#lithund: Sándor Márai und sein Hund mit Charakter

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Leider hatte ich kein Bild von einem Puli zur Hand. So kommt aber Luni, der Hund eines Bekannten,  auch mit Charakter, zum Einsatz. Bilder: Rose Böttcher

Cave canem!

Achtung, werter Leser! Hier folgt eine Hundegeschichte. Eigentlich müßte man in Erfahrung bringen, welche Art von Schwäche es ist, die Schriftsteller, selbst die anspruchvollsten unter ihnen, im Laufe ihres Schaffens gelegentlich dazu verleitet, dem Menschen, ihrem ewigen und erhabenen Modell, den Rücken zu kehren und die Aufmerksamkeit den weiter unten angesiedelten Statisten der Schöpfung zuzuwenden. Solche Lektüre fällt im Ton immer ein klein wenig herablassend aus. Der Dichter schaut gnädig und mit Wohlwollen hinab in die niederen Sphären des Lebens, vielleicht auch betroffen oder ernüchtert vom tragischen Spiel, das ihm in Augenhöhe von den zweibeinigen Geschöpfen geboten wird – doch auf jeden Fall blickt er huldvoll und mit Nachsicht in die Niederungen, wo von einer der unteren Rangstufen der kreatürlichen Welt dieser harmlose, primitive und ferne Verwandte, das Tier, mit wachen Augen zu ihm aufschaut.

Sándor Márai, Ein Hund mit Charakter, 1931

Zwar blickt die Katzenfraktion derzeit nicht ganz so huldvoll auf unser #lithund-Vorhaben, maunzt auf und unterminiert mit Gegenbeiträgen subversiv unser Hundeprojekt, bringt sogar Ringelnatz in Position – doch was ein wahrer Hund mit Charakter ist, den ficht das nicht an. Schließlich hat sich sogar der große ungarische Romancier Sándor Márai – trotz seiner skeptischen Vorrede, aus der hier eingangs zitiert wurde – durchgerungen und über ihn, den Hund, geschrieben, ihn sogar zum Gegenstand eines ganzen Buches gemacht. Weil:

„Aber wenn er sein Augenmerk ganz besonders auf den Hund richtet, erfährt er vielleicht auch etwas über den Menschen. Und die Propheten werden dann schon erklären, was das Kleinbürgerliche daran ist, daß in einem historischen Augenblick, in dem der Mensch ein Hundeschicksal hat, jemand hoffen kann, über den Hund etwas von der augenblicklichen Lage der Menschen in der Welt zu erfahren.“

„Ein Hund mit Charakter“ – der lässt sich also weder von der ein wenig steifen Intellektualität seines Hausherrn, von den leiblichen Bestechungsversuchen des Hausmädchens noch von dem Geschwätz einiger Tiertherapeutinnen verbiegen. Der behält seinen Eigensinn, seinen Zorn, auch seine Wildheit. Und was ihn innerlich wohl wirklich aufbringt, ist die Tatsache, dass er über ein ganzes Jahr hinweg von seinem „Herrchen“ zwar präzise beobachtet, aber eigentlich nicht zärtlich geliebt wird.

Was zunächst ein wenig amüsant-unterhaltsam klingen mag, das nimmt ein tragisches Ende, führt zum finalen Desaster: Der Hund mit Charakter lehnt sich gegen sämtliche Domestizierungsversuche auf und beginnt zu beißen. Nachdem er in einer Art Amoklauf alle seine drei Menschen – den Schriftsteller, dessen Gattin und das Hausmädchen – zähnefletschend traktiert, ist klar: Der Hund muss weg.

buch171So endet dieses Buch des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai so melancholisch wie es beginnt. Ein Jahr nur währte der Aufenthalt von „Tschutora“ im Haushalt der kinderlosen Márais, Doch es scheint ein unvergessliches, eindrückliches Zusammenleben gewesen zu sein – er war ein besonderer Hund, dieser Hund mit Charakter. Obwohl auch später wieder ein Vierbeiner ins Haus kam, der durchaus in den Tagebüchern des Autoren erwähnt wird – nur Tschutora erringt literarischen Ewigkeitsstatus. Denn nicht dem „sanften“, schneeweißen Spitz namens Jimmy widmete Márai ein Memoirenbuch, sondern dem wilden, ungebärdigen teufelsschwarzen Pseuod-Puli.

Es ist ein Weihnachten in der Zwischenkriegszeit und das Paar hat sich erneut versprochen, sich gegenseitig nicht zu beschenken. Ein Schwur, der von beiden Seiten natürlich ebenso selbstverständlich gebrochen wird. Ziellos schlendert Márai durch die Stadt: Für die Luxuswaren in den Schaufenstern der Innenstadt fehlt das Geld, für ein Geschenk mit „weiblicher Note“ die Idee – bis er kurzentschlossen zum Zoo fährt und dort aus dem Hundezwinger einen Welpen kauft. Dass der angeblich waschechte Puli sich später als irgendeine wilde Mischung entpuppt: Geschenkt.

buch194Viel interessanter als Fragen nach den äußerlichen Rassemerkmalen ist für den Hundebesitzer (und natürlich dessen Gattin, die sich in das kleine Bündel ohne Wenn und Aber verliebt) die charakterliche Ausprägung des neuen Hausbewohners. Intensiv widmet sich Sandor Márai vor allem den Beobachtungen von Vorlieben und Abneigung des Vierbeiners in Bezug auf das ganze menschliche Umfeld, das zum Leben der Márais gehört: Die Personnage im Mietshaus, im Viertel sowie die unüberschaubare Verwandtschaft und der weite Bekanntenkreis des Paares.

Dabei zeigt er Hund einen ganz eigenwilligen Charakter: Er sieht sich zu den Außenseitern hingezogen, solidarisiert sich mit den Armen, verachtet jegliche Besucher im Schriftstellerhaushalt, die ihm zu elitär, zu klug entgegentreten. So erfährt der Leser zwar einiges über diesen ganz individuellen Welpen, zugleich aber entfaltet Márai auch ein Sittenbild seiner Zeit, gibt den Blick frei auf die ungarischen Verhältnisse dieser schwierigen Jahre und öffnet vor allem einen Blick in sein eigenes Schreibzimmer und in seinen Kopf.

Wir gehen quasi mit Tschutora an der Leine (die dieser widerständig immer wieder verweigert) durch den Márai`schen Haushalt spazieren und lernen sowohl Hund UND Herrn dabei ein wenig kennen. Der Übersetzer Ernö Zeltner schreibt dazu:

„Es fällt nicht schwer, hinter Tschutora, der mit Zähnen und Klauen seine Freiheit verteidigt, gelegentlich Allüren hat und allmählich sogar ein Standesbewußtsein entwickelt, den Autor selbst zu vermuten. Doch hieße es, Márai gründlich mißzuverstehen, wenn wir in Tschutora ein Alibiwesen sehen würden, das der Autor an seiner Statt unter dem Deckmantel des Vierbeiners auf die Welt reagieren läßt. Nein, sie sinnen und grübeln gemeinsam über die Menschen, über Gott und die Welt – der „Herr“ indem er sich gewissermaßen hinunterneigt zum instinktiveren Wesen des Hundes, und Tschutora, der sich auf die Hinterbeine stellt und bestrebt ist, dem intellektuellen Niveau des Herrn nahezukommen.“

hundSo ist „Ein Hund mit Charakter“ kein typisches Hundebuch, zumindest keines, das zur Herzerwärmung von Hundebesitzern beiträgt – allein schon deswegen, weil der Hund hier eben nicht frenetisch gefeiert, sondern eher kühl analysiert wird. Aber vielleicht auch gerade deswegen ist es für Menschen mit und ohne Vierbeiner so empfehlenswert: So präzise, so klar, auch so nüchtern bis hin zum traurigen Ende schrieb selten einer über das faszinierende Verhältnis von Mensch und Hund. Márai ist davon überzeugt, dass jeder Hund seinen individuellen Charakter mitbringt, dass auch diese Lebewesen mit einem Seelenleben ausgestattet sind. Und wo Herr und Hund zusammenkommen, beginnt der Prozess des Aneinandergewöhnens, der Kompromisse, des Zusammenlebens. Manchmal sind jedoch, auch bei bestem Willen, die Charaktere nicht kompatibel – Tschutora wird am Ende außer Haus gegeben, aufs Land. Und doch bleibt in der Erinnerung an ihn viel Wehmut zurück:

„Er hegt den leisen Verdacht, daß ihm die trübe Erinnerung an Tschutora trotz der Bisse teurer ist als alle Tugenden des sanftmütigen, reizenden King Jimmy. Denn so wie er im Laufe des Lebens nach und nach seine Erfahrungen macht, stolpert, strauchelt und um den Preis von Enttäuschungen lernt, beginnt er zu verstehen, daß wir im allgemeinen nicht das Schöne, das Gute und die Tugendhaftigkeit lieben, sondern all das, was unterdrückt, nicht vollkommen, was gereizt ist und zähnefletschend streitet, alles, was nicht Sitte und Einverständnis bedeutet, sondern Makel und Protest.“

„Ein Hund mit Charakter“ ist der erste von den stark autobiographisch geprägten Romanen des Ungarn Sándor Márai, der erst spät im deutschsprachigen Raum (wieder-)entdeckt wurde. Längst nicht von der „Glut“ seines berühmten Liebesroman durchdrungen, dafür aber durchaus  von dieser für Márai charakteristischen Mischung aus Intelligenz und Melancholie, ist der Hund mit Charakter allein aus literarischen Gründen auch ein Lesetipp für die Katzenfraktion.

22 comments on “#lithund: Sándor Márai und sein Hund mit Charakter”

      1. Tztztz, eine Katze ist kein Problemtier und hat von Haus aus einen eigenen Charakterkatzenkopp. 😉
        Zur Ehrenrettung das Hundes muss ich aber (leider) zugeben, dass nicht der Hund, sondern sein Herrchen derjenige ist, welcher.

        Was auch schon Tucholsky seinerzeit ganz richtig schrieb: „Ich weiß schon: viele Leute züchten Hunde, weil sie wirklich etwas davon verstehen, und vielen Leuten ist der Hund ein wahrer Freund, in den sie sich eingefühlt und eingelebt haben. Aber ein großer Teil der in den Mietshausschubläden untergebrachten Individualitäten (ein durch seine Aufzeichnungen berühmt gewordener Irrer nannte seine Visionen immer: »rasch hingemachte Männerchen«) – ein großer Teil dieser, entschuldigen Sie das harte Wort, Menschen hat an dem Hund nur einen Untertan. Sie regieren auf ihm herum. Der Schweifwedelnde quittiert mit fröhlichem Gebell, einem leicht pestilenzialischen Geruch bei Regenwetter und einer Treue, die fast so unentwegt ist wie die der Monarchisten. Er ist egal treu, hat um den Kopf eine Hundemarke und in demselben so viel Gemüt, daß die ganze Nation empört und beleidigt ist, wenn man sich über ihre falsche Beziehung zum Hund lustig macht. (Was sie aber nicht hindert, dieses bewegliche und auf die Bewegung angewiesene Tier in Tausenden von lebendigen Exemplaren in kleine muffige Hundehütten zu sperren und die so Angeketteten bis an ihr Lebensende zu quälen.)“

        Wo er recht hat, hat er recht. Besonders mit dem Geruch …

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      2. Also, alles was recht ist. Jetzt kommt die Katzenfraktion auch noch mit Tucholsky an. Erst Ringelnatz, dann er – was soll da noch kommen? Bringt ihr jetzt die ganze Elite der Weimarer Republik in Stellung? Tss. Aber der Hund mit Charakter legt höchstens die Stirn in Falten, guckt mit schrägem Kopf auf Dichters magere, weiße, von der Sonne unbefleckte Wade und denkt sich: „Was juckt es den Hund, wenn ihn der Kurt anbellt.“

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  1. Liebe Birgit, das ist ja wirklich eine horizonterweiternde Serie, ich kannte ja zuvor nur „Krambambuli“ und „Schnipp Fidelius Adelzahn“. „Flush“ liegt schon bereit und der Marai klingt auch sehr gut …
    Liebe Grüße
    Petra

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    1. Schnipp Fidelius Adelzahn? Muss man das kennen? Der Titel ist jedenfalls vielversprechend 🙂 Bei Woolf und Marai ist ein Vorteil – man kann mit diesen noch etwas unterhaltsameren Hundebüchern gut den Einstieg nehmen zu den komplexeren Büchern der beiden. Und Marai ist in diesem Hundebuch auch als Mensch so fassbar, einfach tierisch menschlich 🙂

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      1. Vor langer Zeit las ich mal „Die Glut“ von ihm, aber ich erinnere mich nicht mehr so richtig … Müsste ich noch mal probieren.
        Ja, der Schnipp! Äh, das muss eines der Kinder-/Jugendbücher meines Vaters gewesen sein, der war ja schon früh naturliebend. Da fand ich dann auch Werke wie „Glitsch Wasserschreck“. Als Kind haben die mir gut gefallen : )

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      2. Tagebücher lese ich ja auch gern … Ja, der Glitsch, da ging’s um einen Otter, fand ich auch prima : ) Von 1951, wie ich gerade ergoogelte, da war mein Vater gerade 13 … Der Dackelroman ist älter, von 1924. Scheint ein Dauerbrenner gewesen zu sein, wenn mein Vater den auch noch las …

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  2. Von Marai steht bei mir noch „Die Fremde“ ungelesen irgendwo in den Tiefen des Bücherregals. Hach, wenn ich nicht schon wieder so viele andere Bücher hätte, die dringend gelesen werden wollen 😀 Der Hund mit Charakter klingt jedenfalls auch interessant.

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