#Blogbuster: Die weltbeste Geschichte vom Fallen. Und von allen.

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Über den Dächern von Stockholm spielt die weltbeste Geschichte vom Fallen. Bild: http://www.pixabay.com

„Fallen ist sterben. Und nein, da fehlt kein wie. Fallen ist nicht wie sterben. Fallen ist sterben.“

Wieviel von den ersten Sätzen abhängt. Sie sind es, die den Leser fesseln müssen, die seine Aufmerksamkeit einfangen müssen. Hätte man mich vor Tagen noch gefragt, was ich von Roofern, Lockpicking, vom Tindern und von Hoodies weiß, ich hätte müde abgewinkt: Das ist nicht meine Welt, es gibt so vieles anderes, das mich interessiert, das ich lesen möchte.

Doch schon mit seinen ersten Sätzen hat mich Daniel Faßbender erwischt – aufgefangen im freien Fall durch das Blogbuster-Lesen, um so ungefähr im Bild zu bleiben. Ich war noch auf der Suche nach „dem“ Manuskript, nach „meinem“ Blogbuster-Roman unter den vielen Exposés, die für den Preis eingesandt wurden, als ich auf diesen ersten Satz stieß. Fallen? Sterben? Vorsichtige Neugierde war geweckt. Würde der Text halten können, was der Einstieg versprach? In der weltbesten Geschichte vom Fallen heißt es selbst gegen Ende:

„Mehr als ein Anfang war das nicht, Anfänge waren instabil, aber sie eröffneten Möglichkeiten. Allen Anfängen wohnte immer auch die Möglichkeit eines Happy Ends inne, aber natürlich auch die Möglichkeit der völligen Katastrophe.“

Um es kurz zu machen: Für „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ erhoffe ich mir ein Happy-End. Für mich hat dieser Text ziemliches Potential: Sprachlich, stilistisch und er ist kohärent & konsequent – ein Entwicklungsroman der Gegenwart. Der Autor zieht dieses, sein Ding, ohne inhaltliche und stilistische Brüche bis zum Ende durch. Die Psychologie der Figuren passt, die Entwicklung des Protagonisten ist stimmig. Das liest sich durchgängig, das liest sich gut.

logo_blogbuster_blog_rgb-webEin 21jähriger Ich-Erzähler, der irgendwie lose in der Luft, konkreter in der Stockholmer  Luft hängt. Die einzigen Freunde: Ein Kumpel aus der Schule, ebenso sehr Nerd wie der Protagonist und ein etwas versponnener Dachhüttenbewohner, eine Art Karlsson vom Dach. Der Erzähler ernährt sich hauptsächlich von Zimtwecken und Kakao, trägt Marken-Sneakers, H&M-Mütze und Ray Ban Wayfarer und hält sich gerne über den Dächern von Stockholm auf – denn dort findet er „eine ganze Welt ohne andere Menschen, ein riesiger Abenteuerspielplatz nur für mich.“

Roofing – ich musste, offen gestanden, zuerst nach dem Begriff googeln – betreibt er allenfalls solo, allein für sich. Erst als er auf die drei Jahre ältere Bojana trifft, kommt ein Halt, ein doppelter Boden in sein Leben. Der ihm dann kurz darauf wieder entzogen wird. Ein Familiengeheimnis, eine Lebenslüge, die sein sowieso schon fragiles Lebenskonzept ins Schwanken bringt. Und ihn beinahe an den Abgrund drängt:

„320 Meter. Das war fast elfmal der Tod meines Vaters und ich würde ihn überwinden.“

Ob Geschichten von Roofern, Büromäusen oder Erdbeerfröschchen handeln, ist (manchmal) zweitrangig. Das wichtigste Merkmal einer Geschichte ist: Sie muss gut erzählt sein. Daniel Faßbender kann das – er treibt seine Story voran, bleibt im Jargon und schafft doch zugleich auch Stimmungen und Bilder, die einfach einnehmend sind:

„Ganz langsam wurde es dunkel auf dem Dach und die Geräusche unter uns veränderten sich. Es redeten Fernsehstimmen in Wohnungen statt Menschen auf der Straße, Kinder waren gar nicht mehr zu hören und auch das Motorenbrummen der Autos wurde seltener. Wir saßen immer noch am Rand des Daches, dort, wo wir vor der Fernsehturm-Aktion ganz oft gesessen hatten und ich fragte mich, warum das so selten geworden war. Er nahm einen weiteren Schluck Kakao, lobte erneut die Vorzüglichkeit dieser Medizin und fand, dass wir richtig gute Freunde seien. Ich fand das auch.“

Mein Blogbuster-Kandidat steht also nun fest. Hinter dem Manuskript steckt Daniel Faßbender. Der 37jährige Journalist volontierte und arbeitete viele Jahre bei einer großen Boulevard-Zeitung, hospitierte im Lektorat eines Literaturverlages und hat Vergleichende Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte studiert. Nach dem Studium reiste er als schreibender Seemann um die Erde. „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ wäre sein literarisches Debüt.

Noch ein paar Worte zur Blogbusterei an sich: Ich schrieb schon einmal einen Beitrag über meine Gedanken zum literarischen Jurieren – hier nachzulesen:
https://saetzeundschaetze.com/2016/04/26/freude-und-urteil-literarisches-jurieren-hat-zwei-seiten/
Ähnlich erging es mir nun auch mit dem Blogbuster und den Manuskripten, die mir anvertraut wurden. Ich möchte mich einfach nochmals bei allen Autorinnen und Autoren bedanken, die den Schritt gewagt haben und ihre Arbeit aus den Händen gaben und zitiere mich dazu ausnahmsweise selber:

Jeder Text verdient, unabhängig vom Geschmack des Lesers, Respekt. „Achtsamkeit“ – da passt das Wort. Geschriebenes verdient es, achtsam und aufmerksam gelesen zu werden. Es muss mir nicht gefallen. Es kann auch sprachlich missglückt sein – aber jemand hat sich hingesetzt, eine Zeit seines Lebens in einen Text investiert, sich Gedanken gemacht. Schreiben ist Arbeit – aber eine zunächst „intime“ Arbeit. Und diese Arbeit aus der Hand zu geben, jemanden darüber urteilen zu lassen, das erfordert Mut respektive Wagemut. Und davor habe ich hohe Achtung.

8 comments on “#Blogbuster: Die weltbeste Geschichte vom Fallen. Und von allen.”

  1. Liebe Birgit,
    ich wünsche Daniel und auch dir viel Glück und Aufwind!!
    „Fallen ist sterben.“ Das hat mich sofort angesprochen.
    Vielleicht benötigt es manchmal einen Fall, um die Flügel zu entdecken und den Aufwind nutzen zu können.

    Gefällt mir

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