach einem langen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt blieben dem jungen Rudolf Ditzen wenig berufliche Möglichkeiten offen. Sein Psychiater vermittelte ihm die erste Arbeit auf einem landwirtschaftlichen Gut – und die Freude an dieser durchaus schweren Arbeit, die behielt Ditzen ein Leben lang bei, selbst dann, als er als Erfolgsschriftsteller unter dem Pseudonym Hans Fallada firmierte.

Vor allem auf seinem kleinen Anwesen in Carwitz in Mecklenburg-Vorpommern, das er 1933 für sich, seine Frau Suse und die Kinder erstand, kam der von seinen Süchten und Ängsten gebeutelte Mann einigermaßen zur Ruhe. Davon spricht auch die Textauswahl aus den Romanen, Erzählungen und Briefen, die in diesem schönen Kunstband versammelt sind – autobiografische Schilderungen, die einen ganz „erdhaften“ Fallada zeigen, der Pilze sammelt, bei der Erdbeer-Ernte stöhnt und glücklich durch die Wälder radelt. Ganz beiläufig lässt der „Hans im Pech“ anklingen, was dies für ihn bedeutet:

„In Mahlendorf gibt es keine Langeweile. Kein Sommerferientag ist zu lang: Die Kinder finden ihre Beschäftigung. Sie spielen zwischen Torfmull, Kompost und Holz, jagen sich im Obstgarten, verstecken sich auf dem Heuboden, spüren Eier verlegenden Hühnern nach, rudern auf dem See, schwimmen im See, spielen mit dem Hund, rennen ins Dorf (…)
Ich habe eben wieder einmal Glück gehabt, grade als ich auf der Kippe stand.“

(Aus: „Heute bei uns zu Haus“)

Die Zitate erzählen sowohl von den Sorgen des Landmanns, beispielsweise von einer schlechten Erdbeerenernte, erfrorenen Obstbäumen und steiniger Erde, aber auch von der Lust des Landlebens, der Ruhe, dem guten Essen, der Befriedigung, die körperliche Arbeit mit sich bringt. Dies alles wurde stimmungsvoll von Hans-Jürgen Gaudeck in wunderbaren Aquarellen umgesetzt und eingefangen. Der Künstler und dessen Arbeit wurde nun auch bei Wolfgang Schiffer gewürdigt, der diesen schönen Bildband ebenfalls dieser Tage vorgestellt hat. Und unter www.gaudeck.com kann man noch mehr Arbeiten des Künstlers bewundern.

Wie Wolfgang Schiffer treffend schreibt:

„Mal fließend, mal flächig, mal getupft schreiben die Farben in den stets richtigen Schattierungen – von euphorisch leuchtend bis melancholisch gedämpft – die Stimmungen des Autors fort, lassen uns den Wechsel der Jahreszeiten erleben und beleben derart das Nachempfinden der tiefen Zuneigung, die Hans Fallada für dieses sein Haus am Wasser empfunden hat.“

„Ich weiß ein Haus am Wasser“ ist in der „edition federchen“ beim Steffen Verlag erschienen, in einer Reihe mit ebenfalls von Hans-Jürgen Gaudeck illustrierten Büchern, die sich unter anderem Eva Strittmatter, Theodor Fontane und Rainer Maria Rilke widmen.  Allein der Fallada-Band ist ein wirkliches Schmuckstück – und macht Lust darauf, nicht nur diese Seite des Schriftstellers zu erkunden, sondern vor allem den Landstrich, der ihm soviel Glück bescherte.

Verlagsangaben zum Buch:
http://steffen-verlag.de/literarische-geschenkbuecher/1162/ich-weiss-ein-haus-am-wasser

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5 thoughts on “Hans Fallada/Hans-Jürgen Gaudeck: Ich weiß ein Haus am Wasser (2017)

    1. Es lebt von diesen wunderbar stimmigen Aquarellen – man möchte sofort Urlaub nehmen und die mecklenburgische Seenplatte besuchen, bekommt Appetit auf Erdbeeren und Lust auf Waldspaziergänge … sehr, sehr schön illustriert!

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