Frank Duwalds Liebesreigen der Literatur (6): Geschrieben für dich

p1040113Sylvia Brownrigg – Geschrieben für dich (2002)

Originaltitel: Pages for You
Übersetzt von Andrea Krug

Bei der Auswahl der für diese Kolumne in Frage kommenden Titel, ist mir aufgefallen, wie viele Romane eine Liebesgeschichte beinhalten, aber wie wenige nur tatsächlich ausschließlich den detaillierten Verlauf einer solchen beschreiben. Mag es vielleicht daran liegen, dass es eines der schwierigsten über Romanlänge überzeugend durchhaltbaren Themen in der erzählenden Literatur darstellt? Genauso, wie es meiner Meinung nach nur wenige wirklich durchgängig überzeugende Beispiele für atmosphärische unheimliche Phantastik gibt (ein Genre, das sich am wohligsten in Kurzgeschichten- oder bestenfalls noch Novellenlänge abspielt) ist auch die Liebesgeschichte ein gefährliches Terrain, das die meisten ihrer erwähnenswertesten Schöpfer durch gezielte Auslassungen und das Einbetten in einen größeren Rahmen überzeugend zu umschiffen wissen.

Sylvia Brownrigg scheint in ihrem dritten Roman Geschrieben für dich frei von solcherart Bedenken gewesen zu sein, denn sie geht das Risiko einer Roman füllenden Liebesgeschichte ein und bewältigt ihre sich selbst gesetzte Aufgabe mit einiger Bravour. Es gelingt ihr vorzüglich, die Balance zwischen der verliebten Leichtigkeit und der Schwere der Realität einer ersten Liebe auf ihre Leserschaft zu übertragen. Geschrieben für dich beschwingt wie ein perlender Piccolo, hinterlässt einen aber wie nach einer Flasche Wodka.

Als sich die 17-jährige Literaturstudentin Flannery in ihre deutlich ältere Tutorin Anna verliebt, scheint das zunächst nur eine Schwärmerei zu sein, denn Flannery weiß überhaupt noch nicht, was die Liebe zu einem anderen Menschen alles mit sich bringt. Noch unberührt und in Unkenntnis über die Möglichkeiten ihres Körpers, geht sie zur Sicherheit ihrer Tutorin aus dem Wege, wo sie nur kann, doch die grünäugige, rothaarige Sirene Anna hat nicht nur Flannery verhext. Auch Anna hat – was wir erst später erfahren – bereits bei ihrer ersten Begegnung den Magnetismus gespürt, den Flannery auf sie ausübt.

sylvia-brownrigg-geschrieben-fur-dichSylvia Brownrigg lässt sich sehr viel Zeit, die noch sehr losen Schicksalsfäden nach und nach zu straffen und zielgerichtet zusammenzuführen. Diese Etappe des sexuellen Erwachens Flannerys gestaltet sie mit äußerster Feinfühligkeit, Ernsthaftigkeit und Empathie, in einer von Liebe beschwipsten Sprache, behutsam angereichert mit schwebendem Humor, schönen Metaphern und literarischen Verweisen. Alles kommt ohne literarische Übermotivation aus, ist aber doch geprägt durch den Willen Brownriggs, die Sätze schön und geschmeidig klingen zu lassen, was in der stilsicheren Übersetzung von Andrea Krug auch im Deutschen zum Genuss wird. Durch winzig kleine strategisch gesetzte Zeitsignaturen gewährt Brownrigg ihren Leserinnen und Lesern auf sehr geschickte Weise Zukunftssplitter, die uns gegenüber den beiden kraftvoll dargestellten Protagonistinnen einen kurzzeitigen Wissensvorsprung in die Hände spielen, was den linearen Handlungsfortgang vorübergehend ins Wanken bringt und uns wie ein kleiner Stein im Schuh kurzzeitig vom gewohnten Weg abbringt. Natürlich – könnte man Sylvia Brownrigg jetzt vorwerfen – nehmen diese Plot-Vorausschauen bereits vorweg, wohin der Roman letztlich steuert, aber ich bin mir sicher, dass die Autorin zu keinem Zeitpunkt überhaupt auch nur vorhatte, einen spannungsgebeutelten Roman zu schreiben (obwohl er trotzdem durchaus spannend ist). Genauso, wie sie jeglichen Romantik-Zuckerguss meidet und sich eine gewisse emotionale Distanz zur Leserschaft schafft, die dem einen zu groß erscheinen mag, die anderen jedoch überhaupt erst dahin bringt, einen Liebesroman zu Ende zu lesen.

Wie bei einem Wetterumschwung nach einer wunderschönen, langen Sonnenperiode kippt irgendwann die Stimmung im Roman. Eisiger Ostwind macht sich breit. Aber auch die definitive Erkenntnis, dass man selbst bei Ostwind hoffnungsfroh sein darf, dass der Sonnenschein wiederkommen wird. Irgendwann.

Frank Duwald

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

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