Hans Fallada: Kleiner Mann, mit Größe gescheitert. Zwei neue Biographien.

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Fallada-Portrait von e. o. plauen, 1943

„Rudolf Ditzen nannte sich Fallada nach dem höchst unheimlichen Märchen, darin der abgehauene, an der Wand hängende Kopf eines Pferdes namens Fallada zu sprechen beginnt. Märchenleser erinnern sich gewiss der Zeile „Oh Fallada, da du hangest“ als einer der erschreckendsten und mysteriösesten Klagen des Märchengutes. Die Wahl des geisterhaften Pseudonyms erscheint mir als typisch für einen höchst untypischen Schriftsteller. Denn dieser Autor, Sohn, wie gesagt, eines Richters war von frühauf von Katastrophen gleichsam umstellt und ging auch auf katastrophale Weise zugrunde, ein Trunk- und Drogensüchtiger. Er war ein Ungeratener, gescheiterter Gymnasiast und so etwas wie ein Mörder: 1911 brachte er nach Absprache wechselseitigen Selbstmords, beziehungsweise Freundschaftsmordes, einen Mitschüler um. Die Sache ging als „Rudolfstädter Gymnasiastentragödie in die Kriminalgeschichte ein. Der Freund war tot, er selbst überlebte in Selbstanklage und Verzweiflung. Zweimal saß er im Gefängnis, da er als landwirtschaftlicher Beamter, der er wurde, wiederholt in die Kasse gegriffen hatte, um seiner dürftigen Existenz wenigstens die tröstenden Räusche abzugewinnen.“

Jean Améry, „Aufsätze zur Literatur und zum Film“, Klett-Cotta, Werkausgabe 2003.

In ihrer ganzen prägnanten Kürze klingt diese Kurzzusammenfassung eines tragischen Lebens seltsam harsch – und trifft doch die wesentlichen Punkte einer Jugend, die einen der meistgelesenen deutschen Schriftsteller prägten. Nur nebenbei – Jean Améry war ganz offensichtlich kein großer Anhänger Falladas, dessen Roman „Kleiner Mann – was nun?“ er mit Lion Feuchtwangers „Erfolg“ in dem oben zitierten Aufsatz unter dem Titel „Zeitbetrachtungen, unpolitische und politische“ vergleicht. Sein Vorwurf an Fallada, bezogen auf den „kleinen Mann“:

„Es ist nämlich, spielend in einer Zeit, in der die politischen Kräfte Deutschlands sich zum letzten Absprung rüsteten, ein zum Verzweifeln unpolitisches Buch. Wo es Politisches beredet, wird es banal – bis zur Vulgarität.“

Wie eng Werk und Leben verknüpft sein können, das zeigt der „Fall Fallada“: Nicht nur, dass Rudolf Ditzen bei allen Romanen, von „Bauern, Bonzen, Bomben“, seinem ersten großen Erfolg, über „Der Alpdruck“ und der „Der Trinker“ bis hin zu „Jeder stirbt für sich allein“, stark nicht nur aus Selbsterlebtem, dem eigenen Leben schöpfte. Sein Schreiben, seine Bücher – sie erzählen auch von einer Persönlichkeit, die zwischen den Extremen pendelte, zwischen moralischer Entrüstung gegenüber von Ungerechtigkeit und zugleich politischer Indifferenz, zwischen Aufbegehren und Anpassung, zwischen Sehnsucht nach Normalität und der Sucht nach dem Rausch.

2017-03-12 08.22.46Dass das Leben oftmals so viel spannender, tragischer, vielfältiger sei als ein Roman – das klingt wie eine abgedroschene Phrase. Im Falle von Hans Fallada (1893 – 1947) ist dem jedoch so. Was für ein Auf und Ab! Welche Tragik! Zu seinem 70. Todestag am 5. Februar erschienen zwei umfangreiche Biographien: „Hans Fallada. Die Biographie“ von Peter Walther im Aufbau Verlag und „Hans Fallada. Biografie“ von André Uzulis im Steffen Verlag.

Das Leben von Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen, bietet so viel Stoff und Erzählenswertes, dass es sich kaum zwischen zwei Buchdeckeln fassen lässt. Beiden Biographien umfassen rund 400 Seiten, beiden Bücher sind ohne Längen oder Hänger, beide lesen sich eigenständig gut, ergänzen einander aber auch. Wo der Germanist und Kunsthistoriker Walther literarischer schreibt, dringt bei Uzulis der Journalist und Historiker durch (ein Detail dazu: Während Walther Falladas erste Frau, „das Lämmchen“ aus dem „kleinen Mann“ konsequent bei ihrem Kosenamen „Suse“ nennt, schreibt Uzulis durchgehend über sie mit ihrem Taufnamen „Anna“), wo Walther zugunsten der Erzählung einen Spannungsbogen schlägt, vertieft sich Uzulis in Details rund um das Umfeld Falladas und geht intensiver auf die zeitgeschichtlichen Umstände ein. Darüber hinaus bietet dieses Buch umfangreiches Bildmaterial, einiges davon wurde nun erstmals veröffentlicht.

Peter Walther integrierte in seine Fallada-Biographie Archivmaterial, das erstmals veröffentlicht wurde, vor allem Dokumente aus dem Nachlass des Fallada-Neffen Horst Bechert. Zudem schöpfte er aus weiteren Quellen, die im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu finden sind: Unter anderem die Briefe Falladas an seine Frau Suse während seiner Tätigkeit für den Reichsarbeitsdienst werfen nochmals ein neues Bild auf den Schriftsteller in der Zeit des Nationalsozialismus.

Wie Walther recherchierte auch André Uzulis in Marbach sowie im Hans-Fallada-Archiv in Carwitz. Darüber schöpfte er aus den umfangreichen Veröffentlichungen, die es bisher schon über den Erfolgsschriftsteller gab: So ein umfangreich dokumentiertes und beschriebenes Leben – und doch bleibt es einem ein Rätsel.

Wer war der Mensch Fallada? Ein junger Mann mit äußerlich guten Startbedingungen, jedoch von psychischen Stürmen gebeutelt, aus der Bahn geworfen, in die Fänge der Sucht gefallen, ein Getriebener, der Ruhe und Ausgleich nur beim Schreiben fand?

Und bei allen Schriftstellern dieser Jahre kommt die Frage hinzu: Was hat er getan während der Jahre des Nationalsozialismus? Ist er geblieben oder gegangen? Geblieben, geschwiegen oder mitgehangen?

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Fallada-Haus in Carwitz. Bild: Botaurus, Wikimedia Commons

Peter Walther schreibt zu Beginn des Kapitels über Falladas „Carwitzer Jahre“:

„Blickt man mit Abstand auf ein Leben, zerfällt es in tausend Einzelteile: hier der Alltag, das Glück, die Kinder, das Schreiben und die Arbeit auf dem Hof, Selbstzweifel und Krankheiten, Ehe- und Geldprobleme, Querelen mit Freunden, dort die Politik mit ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die private und wirtschaftliche Existenz des Einzelnen. In der Gegenwart jedoch, „im wirklichen Leben“, gibt es diese Trennung nicht, alles hängt mit allem zusammen, und selbst das, was scheinbar unvermittelt nebeneinandersteht, ist durch Unterströmungen miteinander verbunden.“

Dort, im mecklenburgischen Carwitz, findet Fallada 1933 für sich, Suse und die Kinder ein landwirtschaftliches Anwesen, auf dem er erstmals – im Rahmen seiner Möglichkeiten – etwas Ruhe findet, fast abstinent lebt und die Verlockungen Berlins vermeidet. Die Kehrseite jedoch: Der labile Künstler blendet weitestgehend auch die äußeren Umstände aus, „Carwitz ist ein Refugium in politisch bewegten Zeiten“ (Walther), dort „hoffte er, die Tragödie, die sich in Deutschland abspielte, aussitzen zu können“ (Uzulis). Nach Jahren der Abhängigkeit, nach Gefängnis und Psychiatrie, nach einer Irrfahrt durch das Leben hat Fallada Anfang der 1930er Jahre erstmals ein ausgeglichenes Privatleben und durch „Bauern, Bonzen, Bomben“ und „Kleiner Mann – was nun?“ wirtschaftlichen Erfolg. Dass Carwitz für den 40jährigen eine Insel war, auf die er sich vor den Stürmen der Zeit flüchten wollte, bezeichnet Uzulis als „verständlich“, aber der Schriftsteller zahlte für Bleiben nach Meinung Uzulis einen hohen Preis: „Denn Fallada bezahlte sein Verbleiben in Deutschland mit literarischer Qualität.“

Wie wankelmütig der Schriftsteller, der 1935 von den Nationalsozialisten zum „unerwünschten Autor“ erklärt worden war und wegen seiner „zersetzenden Literatur“ zahlreiche Angriffe der Hetzpresse jener Jahre erdulden musste, selbst in seiner Haltung zum Regime war, zeigt sich an den Briefen, die Fallada 1943 schrieb, als er im Auftrag des Reichsarbeitsdienstes nach Frankreich geschickt wurde – Dokumente, die erst jetzt zugänglich geworden sind und Peter Walther für seine Biographie ausgewertet hat. Fallada hatte es dem Umfeld Goebbels zu „verdanken“, dass er in Deutschland noch veröffentlichen durfte, Aufträge von der UFA und jenen des Reichsarbeitsdienstes bekam. Dem instabilen Mann schmeichelt das Interesse auch in gewisser Weise, wie ein Brief an seine Mutter verdeutlicht:

„In meiner Mappe fand ich nicht weniger als zwei Anfragen der Reichsrundfunkgesellschaft nach Mitarbeit (die 11 Jahre nichts von mir hat wissen wollen!), dann eine Bitte des Auswärtigen Amtes um Mitarbeit an einer Auslandskorrespondenz; ich lehne das natürlich alles ab, mehr kann ich nicht übernehmen, als was ich schon auf den Schultern habe (…).“

Peter Walther ordnet dies so ein:

„Ein „offiziell anerkannter Mann“ – das ist die Währung, die im Elternhaus zählt, wie gern hätte er die Freude darüber noch mit dem Vater geteilt. Die Ausrichtung an staatlicher Autorität, egal, wer sie repräsentiert, gehört zu den tiefen Prägungen, die Fallada in seiner Kindheit erfahren hat. Dass er sich dessen bewusst ist, dass er sich selbst durchschaut in seinem Verlangen nach „offizieller“ Anerkennung, in seiner Eitelkeit und Autoritätshörigkeit, ändert an der Prägung selbst nichts.“

Es ist den Autoren beider Biographien positiv anzurechnen, dass sie sich mit Urteilen – auch im Falle der Frage der Emigration vs. Bleiben im „Dritten Reich“ – zurückhalten, sich der Person Fallada mit allen ihren, auch widersprüchlichen Aspekten, nicht durch Urteile, sondern durch reichhaltiges Faktenmaterial annähern. So können beide Biographien auch dazu beitragen, sein Werk, das heute wieder überaus populär ist, mit geschärften Sinnen zu lesen – mit Kenntnis seiner Stärken, seiner Schwächen.

„Er war aber auch nicht bloß der Volksschriftsteller, als der er gelegentlich bezeichnet wird“, meint André Uzulis. „Dazu reagierte er zu sensibel auf die Zeitströmungen, die er präzise zu erfassen und vielschichtig wiederzugeben und zu gestalten vermochte. Sein feines Sensorium für die Menschen seiner Zeit war der Erfolgsfaktor für sein literarisches Schaffen. Immer dann, wenn er nicht fabulierte, sondern Wirklichkeit verarbeitete – im besten Fall selbst erlebte Wirklichkeit – kam Großes heraus.“

Er ordnet Fallada als einen ein, der sich durch die Jahre des „Dritten Reichs“ wand, der eher Gegner denn Anhänger der Nationalsozialisten war, „aber keiner, der ihnen die Stirn bot.“

„Er versuchte zu überleben, sich halbwegs treu zu bleiben und nicht mitschuldig zu werden, soweit das ging. Ein kleiner Mann im Dritten Reich.“

Die Faszination, die von der Biographie des Schriftstellers ausgeht, begründet Peter Walther auch mit der Widersprüchlichkeit, die in der Person Falladas angelegt ist: „Hier der disziplinierte Arbeiter, der pedantisch den Alltag plant, der respektierte Landwirt, der liebende Familienvater und zuverlässig für die Angestellten sorgende Vorstand des Hauses, der Schriftsteller, der mit seinen beachtlichen Einkünften die wirtschaftliche Grundlage seines Kleinbetriebes sichert. Und dort der Künstler, bedrängt von seinen Dämonen, der Frauenheld, der politische Opportunist, der Tobsüchtige, der Alkoholiker und Morphinist. Fallada ist am Leben mit einer Größe gescheitert, wie nur wenige sie aufbringen, die es mit Erfolg bewältigen.“

Mit Größe am Leben gescheitert – mit Respekt von seinen beiden Biographen geschildert. So kann ich beide Bücher jedem empfehlen, der sich dem Werk Falladas annähern oder wieder widmen will. Ein Werk, das seinen eigentlichen inneren Wert daraus schöpft:

„Nicht im melancholischen Verdämmern, sondern in trotziger Selbstbehauptung und im Streben nach Glück begegnen seine Figuren der Unerbittlichkeit des Lebens, selbst dann, wenn ihnen das Scheitern eingeschrieben ist.“ (Peter Walther)

Verlagsangaben:

Uzulis, André: http://steffen-verlag.de/hans-fallada/1147/hans-fallada?c=21

Walther, Peter: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/sachbuch/biographien-autobiographien/hans-fallada.html

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

10 thoughts on “Hans Fallada: Kleiner Mann, mit Größe gescheitert. Zwei neue Biographien.

  1. Have enjoy reading several of Hans Fallada (Rudolf Ditzen) – do enjoyed his „Neue Sachlichkeit“ way – „Every Man Dies Alone“ or „Alone in Berlin“ must be my favorite from his hand – funny he took the name Fallada from the horse in „The Goose Girl“ of Die Brüder Grimm… 🙂

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  2. Wunderbar, liebe Birgit! Ich habe den Eindruck, in beide Werke zumindest schon mal reingelesen zu haben. Ich habe Hans Fallada ganz lange völlig missachtet, aus eben den Gründen, die du oben erwähnt hast, z.B. Jean Amerys Urteil (dagegen kenne ich fast den kompletten Feuchtwanger). Erst durch die Wiederentdeckung von „Jeder stirbt für sich allein“ und „Der Alpdruck“ habe ich Fallada für mich gefunden. Ich habe da noch einiges nachzuholen. Viele Grüße!

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    1. Liebe Petra, mir gings bzw. geht es genauso – ich favorisiere Feuchtwanger nach wie vor, Fallada schrammt manches mal schon auch knapp am Kitsch vorbei im Ton (was die Biographen auch nicht verschweigen) bzw. ist ja tatsächlich eher unpolitisch bzw. spart natürlich auch wichtige Themen jener Zeit in seinem Werk aus (Exil, Holocaust etc). Jeder stirbt für sich allein ist da dann die späte Ausnahme. Und dennoch: Bei allen Büchern, die ich von ihm las, hat mich auch etwas berührt – mich sprach er immer eher im Gefühl denn im Kopf an. Liebe Grüße Birgit

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  3. Bisher habe ich immer die Biographie von Jenny Williams zu Hans Fallada bevorzugt, aber nach der Lektüre deiner Rezension muss ich mich mal wieder weiter belesen. Auf jeden Fall bin ich neugierig auf diese Biographien. Meine Lieblingsromane von Fallada sind pbrigens Bauern, Bonzen, Bomben und Wolf unter Wölfen. Gerade die emotionale Aufarbeitung der Geschichte mit der Darstellung der Probleme in der damaligen Gesellschaft führten zu einem gewissen Aha-Erlebnis.

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  4. Eine Schreib-Maschine im wahrsten Sinne des Wortes. Habe eine andere, ältere Biografie von ihm. Dietzen hat mehrere leben in einem gelebt. Allein das Duell seines Freundes. Wahnsinn! Übrigens, das Buch „Jeder stirbt für sich allein“ hat er, meine ich, geschrieben um sich etwas reinzuwaschen. Eine unglaublich interessante Figur.

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    1. Allerdings – mehrere Leben in einem. Bei „Jeder stirbt für sich allein“ bin ich nach der Lektüre dieser beiden Biographien unschlüssig, ob es so ein kühl gefasster Beschluss war, sich reinzuwaschen – oder aber, wie vieles bei Fallada, ein impulshaftes Schreiben wie im Rausch, durchaus auch aufrichtig in seiner Kritik. Er war wie ein schwankendes Schilfgras – und änderte wohl auch manchmal sehr abrupt seine Meinungen und Haltungen…

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