Irmgard Keun und ihre Pippi Langstrumpf anno 1918

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Friedrichsau
Bild: Rose Böttcher

 

„Wenn sie meinen, ein Kind hätte keine Sorgen, dann ist das dumm von ihnen. Immer sagen sie: Ach, so eine sorglose Kindheit, nie kommt sie wieder. Aber ein Kind hat bestimmt viel mehr Sorgen als ein Erwachsener.“

Irmgard Keun, „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“, 1936, Neuauflage 2016 bei Kiepenheuer & Witsch.

Eine Autorin, ein Sprachstil, eine Erzählperspektive – und doch zwei so unterschiedliche Bücher. In ihrem 1938 erschienenen Roman „Kind aller Länder“ wirkt der Stil zum Teil aufgesetzt, das kindliche Geplauder auf den Leser auch ermüdend. Ganz anders dagegen ist dies bei den Erzählungen, die Irmgard Keun zwei Jahre zuvor verfasste. Auch hier lässt die Autorin den Leser die Welt (oder vielmehr die „kleine“ Welt des Mädchens, die auf die Heimatstadt Keuns, Köln, schließen lässt) durch die Augen eines Kindes betrachten. Zu den überwiegend vergnüglichen, eher leichtgewichtigen Geschichten passt die kindliche erzählerische Stimme gut.

Es sind „Lausmädchengeschichten“: Die junge Protagonistin, eine Drittklässlerin, ist eine Renitente, die gegen die falsche Moral Erwachsener aufbegehrt. Man könnte die Erzählungen – die aufeinander aufbauen und somit eine Art Fortsetzungsroman ergeben – in der Tradition der Geschichten Ludwig Thomas verorten. Ein Kind decouffriert die Scheinmoral der Erwachsenen, rebelliert gegen altjüngferliche Tanten, bissige Nachbarinnen, scheinheilige Lehrerinnen. Das wäre insofern gute Unterhaltungsliteratur.

Wäre da nicht das emanzipatorische Element: Es ist ein Mädchen, ein „Wildfang“, das mit seiner „Buben-Gang“ die Nachbarschaft in Atem hält. Und der Zeitpunkt, an dem Keun ihre Erzählungen verortet hat: Die Lausmädchengeschichten spielen im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges.

20160918_145956Keun gibt ihrer kleinen Heldin eine frühkindliche Skepsis mit: Wenn in der Schule Hurra-Patriotismus gepredigt wird, wenn vom „perfiden Albion“ die Rede ist, so stellt die Protagonistin dem die Erfahrungen ihrer Lebenswelt gegenüber – die Lebensmittelknappheit, die in allen Haushalten herrscht, die Hamsterei und das Betteln bei den Bauern, die existentiellen Sorgen, die den Alltag prägen, die Männer mit den „abgeschossenen Armen“, die aus dem Krieg zurückkehren. Und dominiert wird der Ton vor allem durch das kindliche Mitgefühl, das Kategorien wie „Freund und Feind“, die dem Nationalismus entspringen, einfach noch nicht kennt.

Einen zentralen Platz nimmt dabei die Erzählung „Wir schreiben an den Kaiser“ ein:

„Und ich schreibe dem Kaiser, dass ich mit sehr viel klugen erwachsenen Leuten gesprochen habe, und die meinten nun, Frieden wär viel schöner als Krieg, und überhaupt dauerte der Krieg jetzt lang genug und wäre eine Schweinerei, als Kaiser würde er so was sicher gern wissen, und er müsste doch immer in seinem Schloß sein und regieren, aber ich könnte ja herumlaufen und hören, was die Leute reden. Und das Beste wäre, er würde abdanken.“

Wie bei „Kind aller Länder“ ist es also auch in diesen Erzählungen der Kindermund, der frech und vergnüglich Wahrheit kundtut, jene Wahrheit, die Erwachsene offen nicht zu formulieren wagen. Bedenkt man, dass einige dieser Erzählungen vor 1936 zum Teil noch in deutschen Zeitungen veröffentlicht wurden, so könnte man diese „kindliche Weltanschauung“ auch als mutiges, satirisches Mittel von Irmgard Keun werten: Eintreten für Pazifismus war im Nationalsozialismus ein gefährliches Unterfangen. Verpackt in diese Lausmädchengeschichten kann man jedoch die eine oder andere Spitze auch als Seitenhieb der Autorin auf die Ereignisse im „Dritten Reich“ interpretieren.

Verwegen genug dazu war die Keun, die 1935 beim Landgericht Berlin eine Schadenersatzklage wegen des Verdienstausfalles, den sie durch die Beschlagnahmung ihrer ersten Bücher erlitten hatte, einreichte – natürlich ohne Erfolg. 1936 entschloss sie sich dann zum Exil – die Lausmädchengeschichten erschienen als ihr erstes Exil-Buch und fanden zunächst, auch bedingt durch die politischen Umstände, wenig Resonanz.

Im Gesamten sind die Erzählungen politisch jedoch überwiegend harmlos und unverfänglich. Ein idealer Lesestoff ebenfalls für die Leser der Nachkriegszeit: Wie Hiltrud Häntzschel in ihrer rororo-Monographie über Irmgard Keun berichtet, werden die „unverfänglichen Episoden“ zu ihrem auflagenstärksten Buch nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Insbesondere in „schicken neuen Illustrierten, in der „Ford-Revue“ zum Beispiel, werden ihre kleinen Geschichten gern gedruckt und sicherlich nicht schlecht honoriert.“

Eine der dezidiert pazifistischen Stories – „Als ich Bazillenträger war“ – wurde von Irmgard Keun erst nachträglich, bei einer Neuauflage 1959, dem Buch hinzugefügt. Weil der kleine Bruder der Erzählerin Scharlach hat, wird sie für einige junge Soldaten zum Mädchen, mit dem sie unbedingt freundschaftlich verkehren möchten, in der Hoffnung, sich mit Scharlach anzustecken und so der Rückkehr an die Front zu entgehen.

Dass diese Geschichte erst später von Irmgard Keun zu den Erzählungen dazu genommen wurde sowie eine Entstehungsgenese der Geschichten hätte ich anstelle des Auszugs aus Volker Weidermanns „Das Buch der verbrannten Bücher“ bei der Neuauflage 2016 zwar bevorzugt. Da Kiepenheuer & Witsch die Bücher der Autorin verdienstvollerweise wieder auflegt, hoffe ich jedoch, dass dem auch die längst anstehende, umfassende Irmgard Keun-Biographie folgt.

Informationen zur Neuauflage gibt es hier:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/das-maedchen-mit-dem-die-kinder-nicht-verkehren-durften/978-3-462-31639-1/

13 comments on “Irmgard Keun und ihre Pippi Langstrumpf anno 1918”

  1. Den Blog ‚Sätze und Schätze‘ mag ich sehr und er hat bei mir schon machen literarischen Schatz aus dem persönlichen Vergessen zurück an die Oberfläche gebracht. Über den Beitrag über Irmgard Keun freue ich mich ganz besonders. An dieser Frau beeindruckt mich vieles und ich habe bereits einige Bücher von ihr gelesen. ‚Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften‘, noch nicht. Das hole ich nun nach. Herzlichen Dank, liebe Birgit, für den tollen Beitrag! Ich freue mich auf weitere Anregungen von deinem Blog, Nora

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    1. Danke! Für solche Kommentare bloggt man – wenn sich jemand als stille, leise Mitleserin rührt und dann mit so herzlichen Worten… Mich freut es einfach, wenn ich lese, dass jemand durch den Blog ein besonderes Buch, einen Autoren neu- oder wiederentdeckt hat. Und das Interesse an Irmgard Keun teilen wir – ich hab schon befürchtet, da ich ja bereits das vierte Buch von hier vorstelle, das führt zu Überdruß. Aber ihre Art des Schreibens liegt mir sehr, genauso jedoch beschäftigt mich ihr Leben mit seinen dramatischen Wendungen. Also nochmals herzlichen Dank, Nora, für Deinen Kommentar – das ist sehr motivierend! Liebe Grüße, Birgit

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  2. Vielen Dank für die Anregung! Vor vielen Jahren, so ums Abitur herum, habe ich Irmgard Keun für mich entdeckt und dann in kürzester Zeit hochbegeistert „Das kunstseidene Mädchen“, „Gilgi“ und „Nach Mitternacht“ verschlugen. Dann war ich von „D-Zug dritter Klasse“ ziemlich enttäuscht und habe Keun irgendwie aus den Augen verloren. Aber „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ klingt hier im Beitrag ganz danach, als sollte ich schnell wieder anfangen, sie zu lesen. Ich lese Deinen Blog noch nicht lange und habe daher die anderen drei Keun Buchvorstellungen verpasst – werde gleich mal danach suchen.

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    1. Interessant – der D-Zug dritter Klasse ist das einzige Keun-Buch, das ich nich nicht kenne. Wollte ich demnächst mal lesen – bitte nicht verraten, worin die Enttäuschung lag, vielleicht komme ich ja selber drauf.
      Und herzlich willkommen als neue Mitleserin hier, das freut mich sehr!

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      1. Ehrlich gesagt, weiß ich selbst nicht mehr, worin die Enttäuschung bestand – ist wirklich schon lange her. Vielleicht sollte ich es auch noch einmal lesen? Falls Du über den D-Zug schreiben solltest, fände ich das jedenfalls sehr interessant.
        Was anderes: Auf dem Beitragsbild sieht es so aus, als ob da auch eine Keun-Biografie liegen würde (das vierte Buch von unten). Die Rororo-Monographie habe ich damals in meiner Keunbegeisterung gelesen, aber ich hätte Interesse an etwas mehr Narrativem. Hast Du vielleicht eine Empfehlung?

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      2. Das Buch, was Du da erspickelt hast, ist bei Herder erschienen: „Nach Mitternacht ein Leben“ von Katja Kulin. Narrativer ist es, aber ich kann es nicht recht empfehlen – ich hab reingelesen, mochte den Stil nicht recht, zudem mag ich es nicht so richtig, wenn dann auch Dialoge in eine Biografie eingeflochten werden – da ist mir die Vermischung von Fiktion und Doku doch zu heikel. Soviel gibt es über die Keun, glaube ich nicht, ich habe eher Biographisches im Netz gefunden, da ist aber wiederum die Quellenlage natürlich oft unsicher. Du erinnerst mich aber dran, dass ich mir das hier mal antiquarisch besorgen wollte: http://www.zeit.de/1992/16/keine-von-uns

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      3. Danke für den Link, klingt ja ganz vielversprechend. Und gut, dass Du von dem anderen eher abrätst – Dialoge in Biografien gehen mir auch zu weit, wie auch Fernsehdokus, in denen historische Szenen nachgespielt werden, mich aufregen. Entweder es ist von vornherein klar, dass es Fiktion ist (z.B. Krieg und Frieden), oder man bleibt im Rahmen der historiografischen Gestaltungsmöglichkeiten. Wobei aber historische Romane nicht frei von Fakten sind und Geschichtsschreibung nicht frei von Fiktion ist. Liegt halt nah beieinander.

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