Wir und Weimar: Eine „Literatour“ zurück

20 Kommentare

p1050764„Wo sind sie, die Romane, die sich nicht nur mit dieser Innerlichkeit des Individuums beschäftigen, als gebe es sonst nichts, worüber ein Nachdenken lohnt? Wo sind die Romane, die, seismografisch fast, aufnehmen, was in unserem Land gerade erodiert?“

Fragen, die Claudia auf dem Buchpreisblog in ihrer Polemik zum Deutschen Buchpreis 2016 stellt – sie stellt diese Frage nicht ganz zu Unrecht. Zwar kann man von einer Liste und Juryauswahl nicht auf die gesamte aktuelle deutschsprachige Literatur schließen – doch auch ich vermisse in der Literaturlandschaft die großen Namen, die politischen Autoren, die gesellschaftliche Fragen aufgreifen (es gibt wenige Ausnahmen, beispielsweise Juli Zeh). Dies war auch Gegenstand eines Sommergesprächs, das die Blogger Wolfgang Schnier, Matthias Engels und ich über den „Stellenwert von Literatur und Intellektuellen heute“ führten. (Jochen Kienbaum motzte auf lustauflesen gestern über die „verschnarchte und betuliche Gegenwartsliteratur“: Ihr langweilt mich (fast) alle! )

Ja, wir leben in finsterer werdenden Zeiten: Besorgte Bürger, offener Rassismus, Antisemitismus, alle üblen -Ismen erstarken wieder. Die Wut wird auf die Straße getragen. Und um Deutschland herum beobachtet man ähnliches, das Anwachsen von Nationalismen, das Erstarken von Despoten. Doch die gegenwärtige Literatur greift diese Entwicklungen (noch) nicht auf.

Wie anders dagegen die Literatur und der Journalismus der Weimarer Republik, zu der gegenwärtig häufig Parallelen gezogen werden. Da gab es die großen Namen: Von Ossietzky, Tucholsky und Kisch beispielsweise, die ihr Schreiben für den Antifaschismus einsetzten. Da gab es Anna Seghers und Irmgard Keun sowie die Herren Kästner, Döblin, Fallada, die in ihren Büchern Zeitgeschichte abbildeten – kritisch, analytisch, humorvoll, mit Witz und Verve. Und es gab die zahlreichen Autorinnen und Autoren, die von den Nazis vertrieben, verfolgt oder ermordet wurden, deren Bücher verbrannt wurden und die heute fast vergessen sind.

Der Verleger und Autor Jörg Mielczarek will das ändern. Er ist ein profunder Kenner der Literatur dieser Zeit, sein Buch „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“ bietet einen perfekten Überblick. Dem soll nun eine Zeitschrift folgen: „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“

Im Interview mit Petra bei Philea`s Blog erzählt er von seiner Begeisterung:

„Die Geschichte der Weimarer Republik hat mich bereits in der Schule fasziniert. Wahrscheinlich, weil in einer sehr kurzen Zeit – 5249 Tagen, hieraus leitet sich auch der Name der Zeitschrift ab – unfassbar viel passierte. Und die Literatur ist hiervon das Spiegelbild, erstmals trat sie in einer ungeheuren Vielfalt hervor, große gesellschaftliche Veränderungen wurden literarisch verarbeitet. Kein Wunder, dass ich die Schreibe der Weimarer Zeit als so attraktiv empfinde.“

Ein ausführliches Gespräch mit ihm über die Literatur der Weimarer Republik ist ebenso bei Constanze Matthes von Zeichen & Zeiten zu finden. Constanze fragte nach vergessenen Autoren:

Gibt es vergessene Autoren, die Du besonders empfehlen kannst und die entdeckt werden sollten?

Mielczarek: Es gibt sehr, sehr viele Autoren, die entdeckt oder wiederentdeckt werden sollten. Nennen möchte ich Lessie Sachs, eine jüdische Schriftstellerin, die 1939 mit ihrem Mann in die Vereinigten Staaten emigrierte. Dort verstarb sie 1942. Zwei Jahre später veröffentlichte ihr Mann den Gedichtband „Tag und Nacht“, den man – dank eines Online-Projektes – problemlos im Internet findet. Ich bin in zahlreichen Zeitungen, vor allem in der „Vossischen Zeitung“, auf ihre Erzählungen gestoßen. Frisch, unbekümmert, von der Leber weg geschrieben, wie von einer Berliner Göre verfasst, so mein Eindruck, und doch mit einer ungeheuren Tiefe. Großartig. Oder die Novellen und Erzählungen von Mala Laaser, die ich in den Verbandsblättern des „Central Vereins für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ fand. Das sind nicht nur spannende, packende, dichterische Werke, sie haben mir auch sehr viel Wissen über die jüdische Religion und Kultur vermittelt.

p1050738Man kann aus der Vergangenheit lernen. Auch die Literatur. Ich, für meine Person, wünsche mir von der gegenwärtigen Autorenriege mehr Engagement, mehr Mut, mehr Witz, weniger Innen- und Nabelschau, weniger Befindlichkeit, dafür den geschärften Blick auf gesellschaftliche und politische Zustände.

Und hoffe zudem, dass das Literaturmagazin „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ ebenfalls engagierte Unterstützer findet. Zur Crowdfunding-Kampagne geht es hier:

https://www.startnext.com/literaturweimar

20 comments on “Wir und Weimar: Eine „Literatour“ zurück”

  1. Mein Blick auf die Literatur ist nicht der von jemandem, der regelmäßig viel liest und mit Euch mitreden kann. Doch um was es hier im Kern geht, habe ich verstanden . Als Selbstschreibende ist das notiert, mit Tucholsky und Juli Zeh als literarischen Vorbildern, beider klären Stil schätze ich sehr. Den Themenkreis ‚Liebe‘ beende ich wohl bald. Dann folgt eine Neuorientierung. Ich darf am 20.10. einen Tag zur Buchmesse nach Frankfurt. War noch nie dort und freue mich wie ein Kind darauf, sechs himmlische Stunden!👌
    Sei herzlich gegrüßt
    von der Karfunkelfee

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    1. Liebe ist immer ein literarisches Thema 🙂 Und es muss auch die ganze Bandbreite (Fülle) des Lebens in der Literatur ihren Niederschlag finden – da kommen mir halt die Romane mit einem gesellschaftspolitischen Anspruch zu kurz oder sind mir dann auch zu lasch („Die Glücklichen“ – das hat mich einfach nur genervt). Ich wünsch Dir viel Spaß in Frankfurt – das wird sicher ein Erlebnis!

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  2. Ich bin sehr gespannt auf das neue Literaturmagazin. Einen so klar begrenzten Fokus finde ich sehr reizvoll. Die beiden im Text vorgestellten Autorinnen waren mir bisher nicht bekannt. Das wird sich ändern.

    Ich empfehle in diesem Zusammenhang gern Hans Sahl. Seine „Memoiren eines Moralisten“ sind zwar erst in den frühen 1980er Jahren entstanden, aber lohnen sich zu lesen, wenn es um die Zeit der Weimarer Republik geht und die Entwicklung hin zum Nationalsozialismus. Ich habe es mit großem Gewinn gelesen. Als Film-, Theater- und Literaturkritiker hatte er einen scharfen, unbestechlichen Blick und untersuchte beispielsweise in den 20er Jahren mit seiner Artikelserie „Klassiker der Leihbibliothek“ „… die Unterhaltungsliteratur jener Jahre, die bereits das Heraufkommen dunkler, unheimlicher Mächte, die auf ihre geschichtliche Stunde warteten, ahnen ließ.“

    Vielleicht hat es ja der eine oder andere schon gelesen?

    Viele Grüße, Annett

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    1. Danke für den Hinweis auf Hans Sahl – Der Luchterhand Verlag hat vor einigen Jahren seine (oder etliche) Werke neu aufgelegt – leider auch einer jener Exilanten, die zunächst keinen Fuß mehr fassen konnten in Nachkriegsdeutschland, von den „jungen Wilden“ (Doppel-Anführungszeichen) der Gruppe 47 als antiquiert angesehen wurden. Nebst den Memoiren ist auch dieses hier eine Leseempfehlung: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Wenigen-und-die-Vielen/Hans-Sahl/Luchterhand-Literaturverlag/e271506.rhd
      Liebe Grüße von Birgit

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  3. Vielen Dank für den Link. 🙂 Ich hatte mir alle Bücher besorgt von ihm. Dieses war auch dabei und war, wenn ich mich recht erinnere, sogar meine Initialzündung. Leider habe ich es verlegt oder verborgt. Ich hoffe, es findet sich wieder ein. Ich würde es gern noch einmal lesen. Kommt bei mir sonst eher selten vor. Ich bin nach wie vor erstaunt, wie wirkmächtig so ein Urteil sein kann. Hans Sahl hat definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir, Annett

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  4. Ein tolles Projekt, habe ich schon bei startnext bestaunt. Und bin sehr neugierig, wie es mit dem Crowdfunding funktioniert, das wäre ja mal für Literatur und eine Literaturzeitschrift ein ganz neuer Weg. – Und ja, ich glaube, es ist genau die Literatur der Weimarer Zeit, die mich immer wieder staunen lässt, weil sie so (gesellschafts-)politisch war, oft so auf den Punkt genau analysiert und so vorausschauend Entwicklungen benannt hat. Und mutog gewesen ist, gerade was den politischen Blick betrifft. Vielleicht kann ja dieses Literaturmagazin auch den Gegenwartsautoren mal wieder ein wenig zeigen, was Literatur AUCH sein kann.
    Viele Grüße, Claudia, die sich über deinen Aufhänger sehr gefreut hat:-)

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