KURZ&KNAPP: Edward M. Forster und Kazuo Ishiguro im britischen Landshaus

Was im deutschen Roman das pommersche Großgut war, ist bei den Briten das Landhaus: Metapher für den Niedergang einer Klasse. Drei Beispiele.

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Augsburg (206)
Bild: Birgit Böllinger

Was im deutschen Roman das pommersche Großgut war, ist bei den Briten das Landhaus: Statussymbol des Adels, Metapher für eine niedergegangene Klasse. Drei Beispiele.


„Beim Kalksteinbruch überholte ihn ein Auto. Darin saß wieder ein anderer Menschentyp, dem die Natur wohl will: der Imperialist. Bei seiner Gesundheit und unermüdlichen Tatkraft hofft er, das Erdreich zu ererben. Er zeugt ebenso viele und gesunde Nachkommen wie der Freisasse, und groß ist die Versuchung, ihn als König der Freisassen zu feiern, der die Tugenden seines Landes über die Meere trägt. Doch der Imperialist ist nicht, was er zu sein glaubt und zu sein scheint. Er ist ein Zerstörer. Er bereitet dem Kosmopolitismus den Weg, und wenn sein ehrgeiziger Wunsch vielleicht auch wirklich in Erfüllung geht, so wird es doch nur eine grau gewordene Erde sein, die ihm als Erbteil zufällt.“

Edward M. Forster (1879-1970), „Wiedersehen in Howards End“.

Edward M. Forster, der große britische Romancier, veröffentlichte diesen Abgesang auf das viktorianische England bereits 1910. Ein Abgesang auf die Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb der alten parlamentarischen Demokratie, Götterdämmerung im Vorfeld des 1. Weltkrieges, der Schwanengesang für den britischen Adel. Auch in Großbritannien löste der Geld- den Erbadel ab, Kapitalismus statt noblesse oblige. Forster übrigens, ein überzeugter Demokrat, lehnte 1949  den Ritterschlag und den Adelstitel ab.

In „Howards End“ geht die alte, viktorianische Epoche unter, sie verschwindet in der Moderne. Statt Adel dirigiert Geld die Welt, der neue Snob, der auf Klasse und Unterschied pocht, ist der Imperialist, verkörpert durch die Wilcox-Männer, die im Auto über Landstraßen rauschen.
Im Mittelpunkt des Romans stehen jedoch die beiden Schlegel-Schwestern und ihr jüngerer Bruder. Sie führen, elternlos, ein der Kunst und Kultur zugewandtes Leben. Ihre Abkunft von einem deutschen Vater sowie eine – relative – Mittellosigkeit machen sie für die „besseren“ Kreise suspekt. Demgegenüber die Familie Wilcox, Verkörperung viktorianischer Korrekt- und Steifheit, Geschäftsleute auf dem Weg nach oben. „Howards End“, das Landhaus der Wilcox`, wird zum Kulminationspunkt: An ihm entzünden sich die Geister, hier kommen schlussendlich die beiden Welten zueinander. „Inseln der Seligkeit und der ersehnten Gelassenheit zwischen allen Verwerfungen dieser mehrsträngigen Liebesgeschichte bleiben das Haus und der Garten von Howards End. Dieses Domizil symbolisiert ein Merry Old England, in dem Narren, Welteroberer, Snobs und Wahrheitssucher in diskussionsfreudiger Gemeinschaft ihre Roastbeefscheibe anschneiden“, schreibt Hans Pleschinski.

Ein stilistisch eleganter Roman, der sowohl durch seine Orts- und Landschaftsbeschreibungen glänzt als auch durch die geschliffenen Dialoge – und der optimale Einstieg für jene, die auch die weiteren Romane des Schriftstellers und Reisenden genießen wollen. Ihre Zahl ist überschaubar – Forster schrieb trotz seines langen Lebens „nur“ sieben Romane, daneben jedoch auch zahlreiche Essays, eine Literaturtheorie, Biographisches und einige Erzählungen.


Das Haus spielt in diesem Roman die eigentliche Hauptrolle:
Wiedersehen mit Brideshead von Evelyn Waugh

Die Erbauer ahnten nicht, wie sehr man ihr Werk einmal missbrauchen würde. Sie bauten ein neues Haus aus den Steinen einer alten Burg, und Jahr für Jahr, Generation um Generation bereicherten sie und vergrößerten es. Jahr für Jahr reifte das Holz im Park heran, bis bei einem unerwarteten Frost Hoopers Zeitalter anbrach. Das Haus verkam und das ganze Werk wurde zunichtegemacht; Quomodo sedet sola civitas. Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“

Hier geht es zur ausführlichen Besprechung: Wiedersehen mit Brideshead


„Meiner Ansicht nach erkannte unsere Generation etwas, das der Aufmerksamkeit aller früherer Generationen entgangen war: daß nämlich die großen Entscheidungen dieser Welt nicht einfach in den Parlamenten getroffen werden oder während der vier, fünf Tage einer internationalen Koferenz im vollen Scheinwerferlicht von Öffentlichkeit und Presse. Die Debatten werden vielmehr geführt und die wichtigen Entschlüsse gefasst in der privaten Sphäre der großen Häuser dieses Landes.“

Kazuo Ishiguro, „Was vom Tage übrigblieb“.

Was der Ich-Erzähler, der Butler Stevens, dabei jedoch unterschlägt: Es können auch die falschen Entscheidungen getroffen werden, die falsche Wahl – so wie die seines ursprünglichen Hausherrn, der sich zum Fürsprecher der Nationalsozialisten macht.

Der Landsitz als Schauplatz für den Zeitenwandel – nicht minder eine Metapher für Untergang und Wechsel ist auch Darlington Hall in „Was vom Tage übrigblieb“. Wie in Stein gemeißelt ist in diesem Roman jedoch nicht nur das weiträumige Gebäude – sondern dies sind auch die Gesichtszüge des Butlers Stevens, der sozusagen zum Inventar gehört. Erzählt wird der Roman aus der Retrospektive, der Erzähler reflektiert kurz nach dem 2. Weltkrieg das Geschehen, das zwischen den Kriegen angesiedelt ist. Ein auch zeitlich perfekter Abschluss für dieses Trio also. Der Niedergang der Adelsklasse scheint vollendet – der Landsitz durch einen Amerikaner erworben (ein britisches Trauma, dieses Verhältnis zum „großen Bruder“), der Ruf des Vorbesitzers durch dessen deutschfreundliche Politik und Nähe zu Nazigrößen beschädigt. Stevens hat seine Rolle als Diener und Schatten auf Darlington Hill so sehr internalisiert, dass kein Raum für persönliche Gefühle bleibt. Selbst dann nicht, als die Haushälterin Miss Kenton zu seiner Vertrauten wird. Jahre später möchte er sie zurückholen – doch die einmal vergebene Chance auf ein privates Glück ist vertan. „Was mich interessiert, ist der Drang in den Menschen, ein gutes, das heißt erfülltes Leben zu führen, und wie sie versuchen, sich eine Art von Würde zu bewahren, wenn sie merken, dass das Leben nicht im entferntesten so erfolgreich war, wie sie angenommen hatten“, sagte der Autor später. Dies macht die große Melancholie dieses Romans aus: Stevens erfüllt die Konventionen seines Berufs perfekt – und versäumt damit die eigentliche Erfüllung eines Lebens, die nicht in der kalten Professionalität der Berufsausübung liegt. Mag das Tischsilber glänzen – das Gold des Lebens ist stumpf geworden, den „Schlüssel zu menschlicher Wärme“ sucht er zu spät.

Erstaunlich an diesem Roman ist, dass sein Autor weder ein gebürtiger Brite ist noch das Buch selbst aus der geschilderten Zeit heraus entstand: Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren, kam jedoch schon als sechsjähriges Kind nach London. „Was vom Tage übrigblieb“ wurde 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichnet und zum Welterfolg.

„Was vom Tage übrigblieb“ als auch „Howards End“ wurden beide von James Ivory verfilmt – und sind, wenn man diese Form der Literaturadaption mag, sehenswert. Aber sie können die Fülle der beiden Bücher nicht gänzlich erfassen – ein literarischer Landsitz-Ausflug empfiehlt sich also allemal.

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