Bibliomane Beschaffungskriminalität

2016_mannheim-125Bücherliebhaber neigen zu exzentrischen Verhaltensweisen. Man kennt das aus eigener Anschauung – beispielsweise das Horten, der anfallsweise Großeinkauf, die Charakterschwäche, die einen regelmäßig in Buchläden anfällt, usw.

Doch wozu die Bibliomanie, ach was, in dem Fall Biblidiotie, einen ehemaligen Kollegen von mir treibt, das schlägt jedem Buchregal die Bretter aus. Unlängst hielt er mir seinen jüngsten Neuzugang unter die Nase: „Das Tagebuch der Anne Frank“. In schwedischer Sprache. Ich guckte leicht verwirrt: „Flohmarkt?“ „Nein, Ikea.“ Noch mehr Verwirrung: „Verkaufen die jetzt auch Bücher?“ Und im Nachgang ein schwacher Witz: „Liest Du schon oder schraubst Du noch?“

Seine Gattin schaute bereits leicht betreten. Und dann kam die volle, düstere, unfassbare Wahrheit ans Licht. Dass die beiden, mittlerweile in Rente, regelmäßig Möbelhäuser aufsuchen, war mir nicht neu. Man will es ja gemütlich haben im Ruhestand. Doch von wegen Möbelschauen! Mein Ex-Kollege geht dort auf Streifzug, lässt seinem Jagd- und Sammlertrieb freien Lauf, überfällt die Läden mit nur einem Gedanken im Sinn: „Buch her oder…!“ Kurzum: Er plündert dort und stiehlt die Deko zum Zwecke des Ausbaus seiner bereits nicht unbeachtlichen Bibliothek.

„Wieso denn das?“ fragte ich. „Du hast bereits über 10.000 Bücher zuhause!“ „12.394“, kam die Korrektur prompt. „Aber die haben bei Sofa XXL usw. doch nur so Pappattrappen, leere Hüllen!“ Ist wohl längst nicht mehr so – in den Schaustücken der Möbeltändler landen inzwischen Remittenten und Ausschussware der Verlage: Hundertfach Biographien der beiden Alt-Altkanzler mit Vornamen Helmut, Gerd ist auch vertreten, die Lebensbeichte eines abgehalfterten Schauspielers, die Sexbeichten irgendeines Sportlers und wenn man Glück hat Anne Frank in Schwedisch.

Welche Straftatbestände diese bibliomane Beschaffungskriminalität wohl erfüllt, ich mag gar nicht daran denken. Ladendiebstahl? Raub? Mund- und Buchraub? Oder organisiertes Verbrechen? Bislang kam er davon. Nur einmal habe ein Teppichverkäufer versucht, sich zwischen ihn und den Ausgang zu werfen. Aber versuch einmal, mit einem Ex-PR-Berater und Rhetorik-Genie zu diskutieren. Sinnlos. Aussichtslos. Trostlos. Der verkauft dir deinen eigenen Teppich. Schließlich, so meinte mein Bekannter, seien die Bücher nicht mit Preisen ausgezeichnet, dem Möbelhaus ebenfalls geschenkt worden, er rette Kulturgut vor dem Vergessen und Bildung sei für alle da. Wozu er denn ausgerechnet diese Bücher, die nun ja aus durchaus verständlichen Gründen ihr Gnadenbrot in Möbelausstellungsräumen fristen, nun auch noch brauche, er, der ansonsten die Werke der großen Klassiker goutiere? „Ich lese das alles!“ „Aber Anne Frank in Schwedisch?“ Kurz stutzte er. Aber nur kurz. „Ich besorg` mir ein Schwedisch-Wörterbuch.“ Lieber möchte ich nicht wissen, wie und wo…

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

25 thoughts on “Bibliomane Beschaffungskriminalität

  1. Hihi, ich muss immer noch grinsen. Bisher kenne ich auch nur diese Pappattrappen, aber ob ich tatsächlich ein Buch klauen würde? Ich weiß nicht, ich wäre wohl zu feige oder zu ehrlich oder beides zusammen. Andererseits: Wenn die Versuchung groß genug wäre, wer weiß … Anne Frank in Schwedisch würde ich vielleicht auch einpacken. 😉

    Ich überlege, ob so ein Bücherklau überhaupt verwerflich ist. Es ist an sich eine gute Tat, ein unbeachtetes, vergessenes Buch aus einem öden Möbelhaus zu befreien und in der eigenen heimeligen Bibliothek ein neues Zuhause zu geben. 😉

    Liebe Grüße
    Silke

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    1. Ich würde es mich wohl eher auch nicht trauen … aber bei näherer Betrachtung: Das sind ja ausgesetzte Bücher, die wollen ein kuscheliges Zuhause. So gesehen: wirklich eine gute Tat 🙂
      Freut mich, dass die Geschichte dich erheitert hat – aber hör mal seine Frau. Die ist nicht very amused – dass er ihren Bereich noch nicht mit Büchern belegt, ist ein täglicher harter Kampf.

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      1. Ja, das ist sicher hart. Da hilft nur standhaft bleiben und jeden Zentimeter verteidigen!

        Viele dieser Möbelhausbücher scheinen einen hohen „Gruselfaktor“ zu haben, nichts was bei mir wohnen dürfte. Gute Tat hin oder her. Man muss ja alle(s) befreien. 😉

        Gefällt 1 Person

  2. Wir schön! Ich setze Bücher schon mal in Möbelhäusern aus. Vielleicht hat dein Bekannter ja schon ein Buch von mir im Regal? Nächstens werde ich eine Visitenkarte einlegen. Anne Frank auf Schwedisch ist nicht von mir…

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