#MeinKlassiker (22): Für Peter Brunner ist das #MeinBüchner

Der Autor und Blogger Peter Brunner ist ein Büchner-Kenner. Für die Klassiker-Reihe wählte er jedoch keines der Dramen, sondern eine andere Schrift aus.

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Werke von Georg Büchner, ausgestellt im Georg Büchner Geburtshaus.
Werke von Georg Büchner, ausgestellt im Georg Büchner Geburtshaus.

Bildquelle: By Kurkai (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Dass der Autor und Blogger Peter Brunner für die Reihe #MeinKlassiker etwas über ein Werk Büchners schreiben würde, war naheliegend – schließlich ist der Mitbegründer des Hessischen Literaturrates ein profunder Büchner-Kenner, der sich insbesondere der Erforschung der Büchner-Familie gewidmet hat. „Neues aus dem Büchnerland“ erfährt man auf seinem informativen Blog: http://geschwisterbuechner.de/.

Für seinen Beitrag hat Peter Brunner jedoch weder „Dantons Tod“ noch den „Woyzeck“ gewählt, sondern eine Streitschrift, die bis heute in ihrem Ton und ihrer Ernsthaftigkeit überzeugt und zum Nachdenken über damalige wie aktuelle Verhältnisse anregt:

Auch Literatur. Georg Büchners „Hessischer Landbote“

Am 1. August 1834 wird am Gießener Selterstor der Theologiestudent Karl Minnigerode verhaftet. Bei ihm finden sich in Taschen, den Stiefeln und im Mantelfutter an die 150 Exemplare einer illegalen Flugschrift. Sie trägt die Überschrift

Friede den Hütten!  Krieg den Pallästen!

In den folgenden Tagen und Nächten entfalten die Verschwörer, die den Text verfasst und unter strengster Geheimhaltung in Offenbach hatten drucken lassen, fieberhafte Aktivitäten, um alle Beteiligten zu warnen und Indizien, aus denen auf sie geschlossen werden konnte, zu vernichten.

buechnerDer achtseitige Text, von dem zwischen 1.500 und 2.000 Exemplaren ge­druckt worden waren (später erscheint in Marburg eine zweite Auflage), wird konspirativ verbreitet. Es ist bis heute unklar, wie viele Exemplare die eigentli­chen Adressaten, die hessischen Bauern und Tagelöhner, tatsächlich erreicht haben und welche Wirkung sie machten. Die Behauptung, alle Empfänger hätten sie ängstlich abgewiesen oder sogleich den Behörden abgeliefert, ist in keinem einzigen Fall belegt.

Der Butzbacher Pfarrer Friedrich Weidig, ein ausgewiesener Republikaner, hatte bis dahin mehrere Ausgaben seines kritischen „Leuchter und Beleuchter für Hessen (oder der Hessen Nothwehr)“  drucken und verteilen lassen. Im Frühsommer 1834 war er durch Süddeutschland gereist und hatte in Wiesbaden an der Gründung eines „Preßvereins“ teilgenommen. Es sollten gleichzeitig im Ausland, womöglich in Straßburg,  eine Zeit­schrift „auf Intelligentere berechnet“ und im Inland illegale Flugschriften „für die niederen Volksklassen“ herausgege­ben werden. Mit dem Entwurf einer solchen Flugschrift traf er am 3. Juli auf der Ruine Badenburg bei Gießen eine Gruppe kurhessischer und hessen-darmstädtischer Oppositioneller, um eine „Filiale“ dieses Preßvereins zu gründen. Den Entwurf für das Flugblatt hatte der junge Medizinstudent Georg Büchner aus Darmstadt verfasst. Büch­ner, Arztsohn aus Darmstadt, hatte sein Medizinstudium in Straßburg begonnen und dort Kontakt zu oppositio­nellen Kreisen gepflegt. Seit Oktober 1833 studiert er in Gießen, wo ihn der rebellische Theologiestudent August Becker mit Weidig bekannt macht. Im April 1834 hatte er nach seiner Rückkehr in Darmstadt eine revolu­tionäre „Gesellschaft der Menschenrechte“ gegründet. Ein von ihm verfasster Text, auf den die Revolutionäre schwören, soll noch Jahrzehnte später kursiert sein; er ist leider verloren. Büchner findet für das Flugblatt einen neuen, direkten Ton, mit dem er die „Geringen“ ansprechen will, und bedient sich statistischer Zahlen, die ihm Weidig verschaffte, um die schreiende Ungerechtigkeit der Verhältnisse zu erläutern. So entsteht ein Text, dessen scharfer Ton unter den Versammelten gleichzeitig euphorisch bejubelt und scharf kritisiert wird. Den Bürgerlichen unter ihnen geht insbesondere die Zielrichtung gegen „die Reichen“ zu weit, weil auch unter diesen Bündnisgenossen zu finden seien; im gedruckten Text findet sich schließlich die Formulierung „die Vor­nehmen“, die sich insbesondere gegen den Adel richtet. Die Büchnerforschung und -Literatur ist voll von Re­cherchen und Unterstellungen darüber, wieviel Büchner eigentlich in dem Text steckt. Umfangreiche Studien versuchen meist, Büchner die „linken“, Weidig die „christlichen“ Textteile zuzuordnen. Unbestritten ist aber auch, dass Büchner selbst durchaus bibelfest war. Vom Mitverschwörer August Becker wissen wir, dass Büch­ner mit dem schließlich gedruckten Endergebnis sehr unzufrieden war; der Arzt Leopold Eichelberg, der am Badenburg-Treffen teilnahm, distanzierte sich andererseits: Büchner schien die mit aller Vehemenz überspru­delnde jugendliche Kraft, welche sich hier im Zerstören gefiel, während sie sonst ebenso leicht die ganze Welt liebend zu umarmen sucht (nach Hauschild, Georg Büchner, 1993, S. S. 360). Selten ist bisher in der Diskus­sion um die Genese des gedruckten Textes die eigene Erfahrung politischer Diskussion um den Text einer ge­meinsamen Veröffentlichung eingeflossen – womöglich, weil sie den Schreibenden schlicht fehlte. Dabei ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass ein gemeinsam zu verantwortender Text nicht die Fassung be­hält, die er als einzeln Verfasster hatte. Dass dies Verfasser regelmäßig schmerzt, liegt in der Natur der Sa­che: die mit aller Vehemenz übersprudelnde jugendliche Kraft steht nicht gerade für Bereitschaft zu Selbst­kritik und Einsicht.

Außer Frage steht allerdings, dass die literarische Qualität, die den „Landboten“ zu einem bedeutenden Schatz der deutschen Geschichte und Literatur macht, Georg Büchner zu verdanken ist.

Was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller ge­sichert wird und die aus dem Wohl aller hervorgehen sollen. Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht, was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700.000 Menschen bezahlen da­für 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ord­nung leben heißt hungern und geschunden werden. Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht ha­ben und die wachen, diese Ordnung zu erhalten? Das ist die Großherzogliche Regierung. Die Regierung wird gebildet von dem Großherzog und seinen obersten Beamten. Die andern Beamten sind Männer, die von der Regierung berufen werden, um jene Ordnung in Kraft zu erhalten. Ihre Anzahl ist Legion: Staatsräte und Regierungsräte, Landräte und Kreisräte, geistliche Räte und Schulräte, Finanzräte und Forsträte usw. mit al­lem ihrem Heer von Sekretären usw. Das Volk ist ihre Herde, sie sind seine Hirten, Melker und Schinder; sie haben die Häute der Bauern an, der Raub der Armen ist in ihrem Hause; die Tränen der Witwen und Waisen sind das Schmalz auf ihren Gesichtern; sie herrschen frei und ermahnen das Volk zur Knechtschaft. Ihnen gebt ihr 6.000.000 Fl. (Gulden – pb) Abgaben; sie haben dafür die Mühe, euch zu regieren; d.h. sich von euch füttern zu lassen und euch eure Menschen- und Bürgerrechte zu rauben. Sehet, was die Ernte eures Schweißes ist!

Dieser Ton war auf deutsch noch nie gehört worden, und er ist bis heute ein Fanal geblieben. Noch als 1850, 16 Jahre und eine deutsche Revolution später, Georg Büchners Geschwister eine erste Werkausgabe veröffentlichen, kürzen sie den Text und streichen aus Angst vor Zensur und Strafverfolgung alle Bezüge auf ihr Heimatland Hessen, und als ihn über sechzig Jahre später 1896 der hessische Sozialdemokrat Eduard David drucken ließ, brachte ihn das noch immer in ernsthafte Schwierigkeiten.

Bis vor kurzem wurden übrigens trotz allen akademischen Kopfzerbrechens die wenigen überlieferten Exem­plare nie gründlich und vollständig „kollationiert“, also miteinander verglichen; erst der Offenbacher Druckfor­scher Klaus Kroner machte die überraschende Entdeckung, dass es mindestens ein Exemplar gibt (im Münch­ner Staatsarchiv), bei dem die Überschrift „Krieg den Pallästen“ nicht mit einem Ausrufe- , sondern mit einem Fragezeichen endet. Kroner nimmt das zum Anlass für Spekulationen über den Drucker und den Druckort; es könnte aber auch Anlass zu erneuter Diskussion über die Haltung der Revolutionäre bieten; bisher wurde der Fund dahingehend nicht angemessen gewürdigt. Der Doyen der Forschungsstelle Georg Büchner, Burghard Dedner, schrieb mir dazu im November 2013: Nein, wir haben das Münchener Exemplar nicht kollationiert. Und auf die Drucktypen haben wir ebenfalls nicht geachtet. Die Polizei übrigens auch nicht. Viel kann man da­mit wohl auch nicht anfangen, außer man achtet auf einzelne beschädigte Typen.

Der Landbote ist der einzige Text Georg Büchners, von dem wir sicher wissen, dass Fremde deutlich in seine Gestalt eingegriffen haben. Er ist auch der einzige Text, der der tagespolitischen Agitation dient. Ob er selbst, geschweige denn seine späteren literarischen Schriften ein politisches Ziel verfolgten, ist ebenso umstritten wie die Frage, ob und mit welcher Position beispielsweise seines „Danton“ er selbst sich identifizierte. In Len­zens Leben und Sein fühlte er verwandte Seelenzustände, und das Fragment ist halb und halb des Dichters eigenes Portrait schreibt der Bruder Ludwig im Vorwort der Werkausgabe von 1850. Einen vergleichsweise deutlichen zeitgenössischen Hinweis haben wir weder von einer anderen Person noch zu einem anderen Werk Büchners (und Ludwig Büchner wollte seinen Bruder sicher nicht als schizophren diagnostizieren…), und so ist es kein Wunder, dass beispielsweise „Danton“-Aufführungen bis heute deutlich zu verstehen geben, ob die Regie Büchner auf der Seite Dantons oder Saint Justs sieht. Insbesondere die Geschichte der Inszenie­rungen zwischen 1945 und 1989 in den beiden deutschen Staaten macht das deutlich. Die Frage nach Büch­ners politischer Haltung bleibt offen und bietet besonders in der Belletristik über ihn Raum zu je sehr zeit­genössischen Spekulationen.

Auf welcher Seite der Autor der revolutionären Passagen des Landboten 1834 stand, wird allerdings von ihm selbst beantwortet:

Ihr bücktet euch lange Jahre in den Dornäckern der Knechtschaft, dann schwitzt ihr einen Sommer im Weinberge der Freiheit und werdet frei sein bis ins tausendste Glied.

Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen soll Woody Allen gesagt haben. Immer, wenn ich den „Landboten“ lese, denke ich, dass es Zeit wird, aufzustehen und Nein zu sagen. Das macht Büchners Hessischen Landboten zu „meinem Klassiker“.

Peter Brunner
http://geschwisterbuechner.de/
http://www.entwicklungundkultur.de/

15 comments on “#MeinKlassiker (22): Für Peter Brunner ist das #MeinBüchner”

  1. Meinen herzlichen Dank – das ist wirklich eine tolle Reihe geworden, Deine Klassiker der Kollegen. Und da haben wir sie wieder, die politische Literatur. Obwohl, abgesehen von Zolas „J’accuse“ vielleicht, mir kaum etwas einfällt, was so direkt eben keine Literatur sein will – und doch welche ist. Liebe Grüße!

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    1. Ich las neulich – ich glaube im Zusammenhang mit türkischer Literatur – die Aussage eine Schriftstellerin, die lautete: „Wir können uns unpolitische Literatur gar nicht leisten.“ Das sollte heißen – die Umstände dort sind so, dass ein Autor, der nicht nur Unterhaltung bedient, sich engagieren muss, man mag es auch Farbe bekennen nennen. Und dafür unter Erdogan ja auch viel riskiert. Ich persönlich wünschte mir auch in der zeitgenössischen deutschen Literatur mehr Engagement statt Bauchnabelschau und Sinnkrisenromane … da gibt es leider zu wenige.
      Und der ewige Vorwurf, politisch engagierte Literatur sei in der Regel hölzern – den haben ja viele Autoren in der Weimarer Republik widerlegt. Die haben sicher auch von dieser Büchnerschen Streitschrift gelernt – ein einprägsamer, aufrüttelnder Text.

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  2. Ich glaube, viele akademische Linke heutzutage haben oft vergessen, für wen ihre politischen Vorfahren einst kämpften. Das macht eine Beschäftigung mit Büchner oft steril und eben akademisch-distanziert. Man kann ja ruhig analysieren, dass es heutzutage kein ‚revolutionäres Subjekt‘ mehr gibt – aber das gab es zu Büchners Zeiten eben auch nicht wirklich, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, Partei zu ergreifen. Mir fällt allzuoft eine Verachtung und ein Dünkel gegenüber der ‚Unterschichten‘ auf, was schon bei den Witzen über Chantal und Kevin anfängt. Umso erfrischender finde ich diesen Beitrag über Büchner, der eben nicht steril und akademisch-distanziert doziert. Vielen Dank!

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    1. Man urteilt sicher oft zu schnell anstatt direkt mit den Menschen, die einer anderen und weniger privilegierten sozialen Klasse anzugehören, direkt in Kontakt zu treten – ich habe schon auch den Eindruck, dass die parteipolitisch engagierten Linken/Grünen etc. oft in ihrer eigenen Filterblase sind, nur so kann man auch manche Äußerungen und Aktionismus evt. erklären, der an den eigentlichen Lebenswirklichkeiten beispielsweise einer alleinerziehenden Mutter in Hartz IV völlig vorbeigeht: Die kann eben nicht jeden Tag im Bio-Supermarkt einkaufen und einmal in der Woche Vegie kochen. Ich überspitze.
      Aber: Büchner sah die Armut und schrieb dagegen an. In unserer Gesellschaft werden alljährlich Armutsberichte veröffentlicht, kurz in den Medien diskutiert, und verschwinden dann wieder aus den Schlagzeilen. Ich kenne keinen zeitgenössischen Roman, der z.B. aus der Perspektive eines Langzeitarbeitslosen berichtet oder eine ähnliche Thematik aufgreift – aber ich habe natürlich auch nicht den kompletten Überblick. Mir kommt es so vor, dass wenn über solche Themen – die Unsicherheiten unserer wirtschaftlichen Existenzen – geschrieben wird, dann doch aus einer eher privilegierten Situation heraus, beispielsweise wie im Roman „Die Glücklichen“ von K. Billkau.

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  3. „Der hessische Landbote“ ist für uns (sowohl mich als auch meine schon größeren Kinder) Schullektüre gewesen, vielleicht auch wegen der geografischen Nähe. Umso erstaunlicher, dass er uns auch Jahre danach als sehr wichtige und positive Lektüre in Erinnerung geblieben ist. Verdienst Büchners (und vielleicht guter Pädagogen).

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    1. Ich kann mich daran noch aus dem Geschichtsunterricht erinnern – aber da hatten wir eine sehr engagierte Referendarin, die einfach das Thema der sozialen Ungerechtigkeit durch solche Texte illustrieren wollte. Später folgten dann die ersten Theatererfahrungen mit Büchner – der Woyzeck, ein Stück, das mich jedes mal aufs Neue aufwühlt …

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  4. Danke für die engagierte wie sorgfältige Besprechung des Hessischen Landbotens einschließlich der Diskussion über die Autorenschaft: Wie entstand der Gemeinschaftstext, und wie wurde er publiziert?

    Im Reclam-Heft von 1982 aus der Studienzeit habe ich einen Anstrich bei Büchners Frage:
    „Denn was sind diese Verfassungen in Deutschland? Nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten die Körner für sich heraus geklopft haben.“ (Seite 48)

    Die Verfassungen der Vormärz-Zeit und der Umgang mit ihnen waren wohl derart – und die Lebensbedingungen entsprechend, wie der Text sie schildert:

    „Denkt an die Verfassung des Großherzogtums. – Nach den Artikeln derselben ist der Großherzog unverletzlich, heilig und unverantwortlich. Seine Würde ist erblich in seiner Familie, er hat das Recht, Krieg zu führen, und ausschließliche Verfügung über das Militär. Er beruft die Landstände, vertagt sie oder löst sie auf. Die Stände dürfen keinen Gesetzesvorschlag machen, sondern sie müssen um das Gesetz bitten, und dem Gutdünken des Fürsten bleibt es unbedingt überlassen, es zu geben oder zu verweigern. …“ (ebenda)

    Zeitsprung: Die Verfassung des Landes Hessen von 1946 liest sich doch ganz anders, ebenso wie das Grundgesetz. Mit dem Frankfurter Jürgen Habermas teile ich den „Verfassungspatriotismus“.

    Die Bürgerschaft genießt das Wahlrecht in Bund, Land, Kommune und zum Europäischen Parlament – und übt damit die Souveränität sowohl für die Regierungsbildung wie die Gesetzgebung aus.

    Der Hessische Landbote bleibt eine leidenschaftliche historische und literarische Quelle – ein Klassiker.

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    1. Ja, die Sache mit der Verfassung gehört natürlich auch zu den ständigen Diskussionsgegenständen der Verschwörer. Weidig hat die beim Wiener Kongreß zugesagte und dann noch jahrelang nicht gewährte hessische Verfassung als besser als nichts genommen – und seinen Schülern beigebracht. Es wundert ja nicht wirklich, dass ein von den Verhältnissen aufgerüttelter 20-jähriger keine Lust auf Verfassungsdebatten hatte. Da spielte auch die oben erwähnte Frage nach dem „revolutionären Subjekt“ keine Rolle, Büchner (und Weidig) waren ja keine historischen Materialisten. Die wollten nicht warten, bis sich irgendwelche Produktionsverhältnisse irgendwie zum Besseren entwickelt hatten, die wollten, dass Hunger, Terror und Unterdrückung beendet werden.

      In der Landeshauptstadt Darmstadt wurde übrigens zum Dank für die Verfassung von 1820 ausgerechnet wenige Wochen nach Georg Büchners bitterem Tod am 19. Februar 1837 in Zürich, im Mai 1837, mit der Planung für ein „Verfassungsmonument“ begonnen, das schließlich im August 1844 eingeweiht wurde – die weithin sichtbare „Ludwigssäule“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwigsmonument).

      Kaum eine Darmstädterin weiß heute noch, dass der „Lange Ludwig“ an das Ende des Absolutismus erinnert.

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    2. Zum aktuellen Zeitsprung: Dazu passt ein hervorragender Text von Heribert Prantl zum 70jährigen Bestehen der bayerischen Landesverfassung: http://www.sueddeutsche.de/leben/bayern-liebeserklaerung-an-eine-verfassung-1.3273160?reduced=true
      Der Artikel ist nur für Abonnenten zugänglich, aber ein Zitat daraus:

      „Die Grundrechte, die die Bayerische Verfassung im Weiteren dann den Menschen gibt, sind gehaltvoller, als es die Grundrechte des Grundgesetzes sind. Sie macht zum Beispiel Ernst mit dem Satz, dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Das Grundgesetz traut sich das bis heute nicht. Die Bayerische Verfassung gab den Bürgerinnen und Bürgern von Anfang an Volksbegehren und Volksentscheid. Und die haben Volksbegehren und Volksentscheid gut und klug genutzt. Zwanzig bayernweite Volksbegehren wurden seit 1946 zugelassen – fünf davon als Gesetz angenommen: Die Studiengebühren wurden auf diese Weise abgeschafft, ein besseres Müllkonzept eingeführt, ein klarer Nichtraucherschutz und der Bürgerentscheid auch auf kommunaler Ebene. Selbst die Volksbegehren, die keinen Erfolg hatten, waren fruchtbar, weil sie die politische Diskussion voranbrachten.“

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  5. Wohl schon während der Arbeit am „Landboten“ schrieb Georg Büchner im Februar 1834 an seine Familie:

    „Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, – weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen. Der Verstand nun gar ist nur eine sehr geringe Seite unseres geistigen Wesens und die Bildung nur eine sehr zufällige Form desselben. Wer mir eine solche Verachtung vorwirft, behauptet, daß ich einen Menschen mit Füßen träte, weil er einen schlechten Rock anhätte. Es heißt dies, eine Roheit, die man Einem im Körperlichen nimmer zutrauen würde, ins Geistige übertragen, wo sie noch gemeiner ist. Ich kann Jemanden einen Dummkopf nennen, ohne ihn deshalb zu verachten; die Dummheit gehört zu den allgemeinen Eigenschaften der menschlichen Dinge; für ihre Existenz kann ich nichts, es kann mir aber niemand wehren, Alles, was existiert, bei seinem Namen zu nennen und dem, was mir unangenehm ist, aus dem Wege zu gehn. … Die Lächerlichkeit des Herablassens werdet Ihr mir doch wohl nicht zutrauen. Ich hoffe noch immer, daß ich leidenden, gedrückten Gestalten mehr mitleidige Blicke zugeworfen, als kalten, vornehmen Herzen bittere Worte gesagt habe.“

    Mit dieser Haltung hat er sich für Widerstand und Aufruhr entschieden, weil ihm die Verhältnisse unerträglich waren.

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  6. Vielen Dank für den interessanten Einblick, besonders für den Abschnitt zur Kollation. „Der hessische Landbote“ war auch für mich eine wichtige Schullektüre, die ich dringend noch mal zur Hand nehmen sollte. „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ war an die Fassade meines Gymnasiums gesprayt – es war halt eine sehr gute Schule.

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