Ein Debüt mit Schmackes: Dieser Roman macht Appetit auf mehr

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Scharfes Debüt von J. Ryan Stradal. Bild: (c) Michael Flötotto

Bei diesem Buch habe ich mir keine Notizen gemacht, keine Zitate angemerkt, keine Lesezeichen eingelegt. Wäre auch gar nicht gegangen. Denn: Ich wollte einfach nur lesen. Und in den Lesepausen hatte ich Appetit auf leckeres Essen.

 

„Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“ ist allerbeste Unterhaltung. Ein erstklassiges Flutschbuch – locker geschrieben, leicht und lässig, aber eben nicht ohne Anspruch, mit einer spannenden Konstruktion, die den Leser an der Leine hält. Ein Pageturner erster Sahne, um nun ganz tief in die kulinarische Rhetorik einzusteigen. Der Red Hot Chilli Pepper unter den Debütromanen, die mir in den vergangenen Monaten in die Leserküche geraten sind.

J. Ryan Stradal hat all das drauf, was man sich von nordamerikanischen Autoren erwartet und erhofft: Ein Talent dafür, von außergewöhnlichen Menschen außergewöhnliche Geschichten zu erzählen und dabei doch allgemeingültige, existentielle Fragen anzusprechen, die auch uns gewöhnliche Leser in unseren alltäglichen Leben beschäftigen – was ist Familie, was ist Freundschaft, was ist Liebe? Und wann gibt es das nächste gute Essen?

20160909_173313Dieses Basisrezept amerikanisch-literarischer Hausmannskost wird verfeinert wie folgt: 3 gut gehäufte Esslöffel sprachliches Talent, 100 Gramm Kreativität und Phantasie, 1 Prise Ironie, 1 Messerspitze Gesellschaftskritik und irgendeine Geheimzutat, die dazu führt, dass das alles bedeutend weniger kopf- und bodenlastig, bedeutungsschwanger und kalorienhaltig daherkommt als manches, was in deutschen Literatenküchen so angerichtet wird.

Ja, dies ist auch ein – mein – Bekenntnis zum Flutschbuch. Literatur darf, soll und kann anstrengend sein, muss auch herausfordern, soll erarbeitet werden. Aber manchmal möchte ich auch schlicht und einfach gut unterhalten werden – und das ist diesem Roman gelungen wie wenig anderen Büchern zuvor in den vergangenen Jahren. Ich habe mich an das Lesegefühl erinnert, als ich den ersten John Irving in die Hände bekam – ein ähnliches Gespür für Geschichten, nur ohne Bären und Ringer, zeigt dieser junge Autor auf. Und ähnlich wie Irving beherrscht er die Kunst der menschenfreundlichen Ironie – auch wenn er beispielsweise die Anhängerschaft der glutenfrei-regional-angebauten-genfrei-gezüchteten-biobauer-vegan-und-überhaupt-nur-das-Gesündeste-für-mich-und-mein-Kind-Fraktion aufs Korn nimmt, so geschieht dies mit viel Wärme für seine Figuren.

Tja, und um was geht es nun überhaupt bei diesen Küchengeheimnissen? Bri von „Feiner reiner Buchstoff“, von der ich diesen schönen Buchtipp habe, hat den Roman „ordentlich“ vorgestellt – nachlesen kann man alles Inhaltliche dort, die Rezension kann ich 1:1 so unterstreichen (zur Besprechung hier). Wie Bri ebenfalls herausstreicht, ist die clevere Konstruktion des Romans hervorzuheben – erzählt wird die Lebensgeschichte der begnadeten Köchin Eva, von ihrer Geburt an bis zu ihren etwa 30er-Jahren. Doch nicht stringent an einem Lebenslauf entlang, sondern aus den Augen anderer erzählt, in einzelnen Episoden, die im Schlusskapitel bei einem großen Dinner nochmals verknüpft werden. Ähnlich aufgebaut ist auch der Roman „Quasikristalle“ von Eva Menasse – auch hier bildet sich der Charakter der Hauptfigur durch die Betrachtung aus mehreren Perspektiven heraus.

Zugegeben, ich mache es mir etwas einfach mit meiner Schwärmerei für dieses Buch und verweise auf die Rezensionsarbeit anderer – aber: Ich möchte noch einmal das Schlusskapitel lesen und ganz dringend einige der Rezepte, die im Buch wiedergegeben sind, ausprobieren.

Gruß aus der Küche. Und allen, die sich vom #stradalfieber anstecken lassen: Guten Appetit!

Der 2015 bei Viking, New York erschienene Roman wurde in deutscher Übersetzung 2016 durch den Diogenes Verlag herausgegeben. Mehr Informationen zu Autor und Buch (samt Leseprobe) gibt es beim Verlag:
http://www.diogenes.ch/leser/autoren/s/j-ryan-stradal.html

Stradal betreibt auch eine eigene Homepage: http://www.jryanstradal.com/#coming

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Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

23 thoughts on “Ein Debüt mit Schmackes: Dieser Roman macht Appetit auf mehr

  1. Passend zum Flutschbuch hätte ich jetzt gerne einen Flutschfinger als pageturner 🙂 So wären dein Bericht, das Buch und das Essen schon miteinander verbunden. Klingt nach einem guten Tipp! Lustigerweise liegt gerade Quasikristalle neben mir, zu dem ich auch von dir angeregt wurde.

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    1. Ja, das ist mal ein Vorschlag 🙂 Und einen Flutschkoch wahlweise -Köchin! Oder Bücher, die man olfaktorisch aufsaugen kann…
      Das Buch fand ich einfach allerbeste Unterhaltung, die aber eben deswegen nicht anspruchslos ist – so was braucht frau zwischendurch.
      Witzig, das mit den Quasikristallen 🙂 Wobei ich mich immer freue, wenn jemand schreibt, er habe das als Tipp bei mir gelesen und gleichzeitig eine Heidenangst kriege – was, wenn es Dir gar nicht gefällt?

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      1. Du brauchst keine Angst haben 😉 Selbst, wenn es mir nicht gefallen sollte: Geschmäcker sind verschieden! Ich gebe Bescheid, wenn ich fertig bin. Habe gerade viel Zeit zu lesen, da ich krank bin. Grüße!

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      2. Ach, Du Arme – mich hat eine Sommergrippe erwischt, bin auch seit einer Woche zuhause – aber ja, man kann es als Vorteil sehen, dann hat man Zeit zu lesen`*snief* Ich hoffe, bei Dir ist es nichts Schlimmeres und wünsche gute Besserung! Und schön, dass Du das mit den Buchgeschmäckern so entspannt siehst 🙂

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      3. Oh je, dann dir auch eine gute Besserung! Grippe bei dem Wetter ist doch auch total doof! Ich war die letzten Tage im Krankenhaus, weil ich eine OP hatte und bin jetzt aber wieder draußen. Schmerzen habe ich noch, aber das wird wieder, auch wenn es sich gerade danach anfühlt, dass es noch etwas dauern könnte. Also ja- ich versuche irgendwas Positives darin zu sehen – so die Zeit zu lesen 🙂 Ich grüße quasi vom Krankenzimmer zum Krankenzimmer!

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    1. Das Lachen freut mich 🙂 Ich hab das Genre quasi mal erfunden, leider sind einige der älteren Beiträge dazu inzwischen nicht mehr online …
      Flutschbücher gibt es sehr gute (die unterhaltend und gescheit sind), kann aber auch eine negative Konnotation haben: Bücher, die man gefesselt/gebannt liest und dann sofort wieder vergisst – weil sie so durchflutschen. Ein paar Beispiele sind noch erhalten geblieben nach meiner sinnlosen Bog-Aufräumaktion: https://saetzeundschaetze.com/2014/05/16/jeffrey-eugenides-flutschige-liebeshandlung/
      Und eines war: Johannes Mario Simmel – es muss nicht immer Kaviar sein. Fällt mir jetzt ein, weil a) flutschig, b) ein wenig unterschätzt und c)mit Rezepten drin wie die Küche des mittleren Westens. Mir hat dieses Buch von Stradal jedenfalls unheimliches Vergnügen gemacht.

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