Ursula Krechel: Landgericht (2012)

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img_2992„Ja, Kornitzer hatte es sich genau überlegt. Er war kein Spieler, auch kein Utopist. Die Würde des Richteramtes und der Eid, den er bei seiner Ernennung geschworen hatte, Gehorsam der Verfassung, den Gesetzen und meinen Vorgesetzten und die Treue meinem Volk, Achtung gegenüber dem Willen der Volksvertretung, all das band ihn. Aber auch das Hervortreten des Eigentümlichen sah er, sah es klar vor sich, ohne es benennen zu können, und er sah auch, was zu tun sei.“

Ursula Krechel, „Landgericht“, 2012, Jung und Jung Verlag

Staub und Ruinen: So findet der jüdische Richter Richard Kornitzer nach zehn Jahren des Exils seine Heimat wieder. Er ist aus Kuba zurückgekommen, voller Willen, wieder mit aufzubauen, was zerbrochen und zerstört worden war: Das Land, das Rechtssystem, auch die Familie: Die beiden kleinen Kinder, denen auch eine „privilegierte Mischehe“ auf Dauer keinen Schutz bieten kann, werden rechtzeitig nach England gebracht. Um einen hohen Preis – die Kinder entfremden sich entwicklungsgemäß von den Eltern. Und Ehefrau Claire, die mit nach Kuba will, wird als „Arierin“ das Visum verweigert – das Ehepaar findet wieder zusammen, doch findet sich gemeinsam nicht mehr zurecht in der neuen Republik.

Wiederaufbau, Wiedergutmachung: Es wird nicht gelingen, nicht im Fall von Richard Kornitzer. Seine Verluste werden nicht aufzuwiegen sein. Geschichte wird gemacht, es geht voran – in der neuen Bundesrepublik ist für ihn kein Platz: Einer, der auf sein Recht pocht, der vielmehr auch darauf pocht, dass offen gelegt wird, welches Unrecht ihm geschah – der wird nicht gerne gehört. Im Rechtsapparat sitzen immer noch zu viele, die dort in den zwölf Jahren zuvor mitgelaufen waren.

„Über der Prothesenhand, dem angewinkelten rechten Arm sah er einen zweiten Arm sich in die Luft recken, einen zweifellos eingebildeten Arm, der mit dem Hitlergruß grüßte. Jetzt, schoß es Kornitzer durch den Kopf, werde ich verrückt.“

Richard Kornitzer erlebt die Rückkehr in die Heimat beinahe wie ein zweites Exil – in ein Land, so vertraut und doch fremd zugleich. Ursula Krechel sagt in einem Interview in der Zeit über ihren Protagonisten: „Misstrauen und Unverständnis werden ihm entgegengebracht, er rennt gegen Wände, stößt sich den Kopf blutig. „Kornitzer wird darüber zu einem Michael Kohlhaas, der Petition um Petition schreibt, Klage um Klage erhebt, schließlich aber nicht wie der Kleistsche Fanatiker Amok läuft, sondern zusehends verbittert und krank wird“, charakterisierte Ulrich Rüdenauer den verbitterten Richter 2012 in der „Zeit“, nachdem „Landgericht“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden war.

Dabei erzählt die Autorin diese Geschichte einer zunehmenden Verzweiflung in einer sehr sachlichen, zurückgenommenen Sprache, an Fakten und Akten orientiert. Gerade durch diesen Kontrast wächst aber auch beim Lesen das Mitgefühl für diesen Mann, der vergeblich um seine Ehre kämpft – und es wächst das Grauen. Grauen beispielsweise über die perfiden Mechanismen der Bürokratie, die ab 1933 die deutschen Juden mehr und mehr ausgrenzte, einschränkte, ihnen jegliches Recht nahm:

„Wir warten nicht mehr auf Ihre Rechtsauskunft, sondern ersuchen Sie nochmals, die Austrittserklärung baldigst einzuschicken. Wenn Sie die Signale der letzten Zeit verstehen, so ist für Juden kein Platz mehr in Deutschland, noch viel weniger in einer Gefahrengemeinschaft (Krankenversicherung) von nur arischen Volksgenossen.“

Mit jedem Schreiben dieser Art wächst bei Kornitzer das Bewusstsein:

„Der Volkskörper eiterte in heraus, er war Fremdkörper, sein Körper war schutzlos.“

Ursula Krechel hat für diesen Roman, der auf Tatsachen basiert, jahrelang in Archiven geforscht. So staubtrocken ist manches Mal auch ihre Sprache – aber gerade dieses ist es, was so überzeugend und letzten Endes ergreifend ist an diesem Buch. Die in das romanhafte Geschehen eingebauten Quellenzitate verstärken das Dokumentarische, machen begreiflich, dass Fiktion auch gelebte Wirklichkeit war.

„Es gibt immer reale Kerne“, erläutert Krechel ihre Methode. „Wenn es um traumatische Vergessensleistungen der deutschen Geschichte geht, finde ich es ganz unangemessen, zu viel zu erfinden. Das heißt: Ich zügele mich in meiner Fantasie, erfinde eher die Lücken, auch die Emotionalität der Leute, die ja nicht viel von sich preisgegeben haben. Alle Personen haben reale Hintergründe, haben Daten, Namen und Adressen. Es geht um ein Austarieren zwischen den realen Funden und dem Anreichern – es muss ja erzählbar werden.“

Quelle: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-10/buchpreis-2012-ursula-krechel

Juristen wie Richard Kornitzer gab es viele. Naheliegend, dass man bei diesem Roman gerade auch an Fritz Bauer, den hessischen Generalstaatsanwalt denkt, der als Jude und Sozialdemokrat in das Exil musste und nach seiner Rückkehr – gegen alle Widerstände und Anfeindungen – die Auschwitzprozesse in Gang brachte. Fritz Bauer war in den vergangenen Jahren beinahe vergessen worden – mit den Filmen „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und die „Die Akte General“ kam dieser Jurist, der die Nazi-Vergangenheit unseres Landes vor Gericht aufgearbeitet wissen wollte, in den vergangenen zwei Jahren wieder in die öffentliche Wahrnehmung.

Und dennoch: Die Jahre der Versäumnisse nach 1945, insbesondere die Rolle der Justiz während, aber auch nach dem Nationalsozialismus – sie harrt immer noch einer gründlichen Aufarbeitung. Sie wäre noch viele Filme und Bücher wert. „Landgericht“ ist ein wichtiger Teil davon, ein beeindruckendes Buch, das zu Recht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Wie Ursula Krechel bei der Verleihung betonte: sie sehe ihr Buch auch „als persönliche Wiedergutmachung einer misslungenen Wiedergutmachung.“

„Landgericht“ wurde inzwischen verfilmt und wird am Montag, 30. Januar, und Mittwoch, 1. Februar 2017, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt – ich bin gespannt. Vor allem hoffe ich, die „Geschichte einer Familie“ wurde nicht verkitscht.

12 comments on “Ursula Krechel: Landgericht (2012)”

  1. Leider werden sich deine Befürchtungen die Verfilmumg betreffend wohl bewahrheiten. Die Rezension in der F.A.S. war einigermaßen niederschmetternd. Das Buch selbst, ich habe es vor einigen Jahren gelesen, ist sehr beeindruckend und gibt viel Raum zum Nachdenken über die Anfänge unserer noch immer relativ jungen Republik. Ein wirklich großartiges wie wichtiges Buch. Dir einen schönen Sonntag noch und Dank für deinen Beitrag!

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    1. Danke für den Hinweis auf die Rezension, habe ich noch nicht gelesen … ich werde heut wohl trotzdem mal versuchsweise reinschauen. Egal wie die Filmerfahrung ausgeht – wie Du schreibst, das Buch ist wichtig und literarisch gelungen und ich bin froh, dass ich es gelesen habe – da steckt viel drin, was ich nach der ersten Lektüre vertieft und nachgeholt habe an Wissen über diese Anfänge der BRD.

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  2. Liebe Birgit,
    Krechels Roman müsste ja eigentlich doch auf den Lesestapel. Ich habe ihn damals beim Buchpreis irgendwie gemieden, Buchpreis und deutsche Geschichte gehen ja so oft Hand in Hand, dass ich ein bisschen meine Vor-Urteile ausleben konnte. Aber nach den Geschichten um Fritz Bauer hat sich mein Blick schon deutlich geändert. Und Deine Besprechung bestätigt das ja nun auch. Ach wenn es doch nur mehr Zeit zum Lesen gebe!
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia, soso, vorurteilbehaftetes Nicht-Lesen …tsss! Aber ich kann das verstehen – allerdings: Das Buch hat die Aufmerksamkeit verdient – und die Entscheidung war „mutig“, ist es doch alles andere als easy-reading (auch stilistisch, wenn auch auf mich diese Sprache einen richtigen Sog ausübte). Aber vor allem ist es auch politisch, bezieht Stellung – und das mag ich ja! LG Birgit

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  3. Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen und es ist mir unter die Haut gegangen. Ich danke dir deshalb für deine einfuehlsame Vorstellung desselben, die mir die Geschichte wieder ins Gedaechtnis gerufen hat! Hoffentlich kann ich den Film irgendwann sehen. Lieben Gruss😀

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  4. Liebe Birgit! Mir als allenfalls Gelegenheits-Fernseher wäre deie Verfilmung sicher auch entgangen. Danke für den Tipp! Ich habe das Buch zur Verleihung des Buchpreises auch erworben, aber es ist leider wie so vieles im SUB verschwunden. Auch danke, dass du mich wieder dran erinnerst. Ich will es unbedingt noch lesen. Von daher ist zu überlegen, ob ich morgen zusehen werde…Liebe Grüße, Petra

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    1. Liebe Petra, das ist immer die Crux mit Literaturverfilmungen: Hat man das Buch vorher gelesen, fällt der Film meistens weit ab… sieht man den Film zuvor, hat man beim Lesen Bilder im Kopf, ist konditioniert. Meistens passt beides auch nicht besonders gut zusammen….
      Jedenfalls: Jedem, der es noch ungelesen zuhause hat, würde ich raten, das schnell zu ändern – ich finde es großartig ! LG Birgit

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