#wereadindie – Zehn Bücher für mehr Vielfalt

p1050663Dass ein Urteil des Bundesgerichtshofes vor allem die kleineren und unabhängigen Verlage in Bedrängnis bringen könnte, darüber wurde bereits in einigen Blogs berichtet: Bei Sophie von Literaturen, Caterina von Schöne Seiten, dem Kaffeehaussitzer Uwe und von Jochen bei lustauflesen.de. Petra von Elementares Lesen stellt in ihrem Bericht Sachbücher aus dem Indie-Bereich vor.

Alle Blogbeiträge sind auch Plädoyers für Vielfalt: Denn die kleinen, unabhängigen Verlage sind jene, die mit viel Mut und Risiko noch unbekannten Autoren einen Platz geben, die wilde, freche Texte finden, die widerständige Literatur veröffentlichen, die viel Zeit und Engagement in das schöne Buch investieren. Kurzum: Indies machen das Lesen bunter.

Unter dem Hashtag #wereadindie soll auf diese Vielfalt aufmerksam gemacht werden – denn letztlich haben wir es, als Nutznießer und „Konsumenten“ ebenfalls in der Hand, die unabhängigen Verlage und damit auch die Autoren zu stärken: In dem wir diese Bücher, die eben meist nicht in den Bestsellerlisten zu finden sind, kaufen (und natürlich lesen). Und das am besten  – derzeit läuft übrigens die Woche der unabhängigen Buchhandlungen direkt beim Buchhändler unseres Vertrauens.

Einen Überblick über die unabhängigen Verlage bietet übrigens der Hotlistblog hier:
https://derhotlistblog.wordpress.com/liste-unabhangiger-verlage-deutschland/

Einen sehr nachlesenswerten Vortrag hielt Britta Jürgs, Inhaberin des AvivA Verlags und Vorsitzende der Kurt Wolff Stiftung, bei der Jahrestagung der Bücherfrauen:

„Susan Hawthorne ist davon überzeugt, dass Independent-Verlage auch in Zukunft existieren werden, wie Pilze, die an den Wurzeln eines alten Baumes wachsen und Mikroorganismen hervorbringen, die für den Erhalt des Bodens unabkömmlich sind. Sie ist sich sicher, dass kleine, unabhängige Verlage weiterhin riskante, innovative und nachhaltige Bücher verlegen, aus der Leidenschaft heraus für die Literatur. »Bücher von heute für die Zukunft«. Und sie meint: Klein ist schön. Und unabhängig zu sein, ebenso.“

Sie stellt dabei bedenkenswerte Fragen: Woher kommt das, was wir lesen? Wieso dominiert die Literatur des weißen Mittelstands, wieso werden Schriftstellerinnen immer noch anders behandelt als Autoren, wo bleibt die Offenheit für Weltliteratur?
Der Vortrag in ganzer Länge: http://www.buecherfrauen.de/news-home/1601-bfjt16-lesekultur-2030-die-zukunft-beginnt-jetzt/

Indie-Verlage: Das heißt auch Bibliodiversität – Vielfalt statt Einfalt.

Es fällt mir gar nicht leicht, mich aus den bisherigen Rezensionen auf dem Blog auf zehn Bücher aus Indie-Verlagen zu beschränken, die ich besonders empfehlen könnte. Denn allein schon die Bücher der drei Schriftstellerinnen, die ich über den Verlag Klöpfer & Meyer entdeckt habe – Jutta Reichelt, Ulrike Schäfer und Felicitas Andresen – sind eine Empfehlung wert. Ebenso begeisterte mich „Die Ferne“ von Florian L. Arnold, erschienen im Mirabilis Verlag. Und, und, und…: Kurz gesagt, wunderbare Entdeckungen haben mir die unabhängigen Verlage schon beschert.

Zwei Aspekte möchte ich herausheben:
1. Zum einen zeigen viele dieser Verleger eine Leidenschaft für DAS SCHÖNE BUCH, handwerklich mit viel Liebe gemacht, oft mit wunderbaren Covern, Illustrationen und zudem sorgfältig lektoriert. Zwei Beispiele liegen derzeit gerade zur Besprechung bereit: „Kleine Satelliten“ von Lydia Daher und Warren Craghead III aus dem Augsburger MaroVerlag – ein Buch zum Abheben. Und der wunderbar verrückte – auch typographisch außergewöhnliche – Roman „Ruhe auf der Flucht“ von Joachim Geil, erschienen beim Steidl Verlag.
2. Indie-Verlage bereichern den Literaturbetrieb auch, weil sie Autorinnen und Autoren und deren Werke dem Vergessen entreißen: Sie heben Schätze der Vergangenheit, erinnern an ungewöhnliche Schriftsteller und ihre Bücher.

Ich habe daher für meine Auswahl zehn Indie-Bücher zusammengestellt, die für diese beiden Aspekte stehen.

„Jahrgang 1902“ von Ernst Glaeser: Als das Buch 1928 erschien, wurde der Roman über eine zwischen den Weltkriegen „verlorene Generation“ ein Bestseller wie „Im Westen nichts Neues“. Später gerieten Autor und Werk in Vergessenheit – obwohl das Buch auch ein wichtiges Zeitdokument ist (Wallstein Verlag).

„Murmeljagd“ von Ulrich Becher: Dieser 1969 erschienene Roman musste lange auf die gebührende Aufmerksamkeit warten – was mir völlig unverständlich ist: Das Buch ist einfach hervorragend, genial, rasant, wahnwitzig wie eine Murmeljagd (Schöffling Verlag).

„Der Mensch, der schießt“ (Sling): Paul Felix Schlesinger war einer der bekanntesten Journalisten der Weimarer Republik. In diesem Band sind seine Gerichtsreportagen vereint – sie zeigen die ganze Brillanz dieses scharfzüngigen Autoren, dem Gerechtigkeit vor Recht ging (Lilienfeld Verlag).

„Bankrott“ von Pierre Bost: Bankrott macht der Protagonist dieses Romans aus dem Jahre 1928 in mehrfacher Hinsicht – finanziell wie seelisch. Ein eindrückliches Psychogramm, von Rainer Moritz ins Deutsche übersetzt (Dörlemann Verlag).

Märchen von Hanns Heinz Ewers: Ewers war ebenfalls einer dieser wilden, bunten Hunde, die in der Weimarer Republik ihre große Zeit hatten. Seine Märchen: Herrlich skurril, versponnene Angelegenheiten, alles andere als pädagogisch ganz korrekt – und daher lesenswert (Ripperger & Kremers Verlag).

„Kondor und Kühe“ von Christopher Isherwood: Dieses Reisetagebuch durch Lateinamerika hat bis heute seine Aktualität, lebt von der Beobachtungsgabe und dem genauen Auge des Schriftstellers. Umso erstaunlicher, dass es erst 2013 in das Deutsche übersetzt wurde (Liebeskind Verlag).

„Weltgift“ von Peter Rossegger: Auch wenn der Roman, 1903 erstmals erschienen, durchaus ein wenig altmodisch wirkt und manche Absichten des Autors nicht eindeutig einzuordnen sind: Die feine Ironie, der Einblick in das Landleben, die Personenzeichnungen machen Lesefreude (Septime Verlag).

„Du silberne Dame du“ (Lina Loos): Mit zwei Büchern wird an die „femme fatale“ der Wiener Kaffeehausliteratur erinnert – zwei echte Schmankerl. Man fühlt sich ein wenig in das vergangene Jahrhundert zurückversetzt – und ein wenig neidisch, so umschwärmt war Lina Loos (edition Atelier Verlag).

„Die Stimme“ von Walter Bauer: Eine ganz eindrückliche Stimme der deutschen Literatur, ein kleines, feines, melancholisches Werk. Erschienen in der Reihe „Lilienfeldiana“, die auch optisch Sammlerreize auslöst (Lilienfeld Verlag).

„Die unsichtbare Sammlung/Buchmendel“ von Stefan Zweig: Ich schrieb es bereits – für mich das schönste Buch des Jahres. Die beiden Zweig-Novellen wurden von zwei Künstlern wunderbar illustriert, das ganze Buch ein kleines verlegerisches Kunstwerk (Topalian & Milani Verlag).

Links zu den im Text erwähnten Verlagen:
AvivA Verlag: http://www.aviva-verlag.de/
Dörlemann Verlag: http://www.doerlemann.com/
Edition Atelier Verlag: http://www.editionatelier.at/
Klöpfer & Meyer Verlag: http://www.kloepfer-meyer.de/
Liebeskind Verlag: http://www.liebeskind.de/
Lilienfeld Verlag: http://www.lilienfeld-verlag.de/
Mirabilis Verlag: http://www.mirabilis-verlag.de/
Ripperger & Kremers Verlag: https://verlag-ripperger-kremers.de/
Schöffling Verlag: http://www.schoeffling.de/
Septime Verlag: http://www.septime-verlag.at/
Steidl Verlag: https://steidl.de/
Topalian & Milani Verlag: http://www.topalian-milani.de/
Wallstein Verlag: http://www.wallstein-verlag.de/

Wer für eine vielfältige Verlagslandschaft eintritt, wer Vielfalt statt Einfalt schätzt, kann das weitertragen – beispielsweise, indem mit dem Hashtag #wereadindie auf die wunderbaren Bücher dieser Verlage aufmerksam gemacht wird. Denn Unabhängigkeit – im Verlegen, im Lesen, im Denken mit Büchern – ist auch für uns Leser ein hohes Gut.

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

14 thoughts on “#wereadindie – Zehn Bücher für mehr Vielfalt

  1. Wie schön, dass „Jahrgang 1902“ wieder aufgelegt wurde, und dann noch in so einer schönen Ausgabe. Ich habe das Buch vor langen Jahren gelesen und fand es sehr beeindruckend. Hier liegt noch die olle Taschenbuchausgabe. Das Wallstein eine neue gebundene Ausgabe gebracht hat, habe ich ganz übersehen. Danke für den Hinweis!
    Besonders schön finde ich auch die Bücher aus dem Dörlemann Verlag, du hast den Bost vorgestellt, da kann ich auch ganz nachdrücklich „Ein Sonntag auf dem Land“ empfehlen, auch wunderschön in grünem Leinen. Das wird mittlerweile gebraucht für um 1€ verramscht (Piper Taschenbuch dagegen € 8,99, es ist zum weinen).LG

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    1. Danke für Deine Empfehlung – ja „Ein Sonntag auf dem Land“ wollte ich eigentlich gleich im Anschluss lesen, habe es dann aber doch nicht geschafft. Das wird nachgeholt. Ja, die Halbwertszeiten für Bücher werden immer kürzer, immer schneller landen sie auf den Ausverkaufstischen, das ist wirklich sehr schade – zumal gerade die von dir genannten aus dem Dörlemann Verlag auch sehr schön gemacht sind.

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