#MeinKlassiker (23): Erikas Klassiker trägt den Namen Gantenbein

„Max Frisch hat mir durch diesen Text eine unerhörte Freiheit geschenkt.“ Bloggerin Erika Mager über „Mein Name sei Gantenbein“.

6 Kommentare
Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt in der Kronenhalle in Zürich.
Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt in der Kronenhalle in Zürich.

Bildquelle: By Metzger, Jack (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Erika Mager betreibt den Blog der Bücherei in Alfter-Oedekoven: „litblogkoeb“. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wo das liegt (geschweige denn davon, dass es das überhaupt gibt) – aber schon der Name klingt so schön, das musste ich einfach nachschauen. Jedenfalls: Sollte ich jemals nach Alfter-Oedekoven kommen, wird mich mein Weg direkt in die Bücherei führen. Denn die hat, so denke ich mir beim Lesen von Erikas Blog, mit Sicherheit eine tolle Buchauswahl. Mit ihrem Klassiker sorgt sie für eine Premiere – es findet sich der erste Schweizer Autor in der Reihe.

„Die dabei gewesen sind, die letzten, die ihn noch gesehen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig.“ Erster Satz von Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, Suhrkamp, 1974 (meine Ausgabe).

img_20161116_085803Mein Klassiker also. Wer käme bei der Frage nach seinem Klassiker schon auf den Gantenbein? Sicher – auch ich hätte viele im Gepäck, von denen ich glaubhaft schreiben könnte. Thomas Mann hat in mir die Faszination von Sprache geweckt („Das Gesetz“), Doris Lessing meine Haltung zum Feminismus herausgefordert („Das goldene Notizbuch“), Virginia Woolf fragte mich nach meinem eigentlichen Geschlecht („Orlando“), Hermann Hesse hat mich zutiefst verwirrt („Der Steppenwolf“). Das könnte ich noch fortführen.

Aber der Gantenbein ist und bleibt „mein Klassiker“.

Ich habe ihn mit 17 getroffen – äh, gelesen. Schullektüre – na klar. Was dieses Buch bei anderen deswegen per se disqualifizierte, hat mich nicht abgeschreckt. Es schien zu mir zu sprechen, mich zu kennen.

Dabei ist es ein Männerbuch! Ein männlicher Autor schreibt über einen Mann, der sich die mögliche Geschichte eines anderen Mannes zusammenfabuliert. „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu…“

Was hat das mit mir zu tun? Einem 17jährigen Mädchen? Der Begriff „Frau“ passte damals noch nicht zu mir.

Zuerst einmal gefiel mir die Sprache. Ich las bei einem berühmten Autor, wie man assoziierend aus Wörtern Bilder formt, schreiben kann, ohne einen Gedanken zu Ende führen zu müssen. Das konnte ich sicher auch. Mein Leben schreibend formen. Ich war nicht ein Mann mit Erfahrung, zu der er sich eine passende Geschichte konstruieren muss, sondern ein Mädchen am Beginn eines Lebens, das sich aus Geschichten eine mögliche Identität zusammenreimen könnte. Darum ging es mir. Ich verfolgte Gantenbein mit offenem Mund und stellte mir vor, dass ich meine Geschichte auch schon vorweg ausdenken könnte. Eine erstaunliche Erlösung in einer pubertären Hilflosigkeit – nicht Fisch, nicht Fleisch – noch nicht entschieden. Wer bin ich denn? Wer könnte ich sein? Mein Name sei Gantenbein? War es so einfach?

„Es ist wie ein Sturz … wie durch alle Spiegel, und nachher … setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.“

Wenn ich das Buch jetzt nach mehr als 30 Jahren wieder hervornehme und darin einzelne Passagen lese, kann ich einerseits die Faszination der 17jährigen verstehen, andererseits den Kopf schütteln über die verschwurbelten Altmännerfantasien des Icherzählers. So ein Text dürfte heute nicht mehr so geschrieben werden.

Und dann die Liebe! Frisch erzählt von Liebe in vielerlei Facetten. Das wird mich genauso begeistert haben, ich weiß es nicht mehr genau.

Wichtig, damals und auch heute noch, ist mir geblieben, dass man Geschichten erzählen, fabulieren, alle Möglichkeiten zu Ende denken kann – und dann auch einfach wieder abbrechen darf, wenn man mit einer Geschichte nicht weiterkommt. Alles erlaubt in der Literatur – und im Leben. Max Frisch hat mir durch diesen Text eine unerhörte Freiheit geschenkt.

Deshalb ist es #MeinKlassiker.

Erika Mager
https://litblogkoeb.wordpress.com/

6 comments on “#MeinKlassiker (23): Erikas Klassiker trägt den Namen Gantenbein”

  1. Ah ja natürlich, der Gantenbein! War mein erstes Buch, das ich in einem Literaturkreis behandelt hab‘. Literarische Verarbeitung der Liebesbeziehung mit Ingeborg Bachmann, wunderbares Lehrstück männlichen Chauvinismus‘ (sorry, das ist jetzt sehr reduziert, hab‘ Max Frisch immer gerne gelesen) verweist beinahe zwingend auf Bachmanns „Malina“.

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    1. Ja, Gantenbein und Malina als zwei Seiten einer Geschichte – Frisch natürlich schon sehr in seiner gekränkten männlichen Eitelkeit verhaftet, Ingeborg Bachmann mir aber in „Liebesdingen“ immer auch eine Spur zu dramatisch. Es gibt dazu ein ganz einfühlsames Buch, das einseitige Zuweisungen vermeidet von Ingeborg Gleichauf: „Ingeborg Bachmann und Max Frisch – Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit“,
      224 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-492-05478-2, € 19,99

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