#MeinKlassiker (26): Wenn Ruth ihren Klassiker liest, dann liest sie „Mein Michael“

p1050220Ruth Justen erliest sich die Welt – diesen Eindruck gewinnt man auf ihrem Blog „Ruth liest“. Seit 2011 stellt sie dort Bücher vor – Romane von Autoren von Afghanistan bis Weißrussland. Die freie Journalistin und PR-Beraterin, die unter anderem auch für die Leipziger Buchmesse tätig ist, konzentriert sich auf ihrem Literaturblog auf aktuelle Neuerscheinungen. Umso spannender ist es, zu erfahren, was denn ihr Klassiker ist…

#MeinKlassiker: Anfang November fragte mich Birgit von Sätze&Schätze, ob ich mich an ihrem Projekt #Mein Klassiker beteiligen wolle. Unter dieser Überschrift stellen Blogger einen Klassiker aus ihrer Lektüreliste vor, der ihr Leseleben besonders beeinflusst hat. Eine solche Schlüssellektüre war für mich 1989 der Roman „Mein Michael“ von Amos Oz.

Zunächst einmal ist der Titel irreführend. Der Roman dreht sich gar nicht um Michael. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hannah. Denn das Buch des Autors nimmt komplett die Perspektive der jungen Frau ein. Wie kann ein Mann authentisch die Sicht einer Frau schildern? Amos Oz kann es:

„Ich schreibe dies nieder, weil Menschen, die ich geliebt habe, gestorben sind. Ich schreibe dies nieder, weil ich als junges Mädchen erfüllt war von der Kraft der Liebe und diese Kraft der Liebe nun stirbt. Ich will nicht sterben. Ich bin 30 Jahre alt und eine verheiratete Frau….“

Mit diesen Zeilen beginnt die Erzählung. Amos Oz Darstellung der jungen Liebe zwischen Hannah und Michael, des Ehelebens und schließlich der Trennung – geschrieben Mitte der 60iger Jahre – überzeugt noch heute.

Vor dem Hintergrund des (noch) geteilten Jerusalems führen die beiden ehemaligen Studenten eine freudlose Ehe in trostloser Umgebung. Genau genommen basiert die Eheschließung auf einem großen Missverständnis und dem Unvermögen, sich selbst dieses einzugestehen und die Angehörigen zu enttäuschen. Schier undenkbar scheint die Auflösung der Verlobung zu sein. Dankbar sollte man sein, nicht allein durch das Leben zu gehen.

Doch wenn man zweisam auch bloß einsam ist, so ist es eben auch keine Grundlage für eine glückliche Ehe. Eine einfache Erkenntnis? Heute vielleicht. Obwohl ich mir da auch nicht so sicher bin. Aber Mitte der 60iger Jahre wahren Scheidungen, vor allem scheinbare „grundlose“ Trennungen, keineswegs an der Tagesordnung. Denn im ganzen Buch passiert nicht ein Drama. Es gibt keinen Hass, keine Gewalt, keinen Liebhaber – die beiden Menschen waren einfach nie wirklich miteinander verbunden. Und Hannah braucht zehn Jahre, um dies zu begreifen und entsprechend zu handeln.

Sehr einfühlsam erzählt Amos Oz, wie sehr die Elterngeneration ihre Kinder zur Ehe und zu Enkelkindern drängt und wie sehr sich die jungen Menschen nach einer intakten Familie sehnen.

Bereits in diesem frühen Werk gelingt es dem Schriftsteller, die vielen Facetten der Protagonisten feinfühlig herauszuarbeiten und gleichzeitig präzise den gesellschaftlichen Rahmen zu zeichnen.

Amos Oz mag heute in aller Welt zu den berühmtesten Schriftstellern Israels gehören. Ende der 80iger Jahre, als die erste Auflage von „Mein Michael“ in Deutschland erschien, war das noch nicht so. Sein Stern ging gerade erst am deutschen Literaturhimmel auf. Warum griff ich zu diesem Buch? Im Erscheinungsjahr 1989 steckte ich gerade mitten in meinem Studium der Mediavistik und Judaistik an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt am Main. So schön es war und ist, sich mit längst vergangenen Epochen zu beschäftigen, so neugierig war ich aber auch auf die jüngste Geschichte. Zumal der Roman „Mein Michael“ zu Beginn an der Hebräischen Universität in Jerusalem spielt, an der ich im Sommer 1987 einen Modernhebräischkurs besucht hatte. Meine Begeisterung für dieses Buch ist also nicht nur im Werk selbst begründet. Der Roman berührt an vielen Stellen meine eigene Biografie.

Ruth Justen
http://ruthjusten.de/

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

8 thoughts on “#MeinKlassiker (26): Wenn Ruth ihren Klassiker liest, dann liest sie „Mein Michael“

  1. Ich kenne „Mein Michael“ noch nicht, aber ich liebe es Geschichten von Amos Oz zu lesen. Ich hatte schon in anderen seiner Bücher den Eindruck, dass die Menschen in der vom Schriftsteller beschriebenen Gesellschaft sehr von dieser gedrängt werden, sich konform zu verhalten! Ich frage mich manchmal selbst, wo ist das richtige Mass? Ganz vielen Dank für diesen wunderbaren Tipp und ein Gutes Neues Jahr, liebe Birgit und Ruth Justen.:)

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    1. „Mein Michael“ war das erste Buch, das ich von Amos Oz las … und es hat mich sehr beeindruckt. Leider habe ich noch nicht sehr viel mehr von ihm gelesen in der Zwischenzeit. Die Frage nach der Konformität, ja, stimmt, die wird deutlich aufgeworfen in dem Roman – Leben bedeutet zwar immer auch irgendwie, Kompromisse machen, aber ebenso ein Eintreten für die persönliche Freiheit und Individualität.
      Ich hoffe auch, Du hattest einen guten Rutsch und wünsche Dir alles Liebe für das neue Jahr!
      LG Birgit

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