Lina Loos – Die silberne Dame der Kaffeehausliteraten

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potsdam-37„Ich bin Österreicherin durch und durch; im Zentrum der Stadt Wien geboren und in der Stephanskirche getauft. Das Leben hat mich später etwas an die Peripherie der Stadt abgedrängt, aber sonst geht es mir ganz gut. Ich hatte die Ehre, viele berühmte Wiener während meines schon etwas länger dauernden Lebens kennenzulernen, ja, es gab sogar eine Zeit, in der ich selbst etwas von solcher Berühmtheit besaß. Mein Bruder war Präsident des Bühnenvereines, meine Schwägerin Burgschauspielerin, und meine Eltern waren Besitzer eines der größten und bestgehenden Kaffeehäuser.

Ich war „mitberühmt“, einer der angenehmsten Zustände, die es gibt, aber damals war ich noch dumm – kurz, es stach mich der Hafer, und ich schrieb ein Theaterstück. Es wurde trotz meinen guten Beziehungen für Wien angenommen und wider jede bessere Erfahrung sogar gespielt.

Mein Sturz war jäh!

Die Bevölkerung brachte mir von nun an ein gewisses bürgerliches Misstrauen entgegen:
„Möcht` wissen, wozu dö dös nötig hat.“ Aber das Leben heilt alle Wunden, und nichts wird so rasch vergessen als ein Theaterstück, das nicht einmal aufsehenerregend durchgefallen ist.“
 

Lina Loos, „Das Buch ohne Titel“, Edition Atelier, Wien, 2013. 

Im Oktober 1882 erblickte sie das Licht der Welt, zunächst ausgestattet mit dem ganz und gar unglamourösen Namen „Karoline Obertimpfler“. Und doch avancierte sie in der Blütezeit der Wiener Kaffeehausliteratur zur „silbernen Dame“ – eine Bezeichnung, die der abgründig in sie verliebte Peter Altenberg ihr auf den Leib schrieb.

Beim Fräulein Obertimpfler, die sich später „Lina Loos“ nannte, kamen vorzügliche Eigenschaften zusammen: Ein wacher Geist, eine hohe Intelligenz, eine durchaus auch spitze Zunge, Humor und Herzenswärme und dies alles vereint in einer Frau von außerordentlicher Schönheit.

Die Schauspielschülerin lernt, kaum in die Welt der Wiener Boheme eingeführt, am Peter-Altenberg-Stammtisch im „Löwenbräu“ den Architekten Adolf Loos kennen: Er sieht sie und macht ihr praktisch stante pede einen Heiratsantrag. Die 1902 geschlossene Ehe scheitert jedoch unter tragischen Umständen: Lina lässt sich auf ein Liebesverhältnis mit einem jüngeren Mann ein. Loos, weitaus weniger liberal, als er sich gibt, besteht auf einer Beendigung der Affäre – der junge Mann nimmt sich das Leben, der Skandal ist perfekt, 1905 wird die Ehe geschieden.

20161019_144329An Verehrern leidet Lina Loos auch in der Folge keinen Mangel: Peter Altenberg und Egon Friedell konkurrieren um sie, Männer wie Frauen sind fasziniert von ihrer Ausstrahlung. Zu ihrem weitgefächerten Bekanntenkreis zählt das „Who is who“ der österreichischen Literatur- und Kunstszene jener Epoche. In einem ebenfalls bei Edition Atelier ganz aktuell erschienenen Band mit Briefen („Du silberne Dame Du“, Edition Atelier, 2016) finden sich Briefe von und an Lina Loos mit ihrem geschiedenen Mann, mit Peter Altenberg, Egon Friedell, ihrem engen geistigen Freund Franz Theodor Csokor, mit Alfred Polgar, Joseph Roth, Karl Kraus, Vicki Baum, Else Lasker-Schüler und vielen anderen. 

Wer war diese Frau? Eine attraktive „femme fatale“, schmückendes Beiwerk für schreibende Männer? Oder doch eine eigenständige Persönlichkeit, die sich sowohl als Schauspielerin, Kabarettsängerin und als Schriftstellerin verwirklichte?

Die beiden, von Adolf Opel herausgegebenen Bücher, geben Antwort: Lina Loos, so wird anhand der beiden Bücher deutlich, war eine mutige und außergewöhnliche Person, die sich, geprägt durch die Erfahrung zweier Weltkriege und die nationalsozialistische Diktatur, auch zunehmend dezidiert politisch engagierte und außerordentlich viel Zivilcourage besaß.

Ihre ganze Biographie kann bei fembio nachgelesen werden. 

Das einzige Buch von ihr, das zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde, ist „Das Buch ohne Titel“: Ab 1927 hatte sie im Feuilleton des „Neuen Wiener Wochenblattes“ kleine Geschichten, Skizzen, oft fast schon Aphoristisches aus ihrem Leben und ihrer Lebenswelt veröffentlicht – sie schreibt über ihre Familie, ihre berühmten Bekanntschaften, über das Theaterleben, ebenso aber auch über die „einfachen Leute“ in ihren Sieveringer Geschichten. Das sind meist liebevolle und unbeschwerte Petitessen, die bei ihrer Erstveröffentlichung 1947 den Zeitgeist wohl gut treffen – man sehnt sich nach den Jahren des „Anschlusses“ zurück nach der „Welt von gestern“. 

Weit eindrucksvoller kommt ihre gescheite Persönlichkeit in den Briefwechseln insbesondere mit Friedell und Csokor zum Ausdruck, auch wenn ihre eigenen Briefe nicht vollständig erhalten sind, man vieles aus den Antworten der schreibenden Herren „erlesen“ muss. Doch man erahnt, welch wachen Geist diese Frau hatte, die alles in Frage stellt, allem nachgeht, wissen und lernen will. 

So schreibt sie am 5. August 1933 an Egon Friedell – privat und dringend!:

 „Lieber Egon, 

Glaubst Du, daß, wenn es gelänge, einen Gottesbeweis zu erbringen, die Menschen das Leben verantwortungsvoller leben würden?
ich denke an die Ungläubigen, die durch einen Verstandesbeweis überzeugt werden müßten.
Ist so ein Beweis denkbar? Was denkbar ist, wäre doch durchführbar! Hat Kant nur einen „gefühlsmäßigen“ Beweis erbracht?

Eben fällt mir ein: Leben die Gläubigen gar so verantwortungsvoll?

Das Dringend! entfällt somit!

Antworte mir, als hätte Dir ein Fremder geschrieben – dann hältst Du es für geboten, ausführlich und ernst zu antworten! 

Lina 

Nach 1945 schreibt die schwerkranke Lina Loos, die den Verlust zahlreicher Freunde durch den Krieg, Suizid und Exil zu beklagen hat, weiter Beiträge für Zeitschriften, sie engagiert sich im Österreichischen Friedensrat und beim Bund demokratischer Frauen. Sie stirbt, körperlich sehr entkräftet, 1950. 

Die beiden beim Verlag „Edition Atelier“ herausgegebenen Bände über Lina Loos sind als Zeitzeugnisse beachtenswert, vor allem aber als Mosaiksteine zum Portrait einer leidenschaftlichen und klugen Frau. Die Bücher bezaubern auch durch ihre liebevolle Ausstattung. So sind zahlreiche Fotografien beigefügt, ein Lebenslauf mit den wichtigsten Daten und die Briefpartner von Lina Loos werden mit kurzen Portraits vorgestellt.

Das Verlagsprogramm von Edition Atelier findet sich auf dem Blog „Textlicht“ sowie auf der Verlagshomepage: http://www.editionatelier.at/

14 comments on “Lina Loos – Die silberne Dame der Kaffeehausliteraten”

      1. In meinem Freundeskreis gab es Anfang der 90er einen „Looshype “ 😀 ….und so bin ich auf Lina Loos gestoßen. Empfand sie immer schon sehr faszinierend und war natürlich ganz ganz erfreut über deinen Beitrag!
        Liebe Abendgrüße aus Wien ❤ – Karin

        Gefällt 1 Person

  1. Liebe Birgit,
    danke für den schönen Beitrag, der natürlich wieder neugierig macht auf die beiden Bücher und das Leben dahinter! Und besonders auch für die selten zu lesende, aber so treffend-packende Formulierung „abgründig verliebt“. Dafür ein separates #hach!
    Viele Grüße Norman

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Birgit,
    der Brief von Lina an Egon Friedell gefällt mir besonders. Er ist provokant und eindringlich und voller Fragen, die auch heute die Welt beschäftigen.
    Besonders in der Philosophie habe ich es mit den unterschiedlichsten Gottesbeweisen zu tun gehabt, mir gefiel der von Descartes.
    Liebe Grüße Susanne
    Nicht, dass es wichtig ist, aber dein Blog erkennt nicht mehr, dass ich im wordpress angemeldet bin und verlangt eine erneute Anmeldung. Ein Like von meiner Seite ist gar nicht mehr möglich. 😦 , den schmeisst er gleich raus. …. vielleicht geht es anderen auch so?

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      1. Ich habe den „Fehler“ gefunden, Birgit, es gibt eine neue Funktion bei Firefox, die nennt sich anti-tracking. Wenn die aktiviert wird, dann verhindert Firefox brav, dass du irgendwo deinen Namen hinterlässt und wiederauffindbar bist 😉 – ich habe die Funktion ausgeschaltet und kann nun wieder öffentlich auftreten. 🙂

        Gefällt 1 Person

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