#MeinKlassiker (33): Die Entdeckung der Empfindsamkeit mit „Anton Reiser“

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Portrait von Karl Philipp Moritz, um 1790, von Friedrich Rehberg.

Bei Ludger Menke – hier sein Beitrag zu den #VerschämtenLektüren – war ich wegen seines Alias „Krimiblogger“ und seiner Vorliebe für englische Literatur auf alles gefasst. Ja, eigentlich hätte ich auf Charles Dickens getippt. Und wieder wurde ich ziemlich überrascht – mit einem Klassiker aus der Feder von Karl Philipp Moritz.

Als mich Birgit Boellinger im vergangenen Jahr darum bat, einen Beitrag für ihre wunderbare Reihe #MeinKlassiker zu verfassen, kam ich zunächst ins Grübeln. Es gibt, wie vermutlich bei vielen Leserinnen und Lesern, zahlreiche Klassiker, die das eigene Leseleben bereichert haben. In die konkrete Auswahl zog ich seinerzeit drei Romane: Elsa Morantes „La Storia“, weil es ein Roman ist, der so deutlich wie kaum ein anderer zeigt, was die „große“ Geschichte mit den „einfachen“ Leuten macht, welche Auswirkungen Politik auf unser Leben hat. Als zweites Buch kam Adalbert Stifters „Der Nachsommer“ für mich in Betracht, weil es ein Buch ist, das mich während meiner Abiturzeit begleitet hat und eine positive Utopie darstellt – quasi ein klassisches Gegengewicht zu all den Dystopien, die im Moment aus verständlichen Gründen sehr populär sind. Das dritte Buch, für das ich mich letztlich entschieden habe, ist der „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz, das ich leider erst spät für mich entdeckt habe und das gleich auf zweifache Weise mich in meine Schulzeit zurückführt. Warum das so ist und warum der „Reiser“ durchaus ein hilfreiches Buch sein kann, das habe ich in meinem Beitrag zu #MeinKlassiker aufgeschrieben.

Karl Philip Moritz: Anton Reiser

Damals mussten wir Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ lesen, gefolgt von Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“. Es war die Oberstufenlektüre für angehende Abiturienten, irgendwann in der zwölften oder dreizehnten Klasse an einem Gymnasium im Sauerland. Meine Erinnerungen an diese Schullektüre sind quälend, mit keinem der beiden Bücher konnte ich als Jugendlicher irgendetwas anfangen. Zu fern erschienen mir dieses Beziehungsgeflecht, diese Gefühlswallungen, diese Liebesschwüre. Woher auch? Hatte ich jemals schon so etwas wie Liebe erfahren? Und ist der „Werther“ nicht Edelkitsch? Darf man das über einen Klassiker der deutschen Literaturgeschichte sagen? Ich erinnere mich nur, dass mir einige Jahre später, ich studierte Bibliothekswesen in Hamburg, ein Buch in die Hände fiel, das mir wesentlich mehr zusagte und von dem ich annehme, dass es vielleicht die gelungenere Schullektüre für Menschen in der Adoleszenz ist: Der „Anton Reiser“ von Karl Philip Moritz.

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Bild: Ludger Menke

Um es gleich vorweg zu sagen: Auch der „Reiser“ ist eine quälende Lektüre. Die Geschichte des heranwachsenden Antons, der sich aus seinem quietistisch  geprägten und verarmten Elternhaus befreit, um seiner Leidenschaft für das Theater zu folgen, ist über weite Strecken ein karger, spröder Roman. Oft eine herausfordernde Lektüre, in dem ich den jungen Anton gerne einmal schütteln möchte und ihm zurufen will: „Stell’ Dich nicht so an!“ Und dann ertappe ich mich dabei, wie ich das zu mir selbst sage. Was ich im „Anton Reiser“ widergespiegelt sehe, ist ein empfindsamer, junger Mann, der sich in Tagträumen verliert, der von einer strahlenden Zukunft auf der Bühne fantasiert und dabei von der Realität immer wieder eingeholt wird. So erleben vielleicht einige Jugendliche ihre Pubertät: der schmerzende Abschied von der Kindheit, die verlockende Zukunft als Erwachsener und dann doch die alltäglichen Herausforderungen, die das Leben an uns stellt. Will man da überhaupt erwachsen werden? Pubertät – das ist so ein hässliches Wort. „Puh-Bär-Tät“ – sprechen Sie es mal lautmalerisch aus. Ein grässliches Wort für eine grässliche Zeit der Zerrissenheit und der Verwirrung.

Dabei tritt im „Anton Reiser“ die Pubertät kaum in Erscheinung, folgt man ihrer eigentlichen Definition: Das Einsetzen der Geschlechtsreife. Der Anton, der uns in Moritz’ Roman begegnet, ist ein nahezu geschlechtsloses Wesen. Begierde entwickelt er vor allem für Worte und die gesprochene Rede. Er sieht sich zunächst als Prediger, lauscht schon als Kind andächtig den Priestern in der Kirche, um dann als Jugendlicher Gedichte und Theaterstücke zu deklamieren. Die Kindheit, die der heranwachsende Anton hinter sich lässt, war keine glückliche: der sensible und intelligente Junge litt unter Krankheiten, sein strenger Vater, glühender Anhänger der quietistischen Schriften der Madame Guyon, züchtigt ihn und streitet mit seiner schwachen und liebevollen Mutter. Im Hause Reiser herrscht große Armut, so dass der junge Anton schon bald in eine Hutmacherlehre nach Braunschweig geschickt wird. Aus der harten Kinderarbeit und den drakonischen Strafen seines Lehrherren, der wie sein Vater den Quietisten angehört, findet er im wöchentlichen Gottesdienst seine Zuflucht. Hier entdeckt er in dem Pastor Paulmann  ein erstes Vorbild, der mit seinen Predigten den jungen Anton mitreißen kann. Doch schon bald bekommt dieses Idol Risse, als Anton den verehrten Pastor Plattdeutsch sprechen hört.

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Bild: Ludger Menke

Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch kehrt Anton zu seiner Familie zurück, die mittlerweile in Hannover lebt. Hier lernt er den Pastor Marquard kennen, einen ersten, strengen Mentor. Anton besucht eine Armenschule, an der künftige Dorfschulmeister ausgebildet werden. Er lernt Latein, schreibt Predigten und seine Begabung erregt die Aufmerksamkeit von weiteren Lehrern. Zugleich hadert Anton mit seiner Armut, er lebt von Freitischen und Almosen, seine Kleidung ist schäbig, was ihm den Spott seiner Mitschüler einbringt. Sein Rückzugsgebiet ist die Literatur, er verfällt der Lesesucht, ein Begriff, der zu der Zeit populär wurde, um das eskapistische Lesen zu beschreiben – und vor Romanen zu warnen. Anton, der nur sehr schwer Freundschaften schließen kann, zieht sich zurück und verschuldet sich bei einem Leihbibliothekar. Zugleich wecken Shakespeare Theaterstücke eine neue Begierde: Die der Schauspielerei. Er übt und rezitiert und schließt Freundschaft mit dem hitzigen und – im Gegensatz zu Anton – liebestollen Philipp Reiser, der ihm immer wieder von seinen Bemühungen um ein Mädchen berichtet, sowie mit dem künftigen Schauspieler und Dramatiker August Wilhelm Iffland. Schließlich fasst Anton den Entschluss, Schauspieler zu werden und reist mit wenig Geld einer Theatertruppe nach Erfurt hinter her. Doch auch seine Bemühen, hier eine berufliche Zukunft zu finden, scheitern. Weder in Erfurt, noch in Gotha und Leipzig, wo er nach einem Engagement in einer Theatergruppe sucht, hat er Erfolg. Was weiter mit Anton geschieht, bleibt offen, der Roman, der zwischen 1785 und 1790 in vier Teilen erschienen ist, endet abrupt.

Karl Philipp Moritz, der seinen Roman einen „psychologischen Roman“ nennt, zeichnet im „Anton Reiser“ das triste, spröde und aufklärendes Psychogramm eines Außenseiters, eines Verkannten, eines Getriebenen. Der Roman, der am Ende des 18. Jahrhunderts lange bevor Siegmund Freud geschrieben und veröffentlicht wurde, wirkt zugleich modern und zeitlos. Modern, weil er sprachlich so karg, so „unliterarisch“ daher kommt, zeitlos, weil er eine realitätsnahe Beschreibung der Seele in der Kinder- und Jugendzeit bereithält, die trotz ihrer spröden Sprache zur Identifikation, zur Wiedererkennung der eigenen Jugendjahre einlädt. Der Weltschmerz, der junge, sensible Menschen oft überfällt, im „Reiser“ wird er deutlich, greifbar und nachvollziehbar. So lässt Moritz in seinem Text auch eine Warnung einfließen:

„Vielleicht enthält auch diese Darstellung manche, nicht ganz unnütze Winke für die Lehrer und Erzieher, woher sie Veranlassung nehmen könnten, in der Behandlung mancher ihrer Zöglinge behutsamer, und in ihrem Urteil über dieselben gerechter und billiger zu sein!“

(Karl Philipp Moritz – Anton Reiser, S. 238) 

Hier spricht einer, der selbst zahlreiche Erfahrungen von Ungerechtigkeit, von Schikanen oder, wie wir es heute ausdrücken, von Mobbing aushalten musste und sie überlebt hat. Vieles im „Reiser“ beruht auf Erlebnissen, die Karl Philipp Moritz selbst durchlebt hat. Die Schikanen durch den Vater, der das Talent seines Sohnes durch seine eigene, religiöse Verblendung nicht zu erkennen vermag, der ihm Steine in den Weg legt, der Zwiespalt, in dem ein begabtes Kind hineingerissen wird, wenn es denn mehrere Talente hat, und nicht zuletzt die Herabwürdigungen und Ausgrenzung eines Jungen durch Mitschüler, weil er eben „anders“ ist – das sind Themen, die zeitlos sind und gerade für junge Leserinnen und Leser oft hochaktuell. Der „Reiser“ vollbringt das Kunststück, ein autobiographischer Text ohne jedoch eine Autobiographie zu sein. Denn Moritz, der seinerzeit das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“ herausgab, tritt als Autor in einem mutigen Schritt neben sich und reflektiert das, was mit ihm geschehen ist. Das mag durchaus Selbsttherapie gewesen sein, sie ist aber auch hilfreich für all die Jugendlichen, die sich missverstanden und ausgegrenzt fühlen. Was wir hier lesen, ist die Entdeckung der eigenen Empfindsamkeit und die Herausforderung an Dich selbst, damit umzugehen.

Auch wenn ich Bücher nicht gegeneinander ausspielen mag, der „Reiser“ hätte mir seinerzeit im Gymnasium vermutlich mehr zu sagen gehabt, als es Goethes „Werther“, der im „Reiser“ einen Gastauftritt hat, je tun konnte. Nicht zuletzt ist deshalb der „Anton Reiser“ einer „Meiner Klassiker“ – ein Roman, der mich geprägt und gebildet hat. Und wie das manchmal bei Literatur so ist – es ist schmerzhaft, unangenehm und zeitraubend. Aber am Ende gut. Oder, um es mit den Worten von Karl Philipp Moritz zu sagen:

„Wer auf sein vergangenes Leben aufmerksam wird, der glaubt zuerst oft nichts als Zwecklosigkeit, abgerißne Fäden, Verwirrung, Nacht und Dunkelheit zu sehen; je mehr sich aber der Blick darauf heftet, desto mehr verschwindet die Dunkelheit, die Zwecklosigkeit verliert sich allmählich, die abgerißnen Fäden knüpfen sich wieder an, das Untereinandergeworfene und Verwirrte ordnet sich – und das Mißtönende löst sich unverdeckt in Harmonie und Wohlklang auf. – „ 

(Karl Philipp Moritz – Anton Reiser, S. 122)

 Bibliographische Angaben:

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser: Ein psychologischer Roman. – Mit Textvarianten, Erläuterungen und einem Nachwort herausgegeben von Wolfgang Martens. – Stuttgart: Reclam, 1972
ISBN: 3-15-004813-3

Ludger Menke
https://krimiblog.com/

 

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

8 thoughts on “#MeinKlassiker (33): Die Entdeckung der Empfindsamkeit mit „Anton Reiser“

  1. „Anton Reiser“ ist für DER Klassiker des Bildungsromans (Entwicklungsroman) und schon sehr früh mein Verhältnis zu diesem Genre geprägt. Ich würde ihn nicht gegen den „Werther“ stellen, der seinen Eigenwert hat (,wenngleich fraglich ist, ob er in den Deutschunterricht gehört. Dann tatsächlich lieber „Anton Reiser“) – allerdings sieht Goethes „Wilhelm Meister“ gegen Moritz‘ Meisterwerk eher blass aus. Danke für diesen schönen Beitrag!

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  2. Anton Reiser gehört zu meinen Lieblingsklassikern, und ich las ihn, nachdem ich Goethes „Meister Wilhelm“ abgebrochen hatte: zu schulmeisterlich für meinen Begriff als damals Zwanzigjährige(, lange Jahre ist das her). Wie erstaunt war ich, mit welcher Dringlichkeit und Frische Moritz über seine Theaterleidenschaft schrieb – eine verbreitete „Sucht“ jener Zeit. Sein Buch las ich als ein ernstes und aufrechtes Zeugnis, wunderbar fesselnd geschrieben. Auch die mutige Art der Seelenerforschung beeindruckt mich noch aus der Erinnerung.

    Gleich danach habe ich die Lebenserinnerungen von Salomon Maimon gelesen, auch das eine großartige Lektüre. Moritz und Maimon waren ja gemeinsame Pioniere im Feld der neueren Seelenforschung.

    Jedenfalls vielen Dank für diese gute Anton Reiser Würdigung.

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  3. Wiederholt habe ich von Anton Reiser gehört, doch noch nicht gelesen. Diese famose Besprechung macht richtig Lust darauf. Zu der ebenso liebevoll-biographischen wie abwägend literarischen Betrachtung assoziiere ich aus anderen Epochen: Heinrich Manns „Der Untertan“ und aktuell Wolfgang Herrndorfs „Tschick“.

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